Festivals & Live Reviews


Pics: Jürgen Tschamler

Festivals & Live Reviews 02.12.2019, 14:13

RAZOR, TOXIK, BLOOD FEAST - TRUE THRASH FEST 2019

Die große Frage im Vorfeld des ersten TRUE THRASH FEST in Deutschland ist, ob die Welt ein weiteres Festival braucht. Nehmen wir das Fazit vorweg: Mit der europäischen Version der Sause ist der Veranstalterin Steffi Kröger ein großer Wurf gelungen.

Kann das Festival bereits auf eine elfjährige Historie in Japan zurückblicken, steht nun die erste deutsche Auflage an. Und die hat es in sich: Verteilt auf zwei Tage und zwei Locations im Kulturpalast in Hamburg-Billstedt geht es Schlag auf Schlag und jeder der acht Acts aus fünf Ländern überzeugt. Zudem ist der Laden voll und die ganze Veranstaltung glänzt durch einen familiären Charakter, eine perfekte Organisation und ein tolles Preis-Leistungs-Verhältnis.

Freitag (Bambi Galore)

THRASHFIRE aus der Türkei sind für die meisten Anwesenden die großen Unbekannten des Abends und ihr zweiter Auftritt in Deutschland (vor Jahren traten sie an gleicher Stelle schon mal auf) startet suboptimal: Wegen Visa-Problemen (von deutscher Seite!) muss die Truppe auf ihren Drummer verzichten. Kurzfristig findet man mit Tatu Lybeck von Excuse einen Nothelfer und so können die sympathischen Osmanen aus Ankara wenigstens zwei Stücke bieten. Mit denen demonstrieren sie, dass guter Krach auch jenseits des Bosporus gespielt werden kann.

Tatu bleibt dann gleich auf der Bühne und seine Band EXCUSE füllt die verlorene Spielzeit spontan und überzeugend auf.

Weiter geht es mit FALSE PROPHETS, hinter denen für einen einmaligen Auftritt eigentlich Toxic stecken, die sich hier ganz auf ihr Debüt - mit gleichnamigem Song - konzentrieren. Im Gegensatz zu den letzten - eher durchwachsenen - Deutschlandauftritten beim KIT 2014 und dem etwas besseren Set beim HOA 2017 hat Mastermind Josh Christian wieder ein neues Line-up zusammengestellt und setzt konsequenterweise komplett auf das Material aus den Anfangstagen. Und als die Spielzeit mit den „World Circus“-Songs abgelaufen ist, spielt man den Übersong des Albums „Heart Attack“ einfach noch einmal und gibt mit einer Nummer vom Nachfolgealbum „Think This“ einen Vorgeschmack auf den Set am nächsten Tag, bei dem eben dieses Album im Fokus stehen wird. Ein cooler Auftritt, bei dem niemand den Originalsänger Mike Sanders vermisst, denn mit Ron Iglesias hat die Truppe einen weiteren Ausnahmefrontmann zu bieten. Nicht nur, dass er ein toller Sänger ist, optisch könnte er als der kleine Bruder von Todd Michael Hall (Riot V) durchgehen. Total durchtrainiert und ohne ein Gramm Fett am Körper ist der Ostküstler, der altersmäßig der Sohn des Bandleaders sein könnte, mit freiem Oberkörper der Blickfang des Festivals. Mit absoluter Spielfreude demonstriert die gesamte Band, dass das Album aus dem Jahr 1987 zu den Genrehighlights des progressiven Speed/Thrash-Metals zählt. Songs wie 'Door To Hell', 'World Circus' und 'False Prophets' sind zeitlos gealtert und mit ihrer sozialkritischen Message aktueller denn je.

