Festivals & Live Reviews

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ANY GIVEN DAY , LIFE OF AGONY , AMON AMARTH , AUGUST BURNS RED , GRAVEYARD , AIRBOURNE , MACHINE HEAD , CALIBAN , NAPALM DEATH , WOVENWAR - X ROCKFEST 2014

Herford, ein 65.000-Einwohner-Städtchen nord-östlich von Bielefeld erscheint herbstlich grau an diesem Augustmorgen, als das X-Rockfest seine Tore öffnet. Zehn erlesene Bands versüßen an diesem Sonntag den knapp 7000 Besuchern den Wochenendabschluss und die Organisatoren des Festivals erbringen den mehr als gelungenen Beweis, dass nicht Quantität, sondern Qualität zum Erfolg führt.

Erst kurz vor Festivalbeginn gewährt das X-Rockfest Einlass auf das direkt am Herforder Club X befindliche Gelände. Pünktlich um 11 Uhr starten daher vor einem noch recht dünn besetzten, langsam durch die Sicherheitsschleusen tröpfelnden Publikum WOVENWAR aus San Diego. Nach der Verhaftung von As-I-Lay-Dying-Sänger Tim Lambesis, der angeblich einen Auftragsmörder für die Tötung seiner Frau engagiert haben soll, machen die verbliebenen Bandmitglieder seit knapp einem Jahr unter neuem Namen, aber mit altbekanntem Sound weiter. Gut gemacht, aber als Opener bedarf es einer extra Portion Kraft, das Publikum mitzuziehen, was Frontmann Shane Blay doch anzumerken ist.
 
Weiter geht es mit ANY GIVEN DAY, die im September ihr Debütalbum „My Longest Way Home“ veröffentlichen werden. Zwar musiziert hier eine in der aktuellen Formation noch junge Band, die Erfahrung als Musiker aus anderen Projekten merkt man den Gelsenkirchenern jedoch an. Man könnte es als modernen Metal bezeichnen, was die fünf Herren fabrizieren. Irgendwie bekannt, was Melodien und Beats betrifft, gleichzeitig aber mit einer frischen Note, die wohl auch durch das experimentierfreudige Songwriting bestimmt wird. Die Band sollte man im Auge behalten. Live geben die Herren definitiv alles, und das Publikum dankt es mit ersten zaghaften Moshpit-Vesuchen.
 
NAPALM DEATH, irgendwie Punk, irgendwie Death Metal, die bereits seit 1981 weltweite Festivalbühnen erschüttern, übernehmen vor einem sich füllenden Gelände. Mark Greenway schmettert einen Klassiker nach dem anderen, aber auch von der 2012 erschienenen „Utilitarian“ mischen sich einige Tracks in die Setlist. Dem Publikum gefällt's, wobei das gesamte Festival davon geprägt ist, dass hier weniger wilde Sauf-Orgien vor der Bühne gefeiert werden, sondern Musikgenießer in durchweg angenehmer Atmosphäre auf ihre Kosten kommen.
 
Es folgen nach zügiger Umbaupause AUGUST BURNS RED. Die christlich orientierte US-Truppe legt gekonnt ein Breakdown-Ensemble nach dem anderen hin. Nicht wirklich innovativ, aber für Liebhaber der Band sicherlich ein solider und erfreulicher Auftritt, wobei man die Combo auch schon in besserer Form gesehen hat. Vielleicht macht ihnen das für August doch kühle Wetter zu schaffen.
 
Mit GRAVEYARD geht es stilistisch eher wieder zurück zu den Wurzeln der harten Gitarrenmusik. Sphärische und organische Bluesriffs und Hardrock-Elemente geben dem Zuschauer die Möglichkeit, die Gehörgänge ein wenig zu entspannen. Joakim Nilsson ist gesanglich fit, kein Freund von übertriebenen Showeinlagen, geht dafür aber in den Melodien seiner Musik auf und vermag seine Stimmung auf das Publikum zu übertragen.
 
CALIBAN, deutscher stilprägender Metalcore, lockt die etwas jüngeren Zuschauer in die ersten Reihen. Der Sound ist top, Gitarrist Marc Görtz läuft zu Hochtouren auf, und Sänger Andreas Dörner transportiert die Härte der Musik mit jedem Ton.
 
 
Als nächstes betreten den Ring: AIRBOURNE! Einer Band, bei der es anscheinend nur Freund oder Feind gibt, muss man eines lassen: live geben die Australier immer 120%. Zwar wirkt die Show für den aufmerksamen Konzertbesucher teils choreographiert und büßt dafür ein wenig an Authentizität ein. Jedoch kauft man den Herren ab, dass sie das, was sie auf der Bühne abliefern, auch leben. Der Wahnsinn ist Sänger und Gitarrist Joel O’Keeffe ins Gesicht geschrieben, besonders bei seiner beliebten Bierdosen-am-Kopf-zerschmetter-Nummer. Den Fans gefällt's, die Crowdsurfer geben den Security eine sinnvolle Beschäftigung. Zwar wird einem nichts wirklich Neues geboten, aber durch und durch das, was die Fans wollen und lieben.
 
Wie bestellt heult ein tosender Wind auf und erschüttert die Seitenwände der Bühne auf schaurige Weise, als AMON AMARTH samt nebelspuckender Drachenköpfe zum Siegeszug aufmarschieren. Nach der vergleichsweise eher leichten Kost von AIRBOURNE wird es musikalisch härter, basslastiger, das Zwerchfell durchdringender. In der Filmwissenschaft nennt man es einen „Comic Relief“, wenn in einem Horrofilm die ulkige Nebenrolle auftritt, und trotz Grusel und Gemetzel doch noch für Lacher sorgen kann und somit hilft, die dauerhafte körperliche Anspannung kurzzeitig abzubauen. Zwischen all der Härte und nordischen Kälte, die AMON AMARTH sowohl durch Bühnenbild, Aussehen und musikalische Darbietung versprühen, vermag es Frontmann Johan Hegg durch seine durch und durch sympathische und ausgelassene Präsenz ein Bild von übertriebener Selbstinszenierung zu vermeiden, und gibt sich ganz authentisch und publikumsnah. Fast schon kindlich wirkt sein immer wieder vor Freude strahlendes Gesicht und die ihm nie müde werdende Suche nach dem Kontakt zu den Fans. Musikalisch top! Die Band lebt von ihren Live-Darbietungen, erscheint dabei aber nie routiniert geschweige denn langweilig, sondern stets in ihrem Element.
 
Der Ablauf des Wetters spielt weiter der Dramaturgie des Festivals in die Hände. So schüttet es aus Kübeln, als MACHINE HEAD schließlich den durchweg gelungenen Tag seinem Ende entgegen führen. Auffallend ist, dass sich im Vergleich zum AMON AMARTH-Publikum die Reihen ein wenig gelichtet zu haben scheinen. Ob das am Wetter, der vorangeschrittenen Uhrzeit, oder an der Band selbst liegt, ist nicht abzuschätzen. Der Stimmung tut dies aber auch keinen Abbruch. Das klitschnasse Publikum huldigt einem durch und durch gut gelaunten Robert Flynn. Kleine Plastikbecher mit Whiskey (oder war es am Ende doch nur Cola?) wirft er freudig ins Publikum. Der Mann weiß, wie man sich Freunde macht. Musikalisch ist diese Band einfach tadellos. Wie ein Uhrwerk tickt die US-Metal-Maschine symbiotisch auf der Bühne und lässt die letzten Minuten der Herforder X-Rockfest zu einem ganz besonderen Highlight werden.
 
Fazit: Bitte, bitte, bitte mehr von exakt solchen Festivals! Allein die etwas langatmigen Umbaupausen musste man sich mit dem ein oder anderen Bier schön trinken. Ansonsten kurzweilig, gut ausgewählte Bands, tolle Stimmung, entspannter Veranstaltungsort.

Pics: Andreas Heye

Bands:
AMON AMARTH
GRAVEYARD
NAPALM DEATH
MACHINE HEAD
LIFE OF AGONY
AUGUST BURNS RED
AIRBOURNE
WOVENWAR
CALIBAN
ANY GIVEN DAY
Autor:
Kristina Flieger

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