Classic Albums

Classic Albums 01.01.1970, 01:00

ICED EARTH - The Dark Saga (1996)

Mit „The Dark Saga“ gelang ICED EARTH 1996 ein zweifacher Geniestreich. Zum einen wartete das Album mit einem ambitionierten Konzept über den von Todd McFarlane geschaffenen Comic-Charakter Spawn auf, zum anderen gelang der Band in Zeiten, in denen Metal für tot erklärt wurde, die Veröffentlichung einer traditionellen Metalscheibe, die auf abgegriffene Achtziger-Klischees verzichtete und völlig unangestaubt klang.

Jon Schaffer gibt sich beim Interview, das im Vorfeld des ICED EARTH-Gigs in der Bochumer Zeche stattfindet, bescheiden (»Ich dachte, wir reden über richtige Klassiker wie Iron Maiden oder Judas Priest«), muss sich aber von dem anwesenden Demons-&-Wizards-Kollegen und Blind-Guardian-Sänger Hansi Kürsch scherzhaft attestieren lassen: »Doch, „The Dark Saga“ ist definitiv ein Klassiker, das kann nicht mal ich leugnen!«

Jon, mit was für einer Haltung bist du an die Komposition und Aufnahme von „The Dark Saga“ herangegangen?

»Ich war damals von einem ungewöhnlichen Optimismus erfüllt. Ich traf Todd McFarlane und Al Simmons und diskutierte mit ihnen die Möglichkeit, zum Soundtrack der Spawn-TV-Serie oder des Kinofilms einen Song beizusteuern. Ich schrieb damals den Track ´Dark Saga´, der ursprünglich ´Hellspawn´ hieß, brannte ihn auf CD und stellte ihn dem Team von Todd vor. Ihnen gefiel der Song sehr gut. Später gab Todd allerdings zu, dass er auf den Soundtrack des Films keinen Einfluss habe, weil das Sache der Film-Company war. Ich sagte ihm, dass ich eh mehr daran interessiert wäre, den Song in der HBO-Serie zu platzieren, aber dort griff man auf einen In-House-Komponisten zurück. Aber Todd meinte, dass er etwas mit unserem Song auf die Beine stellen wolle. Er schlug vor, dass man die CD einer Spawn-Actionfigur beilegen könnte. Das war damals ein riesiges Ding, sein Partner Terry Fitzgerald offenbarte mir, dass wir dadurch mal eben 500.000 Einheiten in den USA absetzen und somit eine Gold-Single einsacken würden. Ich war Feuer und Flamme, dass uns endlich mal etwas Gutes widerfährt.
Letztendlich trat aber wieder einmal die Hässlichkeit des Business zutage, wobei das nicht von Todds Seite ausging. Aber die Situation war durch die Habgier gewisser Leute festgefahren. Bevor es dazu kam, habe ich allerdings durch die gute Stimmung einen Motivationsschub bekommen: „The Dark Saga“ dürfte eines der Alben sein, die ich am schnellsten komponiert habe, in vier Wochen war ich damit durch. ´I Died For You´ hatte ich beispielsweise in 30 Minuten fertig – Musik, Texte, Gesangslinien. Klar, das ist ein einfacher Song, aber ich wusste, dass es etwas Spezielles ist. Ich saß mit meiner Akustikgitarre auf der Couch, und die Ideen sprudelten förmlich aus mir heraus.«

´I Died For You´ ist eure erste richtige Ballade. Hattest du Bedenken, wie der Song bei eurer Anhängerschaft ankommen würde?

»Nicht wirklich, weil sich der Song auf Anhieb so gut anfühlte. Aber du hast recht, das Einzige, was davor einer Ballade von der Struktur her ähnelte, war ´Last December´, aber das ist nun wirklich nicht wie eine Ballade instrumentiert. „The Dark Saga“ war auch das erste Album, das wir mit einem Midtempo-Song eröffnet haben. Wir legten nach ´I Died For You´ aber mit ´Violate´ ein ordentliches Brett nach, um zu zeigen, dass wir nicht totale Pussys geworden sind (lacht).«

Inwiefern hat das Spawn-Konzept das Songwriting beeinflusst?