BLOOD FEAST spielen dann wie angekündigt mit „Kill For Pleasure“ ihr komplettes Debüt von 1987. Leider aber nicht chronologisch. Hinzu kommen zwei Nummern des Spätwerks „The Future State Of Wicked“ ('The Underling', 'Off With Their Heads'), der Titelsong von „Chopping Block Blues“ sowie die erste Seite der „Face Fate“-EP ('Face Fate', 'Blood Lust'). Zählte man die Truppe in den Achtzigern maximal zur zweiten Thrash-Liga, muss man sich verspätet fast korrigieren. Nicht zuletzt durch die wahnsinnige Spielfreude und die begeisterten Publikumsreaktionen, muss man von einem erstklassigen Auftritt, der wahrscheinlich schwergewichtigsten Thrash-Truppe überhaupt sprechen. Dass ihr Gitarrist CJ Scioscia nach dem Auftritt zu Boden geht und fast nicht mehr hochkommt, sagt alles.

Fazit: Der erste Abend ist ein voller Erfolg. Ausverkaufter Keller, Bombenstimmung und überall freudige Gesichter!

Samstag (Kronensaal)

Den Auftakt am zweiten Tag machen EXCUSE, die es zwar schon auf diverse Veröffentlichungen gebracht haben, damit aber weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit blieben. Zumindest spielte man bereits letztes Jahr beim TTF in Osaka und da die Finnen dort überzeugten, ist das Quartett - nach dem ungeplanten Auftritt am Vorabend - innerhalb von 20 Stunden zum zweiten Mal im Kulturpalast aktiv. Auch wenn musikalisch eher Durchschnitts-Thrash geboten wird, haben die Nordlichter optisch ein markantes Alleinstellungsmerkmal, denn alle vier tragen einen Old-School-Schnauzer (Wahnsinn! - Red.).

RIVERGE sind in ihrer japanischen Heimat seit 1985 aktiv und für sie ist der heutige Auftritt Premiere auf einer deutschen Bühne. Angesagt von Miki, dem Gründer des Festivals und Tausendsassa der japanischen Szene legt die Truppe eindrucksvoll los und stellt einmal mehr unter Beweis, welche starke Bands aus dem Land der aufgehenden Sonne kommen. Mit seinem leichten Punk-Einschlag bietet das Quartett soliden Thrash Metal, bei dem optisch der blondierte und barfuß auftretende Frontmann Shouji Nakamura die Blicke auf sich zieht und einen Ausdruckstanz der besonderen Art bietet. Optisch eine Mischung aus Warrel Dane und Michael Schenker (Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger) sorgt er zudem für tolle Stimmung, und überhaupt wirkt die ganze Truppe sehr sympathisch. Besser hätte der erste Ausflug in den Westen für die Japaner nicht klappen können.

Der AT WAR-Auftritt steht eigentlich unter unguten Vorzeichen: Drummer Brian Williams hat eine schwere Rückenoperation hinter sich und kann seinen Körper nur einseitig belasten und Bandleader Paul Arnold (der in der Nacht zuvor in seinen 59. (!) Geburtstag feierte) hat eine schwere Beinoperation vor sich. Unabhängig davon bietet das Trio aus Virginia Beach einen weiteren souveränen Set und demonstriert eindrucksvoll, dass sich kaum eine Band so gekonnt an der Schnittstelle von Venom, Motörhead und (frühen) Slayer bewegt. Los geht es mit dem Intro 'F.Y.I.', was folgt ist ein gelungener Querschnitt durch die vier Veröffentlichungen des Trios, welches heute sein obligatorisches Motörhead-Cover 'The Hammer' außen vor lässt, aber auch so den Nerv des Publikums trifft. Nach der Südamerikatour mit Exodus und Hirax im September ist man perfekt eingespielt und genießt die begeisterten Publikumsreaktionen. So haben die Ostküstler sozusagen mal wieder eine Schlacht gewonnen und konzentrieren sich nach ihrer Heimkehr auf neue Songs.

BLOOD FEAST haben natürlich eine andere Setlist als am Vorabend. Aber auch heute steht das Debüt mit fünf Nummern im Mittelpunkt der Band aus New Jersey, von deren Urbesetzung nur noch Bandleader Adam Tranquilli dabei ist. Insgesamt bietet man 13 Stücke von allen fünf Veröffentlichungen. Im Mittelpunkt steht wieder Obersympathikus Chris Natalini, der durch den Set führt und für den Deutschland schon etwas wie eine zweite Heimat bedeutet. Zwar war der gestrige Auftritt etwas intensiver, aber auch diesmal bietet man einen überzeugenden, leidenschaftlichen Set.

