Classic Albums

Classic Albums 20.12.2017

VENOM - Venom: "Black Metal" (1982)

„Mitten in die NWOBHM knallte dieses Album“, schreibt Zompf Kupfer, VENOM-Legionär der ersten Stunde, im Buch „Best Of Rock & Metal – Die 500 stärksten Scheiben aller Zeiten“. „Nichts sollte im schwermetallischen Parallel-Universum wieder so sein, wie es war. „Black Metal“ gilt als die Sternstunde der drei Wahnsinnigen: ein Album, das einer ganzen Musikrichtung den Namen gab und letzten Endes den weltweiten Siegeszug extremer Musik einläutete.“ Besser als Herr Kupfer kann man den Status dieser Götterplatte kaum in Worte kleiden.

Womöglich sieht das Conrad Lant genauso. Aber wie immer ist der passionierte Bodybuilder ein wenig grummelig, als er uns im Anschluss an den famosen VENOM-Auftritt auf dem Rock Hard Festival 2015 im Backstage-Container großmütig eine Audienz gewährt. Erst noch ein Foto mit dem Chef von High Roller Records, dann ein tiefer Schluck aus der Pulle. Interviews sind für Cronos immer auch ein Stück weit lästige Pflicht. Zumindest vermittelt er gerne diesen Eindruck. Sein vordergründiger Nihilismus wirkt wie eine Art Schutzschild. Manchmal weiß man allerdings nicht so recht, wo eigentlich der Showteil beginnt. Aber zumindest wird uns nicht der Stuhl vor die Tür gesetzt. Ist ja auch schon mal was...
Vielleicht ist in der Tat die Biografie von Cronos mit ein Grund dafür, warum „Black Metal“ als eine der revolutionärsten Metal-Veröffentlichungen aller Zeiten angesehen werden muss. Obwohl Conrad Lant den größten Teil seines Lebens in Newcastle verbracht hat, ist er kein gebürtiger Geordie.

»Ich bin in Kensington aufgewachsen, im Londoner Stadtteil Chelsea. Musik habe ich immer geliebt, mein Interesse an Bands wurde bereits während der frühen Kindheit geweckt. Musiker von den Stones und The Who lebten damals in unmittelbarer Nachbarschaft. Bei uns im Wohnzimmer stand ein kleiner Schwarzweiß-Fernseher, und dort sahen wir diese ganzen Gruppen. Meine Mutter pflegte dann immer zu sagen: „Waren das nicht gerade die Typen, die gestern am Kiosk nebenan Zigaretten gekauft haben?“ Sie meinte Mick Jagger und Roger Daltrey. Ich war also von Kindesbeinen an von Musik und von Musikern umgeben. Diese Kerle lebten zwei Häuser weiter von uns. Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, sind wir in die Nähe von Newcastle gezogen. Das war ein kompletter Kulturschock für mich. London ist so riesig, und der Nordosten wirkte auf mich im Vergleich irgendwie winzig. Ich fühlte mich wie ein echter Außenseiter. Die Menschen im Norden waren nicht wirklich musikbegeistert. Sie hatten zu viel mit ihrem täglichen Leben zu kämpfen: Kohle schippen und solcher Mist. Als dann allerdings der Punk im Nordosten Einzug hielt, eroberte er die Herzen der Menschen im Sturm, eben weil es unverfälschte Arbeiterklasse-Musik war. Die Pistols, The Damned, The Clash und die fucking Exploited, großartiger Stoff. Punk explodierte überall zur selben Zeit, und es war toll. Jeder lief mit Sicherheitsnadeln im Gesicht und bunten Haaren herum. Ich holte mir das erste Pistols-Album genau an dem Tag, an dem es herauskam, und konnte es kaum abwarten, die Scheibe zu Hause auf den Plattenteller zu legen. Am Ende des Tages war es Rockmusik, Punkrock, kein purer Krach, das vergessen viele Leute immer wieder gerne. Die Pistols haben Akkorde gespielt, das war kein pures Chaos. The Clash waren verdammt noch mal bahnbrechend, The Damned unglaublich. Sogar die Gruppen, die etwas kommerzieller ausgerichtet waren, wie The Jam, waren für die Zeit richtig cool. The Jam wurden nie als Punk akzeptiert, aber für mich waren sie eindeutig Punk. Etwas cleaner, etwas gestylter, aber trotzdem absolut atemberaubend. Selbst die Stranglers kamen am Anfang gut rüber, bis sie mit diesem Shit wie ´Golden Brown´ angefangen haben. Das war glatter Selbstmord. Die Leute haben sie sofort wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen.«

In Wallsend, einem Vorort von Newcastle, gelang Cronos der Einstieg ins Musikgeschäft, und zwar als Tontechniker in den von Neat Records betriebenen Impulse Studios.

