Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 21.09.2011

AVANTASIA , OZZY OSBOURNE , JUDAS PRIEST - WACKEN 2011

Auch die 22. Auflage des Wacken Open Air war lange im Vorfeld ausverkauft. Weitgehend gutes Wetter und ein solides Billing konnten auch dieses Jahr nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Festival immer mehr zum Metal-Volksfest wird, das ein entsprechendes Publikum anzieht.

Donnerstag

Donnerstagmittag, A23, Armageddon. Wir versuchen, im infernalischen Regen das Ausfahrtsschild nach Wacken zu finden, Kollege Bittner starrt angestrengt durch den Wasserfall, und Fotograf Friso Gentsch kaut panisch an den Fingernägeln, denn er hat nur Sneaker im Gepäck. Wird das 22. Wacken Open Air eher ein Glastonbury? Es klart etwas auf, aber Friso kauft trotzdem formschöne, teure Gummitreter (mit Stahlkappe!). Wir stehen eine gefühlte Ewigkeit an der Bändchenausgabe an, betreten das Festival, und die Sonne fängt für die Verhältnisse dieses Sommers bestialisch an zu brezeln.

Mit schwitzigen Gummistiefel-Füßen erkunden wir das Gelände, das in jedem Jahr mehr zum seltsamen Hybriden zwischen Metalfestival, Rollenspiel-Convention und Volksfest mutiert. Leider schaffen wir es nicht rechtzeitig zu KVELERTAK ins „Bullhead City“-Zelt, erleben aber immerhin noch die letzten Minuten der Wacken-Eröffnungs-Allstar-Band SKYLINE, die auch in diesem Jahr Wacken-Hymnen mit Doro Pesch und Udo Dirkschneider darbietet. Der Comedian, der danach die Bühne entert, wird von Puristen seit dem letztjährigen Summer Breeze kritisch beäugt. Die Kritiker scheinen sich aber fern oder bedeckt zu halten, denn der bekennende Metalhead BÜLENT CEYLAN bespaßt ein größtenteils äußerst enthusiastisches Publikum. Sein Auftritt wirkt etwas unkoordiniert, und er reproduziert wie immer vorwiegend Klischees, aber das scheint niemanden zu stören. Im Gegenteil, seine „Wacken!“-Rufe und eine klare Ansage in Bezug auf die deutsche Kollektivschuld kommen gut an. Dass nun ausgerechnet zwei Jungs im FREI.WILD-T-Shirt neben mir „Verpiss dich endlich, du Scheißtürke!“ brüllen, verbuche ich mal großzügig als wirklich unglücklichen Zufall, denn die Tiroler spielen im Folgenden einen unauffälligen, schnellen Set, was vielleicht aber auch daran liegt, dass man die genuschelten Ansagen oft nicht versteht. Mit den Plattitüden, die Songs wie ´Land der Vollidioten´ und ´Frei.Wild´ zugrunde liegen, werde ich wohl nie warm, aber musikalisch geht der Auftritt stark vorwärts, enthält alle Hits und wird vom Publikum abgefeiert und mitgegrölt.

Das Ärgernis beginnt danach und hört überraschenderweise auf den Namen HELLOWEEN. Die Band startet unglücklich in ihren Set, fällt doch zu Beginn mehrfach der Strom aus. Wie gewohnt, ist der Auftritt sehr „Keeper Of The Seven Keys“-lastig, wobei einige Songs in Form eines Medleys ansprechend zusammengestellt sind. Fronter Andi Deris führt im folgenden ´Future World´ nicht nur gesanglich zur Schlachtbank, er irritiert die Zuschauer vor allem, indem er Schlagzeuger Daniel Loeble im übertrieben langen Mitsingpart äußerst redundant als „kleines schwules Arschloch“ beschimpft. Dementsprechend werden die „We all live in Future World“-Chantings um mich herum immer verhaltener, und der Auftritt hat während der noch folgenden Klassiker ´Dr. Stein´ und ´I Want Out´ einen äußerst faden Beigeschmack.

