Kolumne

Kolumne 27.04.2022, 08:00

OVERKILL, NUCLEAR ASSAULT, MELIAH RAGE - THOSE WERE THE DAYS: Boston/USA, The Channel, 24.7.1988

In Zeiten vor dem Internet spielen Tourplakate eine wichtige Rolle, um auf Konzerte Aufmerksam zu werden. Nachdem in der regionalen Tageszeitung fürs Wochenende des Besuchs in der geschichtsträchtigen Metropole keine Ankündigung interessanter Konzerte zu finden war, überrascht beim Sightseeing im historischen Hafen der Stadt am frühen Morgen ein Poster mit der Ankündigung der im Folgenden beschriebenen Show, die passenderweise am selben Tag im ebenfalls im Hafenbezirk befindlichen Channel stattfindet. Der Club ist der wichtigste Veranstaltungsort für Heavy Metal, Punk und Hardcore in der Gegend und fasst circa 1.500 Zuschauer. Nicht ganz so viele kommen an diesem Nachmittag, denn es ist eine All-Ages-Show, aber es wird voll und heiß!

Opener des Dreierpakets sind MELIAH RAGE, deren klasse Debütalbum „Kill To Survive“ über Epic Records zum Zeitpunkt der Show noch nicht veröffentlicht ist. Als Lokalhelden genießen die Musiker allerdings ein Heimspiel. Das Quintett, das es ein Jahr später auch mit seinen Kumpels Gang Green nach Europa schaffen wird, scheint im Begriff zu sein, groß durchzustarten. Daraus wird letzten Endes leider nichts, aber hier liefert die Truppe eine klasse Show.

Danach legen Nuclear Assault los. Deren aktuelle Scheibe heißt „Survive“, und das Publikum geht steil. Keine Band verbindet Thrash Metal so gekonnt mit Hardcore-Anleihen wie die New Yorker, die noch dazu eine enorme Spielfreunde an den Tag legen. Im Mittelpunkt steht dabei Anthrax-Veteran Dan Lilker (natürlich mit freiem Oberkörper), der die richtige Songauswahl trifft (unter anderem ´Game Over´, ´Fight To Be Free´ und ´Equal Rights´) und hier genauso stark mit der Gruppe auftrumpft wie Monate zuvor in Deutschland mit Megadeth, Testament und Flotsam And Jetsam. Man kann fast froh darüber sein, dass Anthrax den Bassisten 1986 aus der Band geworfen haben.

Die Headliner OVERKILL haben noch Bobby Gustafson (g.) und Sid Falck (dr.) an Bord, spielen also in der besten Besetzung ihrer Karriere. Gerade erst ist ihr viertes Album „Under The Influence“ erschienen, und die Tour dazu steht noch am Anfang. Nummern wie ´Head First´ oder ´Never Say Never´ erfahren in Boston ihr Bühnendebüt, ansonsten kann sich das Quartett auf die Übernummern der beiden ersten Alben sowie drei weitere Stücke vom aktuellen Longplayer verlassen. Die Setlist lässt keine Wünsche offen und umfasst auch das Subhumans-Cover ´Fuck You´ in einer wahnsinnig guten Version. Die Show lebt von der unbändigen Energie, die die Band auf der Bühne freisetzt. Wenn Armored Saint die „most headbanging band from Los Angeles“ sind, trifft diese Bezeichnung für Bobby „Blitz“ Ellsworth & Co. an der Ostküste zu.

In voller Länge dokumentiert findet man den grandiosen 70-minütigen Headliner-Auftritt mit 14 Liedern, einem Drum- und Gitarrensolo auf einer Bootleg-DVD beziehungsweise bei YouTube. Dass der Channel eine zweite Heimat für die New Yorker ist, zeigt sich darin, dass die Truppe auf dieser Tour bereits zum vierten Mal dort gastiert. Bis zur Schließung des Clubs 1992 werden noch zwei weitere Auftritte folgen, vorher geht es aber 1989 mit Slayer nach Deutschland.

Mit Verdruss entdeckt man beim Verlassen des Ladens auf dem Monatsprogramm, dass King´s X am Abend zuvor hier aufgetreten sind…

Bands:
OVERKILL
NUCLEAR ASSAULT
MELIAH RAGE
Autor:
Wolfram Küper

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