Interview


Pic: Jake Owens

Interview 26.02.2019, 12:41

VENOM PRISON - Kampf den inneren Dämonen

Auf ihrem Zweitwerk „Samsara“ laden VENOM PRISON die Zuhörerschaft zu einer intensiven und persönlichen Reise ein. Larissa Stupar, die sympathische Frontfrau der Extrem-Metaller, spricht mit uns im Interview über Hintergrund und Konzept der Platte und gewährt dabei tiefe Einblicke ins eigene Gefühlsleben.

Larissa, mit „Samsara“ steht nach der EP „The Primal Chaos“ und dem Debütalbum „Animus“ bereits der zweite Longplayer in den Startlöchern. Wo siehst du die größten Unterschiede zu den beiden Vorgänger-Veröffentlichungen?

»Zu den bisherigen Veröffentlichungen… Ich denke erstmal, dass „Samsara“ ein bisschen technischer ist, die Struktur der Songs ist um einiges komplizierter als auf den Releases zuvor und thematisch sind die Tracks einfach viel persönlicher als auf der EP und dem Debütalbum.«

Der technische Aspekt des Albums ist auf jeden Fall ein gutes Stichwort. Wenn man die Spielzeit der Tracks auf „Samsara“ mit der durchschnittlichen Länge eurer bisherigen Songs vergleicht, entsteht der Eindruck, dass das Material dieses Mal etwas länger ausgefallen ist. Mit 'Deva’s Enemy' bewegt sich gerade mal ein Lied unterhalb der Zwei-Minuten-Marke. War das eine bewusste Entscheidung oder ist diese Entwicklung einfach beim Songwriting-Prozess eingetreten?

»Ich würde sagen, wir haben eigentlich bisher immer Songs schreiben wollen, die nicht länger als dreieinhalb Minuten sind (lacht). Wir dachten irgendwie, dass die Aufmerksamkeitsspanne danach eher nachlässt. Als wir die Songs für „Samsara“ schrieben, haben wir aber gemerkt, dass wir einfach so viele verschiedene Sachen reinpacken wollten. Deshalb haben wir es uns anders überlegt und gedacht: „Ok, ist jetzt vielleicht doch alles ziemlich interessant.“ Da die Songs recht vielseitig sind, haben wir gedacht, die Aufmerksamkeitsspanne bleibt vielleicht doch erhalten (schmunzelt). Wir konnten halt auch nicht einfach 14, 15 Songs schreiben, das wäre wohl zu viel. Stattdessen haben wir uns entschieden, die Songs länger zu machen.«

Wie läuft der Songwriting-Prozess bei euch ab? Seid ihr alle daran beteiligt?

Wenn wir uns zum Schreiben von Songs zusammenfinden, sind normalerweise unsere beiden Gitarristen Ben und Ash für das Meiste verantwortlich. Die haben sich meistens getroffen – ich war oftmals auch dabei – und haben die Songs, die sie zuhause vorbereitet oder schon zusammen begonnen haben, gemeinsam weitergeführt, sodass beide ihre Sachen in die Lieder des jeweils anderen reinpacken und sich hierdurch unterstützen konnten. Ash und Ben haben die Sachen im Home-Studio aufgenommen und die Drums für die Demoversion programmiert, damit wir uns diese anhören und unseren Senf dazu geben können, was uns gefällt oder nicht gefällt, was besser sein könnte und wovon wir mehr wollen. Dann haben die Jungs unser Feedback angenommen und daran gearbeitet. Wenn ein Song fertig geschrieben war, habe ich dafür die Songtexte geliefert.«

Beim Anhören von „Samsara“ hat es mich fasziniert, wie du mit deiner Technik scheinbar mühelos zwischen tiefsten Growls und markerschütternden Screams balancierst. Nimmst du irgendeine Art von Training um die Stimme so in Schuss zu halten?

»Ich habe mir das alles selbst beigebracht. In meinen Bands davor habe ich eigentlich immer nur einen Stimmumfang gehabt und mit der Zeit habe ich rumexperimentiert und einfach dazu gelernt. Das wollte ich in VENOM PRISON einfließen lassen. Damit habe ich bei „Animus“ angefangen, aber jetzt bei „Samsara“ ist es nochmal ganz anders. Wenn wir auf Tour sind, ist es für mich auf jeden Fall das Wichtigste, genug Wasser zu trinken und vor dem Soundcheck und Gig immer schön die Stimme aufzuwärmen. Wenn ich die Stimme nicht aufwärme, hört sie sich danach einfach nur total beschissen an. Als wir die Songs im Studio aufgenommen haben, lief es so ab: Wir haben drei Tage für die Vocals eingeplant und ich habe am letzten Tag 15 Stunden lang aufgenommen, weil ich die Tage zuvor einfach noch nicht so zufrieden war. Es klang einfach nicht so, wie ich es wollte und mir vorgestellt hatte. Deshalb habe ich immer und immer wieder die Takes aufgenommen, obwohl mir die Anderen gesagt haben, dass die supergut sind. Aber ich fand sie einfach nicht gut genug. Da war ich ein bisschen frustriert und habe es dann am ersten Tag irgendwann einfach sein lassen und andere Sachen gemacht. Wir sind am Tag danach zurückgekommen und es hat mir dann trotzdem nicht so gut gefallen, dann hatte ich in zwei Tagen zwei Songs aufgenommen. Am letzten Tag habe ich dann, weil es gut gepasst hat und ich in der Stimmung war, 15 Stunden durchgezogen und danach war ich total überrascht, dass ich noch singen und sprechen konnte (lacht). Mit dem Ergebnis bin ich jetzt aber auf jeden Fall zufrieden.«

Ich würde mit dir gerne etwas über die inhaltliche Ausrichtung von „Samsara“ sprechen. Der Albumtitel bezieht sich im Buddhismus und Hinduismus auf den immer wiederkehrenden Kreislauf des Seins und wiedergeboren Werdens, teilweise als Zyklus des ewigen Leids. Kannst du uns dieses Konzept im Hinblick auf eure Lyrics genauer erläutern?

»Ja klar, gerne. Als ich angefangen habe, die Texte für „Samsara“ zu schreiben, ist mir aufgefallen, dass ich den Hang dazu hatte, persönliche Lyrics zu schreiben. Ich bin zu der Zeit durch eine schwer depressive Phase gegangen und wusste nicht genau, wie ich damit umgehen soll. Zum Schluss habe ich mir dann Hilfe gesucht und Medikamente genommen, das hat auch nochmal dazu beigetragen, was dann mit mir passiert ist. Ich wollte einfach festhalten, was die Medikamente bei mir bewirken und mir sozusagen die Seele aus dem Leib schreiben. Dann habe ich mir gedacht, dass der Titel „Samsara“ einfach cool und passend wäre. Ich habe das Leben zu dem Zeitpunkt einfach nur als Leiden erfahren. Deshalb fand ich diese Theorie des wiederkehrenden Lebens durch das Leiden aus dem Buddhismus recht zutreffend. Man kann ja aus dem Leiden nur herausbrechen, indem man transzendiert. Um den Kreislauf des Leidens zu durchbrechen, muss man transzendieren, damit man gar nicht mehr wiedergeboren wird und ins Nirvana fährt. Das fand ich sehr zutreffend, deshalb habe ich den Titel für das Album gewählt. Einige Songs handeln ja auch von Femininität und Mutterschaft, da fand ich diesen Einklang mit Leben und Wiedergeburt, Leiden und aus dem Leid ausbrechen als ewige Schleife sehr passend.«

Sehr zutreffend also für ein Album, das unter anderem um die Ausbeutung und Misshandlung von Frauen, die Verfolgung von Homosexuellen in manchen Gesellschaften, die Problematik patriarchaler Strukturen und Selbstverstümmelung behandelt. Ziemlich harter Tobak.

»Ja, genau (lacht). Man leidet halt auf verschiedene Weisen. Ich wollte zeigen, dass es nicht nur persönliches Leid gibt, sondern auch andere Formen. Wir fügen anderen Menschen auch ständig mit unseren Handlungen und Entscheidungen, die wir treffen, Leid zu.«

War es bei dem Konzept eigentlich eine bewusste Entscheidung, das ruhige Zwischenspiel 'Deva’s Enemy' und das melodische Intro von 'Asura’s Realm' als Ruhepol in die Mitte des Albums zu setzen, um eurer Zuhörerschaft einen kurzen Moment zum Durchatmen zu gönnen?

»Ja, das war eigentlich eine recht bewusste Entscheidung, da hast du schon recht (lacht). Vielleicht als ein kurzer Moment zum Nachdenken oder zum einfach mal nicht Denken, zum Entspannen, aber auch zur Vorbereitung auf den Rest des Albums.«

Das Album endet mit den letzten beiden Songs 'Dukkha' und 'Naraka', zwei Begriffe die so viel wie „Leid“ und „Unterwelt“ bedeuten, recht düster. Gibt es von hier aus durch den immer wiederkehrenden Zyklus Samsara nicht zumindest die Hoffnung, den Kreislauf zu verändern und in ein besseres Dasein wiedergeboren zu werden?

»Ja, so ist zumindest die Theorie im Buddhismus und im Hinduismus. Das zeigt sich ja auch im Kastensystem: Wenn man alles richtig gemacht hat, soll es einem im nächsten Leben besser gehen. Ich denke schon, dass es die Möglichkeit gibt, sein Leben so zu reflektieren und zu bestimmen, dass man am Ende ein besseres Ergebnis erzielen kann, mit dem man sich glücklich fühlt. Für mich war es aber einfach eine Reise, auf der ich mich befunden habe, von der ich nicht wusste, wie das Ende aussieht. Ich habe mich durch das Schreiben dieser Songs irgendwie selbst wiederfinden können und viel über mich gelernt. Ich muss sagen, das alles aufzuschreiben, hat mir sehr geholfen. Es geht mir um einiges besser. Nicht nur dadurch, dass ich die Möglichkeit hatte, in dieser Form über die Thematik zu reden, sondern auch dadurch, dass ich mir Hilfe geholt und mich mit Kollegen darüber unterhalten habe. Ich weiß, dass Depressionen in der Musikindustrie und unter Musikern recht häufig vorkommen. Es war schon echt eine Reise und ich finde, das Album hört sich auch so an. Am Ende kommt man irgendwo an, vielleicht kann man auch selbst entscheiden, wo: In der Hölle oder einer Unterwelt oder vielleicht in einer besseren Position. Vielleicht geht es ja beim nächsten Album nur noch um Glück und Liebe (lacht).«

Zum Abschluss noch eine Frage mit Augenzwinkern: Der Breakdown in 'Self Inflicted Violence' erinnert mich etwas an Pantera. Ist es reiner Zufall, dass im zweiten Track 'Megillus & Leaena' die Zeile „A vulgar display of power“ fällt?

(Sie lacht laut.) Das habe ich bewusst eingebaut, aber es hat eigentlich nichts mit dem Breakdown in 'Self Inflicted Violence' zu tun. „Vulgar display of power“ ist ja auch einfach im Englischen eine Redensart und ich fand es ganz cool, damit ein bisschen rumzuspielen.«

Die letzten Zeilen gehören dir.

»Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt, mit uns über unser Album zu sprechen. Wir hoffen, dass wir demnächst viel öfter in Deutschland spielen werden. Wir sind im Mai mit Fit For An Autopsy da. Kommt einfach zu den Shows, wir würden uns freuen, so viele Leute wie möglich zu sehen!«

www.venomprison.com

www.facebook.com/venomprison

Bands:
VENOM PRISON
Autor:
Lukas Höpfner

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