Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 22.05.2013

PRIMORDIAL , GODFLESH , ELECTRIC WIZARD , ASPHYX , INTRONAUT , MOURNING BELOVETH , VOID OF VOICES - Yippie-ya-yeah, Schweinebacke!

ROADBURN FESTIVAL 2013

NL-Tilburg, 013

Man kann es drehen und wenden, wie man will, und natürlich ist der Eintrittspreis recht hoch, aber das Roadburn Festival im holländischen Tilburg ist für Fans von Rock- und Metal-Sounds jenseits des Mainstreams - Schwerpunkte: sämtliche Doom- und Avantgarde-Stile - die schönste und entspannteste Veranstaltung der Welt. Nirgendwo sonst zementieren so viele Underground-Legenden ihren Ruf, nirgendwo sonst entdeckt man mehr fantastische Newcomer.

Donnerstag

Noch bevor wir uns die ersten Riffs in die Schädel hämmern lassen, checken wir in einer Nebenhalle des 013 das Merch, denn auf keinem anderen Festival - höchstens noch auf dem in diesem Jahr leider zeitgleich stattfindenden Keep It True - gestaltet sich die Zahl an Sammlern höher, also haben viele Bands und Plattenfirmen Roadburn-exklusive Releases am Start, die es drei Tage zu erwerben gibt und dann nicht mehr. Dieses Jahr dabei: nur hier zu bekommende Pressungen von u.a. Dread Sovereign, Spiritual Beggars, Intronaut, Electric Wizard und Mourning Beloveth.

Vom Arkansas-Doom-Metal-Kommando PALLBEARER, ihr „Sorrow And Extinction“-Debüt war mein Metal-Album des Jahres 2012, ist in Sachen Vinyl nur die normale 20-Buck-Spin-LP am Start, dafür findet man schöne T-Shirts. Und diese nach der Show mit Stolz zu tragen, ist überhaupt kein Problem: Zwar verzaubert der Vierer nicht ganz so rigoros wie die musikalisch vergleichbaren 40 Watt Sun vor einem Jahr an selber Stelle, das liegt aber weniger an den mächtigen Songs, sondern vor allem daran, dass die unglaublich gute 013-P.A., in Deutschland klingt´s nur im Dortmunder FZW ähnlich brillant, bei dieser ersten Band noch nicht am absoluten Qualitätslimit eingestellt ist und vor allem der Gesang im extrem verzerrten Gitarren-Inferno beinahe komplett untergeht.

PENANCE aus Pennsylvania sind alles andere als Newcomer, sondern verdiente Recken, die Vorgänger-Combo Dream Death spielt morgen. Obwohl Penance nie wirklich weg vom Fenster waren - allein in den nuller Jahren gab es drei Studioalben -, kann man das Gefühl nicht abschütteln, dass die heutige Show den Genre-Highlights „The Road Less Travelled“ und „Parallel Corners“ zu keiner Sekunde gerecht wird: Die Amerikaner wirken trotz der quasi nie im Uptempo wildernden Songs fahrig, kraftlos und wenig tight, von Stageacting kann keine Rede sein, man präsentiert sich so, als fühle man sich auf der zugegebenermaßen sehr großen Hauptbühne einfach nicht wohl.

Besser drauf ist Himmelstein: Der schlackert aufgeregt mit seinen Storchenbeinen, als ich ihn im 013-Foyer treffe, und zieht mich schnaufend in den knackevollen Green Room zu BLUES PILLS. Das schwedisch-amerikanisch-französische Kleeblatt ist ganz nach seinem Geschmack und offeriert mit seinem leidenschaftlich dargebotenen Retro-Rock inklusive zwingender Female Vocals und arschgeiler Hendrix-Gitarre tatsächlich Spitzenware, die vielleicht noch einen Ticken unterhaltsamer ist als der immer größere Kreise ziehende Signature-Metal von ROYAL THUNDER, die im benachbarten 800er-Club Het Patronaat - mittlerweile als Trio - zeigen, dass sich psychedelische Retro-Sounds, Classic-Rock-Einflüsse von Led Zep bis Black Sabbath und hammerharter Sludge sinnvoll verbinden lassen. Kollege Dörting von „Spiegel Online“ ist sogar so angetan, dass er noch Stunden später irgendwo zwischen dem elften und zwölften Grolsch ernsthaft überlegt, ob er ihrer Frontfrau, dieser herben, amerikanischen White-Trash-Schönheit, einen Heiratsantrag macht, findet aber leider niemanden, der ihm erklären kann, wie man den Namen Mlny Parsonz richtig ausspricht. (bk)

