Review

Reviews 10.0

NEUROSIS

A Sun That Never Sets

Ausgabe: RH 172

Die Beziehung zwischen dieser Band und ihren Liebhabern hat manchmal schon etwas Geheimbündlerisches, zumindest aber sehr Inniges. Seit Beginn ihrer Existenz stellen NEUROSIS ihre Hörer vor gewaltige Aufgaben, denn die extravagante Mischung aus barbarischer Aggression, depressiven Lavaströmen, die Klangextreme zwischen suizidaler Selbstaufgabe und harscher Zerstörungswut sondert alle Ottonormalverbraucher unter den Musikhörern automatisch aus. Ich habe noch nie einen Konsumenten kennen gelernt, der NEUROSIS (sofern er die Band kennt) mit gleichgültiger „Na ja“-Haltung gegenübersteht. Totale Huldigung oder totale Ablehnung, ein Dazwischen existiert nicht.

Nun gibt es aber auch Stimmen, die behaupten, dass Steve von Till & Co. seit Jahren den gleichen stilistischen Kurs fahren. Aber das ist Unsinn. Vielmehr hat man mit dem vergangenen Album ”Times Of Grace” - oder besser: mit der Wahl von Steve Albini (Big Black, Shellac) zum Produzenten - den Sound perfektioniert. Und so klingt auch ”A Sun That Never Sets” unglaublich erdig, roh, natürlich, live-haftig. NEUROSIS-Alben komprimieren sowohl die songschreiberischen Exzesse des Proberaums als auch die lebendige, schweißtreibende Urkraft eines intimen Clubkonzerts dieser kalifornischen Koryphäen.

Und ein weiterer Fakt macht den Reifeprozess des Quintetts deutlich: Mehr denn je spielen NEUROSIS mit dem schreienden Schrecken, der hinter bedrohlich leisen Tönen stecken kann. Keine andere Extremband der Welt geht so apokalyptisch mit der Laut/Leise-Dynamik um. Das ist Gänsehaut pur! Man schwitzt, man stöhnt, man leidet mit! Aber nur dann, wenn man sich wirklich fallen lassen WILL...

Ferner ist die Band zu beglückwünschen, dass sie wieder auf die Dienste von Violinistin Kris Force (Amber Asylum) zurückgegriffen hat, denn diese Künstlerin ist weder Folk noch Klassik - sie streicht den akustischen Weltuntergang, das endgültige Drama. Und so inszenieren die wohl unamerikanischsten Amerikaner der harten Musikwelt das wohl größte Sterbehilfealbum dieses Jahres. Meinen tiefsten Respekt dafür...

Autor:
Wolf-Rüdiger Mühlmann
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