Online-MegazineInterview

THE THOUGHT INDUSTRY

Fröhliche Menschen sind Idioten!

Die aus Michigan stammenden THE THOUGHT INDUSTRY gehören schon seit ihrem ´89er Demo zu den eigenständigsten und innovativsten Acts der Hard´n´Heavy-Szene. Während man am Anfang noch stark im Metal verwurzelt war, öffnete sich die Combo spätestens mit ihrem ´95er Album „Outer Space Is Just A Martini Away“ auch anderen Einflüssen.

Der neueste Streich, auf den die Fangemeinde geschlagene vier Jahre warten musste, schimpft sich „Short Wave On A Cold Day“ (s. Review in RH 177) und begeistert einmal mehr mit hochanspruchsvollem Stoff irgendwo zwischen proggigen, alternativen und metallischen Sounds. Einziges Manko: Die CD ist nur als US-Import erhältlich (für 14,50 Euro inkl. Porto bei: Metal Blade Records, Postfach 1332, 73054 Eislingen), da sich Metal Blade dazu entschlossen haben, „Short Wave...“ dem europäischen Markt vorzuenthalten. Sänger, Gitarrist, Hauptkomponist und Texter Brent Oberlin klärt auf:

»Wahrscheinlich mögen uns Metal Blade nicht mehr. Oder meine Gitarre ist für ihre Verhältnisse nicht tief genug gestimmt. Ich wünsche ihnen das Beste, aber ich denke, dass wir besser zu einer anderen Firma passen. Eine Company, die zumindest ansatzweise versteht, was für Musik wir machen. Es reicht nicht aus, die Platten nur in die Läden zu stellen. Metal Blade haben mit uns ´ne Menge Geld verdient, ignorieren uns aber noch immer.«

Wie würdest du „Short Wave...“ beschreiben, und inwiefern unterscheidet sich das Album von seinen Vorgängern?

»Ich denke, dass „Short Wave...“ strukturierter, ja komplizierter ist als die Summe der einzelnen Parts. Das Album ist eine Art Wand. Es ist vielleicht orchestraler als die älteren CDs. Jede Platte unterscheidet sich von den anderen. „Short Wave...“ ist unser wütendster Release seit „Mods Carve The Pig“ (von ´93 - d.Verf.). Das Album bewegt sich. ´Satan In The Gift Shop´ ist komplett anders als z.B. ´Tall Ships On The Rocks´. Pure, satanische Science Fiction. Aber ehrlich gesagt höre ich mir unsere Scheiben kaum noch an, nachdem sie aufgenommen sind. Das ist wie mit ´ner Grippe: Sobald das Fieber weg ist, muss das seltsame Alltagsleben weitergehen.«

Verbindet euch anno 2001 eigentlich noch etwas mit Heavy Metal?

»Nein, nicht viel - außer das Einfache, Simple, das auch den frühen Underground-Metal auszeichnete. Ich höre mir auch keine aktuellen Metal-Sachen mehr an. In den frühen Neunzigern hat die Metal-Szene eine Richtung eingeschlagen, die ich nicht mitgehen wollte. Ich bin mit Slayer, Fates Warning, Destruction, Kreator oder Raven aufgewachsen, des weiteren mit Combos wie D.R.I. oder den Crumbsuckers. Das war die Mucke meiner Teenager-Zeit. Letzten Endes konnte mir Heavy Metal aber nicht genug bieten.«

Würdest du auch sagen, dass eure Lyrics nur selten stringente Geschichten erzählen, sondern eher wie Gedankenströme wirken?

»Ich habe schon immer auf diese Art geschrieben. „Short Wave...“ ist allerdings eher vom Rumreisen beeinflusst, als dass die Platte lediglich unzusammenhängendes Herumschweifen eines betrunkenen Irren darstellt. Ich habe einen Großteil der Texte während meiner Europa-Reisen zu Papier gebracht, und deshalb basieren sie eher auf Fakten als auf Fiktion. Allerdings unterscheiden sich die einzelnen Lyrics stark, da der Kompositionszeitraum ein sehr großer war.«

Haben dich surrealistische Künstler wie David Lynch, William S. Burroughs oder James Joyce geprägt?

»Nein, aber ich mag das, was sie tun. Meine Arbeit ist nur von dem beeinflusst, was in meinem Leben passiert. Ich mag meine eigenen Erfahrungen; egal, wie negativ sie auch sind. Ich versuche dabei aber, nicht wie ein besserwisserisches Arschloch rüberzukommen, das denkt, es hätte die Bibel neu geschrieben. Ich glaube, dass es besser ist, sich auf seine eigenen Erfahrungen auf diesem schwachsinnigen Felsen namens Erde zu berufen, als andere Künstler zu kopieren und das Ganze dann noch als eigene Idee zu deklarieren.«

Glaubst du nach zwölf Jahren Szene-Zugehörigkeit eigentlich noch an den großen kommerziellen Durchbruch?

»Es gibt nichts, was mich weniger interessiert. Ich habe sowohl Geld als auch Freunde, was es mir erlaubt, Musik nur für die Leute zu komponieren, die mögen, was wir tun. Ich wüsste gar nicht, was ich mit ´nem zweiten Auto und ´nem Sommerhaus auf dem Land anfangen sollte. Wahrscheinlich würde mich das nur langsam umbringen.«

Was hältst du von der aktuellen Szene?

»Musik wird mehr und mehr zu einer verlorenen Kunstform für durchschnittliche Mucker und Halbtalente. Die Leute haben am Musizieren auch längst nicht mehr so viel Spaß, wie es früher mal der Fall war. Am liebsten würde ich nach Mississippi auswandern und bis zu meinem Tod Blues spielen. Nur Musik - kein Business.«

Kann man eure Songs als traurig - oder besser: fatalistisch - bezeichnen?

»Definitiv. Man könnte sie auch mit einem Mann vergleichen, der Krebs hat und sich bis zu seinem Tode darüber lustig macht. Zynisch und romantisch. Gibt es eine bessere Kombination für Musik? Fröhliche Musik ist langweilig, und fröhliche Menschen sind Idioten.«

Gibt es noch ein großes Ziel, das du vor Augen hast?

»Ich würde gerne Bücher schreiben und das sich selbst beweihräuchernde Musikbusiness verlassen. Danach kann mir meinetwegen jemand in den Hinterkopf schießen, wenn ich gerade mal nicht gucke...«

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Discografie:

Thought Industry (Demotape, 1989)

Songs For Insects (1992)

Gelatin (7“, 1993)

Mods Carve The Pig (1993)

Outer Space Is Just A Martini Away (1995)

Black Umbrella (1997)

Recruited To Do Good Deeds For The Devil (1998, Live & Outtakes)

Short Wave On A Cold Day (2001)