Schwatzkasten

Schwatzkasten 24.02.2016

AT THE GATES - TOMAS „TOMPA“ LINDBERG (AT THE GATES)

Tomas „Tompa“ Lindberg ist das Gesicht und die Stimme der schwedischen Melodic-Death-Pioniere At The Gates. Im Schwatzkasten erzählt der 43-jährige Familienvater von seiner musikalischen Sozialisation, den Bandnamen, die zu Teenager-Zeiten auf seiner Lederjacke prangten, seinen Hobbys und der ersten Band, von der er sich ein Autogramm besorgte.

Tompa, wie und wo bist du aufgewachsen?

»Ich bin in Uppsala geboren, wo ich meine ersten vier Lebensjahre verbracht habe, und bin in einem Vorort von Göteborg aufgewachsen. Ich stamme aus einer Mittelklasse-Familie und habe zwei deutlich ältere Schwestern. Meine Eltern waren bis vor zehn Jahren, als mein Vater starb, ein Paar. Ich hatte eine behütete und sehr schöne Kindheit. Es war eine lustige und sehr harmonische Zeit.«

Gehörtest du in der Schule zu den Musterschülern oder zu den Troublemakern?

»Ich habe nie zu den Schülern gehört, die sich gerauft oder Ärger angezettelt haben. Als Kind war ich recht still und zurückhaltend. Auch auf der weiterführenden Schule habe ich keine Probleme gemacht. Allerdings gingen meine Noten nach unten, als ich die Musik, den Alkohol und die Frauen entdeckt habe.«

Wie bist du zur harten Musik gekommen?

»Im Schweden der achtziger Jahre musstest du dich entscheiden, ob du zu den sogenannten Synthas gehören wolltest, die auf Synthesizer- und Pop-Musik im Stil von Depeche Mode und a-ha standen, oder zu den Metalheads. Du konntest nicht beiden Gruppen angehören. Zu der Zeit gab es viel Metal und Hardcore in Schweden. Die harte Musik fand sogar in den großen Magazinen statt. Man kam nicht an ihr vorbei.
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es eine spezielle Person war, die mir den Heavy Metal nahegebracht hat. Die Freunde meiner älteren Schwestern hatten große Plattensammlungen, die sogenannten Proto Metal, also den Vorläufer des Heavy Metal mit Bands wie Wishbone Ash und Blue Öyster Cult enthielten. Auch frühen Garagen-Rock von The Stooges und MC5 fand man in ihren Sammlungen. Diese Scheiben haben mich quasi auf den Metal vorbereitet. Als ich acht, neun Jahre alt war, schwappte die New Wave Of British Heavy Metal über Schweden hinweg. Wir Jungs von At The Gates hatten wirklich Schwein, denn wir sind gemeinsam mit der sich entwickelnden Metalszene groß geworden. Im Teenager-Alter traten Metallica und Slayer in unser Leben, und als wir schließlich in der Lage waren, selbst Musik zu machen, wurde Death Metal gerade groß. Das war Mitte der Achtziger. Es passte perfekt.«

Was war das erste Konzert, das du dir angeschaut hast?

»Wir haben in Göteborg den größten Vergnügungspark Schwedens, in dem auch Shows stattfinden, die man sich angucken kann, sobald man den Eintritt von acht Euro geblecht hat. Als ich etwa zwölf Jahre alt war, spielte dort die Band 220 Volt, die in der damaligen schwedischen Hardrock-Szene sehr groß war. In den frühen achtziger Jahren gab es in Schweden eine Menge Hardrock-Bands dieser Art, wie z.B. Heavy Load und Europe, deren erstes Album noch richtig nach Metal klang, bevor sie zum Hardrock umschwenkten. Dieses Konzert von 220 Volt war ein ganz besonderes Erlebnis für mich. Ich holte mir sogar Autogramme.«

Wie verlief deine erste eigene Show?

»Wir spielten 1988 mit meiner damaligen Band Grotesque in einem Jugendzentrum, das sich in einer sozial schwachen Gegend befand, die nicht allzu weit von meinem heutigen Arbeitsplatz entfernt ist. Es war eine Ecke, in der man nachts nicht alleine unterwegs sein wollte. Wir waren ein Haufen verwirrter, verrückter Teenager, die versuchten, Death Metal zu spielen. Den Gig gibt es sogar auf Video.«

Gehörtest du zu den Jungs, die eine Kutte trugen?

»Nein, Patches waren damals nicht angesagt in Schweden. In der Death-Metal-Szene war es später üblich, sich mit weißer Farbe die Logos der eigenen Lieblingsbands auf eine möglichst abgewetzt aussehende Lederjacke zu malen.«

Welche Band-Logos waren auf deiner Lederjacke?

»Auf meiner Jacke standen u.a. Morbid Angel und Necrophagia. Im Idealfall hatte man möglichst obskure Namen auf der Jacke stehen, mit denen man angeben konnte, weil sie kaum ein anderer Metal-Fan kannte.«

Wie würdest du deine Allstar-Band besetzen?

»Ich müsste dieses Line-up gar nicht aus verschiedenen Gruppen zusammensetzen, weil einige Bands aus meiner Sicht bereits perfekte Besetzungen hatten. Die Line-ups einiger früher Rainbow- und King-Crimson-Alben waren z.B. genial. Es ist unglaublich, wie großartig diese Musiker zusammengespielt haben. Mein Lieblingsgitarrist ist Robert Fripp von King Crimson.«

Welche drei Alben würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen?


»Da man auf einer einsamen Insel sehr viel Zeit hat, würde ich auf jeden Fall Platten mit einer langen Spielzeit einpacken (lacht). Ich würde vermutlich eines der ersten King-Crimson-Alben einpacken. Dazu noch meine Lieblings-David-Bowie-Scheibe „Scary Monsters (And Super Creeps)“ und – damit ich mich auf der einsamen Insel nicht ganz so alleine und traurig fühle – noch ein Gute-Laune-Album.«

Bist du ein religiöser Mensch?


»Nein, ich bin überzeugter Atheist.«

Bist du ein politischer Mensch?

»Ja.«

Stell dir vor, du wärst der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Was würdest du als Erstes ändern?

»Vermutlich alles (lacht). Ich würde die Steuern auf schwedisches Niveau anheben, die US-Armee abrüsten und die sozialen Unterschiede zwischen den ethnischen Gruppen aufheben. Die USA sind kacke. Das ist genau das falsche Land, mit dem man beginnen sollte. Oder vielleicht gerade deswegen das richtige Land. Das komplette US-System ist total abgefuckt, wie gewählt wird und so weiter. Es funktioniert einfach nicht. Vermutlich würde ich wirklich alles ändern.«

Wo verbringst du am liebsten deinen Urlaub?

»Es gibt viele Orte, die mir sehr gefallen. Ich habe Glück, weil ich mit At The Gates gut herumkomme. Ich kehre immer gerne zu den griechischen Inseln zurück. Dort gibt es wirklich traumhafte Ecken. Paris ist meine Lieblingsgroßstadt wegen der beeindruckenden und kraftvollen Mixtur aus Geschichte, Kunst und Literatur. Als Intellektueller oder Kunstinteressierter ist es unmöglich, durch die Straßen von Paris zu gehen, ohne von der allgegenwärtigen Historie beeindruckt zu sein. Meine Frau war im Rahmen einiger Stipendien in Paris, und wir haben dort einige romantische Aufenthalte verbracht, wie es sie eigentlich nur im Klischee gibt.
Für einen Traumurlaub in der Sonne würde ich mich für einen der magischen mexikanischen Strände entscheiden. Ich wünsche mir auch, noch einmal nach Südamerika zurückzukehren und mir in Ruhe die großen Städte wie Buenos Aires oder Montevideo anzuschauen. Bisher hatten wir bei unseren Aufenthalten dort leider nie viel Zeit. Ich war auch noch nie in Indien. Es gibt immer noch eine Menge Orte, die ich gerne einmal besuchen möchte.«

Welche Interessen hast du neben der Musik?

»Ich interessiere mich sehr für Literatur. Diese Begeisterung lässt sich natürlich prima mit der Musik verbinden, weil ich für die Texte verantwortlich bin. Literatur ist mir unglaublich wichtig. Ich bin ein Mensch, der viel nachdenkt, manchmal sogar etwas zu viel. Es gibt zwei Dinge, mit denen ich sehr gut davon abschalten kann: Zum einen haben meine Frau und ich ein Pferd, mit dem wir viel Zeit im Stall verbringen, und zum anderen liebe ich es, im Fernsehen Fußball zu gucken. Der Pferdestall und das Sofa vor dem Fernseher sind für mich zwei heilige Orte.«

Was ist deine Lieblingsmannschaft?

»Ich habe eine schwedische und eine englische Lieblingsmannschaft. Zum einen das schwedische Arbeiterklasse-Zweitliga-Team GAIS (Gothenburg Athletics & Sports Association - cs) und zum anderen Englands Aston Villa. Das ist ebenfalls eine Arbeiterklasse-Mannschaft, die nicht sonderlich erfolgreich ist. Ich habe zwar kein deutsches Lieblingsteam, aber generell sehe ich deutschen Fußball sehr gerne. Die Mannschaften haben großartige Spieler, die jung und enthusiastisch sind. Aus politischer Sicht müsste ich theoretisch den FC St. Pauli nennen, aber den habe ich noch nie spielen gesehen.«

Deinen Beschreibungen nach lebst du eher ländlich.

»Wir leben ein wenig außerhalb, mit dem Bus ca. 15 Minuten von Göteborgs Stadtmitte entfernt. Unsere Tochter ist zwar schon ausgezogen, aber solange unser Sohn noch bei uns lebt, wollen wir so wohnen, dass man immer noch gut in die Stadt kommt, sich aber dennoch sehr ländlich fühlt. Wir sind auch nah bei unserem Pferd.«

Sammelst du etwas?

»Bücher, sonst nichts. Ich habe keine materiellen Interessen. Ich kaufe mir noch nicht einmal Jeans und Schuhe neu, bevor sie richtig kaputt sind. Platten kaufe ich auch nie. Das habe ich früher gemacht, aber inzwischen bedeutet es mir nichts mehr. Musik ist Musik und kein Produkt. Aber ich habe echt einen Bücher-Fetisch. Ich mag es, antike Läden zu besuchen und nach seltenen Büchern zu suchen, die ich auch wirklich lese. Es geht nicht nur darum, sie zu besitzen oder wie eine Trophäe im Regal stehen zu haben, ich lese sie wirklich.«

Es müssen aber echte Bücher sein und keine eBooks, oder?

»Ja, ich kann eBooks nicht lesen. Es müssen richtige Bücher aus Papier sein.«

Kann ich daraus schließen, dass du viel Geld für Bücher ausgibst?

»Nein. In der Regel gebe ich nicht viel Geld für diese alten Bücher aus. Ich bin nicht scharf auf irgendwelche superobskuren Editionen, sondern mag es einfach, wenn ein Buch schön aussieht. Es kann ein ganz normales Buch aus den Zwanzigern oder Siebzigern sein. Das teuerste Buch, das ich mir je gekauft habe, hat glaube ich 30 Euro gekostet. Für dieses Hobby gebe ich also nicht viel Geld aus. Das geht eher für die Familie und Reisen drauf.«

Was sind die interessantesten Fan-Geschenke, die ihr bekommen habt, und wo sind euch generell die verrücktesten Fans begegnet?

»Japaner sind sehr höfliche und gleichzeitig auf eine nette Art ein wenig verrückte Fans. Sie schenken einem gerne typisch japanische Souvenirs, wie z.B. Federn und Essstäbchen, die richtig teuer sind, also nicht die Version für drei Euro, sondern die für 20 Euro. Wir haben auch schon Gemälde von unserer Band geschenkt bekommen. In Südamerika sind wir auf unsere wildesten Fans getroffen. In Venezuela haben die Leute wie von Sinnen an dem Taxi gerüttelt, in dem wir saßen. Sie waren so enthusiastisch, dass es schon fast ein wenig unheimlich war. In Argentinien haben die Fans ihre Fußballhymne gesungen, aber mit einem abgewandelten Text, in dem unser Bandname vorkam.«

Welche Dinge – beruflicher wie privater Natur – stehen noch auf deiner To-Do-Liste?

»Mit At The Gates bin ich unglaublich glücklich. Wir haben mit der Band im Grunde alles erreicht. So kann es bis in alle Ewigkeit weitergehen. Ich bin auch glücklich mit meinem Beruf als Lehrer. Mit der Familie würde ich gerne noch näher an der Natur leben, am liebsten mit einem eigenen Pferdestall.«

Welcher Song soll auf deiner Beerdigung laufen?

»Ich weiß nicht, ob ich eine traditionelle Beerdigung möchte. Ich würde mir eher eine Party wünschen, auf der die Leute Spaß haben und auf der einer meiner besten Freunde den DJ macht und viele coole Songs spielt, die die Leute glücklich machen und zum Tanzen bringen. Also eine Beerdigung fast schon im New-Orleans-Stil.«

www.facebook.com/atthegatesofficial

Pic: Andy Hayball

Bands:
AT THE GATES
Autor:
Conny Schiffbauer

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