ToneTalk


Foto: Jessy Lotti

ToneTalk 25.09.2019, 08:00

SAINT VITUS - »Warum muss da eine Batterie rein?«

SAINT VITUS-Mastermind und Nebenberufs-Waldschrat Dave Chandler gehört mit seinem charakteristischen hohlwangigen Friedhofs-Sound und skurril-manischen Spielstil zu den unverwechselbaren Gitarristen der Szene. Wir entlockten dem Stirnband-Enthusiasten einige seiner Klang-Geheimnisse und die eine oder andere witzige Anekdote aus über 40 Jahren Bandgeschichte.

Dave, welches Erlebnis hat das Feuer des Rock´n´Roll in dir entfacht?

»Das waren die Monkeys. Als ich klein war, erlebte ich die Beatles in der „Ed Sullivan Show“, das war schon ein „Wow!“-Effekt. Aber als ich die Monkeys sah, wollte ich sein wie sie.«

Also vollführte der kleine Dave seinen ersten Veitstanz zu ´Last Train To Clarksville´?

»Hahaha, nein, das war zu ´Let´s Dance On´. Die Nummer war für damalige Verhältnisse superschnell. Zum Hardrock bekehrte mich schließlich die Alice Cooper Band. Ab da wollte ich auch in einer so absonderlichen Truppe spielen, bei der sich die Leute fragen: „Was ist das denn jetzt?“«

Der Plan ist voll und ganz aufgegangen. Du bist jetzt 61, das heißt, deine Teenagerjahre fielen in die goldene Ära des Hardrock.

»Die siebziger Jahre waren musikalisch gesehen die beste Zeit in Amerika. Ich sage das nicht, weil ich damals jung war, sondern weil die Vielfalt einfach unglaublich war. Du konntest dir an einem Tag Yes anschauen, am nächsten Black Sabbath und am übernächsten Ted Nugent, Pink Floyd, die Outlaws. Es gab so viele unterschiedliche Bands, die aber alle megaerfolgreich waren. Dann kam Punkrock und setzte noch einen drauf.«

Du hast aber mal gesagt, du und Mark Adams hättet, als ihr Ende der Siebziger angefangen habt, was anderes machen wollen als das angesagte Zeug – und das waren doch wohl Stadion-Rock und Punk.

»Als Mark und ich 1978 zusammen die ersten Songs schrieben, haben die Punk- und Hair-Bands noch nicht stattgefunden. Wir wollten einfach unseren Lieblingsbands nacheifern. Er stand auf Lynyrd Skynyrd, ich auf Judas Priest, das wollten wir verbinden. Als wir dann anfingen, live zu spielen, ging die Rock´n´Roll-Szene in L.A. gerade den Bach runter. Plötzlich hatten wir David Lee Roth ohne Arsch in der Hose und Eddie Van Halen mit Socken wie Ronald McDonald. Nichts gegen seine musikalischen Fähigkeiten – er wird immer einer der größten Gitarristen aller Zeiten bleiben –, aber das ist doch nicht cool! Solchen Müll wollten wir nicht spielen. und wie Frauen wollten wir auch nicht aussehen.«

Aber du musst zugeben, dass David Lee Roth ein ziemlich unterhaltsamer Typ ist.

»Henry Rollins hat mal zu mir gesagt, dass David und ich uns prima verstehen würden. Er meinte: „Der ist ein völliger Spinner – genau wie du!“, hahaha!«

Zurück zur musikalischen Ausrichtung von SAINT VITUS: Ihr klangt auch in euren Anfangstagen weder nach Lynyrd Skynyrd noch nach Judas Priest.

»Nein. Aber du musst wissen, zu Beginn spielten Mark und ich beide Gitarre. Ich wollte den Lärm-Part übernehmen, während er für die artikulierteren Passagen zuständig war. Wir wollten dieses Doppel-Leadgitarren-Ding durchziehen, das sowohl Priest als auch Skynyrd machten. Im Endeffekt klangen Vitus dann aber doch ganz anders.«

Hinsichtlich der Lyrics und der Simplizität der Musik könnte man von sehr, sehr langsam gespieltem Punk sprechen.

»Punk hat den Sound von SAINT VITUS komplett verändert. Diese Typen hatten kurze Haare und spielten schneller, aber sie hatten dieselbe Ethik wie wir. Sie zeigten uns, dass man auch ohne überragende Fähigkeiten tolle Musik machen konnte, wenn man es mit Überzeugung tat. Ohne die Sex Pistols, The Damned oder Black Flag gäbe es SAINT VITUS in der heutigen Form nicht.«

Es heißt, Punkbands, die in Los Angeles Station machten, hätten euch gerne als Vorband gebucht. Die Punk-Kids sollen euch so scheiße gefunden haben, dass sie beim Hauptact dann richtig aufgeheizt waren.

