Titelstory

Titelstory 18.12.1996

VAN HALEN - Rockin`with the Devil

Eddie Van Halen hat auch schon bessere Tage erlebt. Zum einen ist für den VAN HALEN-Saitengott momentan jeder Schritt eine schmerzhafte Erinnerung an seine lädierte Hüfte, wegen der er Mitte Dezember endlich unters Messer will. Und dann wäre da auch noch der Ärger mit Ex-Frontgaul David Lee Roth, der 24 Stunden vor diesem Interview eine erste Hetzsalve gegen seine alte Band abgefeuert und damit für erhitzte Gemüter gesorgt hat.

Durchaus verständlich, daß Eddie trotz seines omnipräsenten Beruhigungsmittels - illegal importierte Deluxe-Zigarren aus Kuba; seinen beiden alten Lastern, Kippen und Alkohol, hat der Familienvater mittlerweile gänzlich abgeschworen - in Sachen Roth derzeit rotsieht, den Comic-Helden Hägar dem Ex-VAN HALEN-Shouter Sammy vorzieht und auf dessen mutmaßlichen Nachfolger Gary Cherone große Stücke hält. Womit wir beim Thema wären...

Hat Gary den Job bei VAN HALEN nun, oder gibt es da noch irgendwelche anderen Kandidaten?

"Es ist so: Falls Gary seinen Deal mit A&M nicht auflösen kann, werden wir uns nach jemand anderem umsehen müssen. Aber Gary ist auf jeden Fall unsere erste Wahl", läßt Eddie durchblicken. "Wir können seinen Einstieg allerdings nicht offiziell bestätigen, ehe er aus seinen Verpflichtungen raus ist."

Machst du dir Gedanken darüber, daß die VAN HALEN-Fans eventuell negativ auf eure Wahl reagieren könnten?

"Nein, in dieser Hinsicht folge ich meinem Herzen und meinem Instinkt. Ich meine, es gab eine Menge Fans, die Sammy nie akzeptierten, und andere, die Roth haßten. Man kann es sowieso nie allen recht machen - außer sich selbst. So eine Entscheidung muß einfach von Herzen kommen, alles andere wäre sinnlos."

Dave behauptet mittlerweile, von euch hinters Licht geführt worden zu sein. Ihr hättet schon vor drei Monaten mit einem anderen Sänger geprobt, Dave aber gleichzeitig glauben lassen, er hätte eine reelle Chance.

"Niemand hat je etwas davon gesagt, daß er wieder in der Band wäre. Das Ganze war ein Projekt. Aus dem zunächst angepeilten einen Song wurden irgendwann zwei, und dann wollten Warner Bros. noch zwei Videos haben. All dem haben wir zugestimmt, aber das war´s auch schon. Dave war der einzige, der sich gegen die Videos sträubte. Er wollte, daß wir einen Performance-Clip drehen, worauf ich ihm sagte: „Nein, machen wir nicht, ansonsten denken die Leute, du wärst wieder in der Band.“ Wir hatten für ´Me Wise Magic´ ein geiles Voodoo-Konzept ausgearbeitet, aber Dave verweigerte die Mitarbeit und hat sich damit ins eigene Fleisch geschnitten.
Und jetzt veröffentlicht er diesen Brief. Ich weiß nicht, ob du ihn schon gesehen hast. It´s crazy! Kompletter Schwachsinn! Der Typ widerspricht sich selbst und behauptet dann: „Eddie did it!“ Did what? Ich habe eine verdammt gute Performance aus ihm rausgeholt und zweieinhalb Wochen im Studio verbracht, nur um einen Song fertigzustellen, nachdem wir für die Musik selbst gerade mal 15 Minuten benötigt hatten. Ich will hier wirklich nicht über Dave herziehen, aber wenn er anfängt, Bullshit zu verbreiten, dann erzähle ich eben die Wahrheit. Frag´ Glen Ballard (Producer der Roth-Tracks - Red.) oder sonst jemanden - der Kerl ist völlig von der Rolle! Was mich besonders traurig macht, ist, daß Dave im Vorfeld noch zu mir gesagt hat: „Und wenn das hier morgen zu Ende sein sollte - wenigstens sind wir jetzt Freunde.“ Aber die Freundschaft war das erste, was den Bach runterging. Er hat mir bei den MTV-Awards praktisch ins Gesicht gespuckt, als er giftete: „Heute abend geht´s um mich und nicht um deine verdammte Hüfte!“ Ich biß mir auf die Zunge und sagte: „Okay, dann machst du eben das nächste Interview mit Al und Mike, aber beantworte die Fragen, die man dir stellt. Hör´ auf mit deinem ganzen Getue, und ich lasse meine Hüfte aus dem Spiel.“ Er drehte sich nur um und fuhr mich an: „You fuckin´ better not!“ Da packte ich ihn am Hemd und sagte: „Wenn du das nächste Mal in diesem Ton mit mir redest, trägst du besser einen Schoner! Soviel zum Thema Freundschaft, Arschloch!“ Trotzdem war ich nach wie vor bereit, das Ding auf einer professionellen Basis durchzuziehen, weil Warner Bros. ihre Videos haben wollten, die ihnen vertraglich zustanden."

Hast du dir schon mal überlegt, daß es gerade dein „Mr. Nice Guy“-Charakter ist, den bestimmte Leute für ihre Zwecke auszunutzen wissen?

"Yeah, ich glaube fast, ich brauche eine Hüftoperation, weil ich in den Jahren, als ich soff, zu oft in den Arsch gefickt worden bin. Ich hab´mich wohl zu häufig nach vorne gebeugt. Aber mal ernsthaft: Als ich mit der Trinkerei aufhörte, konnte mich Sammy nicht mehr manipulieren oder mir was vormachen. Ich sehe die Dinge jetzt, wie sie sind - you can´t bullshit me anymore. Nicht, daß ich deswegen nun zum Controlfreak geworden bin; ich will bloß nicht mehr wie ein Trottel behandelt werden."

Warum singst du nicht einfach selbst, anstatt dich mit diesen Leuten und ihren Egos rumzuschlagen?

"Weil ich die Zusammenarbeit mit anderen Leuten wirklich mag. Ich bin kein Solokünstler. Ich könnte es zwar sein, wenn ich wollte, aber das ist nicht mein Ding. Es macht Spaß, mit Leuten wie Gary Cherone zusammenzuarbeiten, bei dem noch nicht mal ansatzweise eine Spur von „L.S.D.“ (Lead Singer´s Disease - Red.) auszumachen ist und auch nie sein wird. Er ist eher ein Typ wie ich - ein bißchen scheu. Die Texte, die er schreibt, sind auf jeden Fall absolut phantastisch! Letztens händigte er mir ein paar Lyrics aus, die so viel Tiefgang hatten... Innerhalb von zehn Minuten hatte ich eine Melodie und die gesamte Musik beisammen und sang das Stück. Just like that.
Allerdings ist es nicht so, daß ich mir darauf jetzt sonderlich viel einbilde. Es ist eine Gabe, und ich habe das Glück, damit gesegnet zu sein und mich durch die Musik ausdrücken zu können. Solange man übt, kann man aus seinem Talent etwas machen. Und genau das tue ich: Ich bin jeden Tag hier im Studio und mache Musik - nicht, weil ich muß, sondern weil ich will. Ich möchte hier niemanden schlechtmachen, aber Sammy arbeitete nur, wenn er bereits im Vorfeld wußte, wieviel Kohle er dabei verdienen würde und bis wann das Ganze fertig sein mußte."

Dann war VAN HALEN für Hagar in erster Linie ein Job?

