Review

Reviews 9.0
Progressive

MOLASSESS

Through The Hollow

Label: Season Of Mist/Soulfood
Dauer: 64:55
Erscheinungsdatum: 16.10.2020
Ausgabe: RH 401

Die Geister des Gestern schlafwandeln umher, sie durchwehen als gestaltlose Ahnungen von Vergänglichkeit, von Verlust und von Wiedergeburt diese Musik. Sechs Jahre nach dem Tode Selim Lemouchis, dem Herz und Hirn von The Devil´s Blood, versammeln sich auf diesem Album ehemalige Mitstreiter sowie Schwester und Sängerin Farida Lemouchi; bereits 2019 waren sie unter dem Namen Molasses (mit drei statt vier „s“) bei ihrem Heimatfestival Roadburn aufgetreten und hatten dazu eine EP vorgelegt. Uns eröffnet dieses atemberaubend fähige Ensemble nun eine aus den Fugen geratene Außerwelt, in der schon Songtitel wie ´Formless Hands´, ´The Stagnant Maze Of Time´ oder ´Through The Hollow´ erspüren lassen, dass Zeit, Raum und überhaupt alle Gesetze der Physik außer Kraft gesetzt werden sollen, um einer schattenhaften Metaphysikmusik zu weichen. Vergleiche mit einer großen Vorgängerband sind ja schnell unpassend, unfair, aber auch unerlässlich. Also: Wer hooksatte Hits wie ´Christ Or Cocaine´ erhofft, wird enttäuscht sein. Wer an The Devil´s Blood jedoch ebenso den psychedelischen Pomp schätzt, wer etwa die Langversion von ´Voodoo Dust´ gerade deswegen liebt, weil das Stück am Ende zu einem einzigen, ewigen Riff zerschmilzt, den wird dieses Debüt verfolgen; erst Woche auf Woche, dann Tag auf Tag. Oft wie in Watte verpackte, um sich selbst kreisende Hypnogitarren grundieren Ausflüge, die mitunter so verspielt und zugleich so gewichtslos anmuten wie Ethiojazz von Mulatu Astatke, mit Tastenläufen, die perlen wie bei The Doors. Und seltsam flüchtige Wesen sind diese Kompositionen, sie erstehen Durchgang für Durchgang wie zuvor ungehört auf, um schließlich sachte ins Dickicht unseres Bewusstseins einzusickern. In ´The Devil Lives´, dem Schlusstrack, der als Skizze noch aus Selim-Zeiten stammt, singt Farida: „The Devil´s Blood is here with me“. Verpuppt, verwandelt - aber doch vertraut. Fuck yeah, it is.

Autor:
Thorsten Dörting
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