Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 23.10.2019, 13:49

METALIAN, BULLDOZER, NEKROVAULT - Storm Crusher Festival: Wurz, O´schnitthalle

Nach einem Jahr Pause hat sich das STORM CRUSHER-Festival im nordostbayerischen Landkreis Neustadt an der Waldnaab mit gleich mehreren Ausrufezeichen zurückgemeldet. Uli Jon Roth und Atlantean Kodex als Zugpferde, dazu reihenweise interessante Newcomer und mit Demon und Piledriver Achziger-Legenden von höchst unterschiedlicher Couleur – das war der Mix, der die Tausendschaft Hartwurst-Fans in Verzückung versetzte. Rock Hard zückte mit.

Freitag

GOD´S AWAY ON BUSINESS heißt nicht nur ein Song von Tom Waits – so nennen sich auch die Festival-Eröffner, die sich über einen Wettbewerb im März qualifiziert haben. Der groovige Death-Thrash der Schwandorfer weiß durch griffige Strukturen zu gefallen. Leider ist die Halle zum Start um 14 Uhr fast noch leer, was sich während des Sets auch nur unwesentlich ändert. Ist halt noch früh – und die Warm-up-Party am Donnerstag war lang...

Besser sieht die Lage für KÜENRING aus. Die Traditionsmetaller aus Wien, benannt nach einer berüchtigten Raubritterbande, überzeugen mit kitschfreiem Stahl altbritischer Schule und werden die Szene mit ihrem für 2020 angekündigten dritten Album weiter bereichern. Charmante Ansagen à la „Macht´s uns die Merch-Kistn bitte a bissl leichter“ garantieren den Schmunzler zur gereckten Faust. Leiwand!

Entspannt geht´s mit FREEWAYS weiter. Das Quartett aus Ontario, Kanada, ist dem Demostadium kaum entwachsen, mit etwas Anlaufzeit zündet der Siebziger-Einflussmix aus Lizzy, BÖC und April Wine aufs Angenehmste. Zudem ist Sänger/Gitarrist Jacob Montgomery ein Pfiffikus vor dem Herrn. Die Fehllieferung der neuen Vinylsingle ohne jedes Artwork lässt den Mann nicht verzweifeln, mit Edding bemalt er die Cover am Merchstand kurzerhand selbst – und verkauft alle 50 Stück im Nu. That´s Rock´n´Roll!

Eine absolute Bank sind die nächsten Kanadier. METALIAN haben ihre Priest-Bibeln genauestens studiert, die Screams sitzen, die Gitarren schneiden – und in der Halle geht´s inzwischen ordentlich ab. Wer Ram verehrt, sollte sich dringend auch mal mit Metalian beschäftigen.

Melodiefixierter Gourmet-Metal, auf den Punkt gebraten und kraftvoll serviert – das sind Andrew D´Cagnas IRONFLAME. In ihrer sehr überschaubaren Nische – Fixstern: Fifth Angel – lässt sich momentan kaum Gleichwertiges finden, das ´Moonchild´-Cover und der neue Song ´Blood Red Cross´ lassen keine Wünsche offen. Horns up!

„Nix jünger als 1986“ – so kündigt Sänger „Wauxl“ Pfaller seine Retro-Offensive an. Und MASS befriedigen ihre Gemeinde vollends. Für die einen ist der Hammond-Hardrock der Regensburger Kult, die anderen nutzen die Stunde zur Essenspause im Biergarten vor der Halle. Bei gut 45 Minuten Spielzeit funktioniert sogar beides.

Gilt auch für BULLDOZER. Das frühzeitliche Gethrashe der Venom-Jünger polarisiert, zwei Bassgitarren untermauern den Abrissbirnen-Anspruch der Mailänder. Auch optisch setzt Alberto Contini alias „AC Wild“ ein zünftiges Vampir-Statement. Modestadt eben.

Über jeden Zweifel erhaben ist diesbezüglich Gordon Kirchin, der sein PILEDRIVER-Denkmal seit nunmehr 15 Jahren mit dem Vorbau „The Exalted“ pflegt. Dem Gesamtkunstwerk aus Leder, Metall und Wabbelfleisch kann man sich als Freund des Grotesken nicht entziehen, die Songs werden mit steigendem Pegel immer besser. Zum Glück verhindert die Security den Stagedive-Versuch eines allzu forschen Jünglings im letzten Moment. Beim gut zwei Meter breiten Fotograben wäre das nicht glimpflich ausgegangen.

ULI JON ROTH nach Piledriver – mehr Kontrast geht nicht. Der mit diversen Traumfängern dekorierte Maestro präsentiert seinen Gemischtwarenladen aus Scorpions und Electric Sun mit maximaler Hingabe – und räumt generationsübergreifend ab. Es ist immer wieder ein Hochgenuss, dieses Genie beim Verschmelzen mit seinem Instrument zu bestaunen. Die grandiose ´All Along The Watchtower´-Interpretation ist die Kirsche auf einem nahezu perfekten ersten Festivaltag.

