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ToneTalk 23.07.2014

TRIPTYKON , DARK FORTRESS , NONEUCLID - »Quorthon ist vollkommen unterbewertet«

TONETALK
NAME: V. Santura
BANDS: Triptykon, Dark Fortress, Noneuclid
INSTRUMENT: Gitarre

V. Santura alias Victor Bullok gehörte zur finalen Besetzung der legendären Extrem-Metal-Pioniere Celtic Frost. Bei den Nachfolgern Triptykon ist er wichtiger Sidekick von Tom G. Warrior und bei Dark Fortress Chef im Hause. Wenn ihn dann immer noch Langeweile überkommt, verausgabt er sich mit den Anspruchsmetallern Noneuclid. Für unsere Tonezone nahmen wir den sympathischen Gitarristen und Produzenten genauer unter die Lupe.


Victor, wann hast du zum ersten Mal eine Gitarre in die Hand genommen?

»Das war ganz konkret am 20. September 1996 (lacht). Das war der 14. Geburtstag des späteren Dark-Fortress-Drummers. Es gab eine Feier, bei der wir beide zum Schluss als Einzige übrig waren. Er hat damals seit einem Jahr Schlagzeug gespielt, sein Bruder Gitarre und ich gar nichts. Er wusste aber, dass ich ganz gut einen Takt halten kann, und wir haben ein bisschen gejammt. Ich saß an den Drums, er übernahm die Gitarre. Nachdem wir auf diese Art ´ne Stunde lang mehr schlecht als recht Krach gemacht hatten, haben wir die Instrumente getauscht, damit zumindest einer von uns halbwegs spielen kann. Als ich die Gitarre in der Hand hielt, hat es bei mir sofort klick gemacht. Eine Stunde später hatten wir unseren ersten Song komponiert, der natürlich nicht sonderlich ernst zu nehmen war. Aber es war meine Initialzündung. Ich habe dann dreieinhalb Jahre richtig seriös klassischen Gitarrenunterricht genommen. Bei der E-Gitarre bin ich hingegen Autodidakt.«

War eine Karriere an der klassischen Gitarre für dich jemals eine Option?

»Das Spielen hat mir sehr gefallen, aber mit der E-Gitarre kann man lauter und härter agieren, was dann den Ausschlag gegeben hat. Außerdem hat man als klassischer Musiker nur minimale Karrierechancen. Du musst einer der drei bis fünf Besten sein, oder du fährst Taxi (lacht). Ich wollte ohnehin immer in einer Metalband spielen. Inzwischen habe ich seit zehn Jahren keine klassische Gitarre mehr angefasst.«

Hast du als Kind auch mal ein anderes Instrument probiert, zumindest Blockflöte?

»Nicht wirklich. Ich bin mit Abstand der Jüngste in der Familie und habe noch drei Geschwister. Mein Vater war ein verhinderter Profimusiker. Er ist Jahrgang 1934, also in der Nachkriegszeit aufgewachsen. Er musste recht früh für die Familie sorgen. Sein Lebenstraum war es, Musiker zu werden, und ihm wurde tatsächlich ein Stipendium angeboten, um in Essen Waldhorn zu studieren. Aber seine Mutter meinte, dass die Familie auf sein Einkommen angewiesen sei, woraufhin er seine Karrierewünsche unterordnete. Das hat ihn sein ganzes Leben lang frustriert, und er wollte unbedingt, dass seine Kinder Musiker werden. Meine älteren Geschwister wurden bereits früh gezwungen, ein Instrument zu lernen, aber es ist ja klar, wie Kinder reagieren, wenn die Eltern so was probieren: Es kam nicht viel dabei raus, und als ich an der Reihe gewesen wäre, hatte mein Vater bereits aufgegeben. Ich habe quasi selbst zur Musik gefunden.«

Hat dich die Erfahrung, dass dein Vater seinen Traum nie ausleben konnte, umso hartnäckiger werden lassen, was deine eigene Karriere angeht?

»Ja, auch wenn mein Vater mit der Musik, die ich spiele, überhaupt nichts anfangen kann. Für ihn ist nur wirklich klassische Klassik wie Barock und Romantik relevant, nicht mal moderne Klassik. Er findet meine Musik bestimmt vollkommen schrecklich, aber er ist dennoch sehr stolz auf mich.«

Hattest du als Gitarrenanfänger Idole?

»Das erste Album, das ich mir ausgesucht habe, um Metal zu lernen, war „De Mysteriis Dom Sathanas“ von Mayhem. Danach kamen Slayer. Ich hatte relativ früh das „Reign In Blood“-Songbook und konnte recht bald tighte 16tel spielen. Das fiel mir nicht schwer, da ich damals schon seit zwei Jahren klassischen Unterricht nahm. Was einzelne Musiker als Vorbilder angeht, muss ich vor allem Jeff Loomis (ex-Nevermore - jj) nennen. Wenn ich sein Level erreichen wollen würde, müsste ich täglich noch ein paar Stunden mehr üben (lacht). Er ist wirklich extrem gut. Ich stehe gar nicht mal auf diese typischen Gitarrenvirtuosen. Riffing und Songwriting haben mich immer viel mehr interessiert, und da ist Jeff herausragend. Ein Gitarrist, der mich eher unterbewusst beeinflusst hat und den ich erst in letzter Zeit richtig entdeckt habe, ist Bathorys Quorthon. Er ist vollkommen unterbewertet. Er hatte einen ganz eigenen, originellen Stil mit einem immensen Ausdruck. Als Beispiel fällt mir dieses unfassbar minimalistische Solo von ´Call From The Grave´ ein. Es basiert quasi auf einem Ton, aber was er daraus macht, ist phänomenal. Er war für mich der Meister des Ein-Ton-Spiels (lacht). Ebenfalls unglaublich gut sind die Soli auf Tiamats „Wildhoney“, obwohl ich nicht mal weiß, wer genau sie spielt. Das ist mit das Beste, was in den Neunzigern im Metal veröffentlicht wurde.«

Ich gehe jetzt mal davon aus, dass du dich auf die Frage, ob dir Technik oder Feeling wichtiger sind, für Feeling entscheidest.

»Nein, so einfach ist das nicht. Perfekt ist für mich eine Mischung aus Timing, Intonation und Sound. Feeling ist natürlich nicht unwichtig, aber wenn man das Gitarrespielen wie einen Werkzeugkasten betrachtet, ist Feeling etwas, dessen man sich bedienen kann, das jedoch nur in Kombination mit anderen Dingen wirklich funktioniert. Wenn ich mir meine Bands ansehe, ist bei Triptykon das Feeling wichtiger als die Technik, bei Dark Fortress ist es gleichwertig, und bei Noneuclid steht die Technik im Vordergrund.«

War deine erste Gitarre ein Billigmodell, oder hast du gleich mit einem High-Tech-Sechssaiter angefangen?

»Es war eine Stratocaster-Kopie einer Firma namens Cherry und absoluter Schrott. Auf dem Ding habe ich mich ein, zwei Jahre abgequält und mir dann eine Custom USA B.C. Rich Warlock gekauft. Ich liebe diese Gitarre nach wie vor, auch wenn ich offiziell von Ibanez endorst werde und mit Triptykon nur Icemans spiele. Soweit ich weiß, wurde die Iceman-Gitarre zuerst durch Paul Stanley von Kiss bekannt. Von der Warlock kann ich aber einfach nicht die Finger lassen.«

Welches deiner Instrumente ist materiell betrachtet am wertvollsten?

»Vom Listenpreis her gesehen ist das meine B.C. Rich, die damals zweieinhalbtausend Dollar gekostet hat. Ich habe nicht viele Gitarren. Einige, die gerade in meinem Besitz sind, sind eigentlich Bandeigentum. Auf denen spiele ich schon seit Celtic-Frost-Zeiten. Das sind Gitarren, die von der Band gekauft wurden und die ich zurückgeben müsste, wenn ich nicht mehr bei Triptykon wäre.«

Wie häufig übst du?

»Das ist total unterschiedlich, und es ist auch schwer zu sagen, was genau man unter Üben versteht. Ich klimpere manchmal abends einfach so nebenbei vor mich hin, was dann mehr der Entspannung dient. Es kommt vor, dass ich jeden Tag mehrere Stunden spiele, aber auch mal zwei Wochen lang gar keine Gitarre anfasse, weil ich zu viel Stress habe. Ich denke, dass ich zwischen meinem 16. und 19. Lebensjahr am meisten geübt habe. Heute spiele ich mehr, als dass ich übe. Um zu komponieren, muss ich mich dann in ein bestimmtes Mindset begeben. Es dauert zwei, drei Tage, bis ich dort richtig drin bin.«

Welchen deiner Songs sollen Leute, die noch nie etwas von dir gehört haben, antesten, um dich als Musiker kennenzulernen?

»Dafür wäre ´Luciform´ vom nächsten Dark-Fortress-Album perfekt, das im September erscheint. Dort spiele ich das beste Gitarrensolo, das ich meiner Meinung nach je aufgenommen habe. Es ist nicht besonders spektakulär, aber vom Gefühl her ist es mein gelungenstes.«

Hast du ein Lieblingssolo von einem anderen Gitarristen?

»Ja, das Solo im Opener des eben erwähnten Tiamat-Albums „Wildhoney“. Ich kann mich aber nicht wirklich auf ein einziges festlegen und packe noch das letzte Solo von Megadeth´ ´Wake Up Dead´ dazu.«

Gibt es während deiner Konzerte Momente, in denen du richtig nervös wirst und dich stark auf deine Parts konzentrieren musst?

»Das kommt ganz auf die Band an. Bei Triptykon passiert das eigentlich nicht. Bei Dark Fortress hängt es vom jeweiligen Song ab. Da gibt es auf jeden Fall ein, zwei Stücke im Set, die extreme Konzentration erfordern. Bei Noneuclid haben wir den Song ´Void Bitch´, der mich fast wahnsinnig macht. Das ist live wirklich das Allerschlimmste. Bei der Band bin ich nach einem einstündigen Auftritt ohnehin völlig fertig.«

Bevorzugst du Kabel oder Sender?

