Interview

Interview 21.07.2021, 11:30

THE LORDS OF ALTAMONT - Coole Säue

Mit „Tune In, Turn On, Electrify" ist THE LORDS OF ALTAMONT ein Knaller vor dem Lederjacke und Sonnenbrille tragenden Herrn gelungen. Sogenannter Garage Rock wurde selbst zu besten Zeiten (The Fuzztones!) nie so fantasievoll gezockt wie von Szene-Urgestein Jake Cavaliere und seiner Gang, die so ziemlich jede schlappe Retro-Kapelle da draußen zum Frühstück verputzen.

Jake, warum klingt eure Lordschaft neuerdings heavier und virtuoser zugleich? So jugendlich frisch wirkte nicht mal euer schon starkes letztes Album.
»Keine Ahnung, wir haben nichts großartig anders gemacht, außer dass mir eine etwas düstere, eher psychedelische Richtung vorschwebte. Ansonsten ist die Platte wie alle sechs vorangegangenen geradliniger Garagenpunk ohne Schnörkel.«

Na ja, deine Orgel stehen schon ziemlich weit im Vordergrund.
»Witzig, dass du das sagst, denn unser Co-Produzent Paul Roessler, der wohlgemerkt selbst Keyboard spielt, hasst Rockmusik mit Tasteninstrumenten. Darum mussten wir ihn regelrecht überreden, sie ihm Mix hervorzuheben, aber ich denke, wir haben eine gute Balance gefunden.«

Berufst du dich nach wie vor auf dein klassisches Arsenal, also Farfisa, Wurlitzer-Piano und so weiter?
»Ja, aber für die neuen Songs habe ich neben der Hammondorgel am häufigsten mein gutes altes Mellotron verwendet. Insofern kann man die Scheibe mit unserer zweiten vergleichen, darauf war es ebenfalls ziemlich präsent. Wegen der psychedelischen Elemente lag das für mich nahe, aber ich ahne schon, dass uns ein paar Hardliner deswegen kritisieren werden.«

Wann hast du diesen Fetisch für solche Geräte eigentlich entwickelt?
»So mit 17 Jahren, glaube ich. Damals hörte ich wie blöde Bands der Labels Rock Box und Bomp Records von Greg Shaw, der als Fanzine-Schreiber und Plattenboss ungeheuer wichtig für die Szene war. Die meisten dieser Combos, deren Mitglieder in meinen Augen einfach coole Säue waren, stammten aus Los Angeles und San Diego, wo ich schließlich auch The Tell-Tale Hearts live sah. Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam, doch jedenfalls haute mich einer der Jungs nach dem Gig an, von wegen ob ich bei ihnen einsteigen wollte. Ich antwortete: „Ich spiele doch gar kein Instrument." – „Na ja, wir brauchen einen Keyboarder." – „Okay, ich such mir eins bis zum Wochenende." Das war dann eine Vox-Orgel, dazu stimmte auch meine Frisur, und der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt (lacht).«

Diese Art von Musik ist immer im Underground geblieben. Habt ihr zufällig Ambitionen, das zu ändern?
»Nein, dafür fühle ich mich zu alt, und solche Gedanken kommen mir ohnehin nicht. Wahrscheinlich waren The White Stripes oder The Hives das Höchste der Gefühle, was Garage-Mainstream anging, doch selbst diese beiden Bands genießen heute allenfalls noch Kultstatus, auch wenn sie viele Platten verkauft haben. Ich mache einfach immer nur so weiter wie bisher und versuche, mich als Songwriter zu verbessern. Solange ich Alben aufnehmen kann, bin ich zufrieden, und sie unter die Leute zu bringen ist heutzutage selbst ohne Plattenfirmen leichter denn je.«

Würde dir je einfallen, einen politischen oder gesellschaftlichen Kommentar mit euren Texten abzugeben? Immerhin habt ihr gerade The Stooges gecovert, die durchaus systemkritisch unterwegs waren.
»Ich meide solche Themen ganz bewusst, auch wenn ich definitiv ein politischer und generell nachdenklicher Mensch bin. Für mich gehören sie aber nicht zwingend in die Musik, die ich mache, und insbesondere bei jüngeren Bands nimmt das Sendungsbewusstsein mitunter alberne Ausmaßen an. Ich meine, ich bin auch total für Tierschutz, aber wenn da jemand zwischen Songs eine halbe Stunde lang von der Bühne herunter predigt, wie schlecht es doch um Seekühe bestellt sei, macht das echt keinen Spaß mehr – und Spaß ist die Hauptsache, wenn du mich fragst. Der Ernst des Lebens hat uns nach Liveshows früh genug wieder. Wenn die Kids heute hören, wie Dead Kennedys über Ronald Reagan wettern, wissen viele nicht einmal, wer das war.«

www.facebook.com/lordsofaltamont

Bands:
LORDS OF ALTAMONT
Autor:
Andreas Schiffmann

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