"Yeah, und er hat ja auch immer wieder gesagt: „Jungs, ihr kennt mich, ich arbeite nur ungern.“ Das war wohl eher als Witz gemeint, aber im Grunde genommen stimmt es: His work ethic sucked! Die Leute denken jetzt vielleicht, ich sei ein Arbeitstier, aber das stimmt nicht. Die Musik ist halt einfach mein Leben. Ich erwarte zum Beispiel auch nicht, daß jeder soviel Zeit in die Band investiert wie ich, aber dann sollte man wenigstens ein Teamplayer sein. Ich bin auf jeden Fall allen Vorschlägen gegenüber offen. Wenn Bruce Fairbairn (Produzent des letzten Studioalbums „Balance“ - Red.) oder wer auch immer sagt: „Versuch´ doch hier mal ein Six-String-Bass-Solo“, dann tue ich das auch. Who gives a fuck? Entweder es paßt, oder es paßt nicht. Nur hatte Sammy diesbezüglich leider eine ganz andere Einstellung. Alles, was Glen und ich von ihm wollten, war, daß er bei einer seiner Gesangslinien etwas anderes versuchte, nachdem wir seine Idee bereits ausprobiert hatten. Aber sein Kommentar war nur: „Läuft nicht. Ich weiß, daß meine Version besser ist als eure. Oh, und übrigens muß ich um acht Uhr am Flughafen sein. See you, guys.“ Ich konnte so einfach nicht mehr weiterarbeiten."

Hat Sammy euch gegenüber jemals verlauten lassen, er wolle ein weiteres Soloalbum aufnehmen und hinterher auf Tour gehen?

"Nein, überhaupt nicht, aber während des „Twister“-Projekts wurden die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes „twisted“. Mir war ursprünglich angeboten worden, für den Film die Musik zu schreiben, woraufhin unser Manager Ray Danniels vorschlug, doch die ganze Band miteinzubeziehen. Sammy stimmte zu, obwohl ich ihm noch extra sagte: „Sam, bist du sicher, daß du wirklich mitmachen willst? Du wohnst in Hawaii, und deine Frau erwartet ein Kind.“ Ich weiß auch nicht, wieso er zusagte, wo er doch offensichtlich null Bock hatte. Dazu kommt noch, daß der Regisseur, Al und ich ihm ausdrücklich ans Herz legten: „Schreib´ NICHT über Tornados!“ Und womit kommt er an? „Skies-turnin´-black, knuckles-turnin´-white, headed-for-the-hot-zone“ - all dieser technische Jargon aus dem Vokabular von Tornado-Experten. Ich brachte dann den Titel ´Humans Being´ ins Spiel und schrieb die Hälfte der Lyrics mit Bruce Fairbairn, ohne daß Sammy davon etwas wußte, weil er sich sonst garantiert geweigert hätte, das Stück zu singen. Sammy war zuletzt einfach nichts und niemandem gegenüber mehr offen. Vielleicht hat ihm seine 25jährige Frau diese Flausen in den Kopf gesetzt, keine Ahnung. Und dann brachte er Sprüche wie: „Wenn Ed Leffler (Hagars Manager, der sich später auch um die Belange von VAN HALEN kümmerte - d. Verf.) noch leben würde, wäre sowas nie passiert.“ Yeah, weil unterm Tisch reichlich illegaler Bullshit abgelaufen ist! Deswegen kam Sammy auch nie mit Ray Danniels zurecht. Ray ist ein ehrlicher Mensch und weigerte sich von Anfang an, sich von Sammy für dessen Zwecke einspannen zu lassen."

Interessant. Hat sich Dave auch so zickig angestellt, als ihr zusammen ´Me Wise Magic´ und ´Can´t Get This Stuff No More´ in Angriff genommen habt?

"Nein, Dave war gewillt, wo und an welchen Parts auch immer zu arbeiten. Er war für alles offen - schließlich hatte er ja auch nichts um die Ohren. Al und ich dachten wirklich, daß wir Freunde werden würden."

Du meinst, wieder Freunde werden würdet?

