Schwatzkasten

Schwatzkasten 25.03.2015

ULI JON ROTH - Uli Jon Roth

Auch wenn er nicht mehr so explizit im Scheinwerferlicht steht wie seine unkaputtbaren ehemaligen Mitstreiter, gehört der frühere Scorpions-Sechssaiter ULI JON ROTH zu den renommiertesten deutschen Gitarristen überhaupt. Zudem hat der 60-Jährige mit „Scorpions Revisited" gerade seine legendäre Vergangenheit imposant neu aufbereitet. Wir trafen den Veteranen für einen Schwatzkasten und ließen uns amüsante Schwänke über Gott, die Welt und Acidtrips erzählen.

Uli, wo bist du aufgewachsen?

»Ich wurde in Düsseldorf geboren und verbrachte dort meine ersten Lebensjahre. Ich war ungefähr neun, als wir nach Hannover zogen. Dort wohnte ich auch während meiner Scorpions-Zeit, ging dann zwischenzeitlich zurück nach Düsseldorf und später überwiegend nach England, wo ich auch heute noch lebe.«

Wie würdest du deine Kindheit beschreiben?

»Es war alles prima. Ich habe hauptsächlich gute Erinnerungen. Mein Vater hat mir sehr viel Freiraum gelassen. Den brauchte ich auch, da ich sehr früh kreativ war. Mir wurde schon als Fünfjährigem das Fotografieren beigebracht. Ich lernte Bildkomposition und wie man mit Licht und Schatten umgeht. Gefilmt habe ich ebenfalls. Musik kam erst danach. Da war ich neun oder zehn Jahre alt. Ich weiß es gar nicht mehr ganz genau. Ich kann mich aber noch entsinnen, dass mich vor allem die Beatles begeistert haben.«

Welches war dein erstes Instrument?

»Lach jetzt nicht, aber es war die klassische Trompete. Dadurch habe ich auch gleich Noten gelernt. Dann folgte der Bass und erst als Drittes die Gitarre. Mit ihr stand ich als 13-Jähriger erstmals auf einer Bühne. Die Band hieß Blue Infinity, und wir haben während eines Tanzabends anderthalb Stunden lang das damalige Rhythm-&-Blues-Programm gespielt, also Stücke von Cream, den Bluesbreakers, den Shadows usw.«

Was warst du in der Schule: Lehrerliebling, Klassenclown oder Rüpel?

»Auf dem Gymnasium war ich häufig Klassensprecher. Vielleicht hatte ich mal eine Rüpelphase, aber die kann nicht lange angehalten haben. Ich bin mit Schülern UND Lehrern gut klargekommen. Als ich dann vermehrt Gitarre spielte, blieb ich aber lieber zu Hause und habe geübt. Auf dem Zeugnis stand: „Ulrich hat 170 Stunden unentschuldigt gefehlt." (Er lacht.) Aber das hatte keine weitreichenden Konsequenzen. In den frühen Siebzigern war die Schule relativ freizügig. In der zwölften Klasse bin ich ohnehin abgegangen, weil ich zu viel mit den Scorpions auf Tour war. Das passte alles nicht mehr unter einen Hut, und ich brauchte kein Abitur.«

Hast du diese Entscheidung je bereut?

»Nein, sie war goldrichtig. Das Abitur wäre Zeitverschwendung gewesen und hatte für mich keine Bedeutung. Ich habe in der Schule gut gelernt, und danach wurde das Leben mein Lehrmeister.«

Hattest du je einen normalen Job?

»Das kann ich nicht von mir behaupten (lacht). Ich weiß gar nicht so recht, wie das geht. Aber ich kenne Leute, die normale Jobs haben. Das muss es halt auch geben. Beneiden tue ich sie aber nicht, weil ich es gewöhnt bin, mein eigener Herr zu sein. Da lässt man sich natürlich andererseits auf einiges ein und ist auf eine gewisse Art ebenfalls nicht frei, sondern sein eigener Angestellter. Alles hat seinen Preis.«

Du bist Musiker, Maler und Fotograf...

