Classic Albums

Classic Albums 29.02.2012

AMORPHIS - Tales From The Thousand Lakes (1994)

Musikalisch liegen zwischen „Tales From The Thousand Lakes“ und dem aktuellen AMORPHIS-Opus „The Beginning Of Times“ zwar Welten, trotzdem wären Geniestreiche wie „Silent Waters“ (2007) oder „Skyforger“ (2009) ohne das Zweitwerk der Finnen kaum denkbar gewesen, denn die Scheibe war ein wichtiger Zwischenschritt in der Entwicklung vom rabiaten Death Metal der Anfangstage zum opulent-sphärischen Progressive Rock mit Metal- und Folkeinflüssen der Gegenwart.

Aufgenommen wurde „Tales...“ in den Stockholmer Sunlight-Studios unter der Leitung von Tomas Skogsberg, der sich in den Neunzigern als Produzent von Acts wie Entombed, Dismember, At The Gates und The Hellacopters einen guten Namen machen konnte.

»Wir hatten ja schon unser Debüt bei Tomas aufgenommen. Allerdings in nur sieben Tagen. Für „Tales...“ standen uns dann immerhin zwei Wochen für Aufnahmen und Mix zur Verfügung, obwohl Studios damals viel teurer waren als heute. Dass wir mit Tomas zusammenarbeiten durften, war eine Riesensache für uns, weil er seinerzeit zusammen mit Jim Morris (u.a. Death, Morbid Angel, Savatage, Cannibal Corpse, Six Feet Under - buf) zu den angesagtesten Underground-Produzenten für Heavy Metal gehörte«, erinnert sich Esa Holopainen, seines Zeichens Gründungsmitglied und Gitarrist der Kapelle, die dem eng gesteckten Zeitplan mit viel jugendlicher Unbekümmertheit und noch mehr Durst trotzte. »Obwohl wir nur zwei Wochen in Stockholm waren, haben wir uns in unserem Hostel jeden Abend einen hinter die Binde gekippt. Demzufolge waren wir in dem Systembolaget (so heißen in Schweden die staatlichen Läden, die ein Monopol auf Alkohol mit mehr als 3,5 Prozent „Volt“ haben - buf) um die Ecke Stammkunden. In dem Alter - wir waren damals alle gerade mal 18, 19 Jahre alt - verträgt man halt noch was, und wir standen am nächsten Morgen immer pünktlich auf der Matte.«

Darunter befanden sich mit Gastsänger Ville Tuomi und Kasper Martenson, dem ersten Keyboarder in der Geschichte von AMORPHIS, auch zwei neue Leute.

»Weil es aufgrund des vergleichsweise melodischen Charakters der Songs quasi auf der Hand lag, einige cleane Gesangsparts einzubauen, hat Tomi (Koivusaari, Gitarrist/Growler von AMORPHIS - buf) kurzerhand Ville von der Band Kyyria in Finnland angerufen, der sich nach kurzer Bedenkzeit in die nächste Fähre nach Stockholm gesetzt hat. Mit dem Gedanken, einen Keyboarder in die Band zu holen, hatten wir schon länger gespielt, und weil unser damaliger Basser Olli-Pekka mit Kasper befreundet war, fiel die Wahl nach einer gemeinsamen Probe schnell auf ihn. Leider hat er uns nach „Tales...“ wieder verlassen. Was Kasper heute so treibt? Ich glaube, er hat in England irgendwas in Richtung Tontechnik studiert. Derzeit spielt er zusammen mit Sami von Kreator und Olli-Pekka in einer Combo namens Barren Earth. Olli-Pekka ist im Hauptberuf übrigens ITler im Parlament von Helsinki, wo er Politikern bei Computerproblemen hilft. Wenn mir vor 15, 20 Jahren jemand erzählt hätte, dass er mal für den Staat arbeitet, hätte ich diejenige Person für verrückt erklärt. Olli-Pekka war und ist nämlich ein absoluter Die-hard-Punkrocker vom alten Schrot und Korn. Und ehe ich es vergesse: Ville Tuomi ist inzwischen Sänger bei den Leningrad Cowboys.«

Anders als beispielsweise Fates Warning „schämen“ sich AMORPHIS nicht für ihre ollen Kamellen, weshalb die Fangemeinde der Nordlichter auf Konzerten regelmäßig in den Genuss von Songs der ersten zwei, drei Alben kommt.

