Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 17.12.2014

DOOMOCRACY , EPITAPH , HAMFERD , AVATARIUM , TROUBLE , MOUNT SALEM , KADAVAR , THE RUINS OF BEVERAST , JESS AND THE ANCIENT ONES , SAINT VITUS , ORANGE GOBLIN - Würzburg, Posthalle

Da das legendäre Doom Shall Rise Festival leider 2013 zum letzten Mal stattgefunden hat, ist das Hammer Of Doom endgültig zur wichtigsten Bastion für die metallische Kunst der Langsamkeit geworden. Auch in diesem Jahr lockte ein sehr interessantes Billing, sodass etwa 1.000 Doomköppe nach Würzburg pilgerten.

Die Lokalmatadoren WOLVESPIRIT spielen verkifften Hippie-Rock – ein Eindruck, der noch dadurch verstärkt wird, dass beim zweiten Song ein Spargeltarzan mit freiem Oberkörper, Pumphosen und einer großen Schale voller Räucherwerk auf der Bühne Platz nimmt. Welche Geschmacksnote es auch immer gewesen sein mag, anschließend kann man auf alle Fälle noch besser mitschweben.
Konnten Wolvespirit vermutlich zu Fuß zum Gig kommen, folgt nun die Band mit der weitesten Anreise: REINO ERMITAÑO aus der peruanischen Hauptstadt Lima. Die Combo sorgt für reinrassigen, klassischen Doom, dessen ungewöhnlichstes Element der spanische Gesang von Tania Duarte ist.

Nun soll mit JESS AND THE ANCIENT ONES der „Ist etwa Weibsvolk anwesend?“-Hattrick des ersten Abends vollendet werden. Die barfüßige Frontlady führt, in ihre eigenen Sphären entrückt, durch den Set, und zum Glück ist auch der Sound so hervorragend, dass man die teilweise genialen Gitarrenparts in allen Feinheiten vernimmt. Der okkulte Sergio-Leone-Doom-Rock der Finnen kommt perfekt zur Geltung und zählt zu den Highlights des Festivals. (sg)

Als exklusive „Psalm 9“-Anniversary-Show wird der Auftritt von TROUBLE angekündigt. Leider bringt die Truppe ihr Debütalbum nicht chronologisch und in voller Länge, doch das ist auch schon der einzige Kritikpunkt an dem vollauf gelungenen Auftritt. Ansonsten bietet das Quintett eine feine Setlist, bei der auch die Songs des aktuellen Albums punkten können und man sich mit ´Supernaut´ vor Black Sabbath verneigt. Sänger Kyle Thomas macht einen klasse Eindruck, und auch wenn er nicht die Ausstrahlung von Eric Wagner besitzt, bringt er die alten Nummern mit mehr Herzblut als sein Vor-Vorgänger rüber. Und dann ist da noch das Duo Wartell/Franklin, welches eindrucksvoll demonstriert, dass ihr einzigartiger Gitarrensound – das Trademark der Gruppe – immer noch klappt. Letztlich ist das Erbe der Truppe aus Chicago bei diesem Quintett bestens aufgehoben.

Dass KADAVAR als relative Newcomer Headliner sind, verwundert etwas. Unabhängig davon bieten die Berliner aber einen souveränen Auftritt. Optisch kann man als Mischung aus den Gebrüdern Blattschuss und Insterburg & Co. durchgehen, und wenn ein Drummer an den zottelhaarigen Schlagzeuger aus der Sesamstraße erinnert, dann Christoph Bartelt. Mit Nummern wie ´Doomsday Machine´, ´Black Snake´ und auch dem neuen ´Into The Night´ zeigt das spielfreudige Trio, wie man das Publikum mitreißen kann. (wk)

Mit der nächsten Beauty of Doom startet der zweite Tag. Allerdings sind bei WUCAN deutliche Seventies-Rock-Einflüsse angesagt, ja, man muss gar an Jethro Tull denken, da Sängerin Francis die Anwesenden nicht nur mit ihrem Gesang, sondern auch mit ihrer Querflöte bezirzt. Sie sorgt zudem dafür, dass die Dresdner Combo supersympathisch rüberkommt.

MIST aus Slowenien steigern den Frauenfaktor noch mehr, obgleich man erstmals einen Mann in die Band gebeten hat, nachdem die bisherige Gitarristin Mutter geworden war und die Band verlassen hat. In musikalischer Hinsicht ist der traditionelle Doom aller Ehren wert, und spätestens mit dem Candlemass-Cover ´Bewitched´ spielen sich Mist ohnehin in die Herzen aller Doomer.

Beim „Next Doom-Model“-Wettbewerb stinken DOOMOCRACY natürlich tierisch ab, dafür können die Griechen musikalisch überzeugen. Die Combo geht deutlich härter als die Vorgängerbands zur Sache und kombiniert ihren Sound mit einem epischen Faktor. Lediglich optisch geht man zwischen den Mist-Damen und dem nun folgenden, durchgeknallten Auftritt etwas unter.