Nach der traurigen Erkenntnis, dass man das zum Teil vernünftige Essen des letzten Jahres komplett durch Frittiertes, Totes und frittiertes Totes ersetzt hat, stehen BLIND GUARDIAN auf der Black Stage auf dem Programm. Der Abend kann nur besser werden, und tatsächlich: Er wird es. Hansi Kürsch und seine Jungs sind hochmotiviert und starten mit ´Sacred Worlds´ in ein starkes und unterhaltsames Programm. Kürsch ist der sympathische Kontrapunkt zu Deris. Er freut sich sichtlich, auf der Bühne zu stehen, und hat das Publikum souverän im Griff. Die Krefelder überzeugen mit Klassikern wie ´Imaginations From The Other Side´, ´Traveler In Time´ oder ´Welcome To Dying´, kurzen, knackigen Ansagen und der aufrichtigen Dankbarkeit gegenüber den Fans, die frenetisch mitgrölen. Damit sind Blind Guardian aus Publikumssicht der heimliche Headliner des Abends - und das, obwohl nach der Umbaupause der „motherfucking prince of motherfucking darkness“ zur Audienz bittet.

OZZY OSBOURNE ist stimmgewaltig und seine Band in Topform, allerdings zündet der Funke zumindest in meiner Umgebung nicht. Das mag verschiedene Gründe haben. Der wichtigste ist wohl, dass viele junge Metaller Ozzy - trotz diverser Black-Sabbath-Titel wie ´War Pigs´ und ´Paranoid´ - scheinbar nur noch aus seiner Reality-Show kennen. Unvorstellbar? Bei ´Iron Man´ ruft der Typ neben mir „Ey, haben die etwa den Soundtrack gemacht? Der Film war echt cool!“, und textsicher ist kaum einer in meiner Nähe. Die daraus resultierende verhaltene Skepsis ist angesichts der Spielfreude und des großartigen Posertums der gesamten Band allerdings ungerechtfertigt. Gus G. post vor seinem Ventilator nicht nur obercool rum, sondern überzeugt auch musikalisch auf ganzer Linie. Die Soli von ihm und Schlagzeuger Tommy Clufetos (der einen verdammten Oktopus in seiner Ahnengalerie haben muss) sorgen für andächtige Mienen und verhelfen Ozzy zu einer Viertelstunde Pause. Tatsächlich verraten nur die Pause und die Tatsache, dass Ozzy inzwischen scheinbar sogar die Ansagen vom Teleprompter ablesen muss, etwas darüber, wie es um die Legende heute steht. Es geht ihm allerdings sichtlich besser als in den letzten Jahren, denn auch wenn er mit dem linkischen Charme meiner dementen Großmutter klatscht, seine Stimme hat er, bis auf ein paar verschmerzbare schiefe Töne, behalten. Und wer bei ´Mr. Crowley´, ´Bark At The Moon´ oder ´Paranoid´ die Augen schließt, geht auf eine wundervolle Zeitreise. (ln)

Freitag

„Der liebe Gott muss ein Rocker sein!“ - meint zumindest die Besitzerin unserer Ferienwohnung in Anbetracht des superben Wetters. Obwohl der Wetterbericht alles andere als gute Aussichten versprach, bleibt es auch am Freitag ab Mittag trocken. Während auf der Party Stage um die Wette gejodelt wird (u.a. mit Primal Fear und Rhapsody Of Fire), wird das Treiben auf der True Metal Stage um 13:15 Uhr von SUICIDAL TENDENCIES mehr als stilvoll eröffnet. Mike Muir und seine agile Backing-Band hauen direkt zu Beginn einen ganzen Reigen ihrer Klassiker raus (´You Can´t Bring Me Down´, ´Join The Army´, ´War Inside My Head´). Schade, dass der Sound viel zu basslastig ausfällt und so gut wie nix vom genialen „Freedumb“-Album gezockt wird. Im Vergleich zum WFF 2009, wo die Band gnadenlos abgeräumt hat, fällt der heutige Gig nur gut aus.