»Das hat zum Teil sicher eine Rolle gespielt. Ich war schon Jahre vorher ein großer Fan des Comics und fand die Geschichte sehr cool. Das Konzept der Story hat teilweise sogar Anleihen an Darth Vader, weil der Spawn-Charakter einen tiefen Fall erlebt und Erlösung sucht. Er verkauft nach seinem Tod seine Seele an den Teufel, um seine Frau wiederzutreffen. Dass er als Dämon und Sklave des Teufels auf Erden zurückkehren wird, kann er zu dem Zeitpunkt noch nicht absehen. Er sucht jedoch nach Erlösung und rebelliert gegen den bösen Malebolgia. Das erinnert schon ein bisschen an Anakin Skywalkers Geschichte. Mir fiel es dadurch sehr leicht, mich mit der emotionalen Schwere der Story zu identifizieren.«

Inwieweit war die Erfahrung mit dem sehr komplexen „Burnt Offerings“-Album für den simpleren Songwriting-Ansatz von „The Dark Saga“ verantwortlich?

»„Burnt Offerings“ ist für mich kein Highlight meiner Karriere, auch wenn ich mir bewusst bin, dass ein Teil unserer Fans dieses Album liebt. Das war eine sehr dunkle Zeit für die Band, wir waren völlig hoffnungslos und befanden uns businesstechnisch in einer richtig miesen Lage. Die negative Einstellung färbte auf das Songwriting ab, und die Aufnahme des Albums hat uns auch keinen Spaß gemacht, ganz besonders nicht, nachdem die Frau unseres Produzenten Tom Morris während der Produktion bei einem Autounfall ums Leben kam. Natürlich sind auf dem Album ein paar gute Sachen drauf, aber „Burnt Offerings“ konnte man auch aus kommerzieller Sicht nicht als Erfolg werten.«

Aber woher kam der wesentlich simplere Songwriting-Ansatz für „The Dark Saga“?

»Es fühlte sich einfach richtig an. Zum Teil liegt es sicherlich auch an der Storyline und der Stimmung, in der ich war. Man darf die Sachen vor dem Komponieren nicht schon kalkulieren, weil es dann nicht mehr natürlich klingt. Man darf nicht auf die Stimmen von Fans, Journalisten, Label oder Management hören. Man muss seinem Bauchgefühl vertrauen. Wenn das bedeutet, etwas Simpleres wie „The Dark Saga“ oder ein gigantisches Epos wie ´Gettysburg´ von „The Glorious Burden“ zu komponieren, dann ist das halt so. Ich kann nur hoffen, dass den Leuten das Ergebnis meines kreativen Pfades gefällt. Am wichtigsten ist aber, dass ich damit zufrieden bin. Wenn das nicht der Fall ist, hast du deine Seele verkauft.«

Würdest du an dem Album im Nachhinein irgendetwas verändern?

»Hm, ich habe es mir seit Jahren nicht mehr angehört. Ich war aber kürzlich im Morrisound und habe einige Arbeiten an den alten Tapes erledigt. Mir wurde da erneut bewusst, dass der Soundunterschied zwischen den Analog-Tapes und den Digitalproduktionen von heute immens ist. Die Bandaufnahmen klingen um ein Vielfaches besser. Gerade am Sound von „The Dark Saga“ würde ich also nichts ändern, und auch ansonsten bin ich mit dem Werk zufrieden. Jeder hat auf dem Album einen guten Job gemacht; das war der erste Longplayer, den wir mit Mark Prator am Schlagzeug aufgenommen haben. Er war ein Engineer und Session-Drummer im Morrisound, und es war von vornherein klar, dass er kein fester Teil der Band sein würde. Heilige Scheiße, was war er für ein unglaublich guter Schlagzeuger, es war eine absolute Freude, mit ihm zu spielen! Die Rhythmussektion auf dem Album ist wirklich arschtight, die Drums sind einfach der Killer. Das war wirklich ein Schritt nach vorne. Ich dachte nur: „Ja, genau so muss es klingen!“ Auch Matt Barlow hat sich weiterentwickelt und konnte auf „The Dark Saga“ erstmals seine Trümpfe als Sänger richtig ausspielen. Das kostete zwar viel Arbeit und Coaching, hat sich aber gelohnt und passt perfekt zu der Scheibe. Ich bereue nichts an dem Album.«