Die Show von EPITAPH als theatralisch zu bezeichnen, wäre eine glatte Untertreibung. Sänger Emiliano Cioffi grimassiert und gestikuliert wild hinter einem Ständer mit Kreuz, Grablichtern und einem Totenschädel. Er wirkt mit seinem Stageacting wie der noch durchgeknalltere Bruder von Demon-Frontmann Dave Hill, der als Pendant zu Daves Erfindung, den Badelatschen der NWOBHM, das Unterhemd of Doom trägt: Auf einem Doppelripp-Leibchen (Marke: Fruit Of The Doom) ist das Design vom ersten Epitaph-Demo (plus das Bandlogo auf der Rückseite) aufgedruckt. Dürfte der heißeste Merchartikel 2014 und ein kommender Verkaufsschlager sein...

Bei MOUNT SALEM fallen zunächst zwei halbnackte, schwerst tätowierte Männer auf, die sich ihren Saiteninstrumenten widmen. In der Mitte der Bühne findet man den nächsten Beweis, dass sich Doom und ausgemachte Schönheit sehr gut ergänzen: Zwar steht Sängerin Emily Kopplin sehr häufig hinter dem Keyboard, was showtechnisch natürlich ein Nachteil ist, doch ihr Gesang ist ebenso makellos, wie die sakralen Tastentöne eminent wichtig für die Musik der Combo aus Chicago sind. Musikalisch bislang die beste Band des Tages.

Nach so viel nacktem Fleisch betreten HAMFERD die Bühne in feinem Zwirn. Doch nicht nur Kommunionsanzug, Schlips und Fliege stellen einen deutlichen Kontrast dar, nun ist auch erstmals Doom-Death angesagt. Damit gehen die Mannen von den Färöer-Inseln unter die Haut und sorgen für Abwechslung im Programm.

Extrem geht es mit THE RUINS OF BEVERAST weiter, wo nun noch eine ordentliche Portion Drone und Black Metal hinzukommen. Zwar ist die Nebelmaschine während des gesamten Festivals gut beschäftigt, aber nun sind zwei dieser Geräte nahezu ununterbrochen im Einsatz, so dass die Halle bald aussieht wie ein Sumpf an einem Novemberabend. Dafür werden die Ansagen auf nahezu null runtergeschraubt, und Bandleader Meilenwald überlässt es dem extrem basslastigen Sound, die Message rüberzubringen.

Nach diesem kommunikationsfeindlichen Auftritt stellt AVATARIUM-Sängerin Jennie-Ann Smith die perfekte Antithese dar: Von den Springerstiefeln bis zum Federkragen perfekt durchgestylt, springt sie mit jeder Bewegung und jedem Ton das Publikum förmlich an, sodass man sich ihrer Präsenz unmöglich entziehen kann. Ebenso begrüßenswert ist der Rockfaktor der Band, der die Stimmung kräftig steigen lässt, obwohl Candlemass-Chef Leif Edling fehlt und von Tiamat-Basser Anders Iwers vertreten wird.

ORANGE GOBLIN begleiten seit mehr als einem Monat Saint Vitus auf ihrer „35th Anniversary Tour“, die an diesem Abend ihr Ende findet. Die Schweden sorgen nicht nur für eine Portion Dreck und Stoner-Feeling, man spürt auch zu jeder Sekunde die Live-Routine, wobei Sänger Ben Ward als mächtiger Frontmann im Mittelpunkt der Show steht.

„This is going to be a weird show“, leitet Dave Chandler den Auftritt von SAINT VITUS ein. Die Weichen waren schon einige Tage zuvor gestellt worden: Sänger Wino war in Norwegen mit einem illegalen Pülverchen geschnappt worden, und die Behörden setzten den Saint-Vitus-Frontmann kurzerhand in den nächsten Flieger gen Amiland. Doch die Band entschloss sich, für die restlichen Shows den Gesang zwischen Dave, Drummer Henry Vasquez und Tourmanager John Perez, den wir als Gitarrist von Solitude Aeturnus kennen, aufzuteilen. Außerdem kommt an diesem Abend Gerrit Mutz (Sacred Steel, Dawn Of Winter etc.) als Gastsänger hinzu, der „seine“ beiden Songs so souverän performt, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht. Die deutsche Szene darf wahrlich stolz sein, einen derart außergewöhnlichen Sänger in ihren Reihen zu wissen! Kurz: Saint Vitus schaffen es trotz des Handicaps des fehlenden Sängers, für Doom-Hochgenuss zu sorgen, und unterstreichen damit ihre Ausnahmestellung im Genre. „Saint Weirdus“ stellen somit einen würdigen Abschluss für ein durchweg grandioses Festival dar, doch unterm Strich waren Trouble der wahre Headliner des HOD IX. (sg)

In Würzburg schwangen den Doom-Hammer: Wolfram Küper (wk) und Stefan Glas (sg).

Pic: Sefan Glas

Bands:
JESS AND THE ANCIENT ONES
MOUNT SALEM
EPITAPH
ORANGE GOBLIN
KADAVAR
SAINT VITUS
HAMFERD
AVATARIUM
THE RUINS OF BEVERAST
TROUBLE
DOOMOCRACY
Autor:
Wolfram Küper
Stefan Glas

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