Review

Reviews 7.0

ORPHANED LAND

Kna´an

Label: Century Media/Sony
Dauer: 36:20
Ausgabe: RH 352

Wenn mir vor 20 Jahren jemand erzählt hätte, dass zwei israelische Metalbands im Landestheater Memmingen Teil einer progressiven Theater-Aufführung sind, die sich mit einer interreligiösen Streitfrage aus alttestamentarischen Zeiten beschäftigt, hätte ich getippt, dass Drogen im Spiel sind, aber 2016 fühlt sich das Ganze trotz der verstörenden Terror-Schlagzeilen völlig normal an. Weil ORPHANED LAND beteiligt sind und man sich an die Friedensbotschafter des Metal bereits gewöhnt hat? Vielleicht sollte man sich lieber vor Augen führen, wie mutig und wichtig gerade jetzt Akteure des Kulturbetriebs sind, die unbeirrt ihrem Herzen folgen - egal, wie viele verblendete Irre, Selbstmordattentäter und Amokläufer ihrem Leben noch ein blutiges Ende setzen werden. Umso schwieriger ist es, den „Kna´an“-Soundtrack nach rein musikalischen Kriterien fair zu beurteilen. Stilistisch bietet das Album den zu erwartenden Mix aus Akustik-Balladen und harten Einschüben, wobei Letztere klanglich leider nicht immer den nötigen Druck erzeugen. Hinzu kommt, dass sich viele Teile an der Länge der vorgegebenen Storyline orientieren müssen. Das ist ein wenig schade, weil der Großteil der Songs im Kern großartige Melodien transportiert, die das Zeug zu neuen ORPHANED LAND-Großtaten hätten. Besonders der oft mehrstimmige Gesang ist äußerst gelungen, weshalb auch die eine oder andere Portion Pathos zu verschmerzen ist. Unterm Strich ist „Kna´an“ ein hörenswertes Nebenprojekt der Israelis, von der konzentrierten Qualität eines Oriental-Metal-Klassikers wie „All Is One“ ist man allerdings ein Stück weit entfernt.

4 Fragen an ORPHANED LAND-Sänger Kobi Farhi:

Kobi, wie muss man sich den Songwriting-Prozess für ein Theaterstück vorstellen?

»Auf jeden Fall anders als sonst. Manchmal wurden kurze Teile gebraucht, oder ich musste für die ersten Versionen zunächst weibliche Stimmen imitieren. Es gab Meetings mit dem Schauspiel-Leiter Walter Wayers, bei denen wir seine Wünsche verstehen mussten. Es war ein sehr nettes Abenteuer, besonders als wir der finalen Aufführung, bei der Schauspieler zu unseren Playbacks sangen, beiwohnen konnten.«

Was ist auf dem Cover zu sehen?

»Eine Kalligraphie, die aussieht, als hätte man sie bei einer archäologischen Ausgrabung gefunden, und die das Wort „Kna´an“ darstellt. Der obere Teil des Wortes ist in Hebräisch, der untere in Arabisch. Eine neue Sprachschöpfung unsererseits: „Arabhebrew“.«

Kannst du den Hintergrund der Aufführung in zwei Sätzen erklären?

»Walter hat seine eigene Interpretation jener Bibel-Geschichte erarbeitet, die wir in dem Song ´Brother´ (von „All Is One“ - hs) erzählen. Obwohl beide Söhne gesegnet sind, streiten Juden und Christen auf der einen Seite und Muslime auf der anderen bis heute darüber, ob Abraham Isaak oder Ismael opfern sollte, weil sich das Selbstverständnis der Religionsgruppen als deren Nachfolger unmittelbar davon ableitet. Walter hat den Wahnsinn sehr gut in Dialoge umgesetzt.«   

Im November brecht ihr erneut zu einer Tour mit zwei „World Metal“-Bands aus China und Russland auf. Es sieht so aus, als wolltet ihr den Spannungen im Nahen Osten so oft wie möglich entfliehen.

»Wir feiern das 25-jährige Bestehen unserer Band. So lange schreiben wir schon Musik über unsere blutende Region. In dieser Zeit haben wir Hoffnung vermitteln, aber nichts ändern können. Im Gegenteil: Die Situation wird immer schlimmer.« (hs)

Autor:
Holger Stratmann
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