»Ich habe lokale Bands produziert. Aus den allermeisten ist nichts geworden, sie kamen, nahmen eine Platte auf und sind dann sofort wieder spurlos in der Versenkung verschwunden. Mein erster offizieller Job als hauptamtlicher Sound-Engineer war für eine Band namens The Blood. Ich habe eines ihrer Alben produziert (das fantastische „Se Parare Nex“ - mm).«

In seiner Funktion als Studiotechniker konnte Cronos aus erster Hand wichtige Erfahrungen sammeln. Genau aus dieser Zeit stammt auch seine Antipathie gegenüber der New Wave Of British Heavy Metal, zu der sich VENOM selbst niemals zugehörig fühlten (weswegen sie den Terminus „Black Metal“ kreierten).

»All diese NWOBHM-Bands haben doch lediglich ihre Vorbilder kopiert. Als ich im Studio gearbeitet habe, sind Gitarristen zu mir angekommen und haben gesagt: „Ich möchte wie Tony Iommi klingen.“ Die Sänger hingegen wollten sich wie Rob Halford anhören. Ich habe mich immer gefragt, wann diese Entwicklung ihren Anfang genommen hat. Wer möchte schon wie jemand anderes klingen? Anstatt einfach nur seinen eigenen Weg zu gehen. Versteh mich bitte nicht falsch, ich bin mit T. Rex aufgewachsen, ich bin mit Jethro Tull aufgewachsen. Aber es war niemals mein Ziel, dass VENOM auch nur im Entferntesten nach diesen Bands klingen. Das geht einfach nicht. Jethro Tull gibt es nur einmal auf dieser Welt. Ian Anderson ist ein Genie. Klar, „Black Metal“ hatte definitiv noch Punk-Einflüsse, das kann man wohl so sagen, aber mit dem ganzen NWOBHM-Shit hatten wir niemals etwas am Hut!«

Quasi im Alleingang erschufen VENOM mit ihrer zweiten Platte also Speed Metal, Thrash Metal, Death Metal, Black Metal – wie immer man es auch nennen mag... Cronos erklärt laut und deutlich den grundsätzlichen Ansatz des Songwritings für „Black Metal“:

»Es ging darum, Akkordfolgen neu zu kombinieren, es ging darum, das Tempo zu variieren. VENOM haben sich niemals an die klassischen Regeln des Songwritings gehalten. Es ist nicht angeraten, andere Bands zu kopieren. Echte Musik sollte bei null beginnen. Natürlich ist das schwierig, das gebe ich gerne zu. Wenn du heute die Songs aktueller Gruppen auseinandernimmst, dann wirst du immer sagen können: „Dieses Riff ist von Sabbath geklaut. Oder von Led Zeppelin. Deep Purple.“ Es gibt halt eben nur fucking zwölf Noten, der Fundus ist nicht unendlich. Aber das ist auch gar nicht der entscheidende Punkt. Es geht darum, wie die ganze Sache präsentiert wird, wie sie verpackt wird. VENOM waren auf „Black Metal“ wild entschlossen, einen neuen Sound zu kreieren. Es sollte neuer Krach werden. Unser eigener Krach. Ganz bewusst hatten wir uns auferlegt, nicht wie irgendjemand anderes zu klingen. Es hätte mir überhaupt nichts ausgemacht, wenn nach diesem Album bereits wieder Schluss gewesen wäre, wenn die Leute gesagt hätten: „Das ist absoluter Mist, von vorne bis hinten.“ Dann hätte ich mir eben wieder einen normalen Job gesucht. Aber ich hätte die Gewissheit gehabt, dieses eine total eigenständige Album kreiert zu haben. Das wäre mir lieber gewesen, als bis zum jüngsten Tag die Musik anderer Leute wiederzukäuen.«