Nicht zuletzt durch die Vergangenheit von Matt Pike (v./g.) bei Sleep, also einer der Ikonen der Sludge/Stoner/Doom-Metal-Szene schlechthin, genießen HIGH ON FIRE unter den Roadburnern einen immensen Stellenwert. Folgerichtig ist das 013 bis zum Bersten gefüllt, als der schmerbäuchige und mit Schäbi-Tattoo-Gekritzel verzierte Frontmann mit seinen beiden Sidekicks das komplette Debüt „The Art Of Self Defense“ inklusive des Celtic-Frost-Covers ´The Ursuper´ zum Besten gibt. Der Sound ist Bombe, spielerisch gibt´s nichts zu meckern, und wenn knapp 2.500 Leute entspannt mitbangen, ist das auch dann ziemlich beeindruckend, wenn man wie der Verfasser dieser Zeilen über all die Jahre mit dem Sound der Amis nie so richtig warm geworden ist.

Baroness-Mastermind und Coverkünstler JOHN BAIZLEY wird zwar auch immer mehr zur Szene-Ikone, schafft es mit seiner Akustik-Performance in Begleitung von NATE HALL und KATIE JONES allerdings nicht, im Het Patronaat die Zuschauer wirklich in seinen Bann zu ziehen. Mit zunehmender Spieldauer leeren sich die Reihen, obwohl auch der eine oder andere Baroness-Song (u.a. ´Steel That Sleeps The Eye´) zum Zuge kommt.

„So ein Scheiß-Rockstar-Gepose will ich auf dem Roadburn nicht sehen!“, echauffiert sich kurze Zeit später Kollegin Pfeifle. Wahrscheinlich ist es der Mix aus jeweils einem guten Dutzend Snakebites und Kaassouffles, der Pfiffikowski zu dieser naseweisen Beurteilung des Stageactings von PRIMORDIAL-Frontmann Alan Averill animiert, denn das Publikum im 013 zeigt durch gereckte Fäuste und zahlreiche Bang-Einlagen durchaus Bereitschaft zum Mitmachen, obwohl der Sound erstaunlicherweise ziemlich dünn und drucklos ausfällt.

Der ist bei INTRONAUT auf der Bühne des Het Patronaat zwar deutlich besser, aber hier wird lieber bedächtig gelauscht und interessiert gestaunt ob der über jeden Zweifel erhabenen musikalischen Fähigkeiten der Ami-Post-Metaller, zu deren Signature-Trademarks die Double-Lead-Vocals der beiden Gitarristen Sacha Dunable und Dave Timnick zählen.

Von unserem Chefredakteur Götz hochgelobt und der Doom-Szene im Allgemeinen verehrt, stinken MOURNING BELOVETH an derselben Stelle kurze Zeit später dann doch ein bisschen ab. Zu holprig und untight zieht sich zum Abschluss des ersten Festivaltags der Set der irischen Doom-Deather zäh wie Leder und weckt die Sehnsucht nach einem sanftcremigen, frisch gezapften Guinness im Clancy´s um die Ecke, der sich dann auch bald hingegeben wird. (ah)

Freitag

Wo Alan Averill draufsteht, sind Primordial drin. Zu markant ist die Stimme des Frontmanns, als dass er bei seinem neuen Sideproject DREAD SOVEREIGN seine musikalische Homebase verleugnen könnte. Zunächst reagiert die ansehnliche Menge im Het Patronaat beim Livedebüt des Trios (Alan ist neben den Vocals auch für den Bass zuständig) noch ein bisschen verkatert, freundet sich mit zunehmender Spieldauer aber mehr und mehr mit der doomigen Primordial-Version an. Lediglich Alans guter Kumpel Keith von Deströyer 666 kann sich anschließend ein zynisches, nicht ganz ernst gemeintes „Hast du einen Song gesehen, hast du alle gesehen!“ nicht verkneifen.

