Review

Reviews 9
Classic Rock Hard Rock

AC/DC

Power Up

Label: Columbia/Sony
Dauer: 41:03
Erscheinungsdatum: 13.11.2020

Beginnen wir mit einer Binsenweisheit (es wird nicht die einzige bleiben): Lobhudeleien sind schwieriger zu schreiben als Verrisse. Besonders, wenn es um eine sogenannte Leib- und Magen-Band geht. Der geneigte Leser möge mir die Fan-Brille verzeihen. In den letzten 40 Jahren hat sich eines nämlich nicht verändert: das feurige Erwarten, wenn ein neues AC/DC-Album erscheint, zumal die Veröffentlichungen seit „Back In Black“ nicht nur Höhen hatten, um es vorsichtig auszudrücken. Und da wären wir auch schon bei Parallelen zum schwarzen Meisterwerk: „Power Up“ ist ebenso ein Tribut, eine Verneigung vor dem Bandgründer Malcolm Young. Noch einmal mit Glocken zu beginnen, wäre so banal wie anbiedernd gewesen. Stattdessen hat der wiedervereinigte Vierer (plus Stevie Young) das Beste aus der Situation gemacht - ein AC/DC-Album, das seine Vorgänger bis vielleicht sogar zu „The Razors Edge“ (1990) in Bezug auf die Komprimierung der Bandessenzen in den Schatten stellt. Warum ist das so? Wer die Vorab-Single 'Shot In The Dark' gehört hat, wird sich denken: „AC/DC, wie immer, na und?“ Stimmt einerseits, ist andererseits zu kurz gegriffen. Es sind nämlich die kleinen, feinen Unterschiede zu früher, die dieses Werk zu einem besonderen machen. „Power Up“ lebt von Leichtigkeit und einem Positivismus, der lange nicht mehr da war. Dieses körperliche Hören, dieses Mitzucken bei jedem vorhersehbaren, aber perfekt sitzenden Beckenschlag - man hat es vermisst. Wer diese Platte ohne Bewegung der Extremitäten laufen lassen kann, muss taub sein. Schon der Einstieg mit der Uptempo-Nummer 'Realize' macht Lust auf mehr, weil die Rhythmussektion schon mit dem ersten Takt klarstellt, wie es geht. Auch wer Brian Johnson stimmlich abgeschrieben hat, wird eines Besseren belehrt. Spätestens beim vierten Vers des mitreißenden Midtempo-Krachers 'Rejection' („I come for you...“) möchte man spontanen Applaus spenden; auch für den herrlich politisch nicht korrekten Text mit Zeilen wie „if you disrespect me, you'll get burnt“. Dass 'Shot In The Dark' als Single gewählt wurde, liegt auf der Hand, denn der Refrain bleibt genauso wie die Melodie des fast schon poppigen 'Through The Mists Of Time' hängen. Wer die Scheibe bis jetzt noch nicht gehört hat, sollte mit 'Kick You When You're Down' beginnen, einem modernen Wiedergänger von 'Dog Eat Dog' mit fiesem Ohrwurm, so simpel wie genial. „Is this the way it's meant to be?“, fragt Johnson. Ich denke schon! Bei 'Witch's Spell' ist der Titel Programm - ein verzaubernder, eindringlicher Song, bei dem Cliff Williams durch seinen hinter der Snare hängenden Bass ein weiteres Ausrufezeichen als echter Könner setzt. Das setzt sich mit 'Demon Fire' nahtlos fort, dem nächsten flotteren Stück. Es ähnelt 'Safe In New York City', hat aber einen besseren Flow und ein cooles Break („like a devil on a deadline“). Spätestens hier zeigt sich in dreieinhalb Minuten, wie sehr AC/DC auch jenseits des Rentenalters noch immer in der Lage sind, aus wenig viel zu machen. Bei Phil Rudd etwa kommt es nicht darauf an, was er spielt, sondern was er NICHT spielt. 'Wild Reputation'beginnt mit dem Bass und steigert sich zu einer Art Stadion-Blues; Brians Sprechgesang sorgt für eine weitere Gänsehaut. Auch beim simplen Bluesrock von 'No Man's Land' sitzen jede Note und jeder Schlag, während 'System Down' mit seinem großartigen Pre-Chorus „we got a chain reaction“ einen weiteren lang vermissten Melodiebogen spannt. Das Solo von 'Money Shot' klingt ähnlich dreckig wie zu „Let There Be Rock“-Zeiten. Das abschließende 'Code Red' besitzt eine unglaublich packende Melodie in der Strophe, das „station to station“ vorm Refrain kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Es bleibt dabei: AC/DC sind immer dann am besten, wenn man es nicht erwartet. Und das ist jetzt die letzte Binsenweisheit - versprochen.

Autor:
Jörg Staude
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