Glücklicherweise war für VENOM nach „Black Metal“ noch lange nicht Schluss, obwohl das Album ohne Frage den kreativen Höhepunkt der Band markiert. Von weitreichender Akzeptanz konnte zum Erscheinungszeitpunkt allerdings nicht einmal ansatzweise die Rede sein:

»Zu Hause in England haben die Leute auch nach „Black Metal“ nicht einen Pfifferling auf VENOM gegeben. Nur das Interesse aus Kontinentaleuropa hat uns am Leben gehalten. Unser erster Gig auf dem Festland fand in Poperinge in Belgien statt (am 25. Juni 1982, nachzuhören auf dem Vinyl-Bootleg „Belgian Assault“, inklusive der ersten und zugleich letzten Live-Aufführung des Stücks ´Sons Of Satan´ - mm). Wir erhielten einen Anruf von einem Promoter, der meinte, er könne einen Auftritt für VENOM in einer großen Sporthalle organisieren. Das fanden wir ziemlich cool. Als wir vor Ort ankamen, waren dort schon Kids aus Holland, Kids aus Deutschland, wir waren total überwältigt. Fucking great! Die Leute waren alle nur da, um uns zu sehen, und sie hatten einen weiten Weg auf sich genommen. Das hat sich übrigens bis zum heutigen Tage nicht geändert. Die Fans reisen bis ans Ende der Welt, um VENOM zu sehen. Ein größeres Kompliment kann es wohl nicht geben.«

Daheim in England sah die Situation, wie bereits erwähnt, ein wenig anders aus. Um die frühen Auftritte auf heimischem Boden ranken sich bis heute wilde Gerüchte. Zum Teil auch deswegen, weil der leider verstorbene Manager Eric Cook seinerzeit zu behaupten pflegte, es gäbe in ganz Großbritannien keine geeigneten Auftrittsorte für die hochexplosive VENOM-Show. Laut Cronos war dies aber nur die halbe Wahrheit:

»Unser Übungsraum befand sich in einem alten Kirchengebäude. Dort sind wir auch einmal live aufgetreten. Ein einziges Mal. Das war in Newcastle, in der Gegend, wo sich die ganzen Motorradläden befinden. All die Biker sind zu diesem Auftritt gekommen, und deswegen war es auch ziemlich cool. Wir haben so richtig das Dach weggeblasen. Und danach haben wir noch in einer Methodisten-Kirche fünf Meilen außerhalb der Stadt gespielt, in einem Kaff namens Wallsend. Auch diesen Ort haben wir dem Erdboden gleichgemacht. Von besagtem Gig besitze ich sogar noch eine Fotografie. Es ist das einzige Foto von unseren ganz frühen Shows. Es kamen ein paar hundert Leute, keine riesige Menge, aber dennoch recht akzeptabel. Ich habe allerdings nicht mehr den blassesten Schimmer, welche Songs wir gespielt haben. Es war eine schwierige Zeit für uns, weil in England niemand verstanden hat, worum es bei VENOM geht. Wir kamen uns vor wie Außerirdische. Also haben wir uns schlicht und ergreifend darauf konzentriert, ohne Rücksicht auf Verluste unser eigenes Ding durchzuziehen. Das hat uns zum damaligen Zeitpunkt völlig gereicht.«

www.facebook.com/venom

DAS LINE-UP AUF „BLACK METAL“

Cronos (b./v.)
Mantas (g.)
Abaddon (dr.)

FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN

Spielzeit: 40:51 Minuten
Produzent: Keith Nichol (und Venom)
Studio: Impulse Studios, Newcastle, England

DIE SONGS

Black Metal
To Hell And Back
Buried Alive
Raise The Dead
Teacher´s Pet
Leave Me In Hell
Sacrifice
Heaven´s On Fire
Countess Bathory
Don´t Burn The Witch
At War With Satan (Introduction)

DISKOGRAFIE (Studioalben)

Welcome To Hell (1981)
Black Metal (1982)
At War With Satan (1984)
Possessed (1985)
Calm Before The Storm (1987)
Prime Evil (1988)
Temples Of Ice (1991)
The Waste Lands (1992)
Cast In Stone (1997)
Resurrection (2000)
Metal Black (2006)
Hell (2008)
Fallen Angels (2011)
From The Very Depths (2015)

Bands:
VENOM
Autor:
Matthias Mader

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