Samstag

Pünktlich um 13 Uhr starten die Memminger NEKROVAULT zum Hirne freiblas(t)en. Finsterster Death Metal von Könnern ihres Fachs. Das peitscht und hat Potenzial.

Selbiges lässt sich auch von den unterschätzten BACKSLASH behaupten, die mit ihrem unprätentiösen Echtmetall punkten und der perfekte Anheizer für das nun folgende Kauz-Doppel sind.

Mark Biedermann hat neue Zähne. Das ist die erste Neuheit bei den Bay-Area-Veteranen BLIND ILLUSION. Die zweite: Der vorgestellte neue Song namens ´Lucifer ´s Awakening´ klingt äußerst vielversprechend. Vertrackter Thrash, unverwechselbar – und live sowieso jede Schwurbelminute wert. Auch Alt-Heide Doug Piercy und Monsterbassist Tom Gears haben ihren Spaß an Biedermanns Hang zur Improvisation. Nicht-Profis würden schreiend davonlaufen.

Nein, HELVETETS PORT sind keine Kritikerlieblinge, aber hier und heute am richtigen Ort. Der Qualitätsboost der neuen Scheibe kommt auch live zum Tragen, diverse Holprigkeiten im Vortrag werden bei den Refrains mit Vehemenz geglättet. Und Fronter Tomas Ericson gebührt die Sixpack-Ehrenurkunde des Wochenendes.

Auf derlei Äußerlichkeiten brauchen sich MAGISTER TEMPLI nicht zu verlassen. Der doomige Power Metal der Norweger überzeugt auch ohne Blickfang – mit dem überfälligen neuen Album sollte der Sprung auf die nächste Ebene gelingen.

Ganz andere Drehzahlen legen STÄLKER vor. Die Kiwi-Speedster müssen sich auf Platte vor Konkurrenten wie Evil Invaders, Ranger oder Vulture nicht verstecken, live indes würde eine zweite Gitarre nicht schaden. Kommt Zeit…

Und damit zum epischen Schlussviertel des Festivals, das die Berliner Doom-Death-Instanz NECROS CHRISTOS gebührlich einläutet. Souverän mit Hirn und Herz – bei bestens abgemischtem Sound aalt sich die stattliche Fangemeinde in den verschachtelten Kompositionen. Schade nur, dass „Domedon Doxomedon“ tatsächlich der kreative Schwanengesang war. Eine gedankliche Kehrtwende schließt Bandchef Malte Gericke nach der Show lächelnd aus.

LORD VICAR haben mit „The Black Powder“ nicht nur eines der stärksten Doom-Alben des Jahres abgeliefert, sie beweisen auch auf der Bühne ihre Ausnahmestellung. „Chritus“ Linderson sieht zwar eher wie 72 als wie 52 aus, sangestechnisch macht ihm aber so schnell keiner was vor. Ein vortrefflicher Gig, auch wenn das abrupte, dem Zeitmanagement geschuldete Ende einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt.

Dass ATLANTEAN KODEX der Headliner der Herzen sind, daran besteht in ihrem heimatlichen Regierungsbezirk nicht der geringste Zweifel. Schon am Donnerstag bei der Album-Releaseparty haben die Oberpfälzer Underground-Helden fünf Songs dargereicht, heute fehlt Neu-Gitarristin Cora Baier wegen einer Terminkollision. Als Ersatz beackert Lanfear/Septagon/Them-Chef Markus Ulrich den linken Bühnenrand. „Das ist nicht die Cora, die am Donnerstag zu viel gesoffen hat, das ist der Ulle – er hilft uns aus“, stellt Sänger Markus Becker seinen Kumpel grinsend vor. Da ist die Hälfte des Triumphzugs bereits absolviert, und der Stimmungsgewinner unter den drei neuen Songs steht mit ´Chariots´ fest. Getoppt wird das Prachtstück nur noch von ´Twelve Stars…´, das gefühlt JEDER mitsingt. Nach einer Zugabe (´Enthroned In Clouds And Fire´ mit Michael Koch an der Gitarre) ist Feierabend.

Und die Veranstalter fragen sich bang: Hauen die Leute jetzt größtenteils noch vor dem Headliner DEMON ab? Tun sie nicht! Und so darf sich die britische Legende um Supersänger Dave Hill bei ihrem Old-School-Programm über angemessen lautstarken Support freuen. Das göttliche ´Life On The Wire´ beherrscht die Meute ebenso sicher wie ´One Helluva Night´ und ´No More Hell On Earth´. Mit dieser leider allerletzten Zugabe endet das Storm Crusher 2019. Ein perfekt organisierter Traum war´s. Einer, der 2020 hoffentlich weitergeht.

Bands:
METALIAN
BULLDOZER
NEKROVAULT
STÄLKER
ATLANTEAN KODEX
DEMON
IRONFLAME
MASS
HELVETETS PORT
NECROS CHRISTOS
LORD VICAR
MAGISTER TEMPLI
BLACKSLASH
ULI JON ROTH
PILEDRIVER
KÜENRING
Autor:
Ludwig Krammer

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