Review

Reviews 8.0

MOTÖRHEAD

Overnight Sensation

Ausgabe: RH 114

Klasse Albumtitel für 'ne Band, die seit 21 Jahren zwar kultisch durch die Szene krebst, aber nie im größeren Rahmen kommerziell durchstartete. Zum Glück probieren MOTÖRHEAD 1996 erst gar nicht mehr, an diesem Zustand etwas zu ändern. Die Zeit der balladesken Hitsingle-Versuche ist jedenfalls endgültig vorbei. Das erste Album nach der Gesundschrumpfung auf die klassische Triobesetzung ist stattdessen eine modifizierte Variante des Sounds, für den die Band seit Mitte der Achtziger steht. Durchschnittliche MOTÖRHEAD-Rocker, wie sie die Band in den letzten Jahren gleich dutzendweise aus dem Ärmel geschüttelt hat und deren Wiedererkennungswert meist arg zu wünschen übrig ließ, sind auf "Overnight Sensation" nur noch mit der Lupe zu entdecken und verblassen hinter Volltreffern wie dem kernigen Opener 'Civil War' und dem schweinisch rockenden 'Broken'. Dazu kommt gar Experimentelles, z.B. 'I Don't Believe A Word' mit seinen von Lemmy voller Inbrunst gesungenen (!) Strophen, das akustische Geklampfe im Mittelteil des Titeltracks, die teilweise überraschend vielseitige Gitarrenarbeit von Phil Campbell und einige für MOTÖRHEAD-Verhältnisse schon regelrecht progressive Breaks. Dennoch bleibt "Overnight Sensation" musikalisch absolut stimmig und beweist, daß die neuen Ideen keineswegs orientierungsloses Herumgestochere in fremden Genres sind, sondern einen Wachstumsprozeß darstellen, den man MOTÖRHEAD nach all den Jahren kaum noch zugetraut hätte. Textlich mosert Mr. Kilmister gegen JägerInnen, political correctness und die überharte Bestrafung von KonsumentInnen leichter Drogen. Selbst 'Listen To Your Heart' ist kein Love-Song, sondern Lemmys vertonte Ansicht, daß jeder Mensch im Grunde seines Herzens Gut und Böse unterscheiden kann. Klar, daß einem trotz aller Qualität auf Anhieb dennoch 'ne Handvoll MOTÖRHEAD-Alben einfallen, die einen ganzen Zacken besser waren, aber auch wenn "Ace Of Spades" oder "Overkill" benotungstechnisch hart auf die Zehn zugehen würden, ist "Overnight Sensation" immer noch 'ne kleine Acht wert.

Autor:
Jan Jaedike

AMAZON EMPFEHLUNG

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.