»´Into Hiding´, ´The Castaway´, ´Black Winter Day´, ´Drowned Maid´, ´In The Beginning´ und ´Magic And Mayhem´ tauchen inzwischen regelmäßig in unserer Setlist auf, nachdem wir unser altes Material eine Weile etwas vernachlässigt hatten. Seit Tomi (Joutsen, aktueller Sänger - buf) dabei ist, spielen wir aber wieder verstärkt Stücke von den ersten paar Platten, weil er die Songs liebt. Mir persönlich hängt ´Black Winter Day´ zwar mittlerweile zum Hals raus, weil wir den Song in den letzten 18 Jahren einfach zu oft gespielt haben, letzten Endes ist mir „Tales...“ aber sehr wichtig. Zumal es das Album war, mit dem wir den Durchbruch gepackt haben.«

Und das nicht nur bei uns in Deutschland, sondern auch in der finnischen Heimat.

»Als wir die Scheibe damals komponiert und aufgenommen haben, hatten wir natürlich keinen blassen Dunst, wie die Leute darauf reagieren würden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie uns Tomas im Studio fragte: „Weiß eure Plattenfirma eigentlich, was ihr hier treibt?“ Weil sich „Tales...“ deutlich von unserem Debüt „The Karelian Isthmus“ unterschied, hatte er wohl Angst, dass man bei Relapse Records angepisst sein könnte. Als dann aber die ersten positiven Kritiken aus Deutschland und anderswo eintrudelten (Kollege Wendel stellte die Scheibe in seiner Zehn-Punkte-Jubelkritik im Rock Hard seinerzeit auf eine Stufe mit „Gothic“ von Paradise Lost - buf), waren alle beruhigt. Auch in Finnland brachte uns die Scheibe eine Menge Aufmerksamkeit ein, obwohl unsere Metalszene damals noch in den Kinderschuhen steckte. Trotzdem haben wir es bis auf Platz 18 oder 19 der finnischen Albumcharts geschafft. Mittlerweile ist Metal bei uns die populärste Musikrichtung überhaupt. Nach Humppa, versteht sich«, grinst Esa, der leider noch nicht mal eine ungefähre Vorstellung davon hat, wie oft sich der AMORPHIS-Tonträger in der Schnittmenge aus Death Metal, Gothic und finnischem Folk bis heute verkauft hat.

»Unser amerikanisches Label Relapse hat uns irgendwann mal erzählt, dass „Tales...“ das Album war, das sich aus ihrem Programm am besten verkauft hat. Viel Geld haben wir leider trotzdem nicht gesehen - und was dabei rumkam, haben wir in Tourneen investiert. Irgendwie ist das die alte Leier von der blutjungen Band, die ohne großartig nachzudenken einen Plattenvertrag unterschreibt und damit alle Rechte abtritt. Obwohl die Kommunikation mit Amerika schwierig und vor allem teuer war - meine Eltern haben mir irgendwann sogar ein Faxgerät spendiert, weil unsere monatliche Telefonrechnung einfach zu hoch war -, haben Relapse einen guten Job gemacht. Ohne sie würden wir beide jetzt nicht miteinander reden«, macht der sympathische Gitarrist aus seinem Herzen keine Mördergrube und findet sogar warme Worte für das Cover von „Tales...“, obwohl das Artwork eher an die Blaue Lagune auf Island erinnert als an ein Szenario aus dem Land der tausend Seen.

»Wir haben das Cover zum ersten Mal gesehen, als die Scheibe ins Presswerk ging. Abgesehen von dem Thorshammer ist das Artwork komplett auf dem Mist des amerikanischen Fantasykünstlers gewachsen, den Relapse angeheuert hatten. Ich bin nach wie vor zufrieden mit dem Cover - vor allem mit den Farben, auch wenn sie Finnland nicht unbedingt repräsentieren.«

Im Gegensatz zu den Texten, die abgesehen von ´First Doom´ und ´Forgotten Sunrise´ aus dem finnischen Nationalepos Kalevala entnommen wurden.

»Das Kalevala ist nach wie vor eine wichtige Inspirationsquelle für uns. Damals haben wir die Texte sogar quasi eins zu eins übernommen. Allerdings übersetzt ins Englische.«

www.facebook.com/groups/6394763306

Das Line-up auf „Tales From The Thousand Lakes“:

Tomi Koivusaari (v./g.)
Ville Tuomi (v.)
Esa Holopainen (g.)
Olli-Pekka Laine (b.)
Kasper Martenson (keys)
Jan Rechberger (dr.)

Fakten, Fakten, Fakten

  • Songs: 10
  • Spielzeit: 39:53
  • Produzent: Tomas Skogsberg
  • Studio: Sunlight-Studio, Stockholm

DISKOGRAFIE (nur Studioalben)

The Karelian Isthmus (1992)
Tales From The Thousand Lakes (1994)
Elegy (1996)
Tuonela (1999)
Am Universum (2001)
Far From The Sun (2003)
Eclipse (2006)
Silent Waters (2007)
Skyforger (2009)
The Beginning Of Times (2011)

Bands:
AMORPHIS
Autor:
Buffo Schnädelbach

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