„Rödeldidam, dumdamdumdam, ramdideldam, babababaaa“, tönt es anschließend von der Party Stage. VAN CANTO sind los, und man wünscht sich die Zeiten zurück, in denen beschissene Bands auf Festivals noch mit Bechern, Matsch und Müll beworfen wurden. Auf so manch anderem Festival wäre das vielleicht auch der Fall, in Wacken wird dieser sinnlose A-cappella-Rotz vom geschmacksverirrten Metal-Nebenbeihörer-Publikum aber gnadenlos abgefeiert. Nächstes Jahr dann garantiert auf einer der Hauptbühnen.

Auf der Black Stage spielen parallel zu den Vokal-Clowns MORBID ANGEL, die ihren Old-School-lastigen Set mit den drei neuen Tracks ´Existo Vulgoré´, ´Nevermore´ und ´I Am Morbid´ abschmecken. Während des Gigs kreist über dem Gelände ein Propellerflugzeug mit einem riesigen „I Am Morbid“-Schriftzug im Schlepptau. Netter Promogag!

SODOM zeigen sich mal wieder recht unbeeindruckt von der großen Zuschauermenge und dem ganzen Brimborium und zocken routiniert ihre Songs runter. Die drei neuen „In War And Pieces“-Tracks integrieren sie dabei gut in den Set, während ´Agent Orange´ massiv regelt und auch ´Remember The Fallen´ ordentlich Bewegung ins Publikum bringt. Lediglich das Auslassen von ´Ausgebombt´ nimmt so mancher Sodomaniac seinen Ruhrpott-Thrashern übel. Unverständlich, dass die Videocrew, die für die Livebilder auf den Bildschirmen zuständig ist, erst um 17 Uhr ihren Dienst antritt. Zuvor wurde lediglich eine Bühnentotale vom FOH auf die Bildschirme übertragen. Dabei ist der Platz schon seit 13 Uhr gut gefüllt. Hier wird mal wieder am falschen Ende gespart. Man kann nur hoffen, dass der erhöhte Eintrittspreis (2012 kostet das Wacken-Ticket stolze 150 Euro) zukünftig für bessere Konzertbedingungen sorgt, anstatt weiterhin für Kirmes-Attraktionen wie getunte Traktoren oder sinnlose Aktionen wie „Pfahlsitzen“ verpulvert zu werden.

AS I LAY DYING blasen auf der Black Stage mit ihrem kraftvollen Stageacting zum Angriff. Trotz der massiven Riffs und der zu erwartenden Circle-Pits fehlen der Band aber immer noch die zwingenden Songs. Die haben TRIVIUM dafür gleich doppelt und dreifach im Gepäck. Schon der Opener ´In Waves´ bringt die Meute zum Durchdrehen. Bei den Ansagen wird deutlich, dass sich Matt Heafy nicht nur den Gesangsstil, sondern auch die komplette Mimik, Gestik und Artikulation bei James Hetfield abgeguckt hat. Na ja, geschenkt - spätestens mit dem grandiosen Abschluss-Triple ´Pull Harder On The Strings Of The Martyr´, ´Down From The Sky´ und ´Throes Of Perdition´ beweist die Band, was für Großkaliber sie im Backkatalog hat.

HEAVEN SHALL BURN haben sich für die Show in Wacken was Besonderes überlegt und fahren neben ihren gewohnt imposanten Videoleinwänden auch eine Menge Pyros auf. Dabei braucht die Band gar kein Feuer, um einen Flächenbrand zu entzünden. Um es kurz zu machen: Was bei Hits wie ´Voice Of The Voiceless´ oder ´Endzeit´ im Publikum abgeht, ist nicht von dieser Welt.

MORGOTH schlagen sich zeitgleich auf der Party Stage auch mehr als amtlich. Man merkt der reformierten Combo an, dass sie mittlerweile mehr Bühnenerfahrung sammeln konnte und auch untereinander besser agiert. ´Suffer Life´ und ´Under The Surface´ zünden ohne große Umwege.

Danach setzen JUDAS PRIEST zu einer ihrer Farewell-Shows an. Wie final dieser Abschied letztlich ausfällt, steht in den Sternen. Irgendwie kommen sie ja alle wieder, für das nächste Wacken wurden schon die totgeglaubten Ministry und Scorpions bestätigt. Priest würden den Fans aber wirklich einen Gefallen tun, wenn sie ihren Abschied nicht ewig in die Länge ziehen. Songauswahl und musikalische Darbietung sind top, und auch K.K.-Ersatz Richie Faulkner fügt sich wunderbar in die Gruppe ein. Aber es gibt da ja noch den Faktor „Performance“, und da bekleckern sich Priest, allen voran Halford, nicht gerade mit Ruhm. Ex-Gitarrist K.K. Downing widmet sich mittlerweile lieber dem Golfen, und irgendwie sieht man Rob Halford mit seinen 60 Jahren an, dass er sich samstagabends auch was Besseres vorstellen kann, als vor 100.000 Menschen den Metalgott zu mimen. Der Fronter singt ohne große Unterbrechung in gebückter Haltung und mit geschlossenen Augen. Für Augenkontakt und Anfeuern des Publikums hat er anscheinend keine Energie (oder Lust) mehr. Dass Rob zu ´Breaking The Law´ nicht eine Note beisteuert und den Song komplett vom Publikum singen lässt, enttäuscht so manchen Fan. Der Gig zählt summa summarum zu den Konzerten, die man lieber auf CD als auf DVD Revue passieren lassen möchte.

KYUSS LIVES! begeistern im Anschluss auf der Party Stage mit ihrem reichhaltigen Stoner-Rock-Hit-Repertoire. Unter freiem Himmel und mit Scott Reeder am Bass klingt die Band noch eine ganze Spur knackiger als auf ihrer letzten Tour. TRIPTYKON springen zeitgleich auf der Black Stage für Cradle Of Filth ein und bieten eine Stunde Musik zum Kaputtgehen. Celtic-Frost- und Triptykon-Material wird mit einer derartigen Schwermut dargeboten, dass einem ganz weich in den Knien wird. Ein ganz böser Trip!

Danach ist wieder Zeit für Rock´n´Roll: AIRBOURNE haben noch keinen schlechten Gig in Wacken abgeliefert, und auch diesmal gibt die Band Vollgas. Kollegin Niebling brüllt mir was von „Endlich richtige Gitarren!“ ins Ohr. Sie skandiert auch „get used to it“, und man weiß nicht, ob sie damit ihre Tanzperformance meint oder nur aus ´No Way But The Hard Way´ zitiert. In jedem Fall regeln die Australier mal wieder gewaltig, und Frontsau Joel O´Keeffe ist sich bei ´Blackjack´ nicht zu schade, erneut die Spitze des Bühnenmasts zu erklimmen. Alle, die nach diesem aufreibenden Gig noch stehen können, lassen sich von APOCALYPTICAs sphärischem Cello-Material ins Bett bringen. (rb)

Samstag

Am letzten Festivaltag sieht so mancher Metaller schon arg müde und ungewaschen aus. Nicht so die Jungs von CRASHDIET. Die sind perfekt durchgestylt. Kajal, Lippenstift, toupierte Haare, hautenge Spandexhosen - das volle Programm. Der Sänger erinnert zwar ein bisschen an eine härtere Version von Tokio Hotels Bill Kaulitz, die anwesenden Hair-Metaller sind trotzdem aus dem Häuschen und halten tapfer die ersten drei Songs durch, obwohl der Sound überaus katastrophal ist. Danach wird´s zunehmend besser, und als Sänger Simon Cruz schließlich mit Harley-Davidson auf die Bühne gerollt kommt, ist die Stimmung recht euphorisch. KATAKLYSM vertreiben die Hairspray-Front anschließend mit ihren Doublebass-Attacken.

