Review

Reviews 7.0

PEARL JAM

Vitalogy

Ausgabe: RH 92

Ich muß sie gut finden, sonst werden mich alle hassen. Also noch einmal anhören, und gleich noch einmal. Aber 'Vitalogy' will sich nicht festsetzen. Warum nur nicht? Den Songs fehlen die Spannungsbögen und die rauhe Melancholie der ersten Veröffentlichung. Allein 'Tremor Christ' und 'Nothingman' hinterlassen ein Gribbeln im Bauch. Auf dem so wichtigen dritten Album ist von der Kraft, Kreativität und Unbedarftheit der Anfangstage nicht mehr viel übriggeblieben. Die Dinge, die PEARL JAM und vor allem Eddie Vedder wichtig scheinen, müßt ihr schon im Booklet nachlesen. Darin beschäftigen sich Zitate und Auszüge aus soziologischen und medizinischen Werken ausschließlich mit Gesundheit, Glück und Kindheit. Bieten wissenschaftliche Erklärungen, warum gerade starke, junge Männer früh sterben. Zeichnungen analysieren die Gefühlszentren im Gehirn. Vielleicht sollen das Antworten auf die Fragen der traurigen Generation sein, die ihr Mindwizzard Eddie selbst nicht geben kann. Eine Aufgabe, der er sich auch nicht gewachsen fühlt, weil die Plattenumsätze seine Desillusioniertheit auf der linken Spur überrannt haben. Ein für Kurt Cobain fatales Überholmanöver. PEARL JAM wollen sich dem stellen und nicht den Anschluß verpassen. Lieber schnell und ohne Promotion ein besonders authentisches und angehaucht-schräges Werk veröffentlichen. Wenn's sein muß, auch mit der Beißziege. Kleine, jazzig collagierte Brocken, die nichts symbolisieren, schweben im leeren Raum, und PEARL JAM landen in umsatzmäßig ehrenwerter, aber musikalisch belangloser Gesellschaft. Die Stücke zeugen weder von Transparenz, noch von Inspiration. Schwäche zu zeigen, ist okay - sich aber bewußt zum Prügelknaben zu machen, ist dumm. Das haben auch die Fans nicht verdient. Oft hilft es da , musikalische Zuflucht bei Leuten zu suchen, die Kraft aus der eigenen Ohnmacht geschöpft haben, wie Kurt Weill, Hanns Eisler oder Bert Brecht. Das eigene Potential muß den Schock der Erkenntnis, doch nur Protagonist in einem kranken Gesellschaftsspiel zu sein, erst einmal überwinden, um dann mit neuen Ideen den Oberen den Mittelfinger entgegenstrecken zu können.

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