TOXIK spielen heute unter ihrem gewohnten Namen und haben sich mit ihrem holländischen Kumpel Eric van Druten (wie auch für den Rest der anschließenden Europatour) verstärkt. Stand am Vorabend ihr Debüt im Mittelpunkt, geht es heute um den Nachfolger „Think This“. Der wird in der Vinyl-Version komplett und fast chronologisch am Stück gespielt - das Led-Zeppelin-Cover 'Out On The Tiles' und 'Technical Arrogance' fehlen also - und anschließend werden noch drei Nummern vom Debüt drangehängt. Und da man sich scheinbar vom Festivalmotto beeinflussen lässt, kommen die Songs gefühlt noch schneller und aggressiver als in der Studioversion rüber. Zudem bietet Frontmann Ron Iglesias (der Nachname ist Programm!) - den man später bei Razor im Pit wieder findet - erneut einen souveränen optischen und stimmlichen Auftritt und es würde nicht verwundern, wenn sich eine größere Band dieses Ausnahmetalent sichern würde. Bis dahin sollte man auch seine Zweitband Paralysis anchecken, bei der der Sänger statt des Gesangs die Gitarre übernimmt und eher rohen Thrash Metal mit Crossover-Einschlag spielt.

Eigentlich müsste am späten Abend das Publikum langsam Ermüdungserscheinungen zeigen. Beim Headliner RAZOR werden allerdings die letzten Reserven aktiviert und die Kanadier verwandeln die prall gefüllte Halle in ein Tollhaus. Kein Wunder, denn mit dem Songmaterial hat das Quartett Perlen der Thrash-Metal-Historie im Gepäck, mit Dave Carlo und Mike Campagnolo zwei Originalmitglieder im Line-up und Bob Reid erweist sich einmal mehr als souveräner und aggressiver Sänger, dem man allerdings erklären sollte, dass man Bier trinkt und nicht sinnlos umherschüttet. Insbesondere die Klassiker aus den Achtzigern werden gnadenlos abgefeiert und unerwartet spielt der Bandleader Dave Carlo bei 'Instant Death' die Nummer komplett im Publikum. Wer nicht dabei ist, darf sich 2020 auf einen Maiabend in Gelsenkirchen freuen, wenn die Truppe beim Rock Hard Festival sicherlich auch wieder Genreklassiker wie 'Take This Torch', 'Hot Metal', 'Cross Me Fool', 'Evil Inavders' und 'Cut Throat' spielen wird. Insgesamt finden sich 16 Nummern von sechs Veröffentlichungen (Material von „Decibels“ und „Violent Restitution“ wird ausgespart) in der Setlist. Letztlich erleben die Nordamerikaner im Spätherbst ihrer Karriere ihren zweiten Frühling und sind ein wahrhaft würdiger Headliner des Festivals.

Die beste Nachricht kommt aber erst nach dessen Ende, denn 2020 wird es mit dem TTF auf deutschem Boden weiter gehen! Und wenn die Kooperation mit Mikki weiter läuft, kann man andere ehemalige TTF-Aktivisten wie Witchburner, Sacrifice, Hirax, Exciter, Fastkill, United möglicherweise nächsten Herbst in Hamburg erwarten. So oder so: Das erste hanseatische TRUE THRASH FEST hat als hochkarätiger Veteranentreff das Festivaljahr würdig abgeschlossen. Den wahren Thrash-Spirit erlebt man nämlich nur in kleinen Clubs mit Musikern, Bands und Fans die in engem Austausch stehen. Berufsmusiker wie die so genannten „Big Four“ können auf Megabühnen mit Albernheiten wie Konfettiregen (Kreator) vor Eventpublikum eine Magie wie bei dieser kleinen - fast schon intimen - Veranstaltung mit ihrem leidenschaftlichen und internationalen Publikum niemals erreichen. Danke und Gratulation für die gelungene Veranstaltung an die Organisatorin!

Bands:
RAZOR
TOXIK
BLOOD FEAST
AT WAR
RIVERGE
EXCUSE
FALSE PROPHETS
THRASHFIRE
Autor:
Wolfram Küper

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