»Das war sogar der Hauptgrund, warum SST Records uns unter Vertrag genommen haben. Sie wollten in den Heavy-Metal-Bereich vordringen, wussten aber nicht, wie. Als sie uns sahen, dachten sie: „Das wird die Leute richtig anpissen!“ Die folgenden zwei Jahre waren ein Spießrutenlauf für uns: Wir wurden angespuckt, mit Stühlen und Flaschen voller Pisse beworfen, aber dann hatten wir die Leute überzeugt. Sie wussten zu schätzen, dass uns ebenfalls alles scheißegal war. Es war wie ein Initiationsritus. Wenn uns bei Shows danach noch einer anmachte, bekam er von den Punkrockern richtig Feuer.«

Soweit ich weiß, bekamst du deine erste Gitarre von deinen Eltern geschenkt – eine Gibson SG. Du bist diesem Modell immer treu geblieben.

»Nicht ganz. Als ich begann, mehr und mehr Tremolo einzusetzen, musste ich wechseln. Man kann an die SG kein Tremolo montieren, weil der Korpus zu dünn ist. Weder das von einer Strat kann man verwenden noch ein Floyd Rose. Wenn man den Korpus anbohrt, bricht er. Also muss man eines verwenden, was obendrauf sitzt, ein Kahler zum Beispiel. Aber bei meiner Spielweise muss man das nach einem Jahr austauschen, weil die Gitarre sich nicht mehr stimmen lässt. Deshalb spiele ich jetzt eine Schecter in Flying-V-Optik. Die Gibson SG nehme ich nicht mehr mit auf Tour. Das ist meine Old Lady, und ich möchte nicht, dass sie gestört wird. Ich habe noch eine billige Dean als Backup, falls mir eine Saite reißt. Die verstimmt sich auch ganz gerne, aber nicht allzu sehr.«

Hast du darüber hinaus noch Gitarren?

»Ich habe noch eine schwarze SG und eine mit gebrochenem Hals, die muss ich mal reparieren lassen.«

Du bist also kein Sammler?

»Das kann ich mir nicht leisten. Klar würde ich gerne das eine oder andere Modell ausprobieren. Zum Beispiel diese neue Les Paul, die über ein Floyd Rose verfügt. Das wäre supercool.«

Verwendest du die SG noch im Studio?

»Nein, die bleibt schön zu Hause im Koffer.«

Dein anderes Markenzeichen ist dein Stirnband. Wie ist es dazu gekommen?

»Ich mag es einfach nicht, wenn mir die Haare ins Gesicht hängen. Ich hasse das, besonders beim Singen. Zuerst habe ich es mit so einem Lederbändchen versucht, wie Ted Nugent. Das sah aber bescheuert aus. Außerdem hatte ich danach immer einen roten Strich auf der Stirn, absolut lächerlich. Ich musste also was anderes probieren. In den frühen Punkrock-Tagen hatte jede Band in Los Angeles ihre eigenen Bandanas in einer bestimmten Farbe. Die Fans trugen sie am Stiefel oder am Handgelenk. Agent Orange hatten orangene, Black Flag schwarze, die Circle Jerks gelbe, Fear hatten weiße, glaube ich, Redd Cross rote und die Germs blaue. Ich dachte: „Das brauchen wir auch für SAINT VITUS.“ Ich wählte Dunkelgrün. Es stellte sich aber heraus, dass die Farbe schon von ein paar ziemlich üblen Typen beansprucht wurde, die nichts mit Musik am Hut hatten. Wie dem auch sei, ich nahm eines Tages das Bandana von meinem Stiefel und band damit mein Haar zurück. Das funktionierte prima und saugte auch noch gut den Schweiß auf. Früher trug ich es auch im Alltag, heute lege ich es an, bevor wir auf die Bühne gehen. Es ist wie ein Ritual.«

Wie bei „Rambo II“?!

»Hahaha, ja, genauso ist es. Dann wird aus Dave Chandler Dave Vitus.«

In New Orleans haben farbige Bandanas noch eine andere Bedeutung.

»Oh ja, in New Orleans gehe ich mit Bandana deshalb überhaupt nirgends hin. Wenn du zum Beispiel ein gelbes Bandana trägst, bedeutet das in der Schwulenszene, dass du auf Natursekt stehst. Eine andere Farbe bedeutet, dass du gerne in den Arsch gefickt werden möchtest, und Weiß, dass du für alles zu haben bist, hahaha.«

Zurück zur Gitarre: Wie würdest du deinen Spielstil definieren, und wie hat er sich entwickelt?

»Wir wollten so düster klingen wie Black Sabbath, aber wir wussten nicht, dass die ihre Gitarren runtergestimmt hatten. Wir haben nur einen Halbton runtergestimmt, als Wino in die Band kam, weil er beim Singen Schwierigkeiten mit den hohen Passagen hatte. Ich habe ein paar kleine Geheimnisse, die ich nicht verrate. Aber ich stelle bei meinem Amp mehr Tiefen als Höhen ein. Außerdem schalte ich nie die Presence ein. Wenn ich ein bisschen mehr Crunch haben will, drehe ich auch mal die Mitten und die Höhen rein – aber nur ein kleines bisschen. Das hängt auch davon ab, welche Gitarre ich benutze. Die SG zum Beispiel wird mit jedem Setting fertig. Für die Leads benutze ich das Wah-Wah, sonst heben sie sich nicht ab. Mit der Schecter geht es allerdings auch ohne.«

Aber du benutzt das Wah-Wah doch auch aus Effektgründen, oder?

