Review

Reviews 9.0

ORPHANED LAND

The Never Ending Way Of ORWarriOR

Ausgabe: RH 273

Dass ORPHANED LAND angesichts einer sechsjährigen Songwriting-Phase nicht gerade ein musikalisches Leichtgewicht ins Rennen schicken würden, um ihren Status als Anführer der „Oriental Metal"-Bewegung zu untermauern, war nicht anders zu erwarten. Schon der Vorgänger der detailverliebten Perfektionisten war schließlich ein Konzeptalbum dieser Art. Aber eine solch kreative Fülle, wie man sie nur alle paar Jahre hört - in dieser schnelllebigen Zeit „kommerzieller Selbstmord" genannt -, überrascht dann doch. Das orientalische Füllhorn spuckt eine Armada von Gastmusikern aus (die auf allerlei traditionellen Instrumenten der Region trommeln, zirpen und hacken), ein echtes Orchester (nein, keine Billig-Samples!) und eine Sängerin, die mit ihrer ausgebildeten Stimme den perfekten Kontrast zum Vollzeit-Metaller und Bandleader Kobi Farhi gibt.

Der singt und spricht in vier verschiedenen Sprachen (neben Englisch auch Arabisch, Jemenitisch und Hebräisch) und arbeitet sich mit hörbarem Enthusiasmus an der gesamten Palette des Vokalen ab - von Death-Metal-Grunts über starke Melodien bis zum erzählerischen Märchenonkel. Dabei bringen ORPHANED LAND das Kunststück fertig, nie ins Kitschige abzudriften. Hier gibt´s weder hohe (männliche) Stimmen noch pseudo-klassische Instrumental-Passagen aus der Musikschule. Zusammengebraut wurde die Mixtur von Steven Wilson, dem einflussreichsten zeitgenössischen Progrocker und Produzenten, der hier nebenbei als Keyboarder fungiert und die 128 Spuren bzw. 78 Minuten meisterhaft sortiert hat. „The Never Ending Way Of ORWarriOR" ist ein schwerverdauliches und komplexes Werk, das durch seinen Abwechslungsreichtum glänzt und dem Hörer zunächst einiges an Konzentration abverlangt. ORPHANED LAND komponieren nämlich in Schichten (eine nach der anderen) und wiederholen sich nicht allzu gerne. Hinzu kommt der beabsichtigte Kontrast aus Progressive Metal und Elementen aus der regionalen (meist jüdischen oder arabischen) Folk-Musik, die musikalisch brillant umgesetzt wurden. Also ein Mega-Album aus Middle East?

Kritiker verweisen nicht ganz zu Unrecht auf fehlende Eingängigkeit und mangelnde Gradlinigkeit. Mit ein, zwei „Hits" innerhalb dieser musikalischen Heldensaga könnte man tatsächlich von einem echten Klassiker sprechen, aber so was schütteln nicht mal Opeth aus dem Ärmel. „The Never Ending Way Of ORWarriOR" ist trotzdem ein Pflichtkauf für Fans, die noch richtig zuhören können und ihre Ohren mit ein paar neuartigen Klängen verwöhnen wollen. Erst recht, wenn man die großartige Aussage dieses Albums mit einbezieht. Dazu Ausführliches im nächsten Heft!

Autor:
Holger Stratmann
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