Interview


Pic: It Waits

Interview 16.06.2020, 10:42

THE OTHER - Von heimgesuchten (Gedanken-) Räumen

Köln, Luxor, Damentoilette. Wenn das nicht der perfekte Ort für ein Interview ist. Dort bereitet sich die Rheinländer Horrorpunk-Combo THE OTHER auf die Release-Show zum neuen Album „The Haunted“ vor, die Corona-bedingt als Stream stattfinden muss. Zwischen Make-up und Haarspray plaudert Sänger Rod Usher mit uns über heimgesuchte Häuser, Schicksalsschläge und zukünftige Projekte. Und auch Bassist Aaron Torn klinkt sich in das Gespräch mit ein.

(Ich packe das Handy auf den Waschbeckenrand.) So, Aufnahme läuft. Legen wir direkt los.

Rod: »Das waren noch Zeiten, als ich früher mit dem Kassetten-Rekorder für Interviews losgezogen bin (schmunzelt). Jetzt mache ich hauptsächlich nur noch Buchkritiken.«

Da bekommst du bestimmt gute Inspirationen.
»Ja, genau. Das aktuelle Albumcover war eine Inspiration von einem Buch namens „Kill Creek“ von Scott Thomas. Da war so ein Haunted House (Geisterhaus) vorne drauf, das fand ich total stark. Wir wollten dem Ganzen auch noch ein bisschen Hintergrundgeschichte geben. Das Haunted House ist für uns ein Zeichen der Zeit und steht dafür, dass alle ein bisschen heimgesucht sind. Der Grusel kann ein Haus im Wald sein, aber er kann auch ganz real sein. Die fünf Silhouetten im Haus auf dem Cover sind wir. Wir sind die bösen Geister im Haus, aber vielleicht auch die bösen Gedanken in den Räumen.«

Das heißt, das bezieht sich auf die menschliche Psyche?
»Das, aber auch auf die Gesellschaft und was gerade politisch abgeht. Das gute am Horror ist, dass er gut interpretierbar ist und dass es oft eine unterschwellige Leseweise gibt. Guter Horror ist mehr als Splatter, dass zum Beispiel Tabu-Themen angesprochen werden.«

(Zwischendurch werden die Haare toupiert und mit Haarspray befestigt, damit sie den warmen Temperaturen standhalten.)

Und das war dann auch die Idee fürs gesamte Album?
»Das Cover sollte natürlich auch das Album widerspiegeln, weil da viel Persönliches drinsteckt. Also nicht nur Themen, die klischeehaft Horror sind, sondern bisschen mehr realer Horror sind und was einem so im Leben passiert, wie Schicksalsschläge.«

(Aaron kommt zur Tür rein.)

Rod: »Stell dich zu uns! Aber zurück zu den Schicksalsschlägen: Einige Texte sind von einer Trennung nach einer langjährigen Beziehung inspiriert. Aber die Schicksalsschläge dienen nur als Inspiration, denn es wird in den Texten auch viel gemordet und natürlich wünsche ich niemandem den Tod an den Hals. Das ist das Schöne an der Kunst, dass man Gefühle übertrieben darstellen und verarbeiten kann. Das findet man in diesem Fall in Stücken, wie ‚Was uns zerstört‘, ‚We’re All Dead‘ und ‚Fading Away‘ – das schwingt da überall mit und auch eine nihilistische Attitüde. Gleichzeitig gibt es aber auch die klassischen Horror-Texte, zum Beispiel bei ‚Vampire Girl‘.«

‚Was uns zerstört‘ sticht auch durch den deutschen Text besonders hervor.
»Ja, wir haben auf dem Album zwei deutsche Songs. ‚Was uns zerstört‘ ist das persönliche Lied und ‚Absolution‘ ist das mit dem Text „Kein Gott, kein Führer“, was auch den Zeichen der Zeit geschuldet ist durch das, was gerade alles in unserer Gesellschaft und in der Politik passiert.«

Ihr habt das Album vor Corona aufgenommen, darauf kann es sich also nicht beziehen.
»Nein, es geht um die rechten Umtriebe und ein bisschen darum, dass man in unserer alternativen Szene – sei es im Metal, Gothic oder sogar Punk – auf Leute trifft, die man seit Jahren kennt und die einem plötzlich konservative Sachen erzählen, wo man sich nur an den Kopf packt. Daher vielleicht auch der Iro (lacht).«

Es ist auch jetzt ein großes Thema, dass man nicht nicht politisch sein kann.
»Ja, richtig. Man darf Lyrics natürlich auch nicht überbewerten und überall etwas reinlesen. Grundsätzlich sind wir keine politische Band im klassischen Sinne, aber wir sind politische Menschen.«

Zu eurem musikalischen Stil: Ihr werdet häufig mit den MISFITS verglichen. THE OTHER gibt es bereits seit 18 Jahren und eigentlich steht ihr für euch selbst.
»Wir haben ein Faible für Ohrwürmer, mögen auch KISS und MÖTLEY CRÜE und früher wurde gesagt, wir hätten einen Glam-Touch im Vergleich zu den MISFITS. Und die MISFITS sind ja auch die Basis, von der wir kommen. Wir haben vor diesem Album einen roten Faden definiert, wie wir klingen wollen. Wir wollten die Aspekte, die uns ausmachen, wie das Punkige und das Düstere, in jedem Song haben und homogener sein. Natürlich hat jeder seine Lieblinge, die mit aufs Album müssen. Und das Gute ist: wir haben wieder 13 Songs geschafft (lacht).«

