ToneTalk

ToneTalk 24.02.2021, 08:00

THE DEAD DAISIES, BLACK COUNTRY COMMUNION, DEEP PURPLE - »Wenn eine Nummer am Lagerfeuer gespielt zu Tränen rührt, tut sie das auch mit Verzerrung und Drums«

Knapp 70 Jahre jung und mit einer alterslosen Stimme gesegnet: GLENN HUGHES mag ein wenig heiser sein, als er sich prima aufgelegt mit unverwüstlich britischem Akzent aus seiner kalifornischen Wahlheimat meldet, um sich mit uns von seinen derzeitigen Aktivitäten ausgehend über sein allgemeines Selbstverständnis als Bass spielende Rockröhre zu unterhalten. Trällert er aber los, erzeugt sein Organ selbst über Skype gehört Gänsehaut.

Glenn, zu deinem neuesten Projekt The Dead Daisies bist du über deren Manager David Edwards gekommen, der früher auch INXS betreute. Kanntet ihr einander schon im Vorfeld?

»Überhaupt nicht, nein. Wir begegneten uns zum ersten Mal hier in Los Angeles, wo ich schon lange wohne, als ich 2019 anlässlich der jährlichen Musikmesse NAMM in einer der Hallen ein Konzert mit meiner Soloband gab. Ein gemeinsamer Bekannter schrieb mir eine SMS, von wegen Dave würde mich gerne sprechen. Er erzählte mir daraufhin einige Interna der Band, die nicht an die Öffentlichkeit dringen durften, doch es lief darauf hinaus, dass ich als Bassist und Sänger einsteigen sollte. Wir sind dann gemeinsam zu Gitarrist und Bandchef David Lowy geflogen, mit dem ich mich sofort gut verstanden habe. Bald darauf kamen alle Mitglieder mit mir am Sunset Boulevard zum Essen zusammen, später ging´s zum Jammen nach New York, was ein selten intuitives Erlebnis für mich war, eine sehr fruchtbare Session. Wir harmonierten prächtig miteinander, also sprach für mich nichts dagegen, es mit den Jungs zu probieren. Das erste Stück, das ich kurze Zeit später für die Daisies geschrieben habe, war der Titelsong von „Holy Ground“ der das Album nun auch eröffnet. Wir sind bei euch in Deutschland übrigens auf Platz sechs der Charts eingestiegen, ist das nicht Wahnsinn?«

Es bestätigt, dass du immer noch eine Marke bist und es mit etlichen Jungspunden aufnehmen kannst. Überhaupt hast du dich immer gern mit Musikern aus nachgewachsenen Generationen umgeben, vor allem Gitarristen. Wie würdest du deine aktuellen Partner mit Marc Bonilla und Joakim „JJ“ Marsh vergleichen, die dich über lange Phasen deiner Solokarriere hinweg begleitet haben?

»Mit Marc habe ich ja 1996 „Addiction“ gemacht, meine damals erste rockige Platte seit längerer Zeit und eine sehr persönliche Angelegenheit, weil ich mich darauf mit meiner Drogenabhängigkeit auseinandersetzte. Dementsprechend düster klang das Material, und er hatte einen Alternative-Einschlag in seinem Spiel, den man nicht richtig mit JJs Stil, geschweige dem der Daisies Doug Aldrich und David vergleichen kann. Jedenfalls passte die Platte prima zu der Zeit, in der sie entstand, auch wenn die Fans nur mit einiger Verzögerung darauf angesprungen sind. Das Wichtigste bei alledem ist aber, dass ich von jeher ein gutes Gespür dafür habe, Gitarristen bei dem, was sie tun, richtig glänzen zu lassen; ich komponiere Lieder, von denen ich weiß, dass sie darin aufblühen. Stell mal ´Saving Grace´, ´Far Away´ und ´My Fate´ von „Holy Ground“ älteren Daisies-Nummern gegenüber, dann verstehst du, was ich meine (singt unverständlich los).«

Wie schreibst du überhaupt? Schließlich bist du in erster Linie als Sänger und dann auch als Bassist bekannt.

»Ich summe nicht irgendwelche Melodien oder zupfe auf vier Saiten vor mich hin (lacht). So gut wie alles, was ich je geschrieben habe, entstand auf Akustikgitarren, egal wie heavy es schließlich im Studio und auf Platte klang. Für mich ist es wichtig, die Noten einzeln herauszuhören, um ein Feeling für die Stimmung eines Songs zu bekommen, und hinter diesem Instrument kannst du dich auch nicht verstecken, denn Fehler und Nebengeräusche fallen genauso deutlich auf wie emotionale Unaufrichtigkeit. Wenn eine Nummer am Lagerfeuer gespielt zu Tränen rührt, tut sie das auch mit Verzerrung und Drums, diese alte Binsenweisheit stimmt wirklich. Die Tatsache, dass Paul McCartney und John Lennon die meisten Beatles-Hits auf genau diese Art zustande gebracht haben, dürfte zur Bestätigung reichen.«

Und wie sieht es mit Schlagzeugern aus? Du musst schließlich mit ihnen und deinen tiefen Tönen eine Brücke zur melodischen Komponente der Musik schlagen.

