Classic Albums

Classic Albums 19.08.2009

SACRED REICH - The American Way (1990)

Logo, das Leben findet nicht im Konjunktiv statt. Trotzdem muss nach dem fantastischen Auftritt der Arizona-Thrasher auf dem Rock Hard Festival die Frage gestattet sein, wie sich die Karriere von SACRED REICH entwickelt hätte, wenn ihr Karriere-Highlight „The American Way“ damals von einem Majorlabel veröffentlicht worden wäre.

»Nach der „Surf Nicaragua“-EP wollte uns mit Warner tatsächlich eine große Plattenfirma unter Vertrag nehmen, nachdem einer ihrer Mitarbeiter einen Clubgig von uns in Phoenix gesehen hatte. Brian Slagel von unserer damaligen Plattenfirma Metal Blade hätte uns diesbezüglich auch keine Steine in den Weg gelegt, aber leider war unser Vertrieb Enigma dagegen. Doch anstatt mit der Situation zu hadern oder gar einen Rechtsstreit vom Zaun zu brechen, haben wir lieber schnell „The American Way“ aufgenommen«, blickt ein kräftig aus dem Leim gegangener Phil Rind (v./b.) ins Jahr 1990 zurück, als das Quartett in Los Angeles seinen dritten Release unter der Leitung von Kultproduzent Bill Metoyer (u.a. Slayer, W.A.S.P., Fates Warning) einprügelte.
»Nachdem wir unser „Ignorance“-Debüt in gut zehn Tagen und „Surf Nicaragua“ in einer knappen Woche aufnehmen mussten, standen uns für „The American Way“ sage und schreibe anderthalb Monate zur Verfügung. Dennoch haben wir bis zur letzten Minute gemixt. Warum wir so lange brauchten, weiß ich nicht mehr genau. Ich erinnere mich aber noch daran, dass uns Jason Newsted einmal im Studio besucht hat, als er mit Metallica in der Stadt war. Weil das selbstredend gebührend begossen wurde, mussten wir Bill am nächsten Tag kurzfristig absagen. Ansonsten waren wir aber sehr diszipliniert. Außerdem entsinne ich mich noch an den Boxkampf zwischen Mike Tyson und James Douglas in Japan, als Tyson völlig überraschend in der zehnten Runde ausgeknockt wurde. Den Fight hatten wir uns damals in einer Aufnahmepause in der Studio-Lounge im Fernsehen angeschaut«, grinst der Vater von vier Kindern, der „The American Way“ etwas differenzierter beurteilt als die Mehrheit der Medienvertreter und Fans.
»Ich werde in Interviews häufig gefragt, welches unserer Alben ich am besten finde. Darauf pflege ich zu antworten: „Das kann ich so nicht sagen, weil ich jede unserer Scheiben auf eine ganz spezielle Weise mag.“ Wenn mich aber jemand fragt, wie SACRED REICH klingen, dann lege ich ihm „The American Way“ ans Herz, weil wir mit diesem Album unseren Sound definiert haben. Außerdem enthält es alle unsere Trademarks.«
...die sich vor allem in groovigen Livefavoriten wie ´Love... Hate´, ´Crimes Against Humanity´ (so sollte die Platte ursprünglich übrigens heißen) und dem genialen Titeltrack manifestieren, während das Plädoyer für mehr Toleranz in der Metalszene, die Crossover-Nummer ´31 Flavors´, musikalisch und textlich („So don´t be an ignorant fool, there´s so much for you to choose, don´t just be a Metal dude!“) damals ordentlich Staub aufwirbelte.
»Die Entstehungsgeschichte des Songs ist ziemlich kurios. Ich habe damals unserem Soundmann immer irgendwelche Mixtapes für die Umbaupause vor unserem Auftritt gegeben, auf denen neben Songs von Slayer und Metallica auch Stücke von Stevie Wonder,  James Brown & Co. zu hören waren. Klar, dass sich unser Soundmann regelmäßig dumme Sprüche wie „Mach sofort den Scheiß aus, Alter!“ anhören musste. Weil ich mit Bands wie Earth, Wind & Fire und Chicago aufgewachsen bin, habe ich noch nie ein Problem mit anderen Musikrichtungen gehabt. Da es den anderen SACRED REICH-Mitgliedern ähnlich geht, haben wir früher häufig im Proberaum und im Studio rumgejammt. Bei der Gelegenheit entstand während der Vorproduktion von „The American Way“ auch das Grundriff von ´31 Flavors´, um das wir später im Studio einen ganzen Song gestrickt haben. Mittlerweile ist es zwar eine Tortur für mich, das Lied zu hören, weil ich meine Vocals und meine Bassarbeit nicht mehr mag; die Idee finde ich aber nach wie vor gut, auch wenn einige Fans das Stück nicht mochten. Für einige Leute waren wir deshalb sogar Verräter, was uns aber herzlich am Arsch vorbeigegangen ist, weil wir mit solchen Reaktionen von vornherein gerechnet hatten.«