Natürlich, es mussten 13 Songs sein. Es gibt auf dem Album also eher einen musikalischen roten Faden als ein lyrisches Thema?
»Es ist kein Konzeptalbum, aber das lyrische Thema ist schon das Trauma sowie die geisterhafte und geistige Heimsuchung. Es gibt auch klassische Horror-Themen, wie bei ‚1408 & 217‘. Der Song bezieht sich auf die Filme „The Shining“ und „Zimmer 1408“ von Stephen King und passen gut ins Album, weil die Zimmer sind nun mal eben auch heimgesucht.«

Stimmt, das passt. Aaron, wie kam es denn dazu, dass du wieder dabei bist?
Aaron: »Die Ursprungsidee war, dass ich für ein oder zwei Konzerte einspringe und das Loch kurzfristig stopfe (Rod amüsiert sich über die Wortwahl). Mir gefiel es wieder so gut, dass ich geblieben bin.«

Rod
: »Wir klingen in dieser Besetzung so gut wie nie – ohne den alten Jungs auf den Schlips treten zu wollen. Und gleichzeitig ist Aaron ein sehr umgänglicher und verdammt lustiger Typ. Wenn wir zusammen unterwegs sind, wird viel gelacht. Abgesehen davon sieht er sehr gut aus, die alte Vogelscheuche.«

Ja, das Outfit sieht anders aus als früher. Verkörpert er jetzt eine andere Figur?
Rod:»Es ist eine Weiterentwicklung: vorher hatte er eine Maske auf, durch die er nichts gesehen und geschwitzt hat. Und wir wollten auch einen realeren Grusel mit weniger Kunstblut und weniger Gruselkabinett. Das ist schon bewusst heruntergefahren. Jetzt sieht er aus wie eine Mischung aus Vogelscheuche und Wikinger. Trinken kann er übrigens auch super.«

Ihr wart diese Woche schon fleißig und habt eine Live-Signing-Session gemacht. Ich habe mal reingeschaltet und da ging es auch um das Thema Cover-Album.
Rod: »Ja, das Thema gibt es schon ganz lange. Vier in der Band finden die Idee super, einer in der Band findet sie gar nicht gut. Es ist die Frage, auf welche Band man sich einigt. Ich hatte die Idee, eine Horror-Rock-Platte mit Coversongs zu machen. Wir könnten zum Beispiel auch mit Michael Jacksons ‚Thriller‘ covern. Und dann muss man sich auch überlegen, ob sich das lohnt. Statt eines Cover-Albums machen wir jetzt erst mal was anderes, und zwar ein Hörspiel.«

(Jetzt ist der Feinschliff der Frisuren dran.)

Ich bin ja nicht neugierig: Erzähl mal vom Hörspiel.

Rod: »Das fing als fixe Idee an. Wir haben dann bei einem Kumpel ein Drehbuch angefragt und das hat uns so gut gefallen, dass die Idee real wurde. Zuerst wollten wir mit Synchronsprechern arbeiten. Das Blöde ist: wir sind keine Synchronsprecher, wollten uns aber selbst sprechen. Wenn alle Profis sind, nur wir nicht, ist das doof. Dann haben wir uns gedacht, wir fragen einfach befreundete Bands: Mit dabei sind Mille von KREATOR, Mark Benecke, der Autor Wolfgang Hohlbein, Anna von ROSENSTOLZ, die auch über die Jahre bei zwei Songs von uns mitgesungen hat, Michael Rhein von IN EXTREMO und Conny Dachs, bekannter Porno-Darsteller. Er war ehrlich gesagt der Beste, weil er vorher eine Schauspiellehre gemacht hat. Aber alle waren gut und es wird jetzt professionell mit Soundeffekten produziert. Im September wird das Hörspiel rauskommen, richtig fett als Mediabook und als Kassette mit einem Bleistift zum Aufdrehen.«

Was ist das Thema?
»Es geht darum, dass Priester eines Kults die großen alten Charaktere von H.P. Lovecraft wiedererwecken wollen. Wir sind zwar eine gruselige Band und leben von der Energie unseres Publikums. Wir wollen aber nicht, dass die Menschheit versklavt wird, denn die Menschen sollen weiterhin zu unseren Konzerten kommen. Wir kämpfen dann gegen die Bösen. Aber ich darf noch nicht zu viel vorwegnehmen. Es ist bewusst trashig und an die Gruselserie-Hörspiele von Europa aus den Achtzigern angelehnt. Wir sind ganz stolz auf das Hörspiel.«

Letzte Worte vor dem Auftritt?
»Jetzt bin ich ein bisschen nervös, weil wir das so noch nie gemacht haben. Und ich hoffe, dass wir bald wieder Konzerte spielen können, vor allem das an Halloween.«

Dann heißt es für das Quintett: Rauf auf die Bühne. Die Kameras laufen. Fünf, vier, drei, zwei, eins und das Konzert geht live. Im Internet verfolgen mehrere Hundert Zuschauer den Auftritt vor einem so leeren Club, wie man ihn bei einem Gig für gewöhnlich nicht sieht. Etwas traurig ist das Ganze dank Corona schon, doch man merkt, THE OTHER haben Bock. Jetzt bleibt nur noch abwarten und Bier trinken. Bis es mit den Konzerten wieder richtig losgeht, müssen wir wohl die Musikanlage zuhause etwas lauter aufdrehen.

Setlist:

We’re All Dead
Tarantula
Turn It Louder
Dead.And.Gone
Dead To You
Der Tod steht dir gut
Crystal Lake
Transylvania
Lovers Lane
Vampire Girl
Beware Of Ghouls
Bloodsucker
Absolution
Dreaming Of The Devil
Mark Of The Devil
Fading Away
End Of Days
Skeletons In The Closet
Back To The Cemetery
Take You Down
What It's Like To Be A Monster

www.theother.de

www.facebook.com/theotherhorrorpunk

Bands:
THE OTHER
Autor:
Lisa Scholz

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