»Ja, und deshalb ist eine punktgenau aufeinander eingespielte Rhythmusgruppe unerlässlich für jede Band. Ich fühle mich geehrt, mit der Zeit an der Seite so vieler toller Drummer gestanden zu haben; ich meine, Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers, John Bonham (Led Zeppelin – as) und nun auch noch sein Sohn Jason (Black Country Communion – as), besser geht´s nicht, oder? Das ist für mich die heilige Dreifaltigkeit der Rockschlagzeuger, aber auch wenn ich mit anderen spiele, halte ich eine Sache für ausschlaggebend: welche Töne ich spiele beziehungsweise auslasse. Weniger bedeutet meistens mehr.«

Stößt du eigentlich nach all den Jahren noch auf Koordinationsschwierigkeiten, wenn du gleichzeitig singen und spielen musst?

»Sobald ich Musik bekomme, an der ich mich selbst beteiligen soll, höre ich im Kopf automatisch, was ich dazu spielen könnte. Außerdem würde ich mich einen Live-Bassisten nennen, was bedeutet, dass ich mich nicht zu Hause auf den Hosenboden setze und stumpf irgendwelche Übungen abspule. Privat nehme ich alle möglichen Instrumente zur Hand, um neue Ideen zu entwickeln, doch ansonsten steht für mich nur der Bass zur Debatte, weil er repräsentiert, was ich bin. Auf der Bühne werde ich eins mit ihm, und das ist eine besondere Beziehung, die ich schon früh erkannt habe. Nimm mal McCartney oder auch Sting: Wenn man sie irgendwo mit einer Gitarre sieht, geht das zwar okay, fühlt sich aber irgendwie nicht richtig an, weil sie sich über den Bass definiert haben. Mir geht es genauso. Ich stoße also nicht auf Probleme; die Linien fallen mir wie von selbst zu und sind schnell um die Stimme herum arrangiert. ´Like No Other´ von den Daisies ist ein gutes Beispiel für diese natürliche Entwicklung meiner Grooves.«

Bist du also nur notgedrungen Sänger geworden?

»Ob du´s glaubst oder nicht: ja. Bei meiner ersten Band Finders Keepers in den Sechzigern war ich zunächst eher ein Backgroundsänger, und alles hatte mit Gitarren begonnen, die aber zu jener Zeit so viele junge Musiker spielten, dass dieser Posten bei den meisten Combos schon besetzt war. Ich verlagerte mich also auf die dicken Saiten, und so ungefähr mit 18 meinten Leute immer häufiger: „Weißt du was, Glenn? Du hast eine schöne Stimme, daraus solltest du mehr machen.“ Dem leistete ich dann auch Folge, und heute kennen mich die Meisten als Leadsänger. Damit muss ich leben, auch wenn ich mich stärker mit dem Bass identifiziere. Das ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass ich mir das Mikrofon gern mit anderen teile. Als ich zu Deep Purple gehörte, hielten mich einige Fans für David Coverdales Nebenmann, weil er im Gegensatz zu mir kein Instrument spielte, doch die Band sah uns als ebenbürtige Frontleute. So oder so ist mir gemeinsames Singen mit anderen lieber als solo.«

Rührt das vielleicht auch daher, dass du von Anfang an einen Hang zu Funk und Soul hattest, wo Satzgesang ein gängiges Stilmittel ist?

»Ganz bestimmt. Ich wuchs mit den Beatles auf, doch als ich die Acts des US-Labels Motown kennenlernte, veränderte das alles. Wenn du Sachen wie die Isley Borthers, Four Tops und Marvin Gaye mit Lennon, McCartney und Jimi Hendrix in einen Topf wirfst, hast du Glenn Hughes. Damals wurde ich noch schief angeschaut, weil man noch stärker auf die Trennung sogenannter „schwarzer“ und „weißer“ Musik achtete, doch das spielte keine Rolle für mich. Mit der Zeit hat es sich bewährt, wenn aufstrebende Künstler zu ihren Wurzeln stehen, denn nur so schafft man etwas Eigenständiges. Jeder Mensch ist anders, und während meine Freunde Paul Rodgers (Free, Bad Company – as) oder Robert Plant (Led Zeppelin – as) vom Blues kamen, hatte ich eben einen Narren an „black music“ gefressen. Daraus wurde dann das, was ich gern als Soul Rock bezeichne.«

Was bedeuten gute Texte für einen Song?