Es folgt die Fehlentscheidung des Tages. Anstatt die halbe Stunde Umbaupause bis zu Kadavar im Nebengebäude des 013 zu verweilen, lassen wir uns vor der Hauptbühne von DREAM DEATH mit einer unfassbar blutleeren Stehgeiger-Performance zu Tode langweilen, die ihren absoluten Tiefpunkt im amateurhaften Gerumpel von Schlagzeuger Mike Smail findet, der erstaunlicherweise auch nach knapp 30 Jahren bei der Nachfolgeband Penance noch immer hinter den Kesseln sitzt. Bewegung? Null. Ausstrahlung? Null. Ansagen? Null. Zwischen den Songs herrscht im spärlich gefüllten großen Saal Totenstille, und bevor wir wegen Ruhestörung der Halle verwiesen werden, weil Kollege Kaiser das eine oder andere Guinness-Bäuerchen entfleucht, machen wir uns wieder auf den Weg ins Het Patronaat.

Daraus wird aber nichts, denn KADAVAR sind im Vintage-Rock-Bereich zur Zeit der heißeste Scheiß, und so stehen sich bereits eine gute Viertelstunde vor Showbeginn ca. 200 geduldige Roadburner auf der Straße die Beine in den Bauch, weil nur noch tröpfchenweise Einlass gewährt wird, wenn andere Besucher die Halle verlassen. Schade.

Also erst mal kurz im Clancy´s checken, ob Bierleitungen und Zapfhähne noch genauso einwandfrei funktionieren wie am Tag zuvor, und dann lassen wir uns von SABBATH ASSEMBLY die Messe lesen. Das entpuppt sich allerdings als zweischneidige Angelegenheit. Auf der einen Seite sind da sicherlich der wirklich gefällige Hippie-Sound, mit dem die Amis auch auf dem letzten Album „Ye Are Gods“ überzeugten, und der überaus ansehnliche Jex-Thoth-Ersatz Jamie Myers (ex-Hammers-Of-Misfortune) an Bass und Vocals. Eine Spur zu strange wird´s allerdings zwischen den Songs, wenn ein bezopftes Michelin-Männchen (eventuell auch Frauchen) über die besten Kumpels Jesus und Satan fabuliert und anschließend der stocksteif am linken Bühnenrand verweilende Messdiener wieder sein Gesangsbuch aufschlägt, um zwei, drei Zeilen zu den Vocals beizusteuern. Sorry, aber für solche Albernheiten fiel unser bisheriger Aufenthalt im Clancy´s um diese Tageszeit eindeutig zu kurz aus!

Also lieber wieder rüber in die Kirche ohne Messe, da gibt´s Psychedelic-Power-Doom mit Schmackes von WITCH MOUNTAIN, die live deutlich wuchtiger agieren als auf Konserve. Grandios, mit welcher Power und Range die ansonsten vollkommen unprätentiös agierende Sängerin Uta Plotkin hier das Publikum in ihren Bann zieht.

Das schaffen kurze Zeit später auch UNCLE ACID AND THE DEADBEATS im ziemlich vollen 013. Musikalisch erstklassig, rocken die Engländer bei glasklarem Sound absolut selbstsicher, obwohl sie erst vor wenigen Wochen ihr Livedebüt gegeben haben. Auf dem riesigen Videobackdrop gibt´s neben allerlei psychedelischem Gedöns mit Filmchen aus den goldenen Zeiten der Hippie-Ära und des amerikanischen (Alp-)Traums (u.a. Kennedy-Attentat, Manson, Vietnam) die perfekt passende visuelle Unterstützung.

Dumm gelaufen für HEXVESSEL, die nahezu zeitgleich im Het Patronaat antreten. Die letzten 15 Minuten ihres Sets machen allzu deutlich, dass charmant schrullig dargebotener Psychedelic-Folkrock nicht wirklich gegen songwriterische Extraklasse und eine authentische Performance anstinken kann. (ah)

Als kleine Überraschung entpuppen sich LES DISCRETS, deren Post-Ambient-Black-Metal mit Gothic-Einschlag live ziemlich gut funktioniert und druckvoll rübergebracht wird. Gefühlige Menschen kommen bei den Melodien sowieso auf ihre Kosten, Mädchen können Band-Mastermind und Herzensbrecher Fursy Teyssier (was für ein Lockenkopf!) anschmachten - aber Les Discrets können auch laut, wie sie immer wieder mit gezielt gesetzten Lärm-Eruptionen beweisen.

