Interview

Interview 23.03.2021, 13:15

THE QUILL - Aliens im Lockdown

Seit rund 30 Jahren sind THE QUILL in der Stoner/Doom-Szene unterwegs. Seinen Eintrag in die musikalischen Geschichtsbücher verdiente sich der Vierer aus dem schwedischen Mönsterås vor allem in den frühen 2000ern mit Alben wie "Voodoo Caravan" und "Hooray! It's A Deathrip". Anno 2021 und seit dem 2017er-Album "Born From Fire" ist die Band nach der vorübergehenden Abwesenheit von Sänger Magnus Ekwall und Bassist Roger Nilsson wieder in Bestbesetzung unterwegs und bündelt auf "Earthrise" ihre Stärken. Tieftöner Nilsson nahm sich die Zeit, um mit uns über das neueste Opus zu plaudern, das sich passend zur aktuellen Situation mit dem Thema Entfremdung auseinandersetzt.

Würdest du "Earthrise" schon als "klassisches" Lockdown-Album bezeichnen, Roger?
»Der Schreibprozess war tatsächlich schon vor der ganzen Covid-Geschichte abgeschlossen. Ein Teil der Lyrics – sie handeln von Entfremdung und Menschen, die alleine zu Hause sitzen – wurde dann aber von der Situation beeinflusst. Die Aufnahmen waren irgendwann im Frühsommer fertig, danach warteten wir, saßen herum und machten nichts (lacht). In dieser Hinsicht ist es auf jeden Fall ein Lockdown-Album.«

Wie seid ihr als Band damit umgegangen, keine Shows mehr spielen zu können?
»Das war wirklich seltsam. Vor einem Jahr spielten wir noch eine ziemlich große Show, das war in der Nähe unserer Heimatstadt vor ungefähr 500 Leuten und jeder hatte eine tolle Zeit. Damals wurde schon ein bisschen über dieses neuartige Virus gesprochen. Dann, am Montag darauf, fanden die großen Pressekonferenzen hier in Schweden statt und alles wurde plötzlich heruntergefahren. Wir hatten Glück, diese letzte Show spielen zu können. Es fühlt sich einerseits an, als wäre es gestern gewesen, andererseits aber auch wie eine Ewigkeit. Seitdem ging es uns aber tatsächlich ziemlich gut hier in Schweden. Wir veranstalteten ein paar Livestreams im Sommer und probten weiterhin, weil wir hier keine großen Lockdowns hatten. Im November und Dezember wurden die Einschränkungen dann verschärft. Ich glaube, das letzte Mal, dass wir uns alle persönlich getroffen haben, war im Dezember.«

Wie hast du das letzte Jahr überstanden?
»Ich habe viel Musik gehört und oft einfach nur meine Plattensammlung genossen. Außerdem habe ich mir eine Mandoline gekauft. Ich wollte immer lernen, wie man die Mandoline spielt, hatte aber nie die Zeit dazu. Ich fand ziemlich schnell heraus, dass sie im Vergleich zum Bass ziemlich schwierig zu spielen ist. Der Bass ist ein großes Instrument und eine Mandoline ziemlich klein. Im Sommer und Herbst probten wir viel und schrieben eine Menge neue Songs. Ich würde sagen, wir haben schon ein gutes Fundament für das nächste Album.«

Das wird dann euer komplettes Lockdown-Album.
»Yeah, wir haben schon einiges an Material zwischen uns herumgeschickt. Es macht einfach Spaß, zu versuchen, kreativ zu bleiben.«

Aber lass uns erst einmal bei eurer aktuellen Scheibe bleiben. "Earthrise" ist das dritte Album, dass du wieder mit THE QUILL aufgenommen hast, seit du 2013 zurück zur Band gekommen bist und das zweite nach der Rückkehr eures Originalsängers Magnus Ekwall. Ist eure Herangehensweise als Band heute anders?
»Die Dynamiken und das Songwriting sind immer gleich geblieben. Wir schreiben zu viert, so haben wir immer gearbeitet. Das war das Schwierige, als ich 2013 zur Band zurückkam. Der andere Magnus (Arnar - sb), der damals unser Sänger war, lebte rund 500 Kilometer von uns entfernt. Das war ziemlich schwierig und wir probten auch nicht so oft mit ihm. Dann kam Magnus Ekwall zurück. Wir leben alle in derselben Region und konnten leicht zu viert proben. Was sich wirklich verändert hat, ist die Tatsache, dass wir jetzt älter und weiser sind. Als ich 2005 ausstieg, war ich viel mit The Quill und Spiritual Beggars auf Tour. Ich nahm auch ein Album mit Firebird auf und spielte mit Arch Enemy. Gleichzeitig hatte ich zwei kleine Kinder, das war einfach zu viel. Jetzt sind wir älter und unsere Kinder auch, es ist also viel einfacher, zusammenzukommen. Außerdem kannst du es mehr wertschätzen. Wir sind seit 25 Jahren eine Band. Vielleicht nicht die erfolgreichste, aber das war auch nie unsere Absicht. Ich bin froh, dass wir immer noch befreundet sind und unsere gegenseitige Gesellschaft genießen. Auch das Touren macht heute mehr Spaß, es ist wie ein Urlaub. 50 Jahre alte Typen, die Bier trinken und eine gute Zeit haben (lacht).«

Es hat wieder vier Jahre gedauert, bis ein neues Album von euch erscheint. Mit Zeitdruck habt ihr vermutlich nicht mehr viel am Hut, oder?
»Es fällt uns aus irgendeinem Grund immer ziemlich schwer, den ersten Song zu schreiben. Es kann ein Jahr dauern, bis wir ihn haben. Sobald der erste Song steht, geht es relativ schnell weiter. Aber wir haben alle Jobs und andere Bands, wir müssen also einfach nicht jedes Jahr ein Album herausbringen und auf Tour gehen. Wir haben auch andere Einkommensquellen und nehmen uns deshalb unsere Zeit (lacht).«

Was war der erste Song, mit dem ihr für "Earthrise" zu kämpfen hattet?
»Ich glaube, es war 'Left Brain Blues'. Das Riff gibt es schon eine Weile, aber wir hatten es nie benutzt. 'Dwarf Planet' war auch auch einer der ersten Songs. Wir schreiben normalerweise die langen Stücke am Anfang, bei "Born From Fire" war es zuerst 'Set Free Black Crow'. Danach stellen wir fest, dass wir noch ein paar drei und vier Minuten lange Songs aufnehmen müssen. Nicht jeder kann zehn Minuten lang sein, wir sind nicht Iron Maiden (lacht).«

'Dwarf Planet' ist ein ziemlich beeindruckendes und visuelles Stück. Was war eure Vision für den Song?
»Es ist kein Geheimnis, dass dieser Track in gewisser Weise mit den Songs der Ronnie-James Dio-Ära von Black Sabbath verwandet ist, etwa 'Sign Of The Southern Cross' oder 'Heaven And Hell'. Ich denke, wir haben uns unabsichtlich etwas davon ausgeborgt, denn damit sind wir aufgewachsen. Die Lyrics drehen sich um das Thema Entfremdung aus einer umfassenderen Perspektive, hier auf der Erde. Schau dir an, was in Amerika passiert ist, die Menschen arbeiten nicht zusammen. Die Leute haben aber auch in sich selbst mit Entfremdung zu kämpfen, mit verschiedenen Diagnosen. Das zeigt sich in der Textzeile "Who is the master of my brain?" Jeden Tag musst du dich mit deinen Dämonen auseinandersetzen.«

Auf dem Cover-Artwork von "Earthrise" sehen wir ein Alien, das unsere Welt betrachtet, die im Chaos versinkt. Siehst du unsere Zukunft ähnlich hoffnungslos und pessimistisch?
»Das wird dann auf dem nächsten Album enthüllt, das wird das fröhliche Album (lacht). Nein, ich denke, wir vermitteln auch einige positive Botschaften. Hard Rock sollte einfach nicht zu fröhlich, sondern auch ein bisschen düster und rau sein. Irgendwo ist aber auch Licht in dieser Geschichte zu finden.«

Besonders 'Keep On Moving' scheint eine Hymne der Zuversicht für die heutige Zeit zu sein.
»Yeah, wir schrieben den Song vor der Pandemie, aber irgendwie ergab er auch total Sinn, als diese ganze Situation anfing. Für viele Leute wurde das eine Denkweise für diese Zeiten. Du machst einfach weiter und versuchst, positiv zu bleiben. Das ist das einzige, was du tun kannst.«

Den Opener 'Hallucinate' beschreibt ihr als "bösen großen Bruder" des "Born From Fire"-Songs 'Stone Believer'.
»(Lacht.) In gewisser Weise ist er das. Wir haben den Song tatsächlich schon live gespielt und niemand hatte ihn vorher gehört. Er ist ziemlich simpel gehalten und kam gut an, du kannst nach dem ersten Mal mitsingen. Unser Label sagte dazu: 'Wir haben keine Ahnung, was mit euch passiert ist, aber auf einmal schreibt ihr Hit-Songs.' Keine Ahnung, das hatten wir davor noch nie gemacht. Ich glaube trotzdem nicht, dass wir es in naher Zukunft in die Billboard-Charts schaffen (lacht). Bei 'Stone Believer' war es genauso. Der Song hat irgendwie bei vielen Leuten einen Nerv getroffen.«

Es scheint, als hättet ihr euch für "Earthrise" verstärkt an früheren Alben wie "Voodoo Caravan" orientiert. Oder täuscht der Eindruck?
»Das eine Album, zu dem wir zurückblickten, war tatsächlich "Silver Haze". Zuerst dachten wir daran, "Earthrise" wie "Silver Haze" mit Ausnahme des Gesangs live in einem großen Raum aufzunehmen. Der Raum, in dem wir aufnahmen, ist allerdings nicht so groß und wir hätten keinen großartigen Sound bekommen, wenn wir alle gleichzeitig spielen. Also nahmen wir zuerst das Schlagzeug auf, dann die Gitarren und den Bass. Die Idee war aber trotzdem, uns der Herangehensweise von "Silver Haze" anzunähern.

Wie blickst du heute auf Alben wie "Silver Haze", "Voodoo Caravan" und "Hooray! It's A Deathtrip" und die damaligen Umstände zurück?
»Ich höre sie nicht so oft, bin aber wirklich stolz darauf und erinnere mich natürlich an die damaligen Zeiten und Situationen. Es ist lustig zu sehen, dass auch die Jüngeren diese Alben neu für sich entdecken. Hier in der Stadt, wo ich wohne, gibt es eine Gruppe Kids um die 19 Jahre, die total auf The Quill stehen. Ihr wart damals noch nicht einmal geboren (lacht). Jedes dieser Alben bedeutet etwas anderes. Manche davon waren schwieriger aufzunehmen, andere total einfach. "Silver Haze" war ein Kinderspiel, so wie ich mich daran erinnere. Wir hatten viel geprobt und nahmen es ziemlich schnell live auf. Bei "Voodoo Caravan" war es genauso. "Hooray! It's A Deathtrip" war deutlich schwieriger. Es entstand während mehrerer Sessions und wir nahmen in verschiedenen Studios auf. Gleichzeitig spielte ich bei den Spiritual Beggars und musste alle meine Bass-Tracks innerhalb von zwei Tagen aufnehmen, weil wir auf Tour gingen. Ich spielte zwei Tage lang Bass wie ein Verrückter. Zu diesem Album hatte ich tatsächlich keine so starke Verbindung.«

Deshalb hast du die Pause danach vermutlich auch dringend gebraucht.
»Ja, das war wirklich irre. Wir probten mit den Spiritual Beggars in derselben Stadt, in der wir die The-Quill-Alben aufnahmen. Tagsüber probte ich, danach fuhr ich direkt ins Studio um die Bass-Tracks einzuspielen. Ich war jeden Tag ungefähr 18, 19 Stunden damit beschäftigt, Bass zu spielen. Die ersten Tage im Tourbus schlief ich einfach nur. Endlich auf Tour, ich muss nur für eine Stunde auf der Bühne spielen, danach kann ich schlafen (lacht).«

Diskografie:

The Quill (1995)
Silver Haze (1999)
Voodoo Caravan (2002)
Hooray! It's A Deathtrip (2003)
In Triumph (2006)
Full Circle (2011)
Tiger Blood (2013)
Born From Fire (2017)
Earthrise (2021)


www.facebook.com/thequillsweden

Bands:
THE QUILL
Autor:
Simon Bauer

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