»Und ich interessiere mich sehr für Philosophie.«

...doch hattest du je einen Plan B für eine eher bürgerliche Existenz?

»Nein, ich habe immer alles auf eine Karte gesetzt. Und das war in dem Fall die Musik. Dieser Lebensweg war quasi vorgezeichnet. Da gab es keine Fragezeichen. Solche Gedanken kenne ich gar nicht. Ich hatte natürlich das Glück, früh erfolgreich zu sein. Das gab mir eine Menge innere Sicherheit. Selbstverständlich ging nicht immer alles glatt, und seit dem Jahr 2000 ist das Schallplattenbusiness eine einzige Katastrophe. Aber das sind Lernprozesse. Da muss man durch.«

Wie würdest du deinen Lebensstandard beschreiben? Liebst du Rockstarklischees? Sammelst du beispielsweise flotte Autos oder schicke Villen?

»Mit Autos habe ich mich nie geschmückt. Ich habe auch nie in diese ganzen anderen Rockstardinge Geld investiert. Ich hatte allerdings lange Jahre eine Schwäche für große alte Häuser. Für SEHR große Häuser (lacht). Ich wohnte in Wales in einem Schloss mit 42 Zimmern. Danach lebte ich sechs Jahre in einem deutschen Schloss. Das erfüllt natürlich ein Rockstarklischee. Aber darum ging es mir gar nicht. Ich liebe einfach große Räume. Dort kann man auch gut Musik aufnehmen. Wenn man selbst in großen, schönen und mit Holz getäfelten Hallen lebt, braucht man kein Studio mehr anzumieten. Dort habe ich zuvor ein Vermögen gelassen. Manche Platten haben sich nicht amortisiert, und mit dem Sound war ich eh fast nie zufrieden. Also machte ich mein eigenes Ding. Ansonsten halten sich meine Rockstarallüren in Grenzen. Ich habe nie einen Fernseher aus dem Fenster geworfen oder sonst wie die Kontrolle verloren. Das ist nicht meine Welt. Ich war meist von relativ vernünftigen Leuten umgeben.«

Kannst du dich an einen wirklich schlechten Auftritt von dir erinnern?

»Da erinnere ich mich eher ungern dran, aber es gab auf jeden Fall einige. Ich führe eine Gigliste, in die ich alle Konzerte eintrage, die ich gespielt habe. Ich markiere sie mit verschiedenen Farben. Die besonders guten kriegen Türkis, die normalen Grün. Alle paar Jahre gibt es ein Event, das Grau bis Dunkelgrau bekommt. Da ging dann einfach alles schief. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Meist ist man selbst schuld, weil man mit den Zuständen nicht richtig umgehen kann. Man muss flexibel sein, wenn etwas nicht klappt. Es liegt mir schließlich sehr am Herzen, dass das Publikum happy nach Hause geht. Aber ein Gig ist eine lebende Sache, die manchmal nicht so recht klappt. Zuweilen spiele ich schlecht, ab und zu ist der Sound eine Katastrophe. Manche Buden klingen echt grauenhaft, und ich bin wirklich sehr klangempfindlich. Doch während der letzten Tour habe ich von 30 Shows nur eine mit Weiß markiert, was bedeutet, dass sie eher belanglos war. Alle anderen haben gute bis sehr gute Farben.«

Gibt es ein Lieblingsgerücht über dich?

»Gut finde ich Gerüchte über mich generell nicht, aber über manche kann ich zumindest lachen. Zum Beispiel wenn es heißt, ich säße heroinabhängig im Knast. Dabei habe ich in meinem Leben nie Heroin probiert und war auch nie im Gefängnis, außer wenn ich dort mal aufgetreten bin. Je älter ich werde, desto mehr perlen solche Gerüchte an mir ab. Das sind doch einfach nur Kinderprogramme. Ich bewahre mir die Einstellung, bestimmte Dinge nicht zu wichtig zu nehmen. Ich kämpfe durchaus für meine Prinzipien, will aber nicht zu verkrampft sein. Meine Maxime lautet: „Immer schön locker bleiben." Früher war ich viel schneller genervt. Heute sehe ich alles philosophischer.«

Besitzt du dennoch negative Charaktereigenschaften, mit denen du anderen Leuten das Leben schwermachst?