Alte Männer „jot drop“, wie der Rheinländer sagen würde, gibt es bei THE PRETTY THINGS zu sehen. Die Engländer, die in den sechziger Jahren als skandalumwobene Bad Boys des Rock´n´Roll mächtig für Furore sorgten und das Establishment mit ihren rohen und exzessiven Bühnenshows verschreckten, sind auch fast 50 Jahre später noch aktiv. Auf besondere Einladung des Kurators Jus Osborn (Electric Wizard) sind sie für einen besonderen „full-on psychedelic set“ mit extra vielen „acid rock classics“ nach Tilburg gereist. Auf die Idee muss man erst mal kommen. Heute trägt Sänger Phil May ein leuchtend weißes Hemd und Krawatte, Rumba-Rasseln und Tambourin sind schnell zur Hand, und falls das Bühnenlicht doch mal zu grell ausfallen sollte, sitzt die Sonnenbrille fest im Haar. Während über die Leinwand im Hintergrund gelbe und orange Grafiken im typischen Sixties-Stil flimmern, wird auf der Bühne zu Klassikern wie ´L.S.D.´ gejammt, und im Publikum zieht der Joint seine Kreise.

Das ist schon ziemlich peacig, endgültig ins Delirium grooven kann man sich dann bei den psychedelisch angehauchten Doomstern COUGH mit ihren massiv dröhnenden Soundwalzen. Die tönen zum Glück bis in den Vorraum - im Green Room ist nämlich mal wieder kein Durchkommen.

Dann wird es Zeit für den Auftritt von ELECTRIC WIZARD mit Kurator und Frontmann Jus Oborn, der als Gastgeber für den heutigen Tag eine „Electric Acid Orgy“ ausgerufen hatte. Es werden leidenschaftliche, extrem intensive anderthalb Stunden mit den Aushängeschildern des Modern Doom. Bei perfekten Soundbedingungen entwickeln die gigantischen Riffs des britischen Quartetts eine unwiderstehliche Wucht. Die Setlist umfasst sowohl neueres Material als auch Stücke von den Klassikeralben „Come My Fanatics“ und „Dopethrone“, die passenden Bilder flirren über die Leinwand: Es fliegen die Hanfblätter und tanzen die Frauen, die zuerst noch etwas anhaben und - schwups! - dann nicht mehr.

Viel bloßes Fleisch gibt es übrigens den ganzen Tag über auch nebenan im sogenannten Stage01, wo Electric Wizard ihr Faible für Horror und Okkultismus ausleben und mit dem „Electric Grindhouse Cinema“ einen zwölfstündigen Kinomarathon veranstalten. Dafür haben die Film-Freaks in ihren eigenen Archiven gewühlt und eine ganze Reihe Exploitation-Obskuritäten aus den Siebzigern mitgebracht. Das heißt: hinsetzen und Glotze gucken, bis die Augen viereckig sind. Dazu zelebrieren hier und da Gäste wie VOID OV VOICES, NICKLAS BARKER und SHAZZULA das eine oder andere (okkulte) Ritual.

Aber zurück zu Electric Wizard, deren Headliner-Auftritt ein absolut seliges Publikum zurücklässt, und rüber zum Het Patronaat, wo GOAT zum Tanz aufspielen. Die Afro-Psych-Kraut-Voodoo-Combo aus Schweden ist der heiße Scheiß der Stunde, die Schlange vor der Halle wird lang und länger, und drinnen herrscht euphorisch-schwitziger Enthusiasmus. Vom Backdrop aus hat Geißbock Hennes VIII. den besten Blick auf das bunte Treiben auf der Bühne, eine Mischung aus roter Zipfelmütze, blauer Federboa und allerlei Percussion-Instrumenten. Wer´s braucht... (kp)

Samstag

Also, bei aller, ähem, stets vorhandenen Professionalität lässt es sich auf Festivals nicht immer vermeiden, dass man ab und zu an dem einen oder anderen Pilsje nippt, und wenn man am dritten Tag um 13:45 Uhr mit beinahe karnickelroten Äuglein auf die Uhr guckt, ruft man seinem ebenfalls nach langen Nächten müffelnden Nebenmann dementsprechend in der Regel nur selten Sachen ins Ohr wie: „Yippie-ya-yeah, Schweinebacke, jetzt gibt´s musikalisch wieder ordentlich auf die Fresse! Ich möchte ja gar nicht mehr im Bett liegen!“ Weil: Es würde einfach nicht stimmen. Andererseits: In der schräg gegenüber dem 013 angesiedelten Kneipe Cul de Sac spielen die HolländerInnen GOLD quasi noch vor Öffnung der Haupthalle einen mehr oder weniger intimen Showcase fürs - ach Gottchen! - Business, und wenn man deren latent lasziv performenden und immer sicher singenden Frontfrau Milena Eva irgendwie nahe sein kann, ist das gut, denn Milena sieht sehr, nun ja, hübsch aus, um das in diesem Zusammenhang absolut geschmacklose Wort „geil“ zu vermeiden, und die Musik, diesen eigenartigen Metal-Rock mit seiner Signature-Melodieführung, muss man sowieso mögen.