"Nein, wir waren in der Vergangenheit nie Freunde. Wir gingen nicht auf die gleiche Schule, hingen mit ganz anderen Leuten rum; das einzige, was uns miteinander verband, war die Band. Ich war von jeher ein bißchen scheu und unsicher, was es Dave leicht machte, mich zu manipulieren. Da hieß es dann: „Hey, Eddie, deine Klamotten sind für´n Arsch - zieh´ dir gefälligst was anderes an“, und ich spielte mit. Aber nun werde ich im Januar 42 Jahre alt und bin verdammt nochmal ein Erwachsener - sowas brauche ich mir von Dave nicht mehr gefallen zu lassen. Keine Ahnung, was er da bei den MTV-Awards intus gehabt hat, aber was immer es auch war - den Shit halte ich mir tunlichst vom Hals."

Man sollte eigentlich meinen, Dave hätte seine Lektion gelernt. Schließlich mußte er gerade in den letzten Jahren eine ganze Menge Rückschläge hinnehmen.

"Ich habe von Dave nie erwartet, daß er vor mir in die Knie geht und sich bedankt. Mir ging´s wirklich nur um ein bißchen gegenseitigen Respekt. Mir mit dem Finger im Gesicht ´rumzufuchteln und zu zischen: „You fuckin´ better not!“ - sowas tut man einfach nicht. Während meines letzten Gesprächs mit Dave habe ich ihm das auch gesagt: „Hör´ mal, wenn du so weitermachst, hast du, wenn du 60 bist, keinen Freund mehr, den du nicht bezahlen mußt. Ich habe wirklich mein Bestes versucht, eine Freundschaft zwischen uns aufzubauen, und geglaubt, du hättest dich geändert.“ Aber es brauchte nur mal eben zweiminütige Standing Ovations, und schon war der alte Dave wieder da. Was aber trotzdem nichts damit zu tun hat, daß er nicht Sänger bei VAN HALEN ist, denn er war es während der letzten Monate nie, und wir haben ihm diesbezüglich auch keine Versprechungen gemacht. Wir wollten die Sache langsam angehen und dann mal weitersehen."

Bereust du es inzwischen, daß ihr die zwei Songs mit Dave aufgenommen habt?

"Nein, aber es wird mal wieder darauf hinauslaufen, daß es überall heißt: „Eddie is the prick.“ Man wird mir vorwerfen, ein schwieriger Typ zu sein. Vor allem jetzt, wo Sammy und Dave gleichzeitig über mich herziehen. Die erzählen beide denselben Mist, als ob sie miteinander konferiert hätten. Sie faseln was von „Ich will mich bei meinen Fans entschuldigen“. Was soll der Scheiß? Sammy war zehn Jahre bei VAN HALEN - weshalb also dieses Gerede von wegen „meine Fans“? Hat er jetzt „seine“ Anhänger in einer Ecke des Rings um sich geschart, und alle übrigen stehen mit uns in der anderen?"

Na ja, eure Fans werden den Ausstieg von Hagar wohl verkraften können - genauso wie damals den von Roth.

"Weißt du, das einzige, was wir tun können, ist, uns selbst gegenüber ehrlich zu bleiben und Musik zu machen, die von Herzen kommt. Wenn wir damit auch nur einen einzigen Menschen berühren, haben wir unser Ziel bereits erreicht. Und wenn´s ein Flop wird, dann hat´s eben nicht sollen sein. Das Material, an dem wir gerade mit Gary arbeiten, bläst jedenfalls alles weg, was wir bisher gemacht haben. There´s some fuckin´ stuff from hell and heaven! Und ich meine das ganz ernst. Da sind Sachen dabei, die heavier klingen als alles, was ich jemals geschrieben habe."

Und wieviel Stoff habt ihr für die nächste Scheibe schon beisammen?

"Oh Gott, wir haben genug Material für drei Alben. Ich schreibe fast jeden Tag irgendwas Brauchbares. Es sprudelt einfach so aus mir heraus, und seit ich nicht mehr trinke, kommen mir die Ideen quasi nonstop. Niemand hat mir je zuvor Lyrics gegeben, und zehn Minuten später stand ein kompletter Song. Es ist der totale Wahnsinn!"

Bands:
VAN HALEN
Autor:
Chris Leibundgut

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