»Da habe ich durchaus einige. Aber ich versuche ständig, ein besserer Mensch zu werden. Wenn ich mal verbal danebengreife oder etwas tue, das ich lieber hätte lassen sollen, bin ich mir dessen danach hoffentlich bewusst und verhalte mich beim nächsten Mal entsprechend anders. Das hängt natürlich auch vom persönlichen Perfektionsanspruch ab. Wenn man sehr penibel ist, findet man bei sich automatisch viele schlechte Dinge. Aber ich möchte mich wie gesagt vor allem als Mensch weiterentwickeln. Und damit meine ich nicht, reicher, schöner und jünger zu werden, sondern einfach das Richtige zu tun.«

Ist dein Bedürfnis, ein besserer Mensch zu werden, religiös beziehungsweise spirituell motiviert?

»Religiös bin ich nicht, auch wenn ich an Gott glaube. Spirituell erfasst es schon besser. Ich bin sicher, dass es Dinge gibt, die deutlich größer sind als alles, was wir hier auf der Erde sehen und begreifen. Es gibt Welten, die unseren physischen Augen völlig verschlossen bleiben. Man kann schließlich auch Liebe oder Hass nicht sehen, sondern nur die Resultate dieser Gefühle. Es ist eine Frage der geistigen Frequenz. Wie sehr schaffe ich es, mich von Negativem zu entfernen und Positivem zuzuwenden? Da habe ich ganz klare Wertvorstellungen. Ich teile sehr genau in gut und schlecht auf. So bin ich schon immer gewesen, auch wenn man natürlich gelegentlich ins Schwanken kommt.«

Hattest du schon mal übersinnliche Erlebnisse? Und ich meine jetzt ausdrücklich keine Drogentrips.

»Ja, sehr viele. Ich hatte schon früh Visionen und hörte Dinge. Manches war gut, manches weniger toll. Es ist schwer, dafür Beispiele zu nennen. Aber ich kann sagen, dass ich seitdem überzeugt bin, dass es ein Leben nach dem Tod gibt und dass wir nicht nur einen Körper haben, sondern auch einen Geist und eine Seele, die nach dem Tod weiterexistieren. Die Seele gibt es auch schon vor unserer Geburt. Unser Erdendasein ist eine temporäre Reise in eine Welt, in die wir eigentlich nicht gehören. Warum wir hier dennoch landen, weiß ich nicht. Da ist wohl vor ganz, ganz langer Zeit irgendwas schiefgelaufen. Deshalb stimmt auf der Erde auch so vieles nicht. Der Geist kommt jedenfalls aus einer Welt mit einer höheren Schwingung. Ich halte Visionen für total real. Mit Drogen hat das nichts zu tun. Ich habe vor 30, 40 Jahren mal ein paar Acidtrips geschmissen. Dann war´s aber auch schnell wieder gut damit. Es war eine interessante Erfahrung. Ich kann sie dennoch niemandem empfehlen, da ich gesehen habe, wie Leute daran zugrunde gegangen sind.«

Was stimmt denn deines Erachtens mit unserer Welt nicht? Gibt es Dinge, die dir wirklich Angst machen, oder gehst du auch hier eher tiefenentspannt vor?

»Eigentlich bin ich ziemlich furchtlos, aber einiges bereitet mir durchaus Sorge. Der Zustand der Welt ist wirklich nicht schön. Vom Klimawandel abgesehen, ist noch vieles anderes sehr im Argen. Ich kann mir wirklich nur mit Mühe erklären, wie es sein kann, dass Milliarden Menschen Hunger leiden und wir hier tonnenweise Essen wegschmeißen. Das ist schlichtweg falsch. Es wäre theoretisch zu beheben. Aber das wird nicht klappen, da bei den Menschen der Egoismus tiefer sitzt als der Altruismus. Wenn wir uns nicht eh selbst vernichten – da kann man ja nie so ganz sicher sein –, wird es bestimmt noch Jahrhunderte dauern, bis wir die Kurve kriegen und die nächste Stufe der Zivilisation erreichen. Bislang gibt es zu viele Leute, die nicht an das Positive glauben. Daran krankt das System Menschheit.«

Gibt es eine tote historische Persönlichkeit, die du gern kennengelernt hättest?

