Classic Albums

Classic Albums 28.08.2013

HEATHEN - Victims Of Deception (1991)

Der große kommerzielle Erfolg blieb HEATHEN mit ihrem zweiten Album „Victims Of Deception“ zwar verwehrt, aber unter Thrash-Metal-Fans gilt die Scheibe auch 22 Jahre nach ihrer Veröffentlichung als Referenzwerk. Wir sprachen mit den Gründungsmitgliedern David White (v.) und Lee Altus (g.) über den besonderen Charme des Albums.

Lee, Dave, was kommt euch zuerst in den Sinn, wenn ihr euch an „Victims Of Deception“ erinnert?

Lee: »Dass es die beste Platte aller Zeiten ist!«

Dave: »Das sehe ich genauso (lacht). Im Gegensatz zu unserem Debüt „Breaking The Silence“, bei dem wir überhaupt nicht an der Produktion beteiligt waren, hatten wir alle Freiheiten. Wir produzierten das Album zusammen mit Rob Beaton und hatten eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie die Scheibe klingen sollte.«

Wieso habt ihr Rob Beaton als Produzenten verpflichtet?

Dave: »Ursprünglich wollten wir mit Marc Senasac (Primus, Exodus - tk) arbeiten, aber der war in der ersten Woche der Aufnahmen, als wir an den Drums arbeiteten, nicht verfügbar. Da ich Rob schon von den Aufnahmen des Laughing-Death-Demos (das Dave 1990 einsang - tk) kannte, war er die logische Wahl. Er mochte unsere Songs und machte uns einen echt guten Preis.«

Warum habt ihr „Victims Of Deception“ in vier verschiedenen Studios aufgenommen?

Lee: »Um aus unseren finanziellen Möglichkeiten das Beste zu machen. Das Studio D in Sausalito ist für seinen exzellenten Drumsound bekannt, aber es ist schweineteuer. Wenn man nicht Metallica heißt und das Ding ein Jahr am Stück bucht, kann man sich das nicht leisten. Gitarrenspuren lassen sich aber so gut wie überall aufnehmen, da benötigt man keine besondere Akustik. Die Gitarren haben wir unter anderem in Chico eingespielt.«

Dave: »Was keine gute Idee war.«

Lee: »Chico ist ein College-Städtchen und als Partymekka bekannt. In zwei Wochen haben wir die Gitarrenparts für nur einen Song fertig bekommen. Rob entschied dann, dass eine langweiligere Umgebung für die Aufnahmen von Vorteil wäre.«

Standen die Songs für das Album, als ihr ins Studio gegangen seid, oder ist einiges erst in letzter Minute entstanden?

Lee: »Das Material war komplett. In dem Punkt hatten wir unsere Hausaufgaben gemacht.«

Dave: »Was nicht besonders schwierig war, schließlich lagen zwischen der Veröffentlichung unseres Debüts und „Victims Of Deception“ satte vier Jahre.«

Lee: »Das ist auch ein Grund für die Überlänge der Songs. Nachdem wir unseren Vertrag mit Combat, die „Breaking The Silence“ veröffentlicht hatten, aufgekündigt hatten, suchten wir nach einem neuen Deal und verfeinerten ständig die Songs, die eigentlich schon fertig waren.«

Dass auch zum Zeitpunkt der Plattenaufnahmen immer noch kein fester Bassist am Start war, hat euch nicht belastet?

Lee: »Es ist gute alte HEATHEN-Tradition, auch ohne festen Basser arbeiten zu können. Im Laufe der Jahre hat wahrscheinlich jeder Basser der Bay Area bei uns gespielt (lacht). Die Bassparts von „Victims Of Deception“ hat Marc Biedermann von Blind Illusion übernommen, bei denen Dave früher Sänger war.«

Wer hatte die Idee für das futuristische Coverartwork?

Dave: »Ich. Ein Freund von mir arbeitete in einer Raffinerie, und mich beeindruckten die riesige Fabrik und die Gaswolken, die aus den Ventilen strömten.«

Lee: »Solche Ideen bekommt man durch ausgiebigen Acid-Konsum.«

Dave: »Ich habe damals nur gekifft. Der Coverkünstler übrigens auch. Wahrscheinlich hat er deshalb sofort verstanden, welches Motiv mir vorschwebte (lacht).«

Welche Bands haben euch beim Songwriting des Albums beeinflusst?

Lee: »Alle Bands der NWOBHM, Thin Lizzy und auch einige Punk-Sachen wie The Exploited und GBH. Und natürlich die Klassiker: Black Sabbath, Deep Purple und Rainbow.«

Metallica waren nicht dabei? Immerhin wird „Victims Of Deception“ gerne als legitimer zweiter Teil von „...And Justice For All“ beschrieben.

Lee: »Doch, Metallica und auch Exodus waren Einflüsse. Die Produktion unserer Platte erinnert ebenfalls an „...And Justice For All“. Auf beiden Alben hört man keinen Bass. Warum auch? Bassisten im Thrash Metal sind überbewertet. Es geht um Gitarren, nichts anderes! Bei einigen Songs des Albums ist überhaupt kein Bass zu hören. Die Titel werde ich allerdings nicht verraten; das müsst ihr selbst heraushören. Wir wollten Metallica aber nicht blind kopieren und haben deshalb viele melodiöse Parts auf dem Album untergebracht.«

Wie hoch war das Aufnahmebudget von „Victims Of Deception“? Und wisst ihr, wie viele Platten im Laufe der Jahre abgesetzt wurden?

Dave: »Nein. Wir kennen keine Verkaufszahlen und haben für das Album nie einen Cent Royalties gesehen. Aber dafür haben wir das Aufnahmebudget satt überzogen.«

Lee: »Auf diesem Weg noch mal ein herzliches Danke an die Stadt Chico!«

Stichwort Coverversionen: Auf eurem Debüt hattet ihr mit ´Set Me Free´ einen Song von The Sweet präsentiert, diesmal war es mit ´Kill The King´ eine Rainbow-Nummer.

Dave: »Das haben wir aus purem Spaß gemacht. Wir haben ständig unsere Lieblingssongs im typischen HEATHEN-Stil nachgespielt und hatten damals eine ganze Palette von Covers im Repertoire, die wir dann später auf der „Uncovered“-Scheibe verbraten haben.«

Die Lyrics des Albums beschäftigen sich mit Politik, Religion und gesellschaftlichen Ereignissen. War es euch wichtig, sich mit realen Dingen und eben nicht mit irgendwelchen Zombie-Geschichten auseinanderzusetzen?

Lee: »Ja. Und weil das Album über einen Zeitraum von vier Jahren geschrieben wurde, bekamen wir genügend Anregungen. Dazu kam, dass Dave die Band für eine Weile verließ und wir mit Paul Baloff von Exodus weitermachten, aber sehr schnell merkten, dass das nicht funktionierte. Als Dave zurückkam, hatte er zig Textideen parat. Eine Nummer wie ´Hypnotized´ haben wir textlich mehrfach verändert. Übrigens wollten wir das Album ursprünglich „Opiate Of The Masses“ nennen, aber da kurz vorher Vio-lence „Opressing The Masses“ veröffentlichten, hatte sich das erledigt.«

Was sind eure persönlichen Lieblingsstücke der Platte?

Lee: »´Heathen´s Song´. Das ist ein echter Epic. Wäre es nach unserem ersten Label gegangen, wäre die Nummer schon auf unserem Debüt gelandet, aber wir waren damals noch nicht wirklich zufrieden damit. Wir haben den Song neu arrangiert, und dann funktionierte er auf einmal. Für mich repräsentiert der Track alles, was HEATHEN ausmacht: Melodien, Harmonien und die ständigen Wechsel von schnellen und langsamen Parts.«

Dave: »Meine Favoriten sind ´Opiate Of The Masses´ und ´Fear Of The Unknown´.«

Lee: »Je länger wir über die Platte sprechen, desto besser finde ich sie im Nachhinein. Ich muss sie mir echt mal wieder in Ruhe anhören.«

Dave: »Das solltest du tun. Im Vergleich mit unserem Debüt war das ein Quantensprung. Vor allem, was die Produktion angeht. Bei der ersten Platte produzierte uns Ronnie Montrose, und der hatte keine Ahnung und auch kein Interesse, sich mit uns auseinanderzusetzen. Combat Records hatten ihn uns als Produzenten aufgedrückt, und er machte, was er wollte. Er erlaubte uns nicht mal, beim Mix der Platte dabei zu sein.«

Die Special-Thanks-Liste von „Victims Of Deception“ ist wegen ihrer Ausführlichkeit legendär. Ihr habt die gesamte Musikerszene der Bay Area namentlich erwähnt.

Dave: »Wir wollten niemanden vergessen. Und es gab eine Menge Leute, die uns bei den Aufnahmen unterstützt haben. Metallica liehen uns einen Amp, Kirk Hammett sogar einige seiner Gitarren. Selbst bei Skid Row haben wir uns bedankt.«

Lee: »Das hatte einen guten Grund: Die Jungs waren mit Aerosmith in San Francisco auf Tour und haben eine echt tolle Aftershow-Party geschmissen (lacht).«

Seht ihr „Victims Of Deception“ rückblickend als euer Karriere-Highlight an?

Lee: »Ja. Die Platte ist auch heute das fast perfekte HEATHEN-Album. Es hat alles, was die Band ausmacht. Mir war schon kurz nach der Veröffentlichung klar, dass wir „Victims Of Deception“ kaum verbessern konnten. Schade ist nur, dass die Platte etwas zu spät herauskam. Einige Jahre früher wären wir damit bestimmt erfolgreicher gewesen. Aber zu Beginn der Neunziger drehte sich das musikalische Klima: Grunge kam auf, und Thrash Metal war plötzlich nicht mehr in Mode. Die Einzigen, die damals überlebt haben, waren Metallica. Und das auch nur, weil sie sich für eine Weile von ihrem Signature-Sound verabschiedet und experimentiert haben.«

www.facebook.com/heathen.official

Die Songs

  • Hypnotized
  • Opiate Of The Masses
  • Heathen´s Song
  • Kill The King
  • Fear Of The Unknown
  • Prisoners Of Fate
  • Morbid Curiosity
  • Guitarmony
  • Mercy Is No Virtue
  • Timeless Cell Of Prophecy

Das Line-up auf „Victims Of Deception“

  • David White-Godfrey (v.)
  • Lee Altus (g.)
  • Doug Piercy (g.)
  • Darren Minter (dr.)

Fakten, Fakten, Fakten

  • Songs: 10
  • Spielzeit: 64:41
  • Produzent: Rob Beaton, Heathen
  • Mix: Rob Beaton, Heathen

DISKOGRAFIE

Breaking The Silence (1987)
Victims Of Deception (1991)
Recovered (Compilation, 2004)
The Evolution Of Chaos (2010)

Pic: Friso Gentsch

Bands:
HEATHEN
Autor:
Thomas Kupfer

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos