Online-MegazineKolumne

The Drugs Don’t Work (Anymore)

Busbar

Die Party ist vorbei: China hat den Drogen den Krieg erklärt, und Pekings Rockszene übt sich in Abstinenz. Aus gutem Grund, denn der Hammer fällt hart.

Es ist eine Juli-Nacht des Jahres 1997. In Nanjing, der ehemaligen Kaiserstadt im Osten Chinas, regnet es bereits seit Stunden in Strömen, viele Straßen stehen unter Wasser. Taxis sind Mangelware, um die sich die bereits völlig durchnässten Passanten teilweise prügeln – bis sich eine junge Frau, die offensichtlich bereits am Rande der Bewusstlosigkeit taumelt, vor ein Auto stürzt und es stoppt. „Bring mich irgendwo hin, wo ich das weiße Pulver finden kann“, brüllt sie den Fahrer an. Mit „weißem Pulver“ ist Heroin gemeint, der Fahrer versteht – und bringt die völlig orientierungslose Dame schnurstracks auf die nächste Polizeistation. Dort stellt sich heraus, dass es sich bei der Drogenkranken um Luo Qi handelt, dem berühmtesten weiblichen Rockstar Chinas der 1990er Jahre, möglicherweise sogar aller Zeiten. 30 Jahre nachdem die Beatles das LSD-inspirierte 'Lucy In The Sky With Diamonds' veröffentlicht hatten, freute sich nun auch China über seinen ersten handfesten Drogenskandal.

Es sollte nicht der einzige bleiben. In den kommenden Jahren wurden weitere Größen wie Xie Dong, Man Wenjun und Jing Gangshan unter öffentlichkeitswirksamem Getöse aus dem Verkehr gezogen. Dennoch, oder vielleicht sogar deswegen, waren Drogen aus der Pekinger Szene lange Zeit nicht wegzudenken. Noch Anfang der 2010er Jahre lungerten vor dem D22 im Studentenviertel Wudaokou diverse Assel-Punks, die sich gegenseitig ihre Joints ansteckten und vorbeigehenden Polizisten provokativ Marihuana-Schwaden ins Gesicht bliesen. Mitten im heutzutage schicken Ausländer-Viertel Sanlitun parkte die „Bus-Bar“, in der man mit diversen Herren aus West-Afrika Freundschaften schließen konnte, die schließlich in Geschäftsbeziehungen mündeten. Als das Gefährt schließlich von den Behörden abgeschleppt wurde, musste die Polizei zunächst die Toilette instand setzen, weil diese von weggeworfenen Kokainbeuteln heillos verstopft war.

Und dann gab es vor allem noch He Yong, den tragischen Helden der frühen Punkbewegung. Mit seiner Band Mayday spielte er während der Studentenproteste 1989 seine Kulthymne 'Garbage Dump' live auf dem Tiananmen. „People are just like worms / Fighting and grabbing / What they eat is conscience / What they shit are thoughts“, hallte es über den Platz des himmlischen Friedens, nur wenige Tage bevor die Panzer den Aufständen ein gewaltsames Ende setzten. He Yong flüchtete aufs Land, wandte sich enttäuscht von der Gesellschaft ab - und ballerte sich resigniert mit Drogen zu. Jahre später steckte er sich selbst in Brand und landete in einer Nervenheilanstalt.

Es scheint endgültig Schluss mit lustig zu sein, seitdem die vor zwei Jahren angetretene Führungsriege den Drogen den Krieg erklärt hat. Im Visier der Ermittler stehen dabei insbesondere Stars und Sternchen aus der Entertainmentbranche. Das bisher prominenteste Opfer dieser Razzia ist zweifellos Jaycee Chan, hauptberuflich Sohn von Hongkong-Superstar Jackie Chan, bei dem die Polizisten im Rahmen einer Hausdurchsuchung die sagenhafte Menge von 100 Gramm Marihuana sicherstellen konnten. Darauf stehen immerhin bis zu drei Jahre Haft, worüber sich Vater Jackie eher mäßig gefreut haben dürfte, denn der ist immerhin offizieller Anti-Drogen-Botschafter der Regierung.

Das ist aber alles nichts gegen jenen Crackdown, mit dem Ende August die Szenebar Dos Kolegas regelrecht auseinandergenommen wurde. Eine Hundertschaft schwer bewaffneter Polizeieinheiten stürmte den Laden, in dem bislang überwiegend Rock 'n' Roll- und Alternative-Acts aufgetreten sind, blockierte die Ausgänge und führte umgehend jene Personen ab, die sich nicht ausweisen konnten. Daraufhin wurde bei sämtlichen Anwesenden ein Urin-Schnelltest durchgeführt, mangels Toiletten und zwecks besserer Kontrolle mitten im Lokal. Wer nun Hemmungen hatte und nicht bei Drei pinkeln konnte, musste ein urintreibendes Medikament schlucken. Diejenigen, bei denen der Schnelltest anschlug (es waren einige), hatten daraufhin nichts zu lachen, nicht zuletzt deshalb, da ihnen der Mund mit Gaffa-Tapes verklebt wurde, bevor sie in die wartenden Polizeiautos bugsiert wurden.

Kein Wunder, dass sich in der Pekinger-Szene momentan eine Gegenbewegung formiert. Im Juni veranstaltete das Label Qingchunzhizao einen Konzertabend unter dem Motto „Rock Anti Drugs“ im Mao Livehouse, der jedoch nicht ganz frei von Widersprüchen war. So trug der Bassist von ICE MOON ein hübsches Cannabis-Tattoo auf seinem linken Unterarm zur Schau, während Yingying, die Sängerin von YANLIANG eine kesse Erklärung für ihre Abstinenz parat hatte: „Drogen sind doch Luxus. Wir sind Musiker und verdienen alle kein Geld. Wie kommst du also darauf, dass wir uns Drogen überhaupt leisten können?“ Leuchtet ein.

 

Über den Autoren:

"Wu Gang" (geboren 1978 in Schladming, Österreich) lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor erledigte er journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (u.a. als Moderator der Metal-Sendung „Block Rockin´ Beats" auf Radio Soundportal). Der Liebhaber von Tool, Depeche Mode, Ministry, Massive Attack, Isis und Anathema schätzt an China vor allem „die Dynamik und das Potenzial, dass hier jeden Tag etwas völlig Wahnsinniges passieren kann“. Ergänzend zu unserem Heftspecial über Metal in China versorgt uns Wu Gang regelmäßig mit exklusiven Blogs für unsere Website.

 

Pics 2Kolegas und Busbar: KK

Pic Luo Qi: CCTV