ToneTalk

ToneTalk 21.03.2018

THE DEAD DAISIES , MARCO MENDOZA - »Ein guter Bassist liebt, was er tut«

Wer Bühnen und Studios mit dem Who´s who des Classic Rock geteilt hat, kann seine Zunft so entspannt vertreten wie MARCO MENDOZA. Mit viel Enthusiasmus für sein Instrument legt er aktuell das Bassparkett der Dead Daisies und hat sein drittes Soloalbum sowie einige Nebenprojekte am Start.

Marco, die Songs auf deinem Soloalbum „Viva La Rock“ sprühen vor Energie. Wie bist du sie musikalisch angegangen?

»Zusammen mit Søren Andersen, einem dänischen Gitarristen, Produzenten und Freund von mir, wollte ich ein Album mit Songs machen, zu denen die Leute tanzen, fröhlich sind und die sie gleich mitsingen wollen. Schreibt man ein Lied, fühlt es sich an, als wäre man ohne Sicherheitsnetz auf einem Trapez – es ist sehr aufregend. Beim Bearbeiten und Polieren des Materials geht etwas von dieser Energie verloren. Daher haben wir uns entschieden, 80 Prozent des Gesangs aus den Probeaufnahmen zu behalten. Schlagzeug und Bass sollten dabei das Fundament sein.«

Du zollst mit zwei Songs Thin Lizzy und Ted Nugent Tribut. Warum hast du ´Chinatown´ und ´Hey Baby´ ausgewählt?

»Ich wollte meinen Hut vor dem Vermächtnis von Thin Lizzy ziehen, denn die Band ist ein wichtiger Teil von mir als Musiker, Songwriter und Bassist. ´Chinatown´ war immer einer meiner Lieblingssongs – neben ungefähr 30 weiteren. Ich habe ihn ausgewählt, weil er eher auf der sicheren Seite ist und Thin-Lizzy-Fans ihn kennen. Ted Nugent hat ebenfalls viele tolle Songs geschrieben. ´Hey Baby´ durfte ich damals mit ihm auf Tour singen. Ich liebe diesen Song, und Derek St. Holmes ist für mich einer der größten Sänger des Classic Rock. Außerdem habe ich Kinder im Teenageralter. Vor allem die Mädchen hier in Südkalifornien lieben Classic-Rock-Shirts von Lynyrd Skynyrd, Deep Purple, The Beatles, The Rolling Stones und Led Zeppelin, wissen aber nichts über die Geschichte. Sie mögen die Marke und dass es etwas Cooles von früher ist. Mit den Songs möchte ich den Kids ein wenig beibringen, wo alles, was sie heute hören, einmal herkam.«

Wie haben dich die Bands, in denen du gespielt hast, als Bassist geprägt?

»Sie hatten einen großen Einfluss auf mich, auch wenn der schwer in Worte zu fassen ist. Bei Thin Lizzy musste ich mich mit Phil Lynotts Bassspiel auseinandersetzen. Dabei habe ich sehr viel gelernt, zum Beispiel den Aufschlag zu betonen. Das hat sich wunderbar mit Brian Downeys Schlagzeugspiel verbunden. Er spielte auf dem Downbeat mit einem Big-Band-artigen Swing. Bei Whitesnake haben mir Neil Murrays Basslinien eine weitere Sichtweise eröffnet. Ich hatte außerdem das Glück, mit Dolores O´Riordan auf ihren Soloalben zusammenarbeiten zu können. Live haben wir auch The-Cranberries-Songs gespielt, durch die ich ebenfalls viel gelernt habe. Das ganze Wissen sammelt man in seinem Hinterstübchen an. Möchte man dann etwas Eigenes von Herzen spielen, verschmilzt all das.«

Was macht für dich einen guten Bassisten aus?

»Ein guter Bassist liebt, was er tut, hat seinen eigenen Klang und Stil entwickelt. Wenn er spielt, entsteht ein ganz besonderer Vibe, den man hören und fühlen kann. Ein guter Bassist ist sich des Songs bewusst. Ich glaube, dass es unser Hauptjob ist, die Solisten in der Band zu unterstützen und die Grundlage des Songs zu liefern. Du brauchst guten Rhythmus, Groove und einen Sinn für Melodie. Wenn du auch noch solieren kannst, ist das ein Plus.«

Wie bist du zum Bass gekommen?