»Alles. Ehe ich vor etwa 30 Jahren clean wurde, hatte ich viel banales Zeug geschrieben, doch mit dem Vorsatz, insgesamt ein besserer Mensch zu werden, nahm auch mein Ehrgeiz als Lyriker zu. Wenn du heute ein Lied von mir hörst, dreht es sich entweder um Glauben, Freundschaft oder die Überwindung von Hürden und Ängsten. Ich will der Welt etwas Positives schenken, nachdem sie mir so viel gegeben hat und sehr gnädig mit mir umgesprungen ist, denn ich war eine Zeitlang alles andere als ein Heiliger. Mittlerweile geht es mir wie Bob Dylan: Ich kann Songs mit schlechten Texten nicht ertragen, selbst wenn sie musikalisch noch so gut sind.«

Wie unterscheidest du, welche deiner Ideen für welches Projekt genutzt werden?

»Ich spiele nur noch in Konstellationen, die ich genau kenne. Sämtliche Stücke sind dann genau auf sie zugeschnitten, da ordne ich mich stets der Mannschaft und unserer gemeinsamen Sache unter. Daneben produziere ich ja mehr oder weniger regelmäßig Soloalben, die für mich alle Experimente sind, sowohl in stilistischer als auch persönlicher Hinsicht, um mich selbst besser zu verstehen. Darum klingen auch keine zwei Platten gleich, die unter meinem Namen erschienen sind.«

Es heißt, man könne das Grooven nicht lernen. Was sagst du dazu?

»Klar, manche haben das im Blut, aber dir ist viel geholfen, wenn du Funk abgöttisch liebst wie ich. Nachdem ich die wegweisenden Drummer in diesem Stil studiert und in Detroit mit etlichen zusammen gejammt habe, denke ich, dass ich nicht die schlechteste Figur abgebe (lacht). Nüchtern betrachtet geht es ja am Ende des Tages um synkopische Rhythmen, die sich aufschreiben lassen.«

Genauso wenig Magie steckt hinter Equipment: Was spielt Glenn Hughes dieser Tage?

»Orange-Verstärker, auch weil der Firmenboss Cliff Cooper einer meiner besten Freunde ist. Bei Purple nutzte ich Röhren-Amps von Hiwatt, die meinen Vorstellungen vom perfekten Basssound schon recht nahekamen, doch was ich derzeit hier stehen habe, ist das Optimum. Wir arbeiten gerade auch an einem Signature-Modell. Was Instrumente angeht, verlasse ich mich nach wie vor auf einen alten Fender Precision Bass und einen Bill Nash Jazz.«

Wie erklärst du dir, dass immer noch viele jüngere Musiker mit dir arbeiten möchten?

»Na ja, ich muss trotz all meiner Fehltritte doch etwas richtig gemacht haben (lacht). Aber im Ernst: Ich denke einfach, diese Typen erkennen, dass ich offen für Neues bin - und wenn sie dann noch bemerken, dass sie mich wegen meines Alters nicht zu schonen brauchen, freut mich das umso mehr. Wenn ich nämlich eines nicht will, dann als Greis betrachtet zu werden.«

www.glennhughes.com

www.facebook.com/glennhughesonline


DISKOGRAFIE (nur Studio)

SOLO

Play Me Out (1977)

L.A. Blues Authority Volume II: Glenn Hughes – Blues (1992)

From Now On… (1994)

Feel (1995)

Addiction (1996)

The Way It Is (1999)

Return Of Crystal Karma (2000)

A Soulful Christmas (2000)

Building The Machine (2001)

Songs In The Key Of Rock (2003)

Soul Mover (2005)

Music For The Divine (2006)

First Underground Nuclear Kitchen (2008)

Resonate (2016)

mit TRAPEZE

Trapeze (1970)

Medusa (1970)

You Are The Music… We´re Just The Band (1970)

mit DEEP PURPLE

Burn (1974)

Stormbringer (1974)

Come Taste The Band (1975)

mit PHENOMENA

Phenomena (1985)

Phenomena II: Dream Runner (1987)

Psychofantasy (2006)

mit BLACK COUNTRY COMMUNION

Black Country (2010)

2 (2011)

Afterglow (2012)

BCCIV (2017)

mit THE DEAD DAISIES

The Lockdown Sessions (EP, 2020)

Holy Ground (2021)

sonstige (Auswahl)

BLACK SABBATH – Seventh Star (1986)

HUGHES TURNER PROJECT – HTP (2002)

HUGHES TURNER PROJECT – HTP2 (2003)

IOMMI – The 1996 DEP Sessions (2004)

IOMMI – Fused (2005)

Bands:
THE DEAD DAISIES
BLACK COUNTRY COMMUNION
DEEP PURPLE
Autor:
Andreas Schiffmann

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