Für hochgezogene Augenbrauen sorgen hingegen die japanischen DIR EN GREY. Vielleicht sind es kulturelle Differenzen, aber mit dem gebotenen Mix wird man irgendwie nicht warm. Hohes Gekreische, tiefes Gegrunze, dann wieder pseudo-lieblicher Gesang und Gejaule. Dazu mal sanfte Harmonien und wieder Stakkato-Blastbeats. Muss nicht sein.

Den Schrecken aus den Knochen vertreibt einem die Exorzistenfront des Black Metal: MAYHEM büßen allerdings im Tageslicht einiges an Stimmung ein, zumal Attila Csihar ausnahmsweise mal ohne Verkleidung auftritt. Statt Napoleon, Sensenzombie oder einer Mumie steht da heute ein 40-Jähriger mit tiefen Augenringen und Lederjacke auf der Bühne. Nur sein vierarmiges Sturzkreuz hat der Ungar mitgebracht. Dass er aber eh keinen Mummenschanz nötig hat, um die gruseligsten Töne aus seiner Kehle zu pressen, beweist er eindrucksvoll während Songs wie ´Buried By Time And Dust´, ´Carnage´, ´Pagan Fears´ oder ´My Death´. Ganz anders übrigens das Publikum: Das steht volle Pulle auf Mummenschanz. Auf der Videoleinwand wird durchgehend überaus finsteres Jungvolk gezeigt, das sich mit schwarz-weißer Farbe bepinselt hat und möglichst grimmig aus der spärlich vorhandenen Wäsche schaut. Vermutlich will man so der eigenen Trueness Ausdruck verleihen.

Beim anschließenden Gang über den Wikinger-Wackinger-Markt in Richtung „Bullhead City Wrestling“-Bühne ist ebenfalls Fremdschämen angesagt. Es wird beim „Hau den Lukas“ die eigene Stärke getestet, es gibt jede Menge Mittelalter-Nippes, und während manch Betrunkener über den Platz taumelt und vor das nächste Dixiklo pinkelt, versuchen die Standbetreiber, mit ihren altertümlichen Gewändern einen Hauch Authentizität zu versprühen. Das ist allerdings nichts gegen das, was einen im Inneren des Wrestlingzelts erwartet. Dort gibt es Ölcatchen zwischen maximal mäßig attraktiven Bodybuilderinnen, kommentiert von einer Berliner Schnauze, die so viel erotischen Charme versprüht wie ein Stammtischgespräch über Pornosammlungen. Vor dem Ring steht ein Haufen Lüstlinge, die alle fleißig die Digitalkamera gezückt haben, das Geschehen eifrig für die eigenen vier Wände auf Video aufnehmen und freudig jauchzen, wenn die Shirts zerrissen werden und die Hängetitten durch die Gegend baumeln. Nichts wie raus da! So kriegt man immerhin noch das Ende des ICED EARTH-Auftritts mit, bei dem sich Matt Barlow mit gewohnt guter Leistung anscheinend endgültig vom Wacken-Publikum verabschiedet.

Einen weiteren Abschied gibt´s auch von AVANTASIA. Tobias Sammet möchte das Mammutprojekt zumindest vorläufig auf Eis legen - allerdings nicht ohne sich mit einem super Auftritt zu verabschieden. Also hat der Frontjoker einige seiner Wegbegleiter zusammengetrommelt. Direkt zu Beginn duelliert Tobi sich bereits mit Jorn Lande, dessen Mikrofon diesmal im Gegensatz zum letzten Mal auch dankenswerterweise von Anfang an eingeschaltet ist. Kurze Zeit später gesellen sich Ex-Helloween-Sänger Michael Kiske und Magnums etwas ungelenk wirkender Bob Catley dazu. Amanda Somerville steht sowieso die ganze Zeit im Hintergrund und untermalt die epischen Power-Balladen mit ihrer Stimme, und schließlich kommt noch Gamma Rays Wacken-Urgestein Kai Hansen dazu. Übrigens stilecht mit Anzug, Gehstock und Zylinder. Fokus des Auftritts ist und bleibt jedoch Tobias Sammet, der sich heute weniger rotzfrech, sondern eher sichtlich bewegt zeigt. Manchmal, so scheint es, hat er alle Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Fassungslos vor Freude starrt er mit offenem Mund auf ein Meer aus Fans, die selbst zu seiner Popnummer ´Lost In Space´ mitsingen und begeistert mitklatschen, als alle Gastsänger gemeinsam ´Avantasia´, den Song, mit dem für dieses Projekt alles anfing, zum Besten geben. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass Tobi angesichts dieser Reaktion wirklich dauerhaft auf Avantasia verzichten wird.