Das Problem: Als Fan gelungener Tonkunst kommt man auch am Berliner Klangkollektiv THE OCEAN nicht vorbei, also schnell rüber ins 013. Zumindest im Vergleich zu später hält sich der Andrang noch in Grenzen, was es einem erlaubt, Robin Staps und seine Mannen auf den Stufen sitzend genauestens zu studieren. Und was man da alles entdeckt! Die instrumental beginnende Band (Sänger Loïc Rossetti stößt erst später dazu) hat nicht nur einen formidablen Sound gemischt bekommen, sondern entpuppt sich tatsächlich mehr denn je als für die Bühne gemachte Zusammenrottung technisch brillanter Musikverrückter, die ihren mal harten und mal zarten, mal verstörenden und mal versöhnenden Postrock/Post-Prog/Postcore mit filmischer Hintergrund-Untermalung zu einem bis ins Detail stimmigen Gesamtkunstwerk ausbaut.

Bei den Franzosen ALCEST steht das Schlagzeug nicht hinten, sondern rechts am Rand, eine nennenswerte Show haben Neige & Co. trotz eines Slots auf der Hauptbühne aber nicht mitgebracht: Die des Öfteren kolportierten Burzum-Einflüsse kann man in den black-metallischeren Parts zwar erahnen, der rotweinschwangere Rest ist zumindest mir aber zu viel selbstreferenzielle Traurigkeit, zu viel „Der kleine Prinz“-Philosophie, zu viel „Zillo“ und „Sonic Seducer“, und ich gehe lieber rüber ins Het Patronaat, in dem THE RUINS OF BEVERAST bei ihrem Exklusiv-Gig auf volles Haus stoßen. Es ist trotz eher mittelhoher Außentemperaturen superheiß, dazu sorgt der beinahe inflationäre Einsatz von (gerne schwarzem) Nebel für Club-Atmosphäre, die der vor allem im Black-Metal-Underground legendären, wegen der livehaftigen Unerfahrenheit trotzdem überraschend sicheren Aachener Band um Tausendsassa Meilenwald ordentlich in die Karten spielt. Wir freuen uns aufs neue Album!

Zwischen 17:10 Uhr und 19 Uhr steht erneut „Räumchen, wechsle dich“ auf der Agenda: Den größten Andrang erzielen dabei nicht die entspannt doom-rockenden VICTOR GRIFFIN´S IN-GRAVED als ordentliches Pentagram-Generikum (nur die cheesigen und auch zu lauten Orgelsounds des Keyboarders nerven), sondern als Roadburn-Konsensband auf der Mainstage die sieben Schweden von CULT OF LUNA, deren Post-Metal von seinen repetitiven, aber nur selten langweiligen Aufbauten genauso lebt wie von einer durchdachten Lightshow und dem Einsatz zweier Drummer, die dem Sound mal synchron, mal individuell mehr Tiefe verleihen und mehr sind als ein bloßes Gimmick, das man „affektiert“ nennen könnte.

Im Het Patronaat lärmen unterdessen die verdienten, 2011 reformierten ANTISECT ihren auch mal crustigen Anarcho-Hardcore-Punk in die Menge: Das eher langsame Material verpufft, bei den schnellen Schoten von anno dazumal bilden sich - beim Roadburn eher ungewöhnlich - aber sogar diverse Pits, und Fäuste schwingen durch die Luft. Ach ja, und wer das Gerödel der Herren eher doof findet, kann immerhin was für seine Bildung tun, denn im Hintergrund werden in bester Agitprop-Manier politische Botschaften eingeblendet, der Inhalt entspricht dabei mehr oder weniger dem klare Kante zeigenden „Still hate Thatcher“-Shirt von Basser Laurence Windle. (bk)

