Tourtagebuch


Pics: Thomas Nägler

Tourtagebuch 12.11.2018, 17:02

THE NEW ROSES - Tourtagebuch von der Kiss Kruise 2018

Hätte man die vier Jungs aus Wiesbaden noch vor zwei Jahren gefragt, wie wohl ihre erste Show in den USA aussehen könnte, hätten sie von Kneipen und 10 bis 20 Besuchern gesprochen, nicht aber von einem riesigen Schiff mit Kurs auf die Bahamas, außerdem KISS und zudem ca. 3000 Leuten an Bord.

Als bisher einzige deutsche Band waren THE NEW ROSES vom KISS-Management zur THE KISS KRUISE eingeladen worden - und so steigt das Quartett im verregnet windigen Frankfurt ins Flugzeug, um 10 Stunden später mit Anlauf gegen die Klimamauer in Miami zu rennen. 


Die Sonne erinnert an die Konzertreise nach Afghanistan, die THE NEW ROSES letztes Jahr unternommen hatten, doch die Luftfeuchtigkeit stellt das genaue Gegenteil dar. So freut sich Frontmann Timmy Rough direkt über den Entschluss, zwar mehr Gepäck schleppen zu müssen, dafür aber die doppelte Menge an Stageoutfits eingepackt zu haben. Dieses Gepäck wird aber vorerst im Marriott Miami Aiport Hotel abgeladen, wo die erste Nacht verbracht wird, bevor man am nächsten Morgen auf den großen Kahn steigt.

Im Hotel tummeln sich bereits Bands und Künstler aus aller Welt, die nicht nur auf die KISS KRUISE warten. So trifft man in der Lobby zum Beispiel Phil Campbell, der gerade auf dem Rückweg von den Bahamas im Rahmen der „The Rock ‘N’ Wrestling Rager At Sea Cruise“ ist. Campbell und THE NEW ROSES hatten sich bereits einige Monate vorher beim „Matapaloz“-Festival kennengelernt.

Am darauffolgenden Tag, dem 31.10., geht es dann aufs Boot. Die „Norwegian Jade“ mit über 1000 Mann Personal und fast 3000 KISS-Fans, sechs verschiedenen Live-Bühnen und 14 Stockwerken, beeindruckt und macht es einem schwer zu glauben, dass dieser Kahn schwimmen kann.

Schnell auf‘s Zimmer durch das Labyrinth der Korridore und die Koffer, Gitarren, Amps und Boards in die Ecke knallen, denn schon beim Ablegen der Jade steht ein Unplugged-Konzert der Gastgeber auf der Pool-Stage auf dem Programm. Die Stimmung ist außergewöhnlich, als KISS die Bühne betreten. Die Sonne knallt, genauso wie die Songs der Rocklegenden und während der Blick über das Außendeck und die Fans schweift, bekommt man eine Ahnung davon, wie sich die nächsten Tage anfühlen werden. Eineinhalb Stunden später beenden KISS mit ihrem Klassiker 'Rock'n'Roll All Nite' ihr Set und eröffnen die KISS KRUISE mit einer Party, die auf allen Decks bis in die Morgenstunden läuft.

Tag 2 beginnt mit einem Abstecher nach Key West. Egal wohin man in der Innenstadt auch seinen Blick wendet, begegnen einem KISS-Logos auf allen erdenklichen Kleidungstücken. Am Hafen entsteht dagegen allmählich eine etwas intimere Stimmung und so kann bei einem kühlen Budweiser unter Palmen auch die Setliste des Abends besprochen werden – denn die erste THE NEW ROSES-Show auf amerikanischen Boden bzw. Wasser steht kurz bevor. Als die Jungs nach der Rückkehr auf das Schiff die „Bliss Stage“ im Inneren des Kolosses begutachten, spürt man trotz hunderter Shows und Top-20-Chartplatzierung des letzten Albums „One More For The Road“ eine gewisse Nervosität. Bassist Hardy erklärt treffend: „Wir sind auf unbekanntem Gebiet. Ich bin gespannt, wie die US-Rock-Fans auf unsere Show reagieren werden.“ Die Nervosität wandelt sich jedoch ruckartig um in eifriges Problemmanagement: Als beim Aufbau auf der Bühne feststeht, dass das eigene Equipment wegen mangelnder Stromtransformation nicht genutzt werden kann, müssen Ersatz-Amps auf dem Boot organisiert werden und es wird kurzum auf Effekte jeder Art verzichtet. Dann eben 100% pure THE NEW ROSES.

Die Show beginnt und innerhalb zweier Songs ist die „Bliss Lounge“ gut gefüllt. Aus anfänglicher Neugier der Herannahenden wird schnell eine ordentliche Party, die sich bis zur Euphorie hochschaukelt. Offensichtlich haben sich die meisten Passagiere im Vorfeld über die Bands auf dem Schiff erkundigt, denn spätestens bei 'Life Ain’t Easy (For A Boy With Long Hair)' ist das Publikum lauter als die Band selbst. Kurz vor dem Finale der Show hat man zeitweise den Eindruck, dass das Schiff ein wenig wackelt, denn bei 'Thirsty' springt das ganze Publikum im Takt und entlässt die Jungs von THE NEW ROSES mit einem ekstatischen Hochgefühl und unter lauten „SUUUGABOOO“ Rufen (das sollte wohl „Zugabe“ heißen) von der Bühne. Das wäre geschafft. Es würde nicht wundern, wenn in der Zukunft von diesem Gig irgendwo auf dem Meer zwischen Miami und Key West als dem „Grundstein“ ihrer US Karriere gesprochen würde.

Nach ausgiebiger Foto- und Autogrammsession mit den neuen Fans feiern die Jungs ihren Einstand. Man sichtet sie in der Artist Lounge - wo sie von Kollegen wie THE DEAD DAISIES, VINTAGE TROUBLE oder THUNDERMOTHER beglückwünscht werden, auf dem Oberdeck – wo sich bei Livemusik mit den Fans amüsiert wird oder im Casino am Roulettetisch – wo auch, zwischen ein paar Chips auf rosenrot, immer wieder Autogramme und Fotos verlangt werden. Da ein Day Off auf hoher See ansteht, kann man sich ohne schlechtes Gewissen der Magie dieser Reise hingeben.

Am „Feiertag“ gibt es überall auf dem Cruiseship Aktivitäten: Sei es Kochen mit Paul Stanley, Drum-Off mit Eric Singer, „Junior KISS Navy Air Guitar Competition“ mit Tommy Thayer, „Lip Sync Competition“ und vieles mehr. Da THE NEW ROSES heute nicht auf der Bühne rocken, stehen Fan-Meetings und Autogrammstunden an, aber es findet sich auch die Zeit, sich die Shows der anderen Kollegen anzusehen oder sogar als Gastmusiker mit auf der Bühne zu stehen wie z.B. bei THUNDERMOTHER, die abends die „Magnum Stage“ auf Deck 6 rocken.

Am Samstagvormittag schwirren die Rosen schon früh um die Bühne am Pool des Oberdecks herum. Für 12 Uhr mittags ist ihre Show auf dieser Hauptbühne angesetzt. 
Erleichtert stellt Timmy fest, dass immerhin sein Verstärker auf dieser Bühne funktioniert. Doch schon während des Soundchecks erkennt das Quartett die Herausforderung des Tages: die Sonne. 
Als hätte man den Kopf auf einen Dönerspieß gesteckt, wird man hier von allen Seiten gründlich durchgebraten. Von Schatten fehlt hier jede Spur. Da bleibt nur Sonnenbrille auf und durch. Die vorherigen Bedenken, es könne noch zu früh für das hart feiernde Publikum sein, sind schon während des ersten Songs 'Every Wild Heart' verflogen. Aus allen Türen und von allen Treppen strömen die Menschen vor die Bühne und schon bei 'Forever Never Comes' stimmt das ganze Deck mit ein. Auch im abgesperrten Artist-Zuschauerbereich füllt es sich und unter vielen Kollegen werden auch die Konzertveranstalter-Legende Ossy Hoppe und KISS-Manager Doc McGhee gesichtet. 
Sichtlich konzentriert verfolgen sie die Show bis zum letzten Song. Das Konzert toppt sogar den Erstling von der „Bliss Stage“ und Timmy verlässt die Bühne mit den Worten: „Thank you so much! This was amazing! But now I need a Budweiser and an oxygen mask…“


Doch zumindest für die Sauerstoffmaske scheint keine Zeit zu sein. Es wimmelt von Fans, die Fotos, Autogramme, T-Shirts und vor allem die Alben der Wiesbadener zu brauchen scheinen. Im Getümmel hört man diverse Sprachen wie z.B. Englisch, Russisch, Japanisch, Französisch und vieles mehr. Was könnte mehr unter Beweis stellen, welche Kraft Rock 'n' Roll doch hat und wie sehr diese Musik verbindet? 
Im Anschluss an das Meet & Greet gilt es nun noch jemanden zu treffen: Doc McGhee lädt die Band auf einen Plausch mit ihm und Ossy Hoppe in die Artist-Lounge ein. „These boys are killer, I wanna meet them and say Hi“ meint McGhee zu THE NEW ROSES-Manager Deville Schober und eineinhalb Stunden später bemerkt ein strahlender Drummer Urban Berz: „Das war wie eine Audienz beim Papst, ein legendäres Meeting, was wir mit Sicherheit so schnell nicht vergessen werden.“

Der Rückenwind, den die Jungs verspüren, bleibt leider nur symbolischer Natur, als am nächsten Tag auf den Bahamas von Bord gegangen wird. Es ist heiß und ein ordentlicher Sonnenbrand ist schier unvermeidbar. Außerdem macht sich allmählich das ständige Auf und Ab der Temperaturen bemerkbar: Was viele vielleicht nicht wissen, Shows auf einer Cruise in so heißen Gegenden sind extrem anstrengend und eine Katastrophe für die Stimmbänder der Sänger. Außentemperaturen von bis zu 40 Grad treffen auf selten über 20 Grad klimatisierte Räumlichkeiten im Innenbereich. Es ist ein ständiger Kampf zwischen Erkältung und Hitzschlag. Trotzdem bleibt die Stimmung bestens und das Salzwasser beim Schnorcheln entpuppt sich als Wunderwaffe der Stimmregeneration.

The final countdown: THE NEW ROSES haben die Ehre, die allerletzte Show auf der KISS KRUISE auf dem Weg von den Bahamas nach Miami zu spielen. Tatort ist die „Magnum Stage“, örtliche Uhrzeit 0:30 Uhr. Es ist praktisch die Abschlussparty einer verrückten Woche und alle sind da. Angefangen von den THE DEAD DAISIES, über SLASH-Drummer Brent Fitz, THUNDERMOTHER, weiter über Teile der KISS-Crew bis hin zu den KISS-Fans aus der ganzen Welt. Der Höhepunkt des Konzerts scheint erreicht, als das Publikum einfach nicht aufhören kann, den Refrain von 'One More For The Road' zu singen, selbst als die Band den Song längst beendet hat. Doc McGhee, der es sich zu dieser späten Stunde nicht nehmen ließ vorbeizuschauen, verabschiedet sich mit einem Lächeln und den Worten: „This band is a monster“. Einen Monsterspaß hat diese Band jedenfalls, als sie den letzten Song der KISS KRUISE VIII anspielen. „Never grow up, you hear me?!?“, brüllt Timmy ins Mikrofon und aus Normans Gitarrenbox knallt das Riff von 'Thirsty'.

„Es fühlte sich gar nicht so an, als wären wir zum ersten Mal auf einem neuen Kontinent gewesen. Eigentlich fühlte es sich eher an, als wären wir nach Hause gekommen“, resümiert Timmy, als er am darauffolgenden Nachmittag endlich seinen Platz im Flugzeug Richtung Deutschland eingenommen hat. 
Rock'n'Roll kennt eben keine Grenzen. Eine Rock'n'Roll-Band ist dort zu Hause, wo Rock'n'Roll geliebt und gelebt wird. Und auf diesem Schiff gab es keinen Zweifel daran.

Bands:
THE NEW ROSES
Autor:
Thomas Nägler

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