Alle eure vorherigen Scheiben wurde von Tom Morris produziert. Seit „The Dark Saga“ hast du hingegen mit seinem Bruder Jim Morris zusammengearbeitet. Warum kam es zum Wechsel?

»Ich liebe Tom immer noch, aber auf der musikalischen Ebene versteht Jim mich einfach besser. Tom ist ein Wahnsinns-Engineer, der bei Hardrock-Sachen richtig gut ist, aber die Chemie zwischen Jim und mir war einfach besser, er wusste, was nötig war, um meine musikalische Vision umzusetzen. Jim war eh schon bei den vorherigen Produktionen involviert gewesen, er hat sich auch schon mal einen Tag lang hinters Pult geklemmt, wenn Tom verhindert war. Jim ist auch ein richtig witziger Typ. Sein älterer Bruder Tom ist hingegen etwas ernster und businessorientierter. Mit Jim kann ich herumalbern, als wären wir noch im Kindergarten.«

Was ist dein Lieblingssong von „The Dark Saga“?

»Wahrscheinlich ´A Question Of Heaven´, bis zum damaligen Zeitpunkt war das wohl meine beste Komposition. Ich habe mit Matt viel Zeit in das Ende des Songs investiert, besonders in diesen großen Vocal-Höhepunkt. Der ist übrigens stark von dem Filmmusical „Jesus Christ Superstar“ beeinflusst. Genau diesen Vibe suchte ich auch für ´A Question Of Heaven´, weshalb ich mir den Film mehrmals mit Matt anschaute und versuchte, ihm meine Vision zu erklären. Matt hat es voll und ganz verstanden und exzellent umgesetzt.
Wir achten bei Konzerten übrigens immer darauf, genügend Songs von „The Dark Saga“ und „Something Wicked...“ in der Setlist zu haben.«


www.icedearth.com
www.facebook.com/OfficialIcedEarth

DIE SONGS
Dark Saga
I Died For You
Violate
The Hunter
The Last Laugh
Depths Of Hell
Vengeance Is Mine
The Suffering:
- Scarred
- Slave To The Dark
- A Question Of Heaven

DAS LINE-UP AUF „THE DARK SAGA“:
Jon Schaffer (Rhythm Guitar, Vocals)
Matthew Barlow (Lead Vocals)
Randall Shawver (Lead Guitar)
Dave Abell (Bass Guitar)
Mark Prator (Drums)

FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN
Spielzeit: 43:49
Produzent: Jim Morris und Jon Schaffer
Studio: Morrisound Studios, Tampa, Florida
Cover: Todd McFarlane

DISKOGRAFIE (nur Studioalben)
Iced Earth (1990)
Night Of The Stormrider (1991)
Burnt Offerings (1995)
The Dark Saga (1996)
Days Of Purgatory (Demos & Re-Recordings, 1997)
Something Wicked This Way Comes (1998)
Horror Show (2001)
Tribute To The Gods (Coveralbum, 2002)
The Glorious Burden (2004)
Framing Armageddon (2007)
The Crucible Of Man (2008)
Dystopia (2011)
Plagues Of Babylon (2014)

Pic: Ronny Bittner

Bands:
ICED EARTH
Autor:
Ronny Bittner

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