Der Name A FOREST OF STARS lässt bereits einiges vermuten, und tatsächlich setzen die Briten nicht nur auf Fiedeln und Flöten und ganz viel Atmosphäre, sie nehmen die Zuhörer gleichzeitig mit auf eine theatralische Zeitreise in das 19. Jahrhundert. In diesem spielt nämlich ihr aktuelles Album „ A Shadowplay For Yesterdays“, das heute in Gänze angestimmt wird. Black Metal trifft Folk trifft Melancholie trifft Kreischen trifft verträumte Frauenstimme trifft absolut liebevoll gemachte Videos auf der Leinwand.

Der größte Teil der Leute lässt sich allerdings zur selben Zeit mal wieder von HIGH ON FIRE die Rübe durchpusten. Nachdem am Donnerstag das Debüt „The Art Of Self Defense“ im Mittelpunkt stand, konzentriert sich das Stoner-Trio aus dem kalifornischen Oakland heute auf seine aktuelleren, thrashigeren Veröffentlichungen mit räudigen Motörhead-Anleihen. Anlass genug für das Roadburn-Publikum, mal richtig aus sich herauszugehen. Es ist unübersehbar: They all came to bang!

Deutlich okkulter geht es derweil im Green Room bei JESS AND THE ANCIENT ONES zu. Die Finnen mischen seit einiger Zeit den Underground auf und präsentieren sich auf der kleinen Bühne schon deutlich souveräner als noch vor wenigen Wochen in der großen Hamburger Markthalle. Trotzdem mag - bei aller musikalischen Qualität auf Platte - der Funke live noch nicht so recht überspringen. Es fehlt schlichtweg an Ausstrahlung.

Nahtloser Übergang zu DIE KREUZEN, die heute eine Reunion zu feiern hätten, was aber nur eine Handvoll Leute interessiert. Angesichts der gähnenden Leere in der Haupthalle entwickelt man schon Mitleid mit dem Avantgarde-Quartett aus Milwaukee, das sich 1992 auflöste. Obwohl von Butch Vig (Nirvana, Foo Fighters) produziert, blieb der kommerzielle Erfolg damals aus. Dafür gelten sie als Inspiration für etliche große Namen - nicht zu überhören ist beispielsweise, dass sich Voivod bei ihnen bedient haben.

Mit Alcest-Mastermind Neige als diesjähriger „Artist in Residence“ rückte 2013 die emotionale, melodische Seite des Black Metal in den Vordergrund. Nach zweieinhalb Tagen voller Gefühlswallungen tut ein Tritt in den Arsch gut, den man sich zwischendurch bei ASH BORER abholen kann. Episches Songwriting im Old-School-Black-Metal-Gewand funktioniert als furioses, brutales und gleichzeitig höchst atmosphärisches Kontrastprogramm.

Drei Männer, drei Amps, zwei Gitarren, ein Bass und ein Mikrofonständer: Das Bühnen-Setting fällt bei GODFLESH höchst reduziert aus. Das passt zum heutigen Programm. Im Line-up von 1992 mit J.K. Broadrick, G.C. Green und Robert Hampson steht der Meilenstein „Pure“ auf dem Plan, auf dem die Monotonie regiert. Ein Liebhaber-Ding, an dem sich die Geister scheiden. Während die Die-hards in der mäßig gefüllten Halle jeden Ton mitzappeln, mault Herr Kaiser: „Ein Königreich für Saxon!“

Damit kann ich jetzt leider nicht dienen, wohl aber mit einem geschmackvollen todesmetallischen Abschluss für den Abend: ASPHYX spielen im - wie meistens - zum Bersten gefüllten Het Patronaat einen Set unter dem Motto „Doomiest of their Death/Doom“. Und man stellt fest: Mit Klassikern wie ´The Rack´ kann man einfach nichts falsch machen. (kp)

Von Tilburg aus verabschiedeten sich in unbekannte Sphären: Boris Kaiser (bk), Andreas Himmelstein (ah) und Katharina Pfeifle (kp).

Pic: Antony Roberts

Bands:
ASPHYX
ELECTRIC WIZARD
INTRONAUT
GODFLESH
VOID OF VOICES
PRIMORDIAL
MOURNING BELOVETH
Autor:
Katharina Pfeifle
Boris Kaiser
Andreas Himmelstein

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