»Ja, am liebsten Jesus Christus, auch wenn ihr vom Rock Hard das bestimmt nicht gern hört (er lacht). Ich möchte auch die großen Komponisten der vergangenen Jahrhunderte treffen. Besonders bei Mozart oder Beethoven wäre ich gern Mäuschen.«

Kannst du dich noch an dein schlimmstes Date erinnern?

»Ich habe nie Dates gehabt, also hatte ich auch keine schlimmen Erlebnisse in dieser Richtung.«

Vielleicht hast du es nicht Date genannt, aber du wirst dich doch schon mal mit...

(Er unterbricht:) »Ich weiß schon, was du meinst. Ein Date bedeutet, dass ich mich mit einer weiblichen Person zusammensetze, um zu sehen, ob da was gehen könnte. So was habe ich nie getan. Entweder wusste ich sofort, dass es klappt, oder ich habe es gar nicht erst versucht (lacht). Ich bin in solchen Dingen etwas altmodisch gestrickt. Ich komme ja noch aus einer ganz anderen Zeit.«

Dann besitzt du bestimmt keinen iPod.

»Nein, und ich möchte auch keinen haben. Das ist sicherlich nett für Leute, die den ganzen Tag Musik hören. Aber als Mensch, der Musik produziert, ist die iPod-Kultur ein Graus. Sie entwertet die Kunst. Eine Platte ist für mich ein Gesamtwerk. Runtergeladen werden aber vor allem einzelne Stücke. Das komplette Album wird gar nicht mehr gewürdigt. Für so ein Denken eignen sich meine Kompositionen nicht. Ich mag auch nicht diesen extremen Musikkonsum. Musik verliert dadurch ihren inneren Wert. Ich höre sehr wenig Musik und nehme sie daher als intensive Erfahrung wahr. Den ganzen Tag berieselt zu werden, würde mich komplett wahnsinnig machen. Ich bevorzuge überwiegend Stille. In mir geht genug ab. Mein inneres Kinoprogramm reicht mir.«

Wenn du Alben als Gesamtkunstwerke siehst, kannst du bestimmt fünf nennen, die du auf eine einsame Insel mitnehmen würdest.

»Natürlich gibt es Platten, die mich in meinem Leben sehr berührt haben. Aber ich würde lieber Notenbücher von Mozart oder Chopin mitnehmen. Vorausgesetzt, auf der Insel steht ein Klavier (lacht). Dann kann ich die Sachen selbst spielen. Das macht mir mehr Spaß, als sie passiv zu hören. In der Rockmusik kenne ich mich hingegen nicht aus. Da bin ich in den frühen Siebzigern stehengeblieben und habe auch kein großes Verlangen mehr danach...«

www.facebook.com/pages/Uli-Jon-Roth/403059233077097


DISKOGRAFIE (Auszug)

mit den Scorpions:

Fly To The Rainbow (1974)
In Trance (1975)
Virgin Killer (1976)
Taken By Force (1977)
Tokyo Tapes (live, 1978)

mit Electric Sun:

Earthquake (1979)
Fire Wind (1981)
Beyond The Astral Skies (1985)

Solo:

Aquila Suite – 12 Arpeggio Concert Etudes For Solo Piano (1991)
Sky Of Avalon – Prologue To The Symphonic Legends (1996)
Transcendental Sky Guitar Volume I & II (2000)
Metamorphosis Of Vivaldi´s Four Seasons (2003)
Under A Dark Sky (2008)
Scorpions Revisited (2015)

Kritiken unter www.RockHard.de/reviewarchiv

Bands:
ULI JON ROTH
Autor:
Jan Jaedike

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos