Review

Reviews 8.0

SPEC OPS - THE LINE

Ausgabe: RH 303

(2K Games) (PC; USK 18)

Mit „Spec Ops - The Line“ haben sich die deutschen Entwickler Yager an ein mutiges Projekt gewagt, das vielleicht lange schon überfällig war. Geht es in den meisten modernen Spielen mit einer Kriegshandlung vorrangig darum, unreflektiert und mit möglichst viel Haudrauf-Patriotismus garniert kleine Armeen aus ihrem digitalen Leben zu ballern, trauen sich die Berliner mehr: Der Spieler wird im Verlauf der Handlung mehr und mehr mit der Absurdität der Geschehnisse und den menschlichen Abgründen seines digitalen Alter Egos konfrontiert und mitunter sogar gezwungen, moralische Entscheidungen zu treffen, deren Konsequenzen er später am eigenen Leib erfährt.

Yager haben sich für die Story von „Spec Ops - The Line“ an Joseph Conrads berühmtem Roman „Herz der Finsternis“ orientiert und dessen Grundzüge in ein modernes, glaubwürdiges Szenario übertragen. Die arabische Metropole Dubai wurde von einem monatelang wütenden Sandsturm verschluckt. US-Soldaten des 33. Bataillons, die eigentlich die Überlebenden evakuieren sollten, gelten selbst als verschollen. Als die Amerikaner ein Funksignal von Colonel Konrad, dem Kommandanten der „Verdammten 33.“, auffangen, schicken sie ein dreiköpfiges Delta-Force-Aufklärungsteam in den Sturm, um den Verbleib der totgeglaubten Truppen zu klären. In Dubai angekommen, stellen die Elitesoldaten fest, dass die verschollenen US-Truppen um Colonel Konrad mit eiserner Hand über die Einwohner der Stadt herrschen.

Im Kern ist „Spec Ops - The Line“ trotz aller philosophisch-moralischen Elemente natürlich nur ein weiterer deckungsbasierter Shooter. Dennoch ist das Spiel immer dann am besten, wenn man nicht damit beschäftigt ist, virtuelle Soldaten umzunieten. In diesen Momenten warten Yager ein ums andere Mal mit bitteren Szenen auf, in denen die grausame Sinnlosigkeit der Geschehnisse deutlich wird. Anders als in vielen anderen Kriegsspielen fühlt man sich am Ende der Erzählung ganz und gar nicht als Held, sondern fast schon dreckig. „Spec Ops - The Line“ ist mit Sicherheit noch nicht das perfekte Anti-Kriegsspiel, aber ein erster und wichtiger Schritt in genau diese Richtung.

DIE EINFLÜSSE

HERZ DER FINSTERNIS

Der britische Schriftsteller Joseph Conrad erzählt in seinem wohl bekanntesten Werk aus dem Jahr 1899 die Reise des Flussdampferkapitäns Charles Marlow zum Handelsposten des Elfenbeinhändlers Mr. Kurtz. Während seiner Reise durch die Tiefen des Kongo erlebt Marlow die brutale Ausbeutung und Misshandlung der schwarzen Bevölkerung durch die belgischen Kolonialtruppen. „Herz der Finsternis“ wird aus der Sicht des Kapitäns erzählt, der versucht, sich von den Vorkommnissen moralisch zu distanzieren - und entwickelt sich immer mehr zu einer Reise in die Abgründe der menschlichen Psyche.

APOCALYPSE NOW

Francis Ford Coppola verfolgte für seine filmische Umsetzung von „Herz der Finsternis“ eine eigene Vision und verlagerte die ursprünglich in der Kolonialzeit angesiedelte Handlung in die grausamen Wirren des Vietnamkrieges. In „Apocalypse Now“ erzählt er die Geschichte des amerikanischen Soldaten Captain Benjamin L. Willard, der von seinen Vorgesetzten den Auftrag erhält, den abtrünnigen Colonel Walter E. Kurtz zu töten. Kurtz hat sich im tiefen Dschungel von Kambodscha seine eigene Kolonie geschaffen, über die er absolutistisch herrscht. Captain Willard erlebt auf seiner Reise seinerseits die Sinnlosigkeit des Krieges und stellt seine eigenen Motive zunehmend in Frage.

Autor:
Jens Peters

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