Interview

Interview 27.07.2022, 12:16

UMBRA CONSCIENTIA - Online-Ergänzung zum Interview in Rock Hard Vol. 422

Für unsere Rubrik „Krach von der Basis“ baten wir UMBRA CONSCIENTIA-Frontmann Aether aka Esteben Sancho zu einem ausführlichen Gespräch rund um das neue Album „Nigredine Mundi“. Während wir im physischen Auszug des Interviews vor allem die inhaltliche Ebene der Platte diskutieren, gibt es in der hiesigen Ergänzung auch Einblicke in das musikalische Schaffen der Band, Black Metal als solches und einen Nachtrag zur im Heft angesprochenen Dualität der Dinge.


Auf „Nigredine Mundi“ gibt es einige faszinierende Elemente zu entdecken: Musikalisch schafft es die Band, die Essenz des Black Metal einzufangen, ohne sie nur zu kopieren. Das heißt, sie bewegt sich innerhalb der Genre-Traditionen, füllt diesen Raum aber mit Vielfalt und Originalität. Auf die Frage hin, ob genau das den Erwartungen oder Ansprüchen der Band an Black Metal und seinen Sound im Jahr 2022 entspricht, antwortet Esteban:

»Ja. Ich denke, es ist gut Einflüsse zu haben – insbesondere im Black Metal –, doch ist es genauso wichtig diese Einflüsse zu filtern. Ich versuche mich darüber hinaus von den Bands, die ich mag, nicht unbedingt nur auf die offensichtlichen und typischen Weisen inspirieren zu lassen. Es geht mir weniger um Riffs und mehr um Songstrukturen, das Artwork und so weiter. Allgemein finde ich, dass es wichtiger ist mit einem Werk an die Öffentlichkeit zu gehen, dass eher persönlich als generisch klingt. Heutzutage kommt es natürlich darauf an, was du als Künstler anstrebst: Einige Bands haben kein Problem damit, wie andere vor ihnen zu klingen, während andere ganz bewusst etwas eigenes erschaffen wollen. Dazu zähle ich UMBRA CONSCIENTIA und das nicht zuletzt, weil ich aus Costa Rica komme. Ich möchte kein Möchtegern-Norweger sein, wenn es um Black Metal geht. Außerdem gibt es Bands wie Mayhem, Emperor oder Darkthrone schon – warum würde man das kopieren wollen? Wenn die Leute Mayhem hören wollen, dann legen sie eine Mayhem-Platte auf. Deswegen möchte ich meine Werke interessant und erfrischend halten und die kleinen Zwischenräume in diesem Genre erkunden, die noch unentdeckt sind.«

Gab es Dinge, die du während der Entstehung des Vorgänger-Albums „Yellowing Of The Lunar Consciousness“ gelernt hast, die wiederum die neue Platte beeinflusst haben?

»Definitiv. UMBRA CONSCIENTIA ist nicht meine erste Band, ich spiele schon seit etwa elf Jahren in unterschiedlichen Gruppen. Was ich spannend finde ist, dass Musik, die man veröffentlicht, genau in dem Moment ein Eigenleben entwickelt und anfängt zu einem zurückzusprechen. Es ist eine Art Spiegel. Daher wollte ich einerseits nicht nochmal genau die gleiche Platte veröffentlichen; mir ist es wichtig, dass allen Werken etwas besonderes innewohnt, das sie einzigartig macht oder zumindest voneinander abhebt. Andererseits lernt man auch aus Fehlern, es sind kleine Dinge, die man als außenstehende Person vermutlich gar nicht hört, aber mir sind sie aufgefallen und diese Kleinigkeiten wollte ich auf diesem Album dann ausbessern.«

Inhaltlich spielt Hermann Hesses Roman „Demian“ und die Dualität der Dinge für „Nigredine Mundi“ eine tragende Rolle. In diesem Zuge erwähnt Esteban, dass er nicht an das klassische Gut und Böse glaube und verweist darauf, dass "das, was für die Fliege ein Chaos ist, für die Spinne wiederum normal" sei.

»Genau, darum geht es. Aus meiner Sicht gibt es kein Gut oder Böse. Nimm nur Naturkatastrophen: Eine große Flut zerstört eine ganze Stadt, tötet Menschen, bringt die Menschen jedoch letztlich dazu sich weiterzuentwickeln, bessere Strukturen zu bauen und vielleicht bahnbrechende architektonische Entdeckungen zu machen. Die Menschheit entwickelt sich dadurch also weiter. Schöpfung durch Zerstörung. Zerstörerischen Energien materialisieren sich, damit sie in der Zukunft etwas Positives schaffen können. Zumindest ist das eine potenzielle Perspektive. Es verändert den Geist und die Art und Weise, wie wir die Dinge sehen, wenn wir das Gesamtbild abseits unserer egozentrischen Position betrachten.

Für mich gibt es diesen inneren Kampf zwischen Gut und Böse also nicht. Je nach Sichtweise kann man das Wort "böse" für etwas verwenden, weil es einfach einfacher ist. Etwas, das als böse angesehen wird, kann sehr subjektiv sein. Wenn du mich nach Menschen fragst, die "böse" Dinge tun, sind sie für mich einfach unreif. Unreife bedeutet, dass sie sich der Konsequenzen nicht bewusst sind. Und das ist nur die persönliche Ebene. Im Großen und Ganzen können diese Handlungen eine ganz andere Bedeutung haben.«

Wenn man alles, worüber wir gesprochen haben, zusammennimmt, scheint es offensichtlich, dass Black Metal für dich eine größere Bedeutung hat, die über jene eines Musikgenres hinausgeht.

»Klar. Für mich hat Black Metal einen weitaus größeren Stellenwert, der über die musikalische Ebene hinausgeht. Es ist einerseits ein wichtiger Ausgleich für mich, der die Dinge ins Gleichgewicht bringt. In Bezug auf Spiritualität ist es außerdem ein sehr wichtiger Kanal, der alle Energien materialisiert – auch das Chaos und die Zerstörung, die wie gesagt in unserer Natur liegen. Dadurch erhält Black Metal für mich einen weiteren Zweck: Vielleicht liest morgen jemand die Texte einer Band, die dann einen Aspekt seines Lebens nachhaltig verändern oder bereichern. Das verändert dann den Menschen, der er ist und die Menschen, die er wiederum beeinflusst, sodass sich letztlich möglicherweise in der Gesellschaft etwas verändert – oder zumindest in einem Teil dessen.«

www.facebook.com/UmbraConscientia

Bands:
UMBRA CONSCIENTIA
Autor:
Mandy Malon

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