KREATOR sind danach gewohnt gute Kost, können aber nicht mit dieser Form von Emotionalität mithalten - zumal wenig Neues dabei rumkommt. Wer die Band bereits ein paar Mal gesehen hat, kennt weite Teile der Ansagen auswendig und kann mit Gewissheit sagen, dass auf ´Flag Of Hate´ noch der ´Tormentor´ folgt. Man kennt sie, diese geilen Nackenbrecher wie ´Phobia´, ´Violent Revolution´, ´Reconquering The Throne´ oder ´Endless Pain´. Langweilig ist das nicht, richtig aufregend aber irgendwie auch nicht.

Für MOTÖRHEAD sollte das Gleiche gelten. Tut es aber nicht. Sobald Lemmy ins Mikro grunzt, dass Motörhead Rock´n´Roll spielen, ist man mit dabei. Da geht sofort alles. Scheiß auf den Regen, scheiß auf den Matsch, scheiß auf komische Billing-Exoten und scheiß auf Ölcatchen und Mittelalter-Markt. Der Rock´n´Roll regiert wieder. Und egal, wie routiniert Lemmy, Phil und Mikkey auch wirken, dieser Truppe legt man das immer bereitwillig als Coolness aus. Zumal die Setlist etliche Gassenhauer zutage fördert. Die ´Iron Fist´ ist dabei, ´The Chase Is Better Than The Catch´ ebenfalls, ´Stay Clean´ sowieso, und ´Killed By Death´ ist ohnehin der eigentlich beste Motörhead-Song aller Zeiten. Zum Abschluss gibt´s natürlich den Kollektiv-Ausraster bei ´Ace Of Spades´ und das Trommelinferno bei ´Overkill´. Was will man denn mehr?

CHILDREN OF BODOM können einem danach jedenfalls gestohlen bleiben. Alexi spielt zwar bereits während der ersten Nummern echt coole Soli, scheint ansonsten aber mal wieder arg neben sich zu stehen. Der inflationäre Gebrauch des Wortes „fuck“ in seinen Ansagen hat mittlerweile auch so ziemlich jeden Reiz verloren, sofern er denn jemals einen hatte. Obendrein ist das Parallelprogramm viel zu reizvoll. Im Zelt spielen nämlich GHOST und entzünden dort ein okkultes Feuerwerk. Als sich der Duft von Weihrauch ausbreitet und Papa Emeritus mit erhabenen Schritten an sein Mikrofon tritt, kriegt man die erste Gänsehaut des Abends. Und es soll nicht die letzte sein, denn diese Doom-Pop-Nummern haben einfach alles: geile Soli, grandiosen Gesang, eingängige Refrains, düstere Stimmung. Obendrein der besondere Nervenkitzel durch den Mystikfaktor und ein Welthit wie ´Ritual´. Wie sagt man so schön: Das Beste kommt zum Schluss. Danach kann man jedenfalls beruhigt schlafen gehen, während es draußen stürmt und regnet. Gute Nacht, Wacken! (dg)

In Wacken wurden fürs Ölcatchen abgelehnt: Ronny Bittner (rb) und Dorian Gorr (dg). Laura Niebling (ln) verzichtete freiwillig.

Bands:
JUDAS PRIEST
OZZY OSBOURNE
AVANTASIA
Autor:
Ronny Bittner
Laura Niebling
Dorian Gorr

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