»Ja, die ganze Zeit, wenn ich diese schnellen Leads spiele. Ich schlage dabei alle Noten an. Die Seite einmal anschlagen und dann die Finger aufspringen lassen, wie es sonst üblich ist, damit komme ich nicht klar. Viele finden den Klang komisch, aber es ist eben mein Ding. Es klingt fett und laut. Ich mag es, laut zu sein.«

Du bist eher der Soundtyp, nicht so der Techniker, oder?

»Ich mache, was ich hören will. Mit Spieltechnik habe ich nichts am Hut. Ich bin kein ausgebildeter Musiker. Ich habe zwar mal Stunden genommen, aber der Lehrer meinte: „Ich kann dir eigentlich nichts mehr beibringen, weil du nicht den klassisch-technischen Stil spielen willst. Du kennst die Noten, du weißt, wie man eine Gitarre stimmt, und den Kram, den du magst, kannst du spielen. Verbring deine Zeit lieber im Proberaum.“ Also habe ich weiter mit den Songbüchern von Led Zeppelin und Black Sabbath geübt. Noten lesen hatte ich in der Schule gelernt. Ich habe im Orchester Kornett gespielt, da brauchte man das. Trotzdem bin ich kein guter Musiker im spieltechnischen Sinne, aber ich kenne meine Grenzen und habe mich daran angepasst. Ich mache mein Ding, und das klingt okay. Wenn ich versuchen würde, wie Tony Iommi oder Uli Jon Roth zu spielen, würde es sich einfach nur scheiße anhören. Deswegen spielen wir auch nie Coversongs.«

Aber bei ´Thirsty And Miserable´ hat es doch ganz gut funktioniert.

»Das ist was anderes. Das ist ein Punkrock Song, da passt mein Stil. Wir haben es nur langsamer gespielt. Das ist übrigens eine lustige Geschichte: Es gibt wenige offizielle Coverversionen von Black-Flag-Songs, weil Greg Ginn das nicht erlaubt. ´Thirsty And Miserable´ hat aber Dez Cadena geschrieben, und der fand die Idee super, Greg hatte also nichts zu melden. Henry Rollins findet unsere Version auch klasse – vielleicht auch nur, um Greg zu ärgern, der, wie jeder weiß, ein ziemliches Arschloch ist.«

Was kannst du uns über dein Setup sagen?

»Über meinen Amp haben wir schon gesprochen, mehr verrate ich da nicht. An Effekten habe ich den Electro-Harmonix Deluxe Electric Mistress Flanger und den Electro-Harmonix Big Muff, beide in ihren Kompaktversionen, das ist auf Tour angenehmer. Ich mag Electro-Harmonix. Wenn man den Volume-Regler an der Gitarre heruntergedreht hat und aufs Pedal tritt, gibt es eine Menge Lärm. Heute wollen die Kids keine Pedalgeräusche, wenn sie keine Saite angeschlagen haben. Ich mag das „Wiiiaaaaooouuuu“ vom Flanger und das „Chhhrrrrrrrrchrrr“ vom Verzerrer. Das Gekreische am Anfang von ´Saint Vitus´ kommt vom Fuzz. Außerdem benutze ich stets ein Dunlop Cry Baby Wah-Wah. Das ist zwar berüchtigt für seine Anfälligkeit, aber ich manipuliere es. Ein Freund von mir, dessen Namen ich nicht nennen werde, hat mir gezeigt, wie man es aufrüstet. Aber wie man das macht, werde ich für mich behalten. Das ist mein großes Geheimnis.«

Mehr Effekte benutzt du nicht?

»Nein, drei Pedale, das war´s. Ich benutze auch keinen Tuner. Wenn meine Gitarre verstimmt ist, lasse ich mir vom Bassisten ein A geben und stimme nach Gehör. Die Schecter verstimmt sich ohnehin kaum. Deswegen wollte ich mir noch zwei kaufen, aber jetzt haben sie die Flying V aus dem Programm genommen. Übrigens habe ich Gibson Humbucker Pickups eingebaut. Standardmäßig sind Seymour Duncan Pickups drin. Die sind supergut, aber aktiv. Du brauchst also eine Batterie. Das ist total bescheuert, weil du nie weißt, wann sie den Geist aufgibt. Das kann dir mitten in der Show passieren. Ich hasse das. Ich wusste gar nicht, dass es so was gibt. Wir waren am Proben, und plötzlich verreckt mir die Gitarre. Wino meinte: „Deine Batterie ist alle.“ Ich erwiderte: „Von was redest du da?“ Er: „Dreh die Gitarre um. Siehst du? Da kommt die Batterie rein.“ Ich: „Warum zur Hölle muss da eine Batterie rein?“ Aktive Pickups, was für ein Schwachsinn!«

www.saintvitusband.com

www.facebook.com/saintvitusofficial

Bands:
SAINT VITUS
Autor:
Felix Mescoli

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.