Review

Reviews 9.0
Progressive

LONG DISTANCE CALLING

How Do We Want To Live?

Label: InsideOut/Sony
Dauer: 52:45
Erscheinungsdatum: 26.06.20
Ausgabe: RH 398

„Geile Scheibe!“, meint Eisenfavst, in meinem Büro stehend. „Bis auf einen Track.“ Ich habe ihn nicht gefragt, welchen. Eisenfavst ist Instrumental-Fan. Die Elektronik auf dem Album meinte er ausdrücklich nicht, denn „die ist okay“. Dann machte er auf dem Absatz kehrt. Seitdem habe ich mir das Album bestimmt zehnmal angehört, um herauszufinden, wo die Stärken und Schwächen des neuen LDC-Longplayers liegen. Keine leichte Aufgabe. Das Songwriting von Deutschlands bester und erfolgreichster Instrumental-Band lässt sich längst nicht mehr nach normalen Maßstäben messen. Stumpfe Wiederholungen sind verpönt. In bester Pink-Floyd-Manier schwingt sich das Quartett kompetent von Part zu Part, mäandern die Stimmungen, um immer wieder ein großes Finale einzuläuten, bei dem (diesmal ganz akzentuiert, aber umso wirkungsvoller) auch mal die Metal-Keule herausgeholt wird. Die erste Hälfte ist einfach überragend gut gelungen, ´Curiosity´ wie gemacht für die Live-Situation. Die Spannung wird bis zum Bersten aufgebaut, ehe Janosch Rathmer mit einem satten Groove nach vorne marschiert. Überhaupt gibt der Rhythmus überraschend oft die Richtung vor. Ganz gleich, ob programmierte oder handgespielte Led-Zep-Beats - man hält es angenehm simpel, was eine Kunst für sich ist. Auf dieser Vorlage toben sich die Gitarren unermüdlich aus, spielen Keyboards sphärische Klänge. ´Hazard´ ist ein melodisches Progrock-Feuerwerk, ´Voices´ trotz acht Minuten Länge eine starke Video-Single mit einer gesungenen Melodie, die Aufmerksamkeit erzeugt. Die Cello-Unterbrechung ´Fall/Opportunity´ leitet das sich steigernde ´Immunity´ ein. Perfekt. Mit ´Beyond Your Limits´ gibt es den erwähnten Vocal-Track auf dem Album, der wie die zwischenzeitlichen Sprach-Samples wahrscheinlich nötig war, um den konzeptionellen Rahmen zu gestalten. Geht für mich in Ordnung. Auch die futuristische Ästhetik, mitunter im Sound sehr präsent, ist absolut angemessen. Lediglich das Album-Ende hätte noch einen draufsetzen können, aber ´Ashes´ bleibt vergleichsweise blass. Trotzdem eine enorm reife Leistung, auch im internationalen Vergleich.

LONG DISTANCE CALLING haben am Veröffentlichungstermin festgehalten. Die Band findet es sogar geil, dass „How Do We Want To Live?“ mitten im Krisengeschehen erscheint. Auf dem Album geht es um das Verhältnis von Mensch und Maschine bzw. künstlicher Intelligenz, und in letzter Minute hat sich auch noch die thematisch artverwandte Virus-Problematik reingemogelt. Wie auch immer - die Platte erscheint definitiv zum richtigen Zeitpunkt. Allein schon der Titel ist essenzielles Nachdenkfutter.

Autor:
Holger Stratmann
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