»Ich habe früher in der Garagenband meines Bruders Gitarre gespielt. Es gab noch eine Band in der Nachbarschaft, die zwei oder drei Jahre mehr Erfahrung hatte als wir. Sie waren älter, besser, organisierter, hatten Schulauftritte, einen Van und eine P.A. Als ihr Bassist eines Tages wegzog, brauchten sie einen Ersatz, der singen kann, und kamen auf mich zu. Auf die Frage, ob ich Bass spiele, habe ich einfach mit „ja“ geantwortet – obwohl das gar nicht stimmte. Mein Vater und ich haben dann im örtlichen Leihhaus einen Bass für fünf oder acht Dollar gekauft. Ich habe fünf, sechs Songs geübt, bin zum Vorspielen gegangen und bekam den Job. Es war eine große Herausforderung: Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich nur Rhythmusgitarre gespielt, mit der es leichter war, gleichzeitig zu singen. Mit dem Bass war das viel schwieriger, und ich glaube, das hat mein Interesse geweckt. Bis heute bekomme ich viele Komplimente, dass ich das Bassspielen und das Singen so gut voneinander trennen kann.«

Kannst du dich an diesen ersten Bass erinnern, den du mit deinem Vater gekauft hast?

»Natürlich! Ich habe auch schon mal versucht, ihn wiederzufinden. Er war eine Precision-Kopie aus Japan oder China, hatte aber keine Marke – eigentlich kein wirklicher Vorzeigebass. Das Instrument war monströs groß und sehr schwer zu spielen. Mein erster richtiger Tieftöner war dann ein SG-Bass von Epiphone. Ein riesiger Unterschied!«

Was ist mit dem Bass passiert?

»Ich weiß es nicht, vermutlich ist er gestohlen worden. Damals hatte ich ein Alkohol- und Drogenproblem und kann mich an vieles nicht mehr erinnern. Heute bin ich trocken und clean, ich nehme keine Drogen und trinke nicht. Wenn ich den Bass sehen würde, könnte ich ihn auf jeden Fall wiedererkennen. Er war einzigartig.«

Je nach Anlass nimmst du heutzutage verschiedene Bässe: Bei The Dead Daisies spielst du auf vier, auf deinem Soloalbum auf fünf und in deinem Trio sogar auf sechs Saiten ohne Bundierung.

»Die unterschiedlichen Musikstile benötigen unterschiedliche Instrumente. In großen Rockbands gibt es meist zwei Gitarristen und manchmal noch einen Keyboarder. Durch sie werden schon viele Frequenzen abgedeckt. In dieser Konstellation ist es meine Hauptaufgabe, das Fundament und den Groove zu legen. Dazu reicht der Viersaiter allemal. Mein Signature-Bass heißt ESP LTD MM-4. Ich habe einen Hipshot Bass Xtender einbauen lassen, mit dem die E-Saite per Schalter auf D heruntergestimmt werden kann. Bei The Dead Daisies verwende ich ausschließlich diesen Bass. Solo und mit meinem Trio mag ich den ganz tiefen Tonbereich sehr gern. Mehrsaitige Bässe machen es mir zudem einfacher, von einer Tonart zur nächsten zu wechseln. Auf dem Fünfsaiter geht das im Nu, weil ich alle Tonarten vom E zum tiefen C bedienen kann, ohne neu stimmen zu müssen. Mit meinem Latin-Jazz-Funk-Trio nehme ich für die vielen Soli und Noten meinen sechssaitigen, bundlosen Bass, mit dem ich zwei weitere Oktaven zur Hand habe. Wenn ich mich für einen meiner Bässe entscheiden müsste, würde ich auf jeden Fall den Sechssaiter nehmen.«

Was gefällt dir so gut an dem bundlosen Bass?

»Das Tolle ist: Vier Bassisten können das gleiche Instrument spielen, aber sie klingen alle komplett unterschiedlich. Es ermöglicht sehr viel Ausdruck. Wie auch die Violine oder ein Cello ist das Instrument eine Herausforderung. Dir helfen keine Bünde dabei, die richtigen Töne zu treffen. Deine Intonation muss auf den Punkt sein, und deine Ohren müssen durchgehend aufmerksam bleiben. Dadurch kommt mehr Ausdruck ins Spiel und ein Vibrato, das die flache Lage und Schärfe kompensiert. Aufgrund seiner Ausdrucksstärke führt der Bass den Fokus aber auch ein wenig vom Song selbst weg. In meinem Trio stehe ich als Bassist mehr im Mittelpunkt und kann ihn dort am besten unterbringen.«

Verfolgst du neue Entwicklungen auf dem Equipment-Markt?

»Wenn ich auf einer Messe herumlaufe, werde ich auf den neuesten Stand geholt, was Innovationen angeht. Ich selbst bin eher Old School. Ich spiele Ampeg-SVT-Amps, die meiner Meinung nach den Standard für alle anderen Bassverstärker setzen. Außerdem mag ich die 8x10“-Box, sie drückt ordentlich, ohne zu laut zu sein. Zusammen mit ESP konnte ich meinen eigenen Bass bauen, den MM-4. Aktuell ist auch ein fünfsaitiges Modell im Gespräch, das hoffentlich im kommenden Jahr verwirklicht wird. Ich bleibe bei den Dingen, die ich schon kenne und auf die ich mich verlassen kann.«

www.facebook.com/marcomendozaofficial

Pic: Bleu Cotton Photography

Bands:
MARCO MENDOZA
THE DEAD DAISIES
Autor:
Isabell Raddatz

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