Mit amerikakritischen, nicht nur für Redneck-Verhältnisse reichlich „unpatriotischen“ Lyrics wie ´Crimes Against Humanity´, ´State Of Emergency´ und dem Titeltrack gab es in „God´s own country“ überraschenderweise kaum Probleme.
»In dem Zusammenhang kann ich mich eigentlich nur an einen Vorfall erinnern, als mir ein Skinhead einen bitterbösen Brief schrieb, weil er den Text von ´One Nation´ von der „Surf Nicaragua“-EP scheiße fand. Vermutlich hat er gedacht, dass hinter einer Combo mit dem Namen SACRED REICH nur Faschos stecken können. Dabei haben mich in textlicher Hinsicht vor allem linke, aufklärerische Hardcore-Acts wie D.R.I., Corrosion Of Conformity und MDC beeinflusst.«
Auf der vor einigen Monaten vom holländischen Underground-Label Displeased Records wiederveröffentlichten Version von „The American Way“ gibt´s neben den acht Albumtracks auch das Promovideo zum Titelsong und die sechs Stücke der Vorproduktion als Bonusmaterial zu sehen und zu hören.
»Im Grunde genommen unterscheiden sich die sechs Demotracks aber nur geringfügig von den Albumversionen. Einzige Ausnahme: ´State Of Emergency´. Da fanden wir die ursprüngliche Version so schrecklich, dass wir den Song noch mal völlig neu komponiert haben. Manchmal ist es eben doch sehr hilfreich, wenn man auf eine Vorproduktion zurückgreifen kann. Auf das Bonusmaterial bin ich übrigens gestoßen, als ich im Haus meiner Eltern zufällig in meinem alten Kassettenregal gestöbert habe. Dabei fiel mir neben vielen obskuren Demo- und Mixtapes auch ein Teil in die Finger, das nur mit den Worten „Chaos Demo“ beschriftet war. Aus purer Neugier habe ich das Tape dann einfach mal kurz eingelegt und nach ein paar Sekunden laut „Fuck, das sind ja unsere alten „The American Way“-Demos!“ gerufen. Damit hatten wir nämlich das perfekte Bonusmaterial für den Re-Release gefunden.
Der Grund, warum wir die Scheibe noch mal neu veröffentlicht haben, hört auf den Namen Monte Conner (A&R-Manager bei Roadrunner Records und u.a. Entdecker von Bands wie Sepultura, Type 0 Negative und Machine Head - buf). Der rief mich eines schönen Tages nämlich an, um mich zu fragen: „Phil, weißt du eigentlich, für wie viel Kohle eure Originalpressungen bei eBay gehandelt werden?“ Ich hatte natürlich keinen Plan, woraufhin er meinte: „Für 40 bis 50 Dollar.“ Weil das für mich Abzocke ist, habe ich sofort bei Metal Blade angerufen und gefragt, ob es möglich wäre, „The American Way“ möglichst zeitnah wiederzuveröffentlichen. Letzten Endes haben sie die Scheibe dann an Displeased weiterlizensiert, was uns auch recht war, weil die Jungs einen guten Job machen. Mit unserem vierten Album „Independent“ wird das aber leider nicht möglich sein, weil die Company, die die Rechte an der Platte besitzt, keinerlei Interesse an so was hat. Eventuell werden wir aber „Heal“ noch mal neu rausbringen. Die Scheibe gehört nämlich auch Metal Blade, und mit denen kann man immer reden.«


www.angelfire.com/az/sacredpages/index.html
www.myspace.com/sacredreich


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Das Line-up auf „The American Way“

Phil Rind (v./b.)
Wiley Arnett (g.)
Jason Rainey (g.)
Greg Hall (dr.)


Fakten, Fakten, Fakten

Songs: 8
Spielzeit: 35:27
Produzent: Bill Metoyer
Studio: Cornerstone Recorders (Los Angeles)

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DISKOGRAFIE

Ignorance (1987)
Surf Nicaragua (EP, 1988)
Alive At The Dynamo (Live-EP, 1989)
The American Way (1990)
A Question (EP, 1991)
Independent (1993)
Heal (1996)
Still Ignorant (1987-1997) (Live, 1997)

Bands:
SACRED REICH
Autor:
Buffo Schnädelbach

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