»Kabel. Eigentlich hasse ich es. Ich würde viel lieber mit einem Sender spielen, aber alles, was weniger als 2.000 Euro kostet, hat mich nicht überzeugt. Und für eine größere Investition bin ich zu geizig (lacht). Aber irgendwann werde ich mir bestimmt ein High-End-Gerät anschaffen.«

Ist dir in letzter Zeit ein Gitarrist aufgefallen, der dich auf Anhieb begeistern konnte?

»In letzter Zeit nicht. Das liegt nicht an den Gitarristen, sondern an meiner fehlenden Zeit, aktuelle Musik zu entdecken. Vor drei Jahren war ich jedoch auf der Nevermore-Tour, auf der auch Symphony X gespielt haben. Deren Michael Romeo ist natürlich kein Newcomer, aber als ich ihn gesehen habe, ist mir echt die Kinnlade runtergefallen. Von dieser unfassbaren Leichtigkeit und Virtuosität kann sich sogar Jeff Loomis noch was abgucken.«

Gibt es für dich als Musiker oder Produzent einen Referenz-Gitarrensound?

»Jein. Extrem beeindruckt hat mich das Comeback-Album von Alice In Chains, „Black Gives Way To Blue“. Das ist nicht der Referenzsound für die Musik, die ich spiele, aber der schönste und fetteste Gitarrenton, den ich je gehört habe. Ähnlich ging es mir, als wir mit Dark Fortress Vorband der ersten Reunionshows von Celtic Frost waren und ich beim Soundcheck deren Gitarrensound hörte. Ich wollte umgehend rauskriegen, wie die das machen.«

Daran haben sich schon viele die Zähne ausgebissen.

»Stimmt. Ich bin nach dem Celtic-Frost-Soundcheck auf die Bühne gegangen und habe mir genau angesehen, wie die Amps eingestellt sind. Das weiß ich seitdem alles auswendig (lacht). Aber es reicht nicht, nur die Einstellungen zu kennen, denn es gibt noch einen geheimen Kniff bei der ganzen Sache. Hinzu kommt der menschliche Faktor. Letztendlich hört sich ein Instrument auch immer nach der Person an, die es bedient. Tom hat zum Beispiel einen äußerst individuellen Sound, den man kaum kopieren kann.«

Wie bist du dazu gekommen, auch als Produzent zu arbeiten?

»Das war schon in der Schule mein Berufswunsch. Ich habe mich kurz vorm Abitur dafür entschieden, Tontechniker zu werden und Bands zu produzieren. Eine Art Vorbild war für mich Peter Tägtgren (Chef von Hypocrisy und Pain sowie Produzent vieler Metal-Größen - jj). Zu produzieren und in mehreren coolen Bands zu spielen, ist ein tolles Modell, und ich bin total froh, dass es mir gelungen ist, so meinen Lebensunterhalt zu bestreiten.«

Welche Fehler machen Nachwuchsgitarristen am häufigsten, und welche Tipps hast du für sie auf Lager?

»Durch meine Studioarbeit fällt mir auf, dass sich Musiker speziell im Metal sehr darauf konzentrieren, was sie spielen, und nicht, wie sie es spielen. Ich habe im klassischen Unterricht gelernt, dass das Wie nicht unterschätzt werden darf. Man kann technisch perfekt sein und trotzdem scheiße klingen. Eine weitere Sache ist, dass viele Musiker glauben, eine Gitarre, die mit dem Stimmgerät eingestellt wurde, würde automatisch korrekt tönen. Genau das ist aber nicht der Fall. Eine Menge Gitarristen drücken mit der linken Hand die Saiten zu sehr, so dass die Akkorde nicht mehr richtig rein und fett klingen. Da sollte man auf jeden Fall drauf achten, denn das belastet den Sound.«

Gibt es Auftritte, an die du dich sehr gerne zurückerinnerst?

»Ja, im finnischen Oulu auf dem Jallometalli-Festival zu spielen, war denkwürdig und einer meiner besten Gigs. In Island aufzutreten, war ebenfalls der Wahnsinn. Es sind also eher solche speziellen Konzerte als offensichtliche Highlights wie das Wacken Open Air. Dort spielten wir mit Celtic Frost 2011 zwar um Mitternacht auf der Mainstage, aber es war eine ziemliche Enttäuschung. Es war völlig anonym. Ich habe wegen des Lichts und der Soundeinstellungen das Publikum weder gesehen noch gehört. Da spielst du deinen größten Auftritt überhaupt und hast das Gefühl, dass niemand da ist. Ich musste mich echt zusammenreißen, das Beste zu geben.«


www.triptykon.net
www.darkfortress.org
http://noneuclid.com
www.woodshedstudio.de

Bands:
TRIPTYKON
NONEUCLID
DARK FORTRESS
Autor:
Jan Jaedike

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