Classic Albums

Classic Albums 29.08.2012

TESTAMENT - The Legacy (1987)

Ob „Kill ´Em All“, „Bonded By Blood“, „Burn My Eyes“, „The Ultra-Violence“, „Forbidden Evil“ oder „Feel The Fire“: Debütalben genießen im Thrash Metal - und nicht nur dort - einen sehr hohen Stellenwert. Kein Wunder, dass auch im Falle von TESTAMENT meistens der Name „The Legacy“ fällt, wenn nach der besten bzw. wichtigsten Scheibe in der Karriere des Quintetts aus der Bay Area gefragt wird.

Die Aufnahmen zu „The Legacy“ standen anfangs unter keinem guten Stern, nachdem Frontmann Steve „Zetro“ Souza die Combo im Jahr zuvor in Richtung Exodus verlassen hatte und die Jungs einige Monate später auch noch ihren Bandnamen von Legacy in TESTAMENT ändern „mussten“.

»Im Zuge der Vertragsverhandlungen mit Megaforce Records kam heraus, dass es schon eine Country-Band mit dem Namen Legacy gab. Obwohl die Kapelle nur 2.500 Dollar für die Namensrechte wollte, haben wir uns trotzdem umbenannt. Witzigerweise war es Billy Milano von S.O.D., der uns den neuen Namen vorgeschlagen hat, als wir bei ihm in New York zum Barbecue eingeladen waren und über das Thema diskutiert haben. Ursprünglich sollte die Scheibe übrigens „The Legacy - First Strike Is Deadly“ heißen«, erinnert sich Gründungsmitglied Eric Peterson (g.).

»Die Sache mit Zetro hat uns viel mehr zu schaffen gemacht. Zumal wir zum Zeitpunkt seines Ausstiegs in aussichtsreichen Verhandlungen mit Megaforce standen, die uns nach dem Release unseres sehr erfolgreichen Demotapes mit den vier Songs ´Burnt Offerings´, ´Raging Waters´, ´Alone In The Dark´ und ´Reign Of Terror´ unter Vertrag nehmen wollten. Dass uns Zetro verlassen würde, hat mir indes ein Vögelchen gezwitschert. Allerdings hatte ich so was schon befürchtet, nachdem er mit den Lyrics zu ´The Haunting´ und ´Apocalyptic City´ nicht in die Puschen gekommen ist. Mir gegenüber hat er seinen Ausstieg damit gerechtfertigt, dass er ja immer älter werden würde und mit Exodus früher eine Platte aufnehmen könnte. Ironischerweise haben Exodus dann aber länger gebraucht, weil sich die Verhandlungen mit ihrem alten Label Combat und ihrem neuen Label Capitol so lange hingezogen haben. „The Legacy“ kam also einige Monate früher raus als „Pleasures Of The Flesh“ und hat sich auch deutlich besser verkauft. Darüber war Zetro natürlich extrem angepisst«, kann sich Eric auch gut zweieinhalb Dekaden später ein bisschen Schadenfreude nicht verkneifen.

Andererseits war es Zetro, der TESTAMENT seinen Nachfolger Chuck Billy von der Hardrock-Kapelle Guilt als Nachfolger ans Herz legte.

»Stimmt, der Tipp kam von Zetro. Allerdings kannten wir Chuck bereits vom Sehen, weil wir damals häufig in Dublin abhingen. Dort stiegen einfach die besten Partys mit den hübschesten Mädchen. Zudem eilte ihm der Ruf voraus, ständig Leute zu verprügeln. Deshalb hatten wir auch eine Heidenangst davor, ihm absagen zu müssen, wenn das Vorsingen in die Hose gegangen wäre. Ist es aber nicht. Im Gegenteil: Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, und Chucks Stimme hat auch prima zu unserer Mucke gepasst, obwohl sie für mich ein bisschen nach Stephen Pearcy von Ratt klang. Deshalb war ursprünglich ja auch der Sänger von Abattoir unsere erste Wahl. Aber weil er seine Band partout nicht verlassen wollte, fiel die Wahl auf Chuck.«

...der allerdings erst relativ kurzfristig vor den Aufnahmen zu „The Legacy“ zu seiner neuen Combo stieß, weshalb sich sein Einfluss auf die insgesamt neun Songs in engen Grenzen hielt.

»Richtig, das Songmaterial war praktisch fix und fertig, als Chuck bei uns eingestiegen ist. Dafür war sein Einfluss auf unsere nächste Scheibe „The New Order“ umso größer. Dennoch spielte Chuck von Anfang an eine wichtige Rolle. Weil er ein paar Jahre älter war als wir, hat er uns unter seine Fittiche genommen und sich unter anderem um unsere geschäftlichen Belange gekümmert. Wir waren damals leider noch so jung und naiv, dass wir zu allem ja und amen gesagt haben.«

Am Plattenvertrag mit Megaforce Records hatte Chuck indes nichts auszusetzen, zählte das Label von Jon und Marsha Zazula aus New York City in den Achtzigern und Neunzigern mit Acts wie Metallica, Anthrax, Overkill, S.O.D., Ace Frehley und King´s X doch zu den größten und erfolgreichsten Indies in Sachen Hardrock und Metal.

»Damals herrschte ein großer Hype um Megaforce und Jonny Z., wie er von allen genannt wurde. Allerdings vermute ich, dass er uns vor allem unter Vertrag genommen hat, um Metal Maria (Maria Ferrero, Promoterin von Megaforce - buf) einen Gefallen zu tun. Er mochte uns zwar auch, aber in Meetings hat er immer nur über Metallica und Anthrax geredet. Dennoch war es ein smarter Move von uns, dort zu unterschreiben, denn erstens waren Megaforce wie eine große Familie für uns, und zweitens konnte Jonny einen Vertriebsdeal für fünf seiner Acts - darunter auch wir - mit dem Major Atlantic abschließen. Außerdem hat er uns kurz nach der Veröffentlichung von „The Legacy“ für 80 Konzerte als Vorgruppe von Anthrax auf Tour geschickt, und auch das Marketing war spitze. Im Klartext: Wofür andere Bands damals drei oder vier Alben brauchten, dafür haben wir nur eins gebraucht.«

Für „The Legacy“ hatten sich TESTAMENT in die Obhut von Alex Perialas begeben, der die Scheibe, die sich laut Schätzungen von Eric weltweit etwa 800.000 Mal verkauft hat, in Ithaca im US-Bundesstaat New York Anfang 1987 in fünf Wochen in Szene setzte.

»Alex hatte zu dem Zeitpunkt mit „Spreading The Disease“ von Anthrax und dem S.O.D.-Debüt, das wirklich JEDER mochte, zwar erst zwei erfolgreiche Alben produziert, galt aber als DER kommende Mann im Metal-Bereich. Gottlob hat es zwischen Alex und uns sofort „klick“ gemacht. Ich kann mich noch wie gestern an den Tag erinnern, als wir nach New York geflogen sind und bei unserer Ankunft im Studio eine ganze Reihe Kisten und Pakete mit nagelneuem Equipment für uns vorgefunden haben. Darunter befanden sich unter anderem auch zehn neue Verstärker von Marshall. Für uns war das ein Tag wie Weihnachten.«

Die Aufnahmen zu Thrash-Klassikern wie ´Over The Wall´, ´Raging Waters´, ´Do Or Die´ oder ´Alone In The Dark´ gestalteten sich indes schwieriger, als die Band erwartet hatte.

»Irgendwie wurden wir alle ein bisschen vom Lampenfieber gepackt, als es losgehen sollte. Vor allem Louie (Clemente; dr.). Außerdem haben wir schnell rausgefunden, wo die coolste Bar in Ithaca war. Dort haben wir uns regelmäßig nach getaner Arbeit die Kante bis zwei, drei Uhr morgens gegeben. Ich glaube, wir sind damals jeden Morgen mit einem veritablen Kater aufgewacht, aber in jungen Jahren steckt man so was noch relativ locker weg. Letztlich haben wir aber trotzdem recht diszipliniert an dem Album gearbeitet, weil Alex im Studio ein strenges Regiment geführt hat. Außerdem stand uns nur ein Budget von 15.000 Dollar für die Aufnahmen zur Verfügung.«

Das war für ein Debüt anno 1987 gar nicht so übel, zumal Megaforce und Atlantic später noch einen Haufen Kohle ins Marketing wie den Videoclip zu ´Over The Wall´ steckten.

»Für den Videodreh haben wir eine dieser Touristenführungen auf der Gefängnisinsel Alcatraz in der Bucht von San Francisco mitgemacht. Weil wir keine Drehgenehmigung hatten, hat der Regisseur aus New York nur eine kleine 8-mm-Kamera mitgenommen und uns damit immer dann gefilmt, wenn die Luft rein war. Der zweite Teil des Drehs ging am Tag darauf im Mabuhay Gardens in San Francisco über die Bühne, wo wir vor ein paar hundert Fans und Freunden ein Konzert für umme gegeben haben.«

Dieser Show folgte wenig später besagte Tournee im Vorprogramm von Anthrax durch Nordamerika und Europa. Dabei kam es aber schnell zu Reibereien zwischen beiden Bands.

»Auf den 45 US-Dates war unser Respekt vor Anthrax noch riesengroß, zumal wir vorher noch nie ausgiebig auf Tournee gewesen waren. Deshalb waren wir anfangs alles andere als tight. Das hat sich im Verlauf der Tour aber geändert, wodurch Anthrax ziemlich unter Zugzwang geraten sind. Als wir gemeinsam in Europa unterwegs waren, nahmen die Spannungen zwischen beiden Bands immer weiter zu. Wohl auch deshalb, weil wir jeden Abend richtig die Sau rausgelassen und fette Partys gefeiert haben, während Anthrax sehr ernst unterwegs waren. Irgendwann hat man uns dann unsere Backstage-Privilegien entzogen, woraufhin wir uns unter anderem auf Toiletten umziehen mussten. Davon haben wir uns das Feiern aber nicht vermiesen lassen, was Anthrax auch nicht gut fanden.«

www.facebook.com/testamentlegions

Das Line-up auf „The Legacy“

  • Chuck Billy (v.)
  • Eric Peterson (g.)
  • Alex Skolnick (g.)
  • Greg Christian (b.)
  • Louie Clemente (dr.)

Fakten, Fakten, Fakten

  • Spielzeit: 38:53
  • Produzent: Alex Perialas
  • Studio: Pyramid Sound (Ithaca, New York)

Die Songs

  • Over The Wall
  • The Haunting
  • Burnt Offerings
  • Raging Waters
  • C.O.T.L.D.
  • First Strike Is Deadly
  • Do Or Die
  • Alone In The Dark
  • Apocalyptic City

DISKOGRAFIE (nur Studioalben)

The Legacy (1987)
The New Order (1988)
Practice What You Preach (1989)
Souls Of Black (1990)
The Ritual (1992)
Low (1994)
Demonic (1997)
The Gathering (1999)
The Formation Of Damnation (2008)
Dark Roots Of Earth (2012)

Bands:
TESTAMENT
Autor:
Buffo Schnädelbach

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