Interview


Pic: C. McCool

Interview 30.08.2022, 14:38

STARCRAWLER - Es ist ok, anders zu sein

Musik nach eigenem Gusto und ohne Deadlines: Den Corona-bedingten Stillstand haben STARCRAWLER dafür genutzt, Album Nummer drei – „She Said” – ohne jeglichen Druck und frei nach persönlichen Wünschen zu komponieren. Im Interview sprechen Sängerin Arrow de Wilde und Gitarrist Henri Cash darüber, für wie selbstverständlich man das Tourleben vor COVID-19 erachtet hat, den hohen Wert, wenigstens einen Menschen im Leben zu haben, der persönliche Interessen teilt – und wie unheimlich es ist, in deutscher Sprache angebrüllt zu werden.

Arrow, Henri, noch im Juni wart ihr für ein einzelnes Konzert in Deutschland, im Juli in Australien und aktuell seid ihr auf US-Tournee unterwegs: Welche Gefühle löst es in euch aus, nach zwei Jahren Corona-bedingter Pause wieder global unterwegs zu sein?

Arrow: »Das fühlt sich nur großartig an. Während des Lockdowns, als alles geschlossen war, habe ich an fast nichts anderes gedacht. Jetzt wieder unterwegs sein zu können, ist einfach fantastisch. Man hat das immer als selbstverständlich erachtet, weil wir das als Band ja eigentlich die ganze Zeit seit der High School gemacht haben. Als die Möglichkeit, auf Tour zu gehen, dann einfach weg war, habe ich wirklich gemerkt, wie sehr mir das gefehlt hat. Ich habe vorher gar nicht begriffen, was das für ein elementarer Teil des alltäglichen Lebens war. Da hat man sich dann selbst die Frage gestellt: “Was mach ich jetzt eigentlich?” (lacht)«

Haben eure Fans in Deutschland denn in absehbarer Zeit die Gelegenheit, euch mal im Rahmen einer ausführlicheren Tour zu sehen?

Arrow: »Na klar, ich kann dir im Moment aber leider noch nicht genau sagen, wie unser Plan für die Zukunft aussieht. Hoffentlich schaffen wir es noch bis Ende diesen Jahres, sonst sollte es aber auf jeden Fall im nächsten Jahr klappen. Ich stehe sehr gerne bei euch auf der Bühne.«

Henri:»Wir hatten jede Menge Spaß, als wir in Deutschland waren. Ich habe mir The Rolling Stones in München angesehen. Die Tickets waren bei euch viel günstiger als hier in LA.«

Kommen wir auf euer neues Album „She Said” zu sprechen: Ab dem 16. September findet man euer drittes Werk in den Regalen. Was habt ihr dieses Mal anders gemacht als bei den Vorgängern „Starcrawler” und „Devour You”?

Henri: »Wir hatten bei „She Said” einfach viel mehr Zeit als bei unseren vorherigen Alben. Vorher musste alles immer ziemlich schnell gehen – entweder weil wir auf Tour waren oder weil wir kein Geld hatten. Dieses Mal haben wir hingegen eine Platte ganz für uns selbst gemacht und hatten bei der Entstehung kein Label hinter uns. Das Album ist also einfach entstanden, weil wir das so wollten. Es gab keine Deadlines, wir konnten den Fokus also ganz darauf legen, was uns glücklich macht. Das war einfach großartig.«

Ich verstehe, das war dann sicher mal eine ganz neue Möglichkeit für euch. Habt ihr die Songs auf „She Said” denn immer und immer wieder aufgenommen, weil euch ständig neue Ideen gekommen sind, oder sind da auch Nummern dabei, die vielleicht schon 2019 geschrieben wurden und die ganze Zeit unverändert blieben?

Henri: »Ganz am Anfang haben wir Demos durch Arrows Fenster aufgenommen. Ich bin dann bei ihr aufgekreuzt und habe ein Mikrofon durch ihr Fenster gehalten, wir wollten uns ja nach Möglichkeit nicht gegenseitig mit Covid anstecken. Als dann der tatsächliche Aufnahmeprozess startete, waren wir so erprobt, dass wir mit den Songs schon nach der ersten Aufnahme zufrieden waren. Mit der Ausnahme des Songs ‘Broken Angels’. Die Nummer hat mir echt Albträume bereitet, der Demoversion hat die ganze Zeit irgendetwas gefehlt, was die finale Version jetzt hat.«

Witzig, dass du ‘Broken Angels’ erwähnst, das ist einer meiner Favoriten auf dem Album. Dann sprechen wir doch mal etwas mehr im Detail über ein paar der Songs. Arrow, im Titelsong singst du: “Please, please, come back to me. I don’t care if you even like me.” Klingt nicht nach einer besonders gesunden Beziehung, oder?

Henri:»(Arrow und Henry lachen laut) Tja, das kommt vor, oder?«

Arrow: »Ich denke, das ist ein Gefühl, das jeder nachempfinden kann. Das hat wahrscheinlich jeder irgendwann mal durchgemacht, selbst wenn es in der Middle School oder so war. Du magst eine Person, die Person mag dich leider nicht und du denkst dir einfach: “Möge mich doch einfach, das ist schon ok!” (lacht) Unabhängig davon, was man aus dem Song mitnimmt: Ich denke, das ist einfach eine Lebenslage, die jeder kennt.«

Bei der Art und Weise, wie ihr tolle poppige Melodien in eure Songs einbindet, zum Beispiel bei ‘She Said’ oder beim zuvor erwähnten ‘Broken Angels’, musste ich irgendwie an die Schweden von Ghost denken. Könnt ihr nachvollziehen, was ich hier meine?

Henri: »Das Coole an ‘Broken Angels’ ist, dass das eine Nummer ist, die auf einer Idee unseres Bassisten Tim (Franco - lh) basiert. Er steht auch auf Bands wie The Beatles oder The Beach Boys, das sind Einflüsse, die du sonst eher nicht in unserer Musik finden würdest. Diese Elemente dann in einen STARCRWLER-Song einzubetten, hat schon ziemlich Spaß gemacht. ‘Broken Angels’ ist dadurch auch eine meiner absoluten Lieblingsnummern geworden, der kommt aus so einer ganz anderen Richtung, die wir sonst gar nicht gewöhnt sind.«

Das erklärt auf jeden Fall den starken Fokus auf sehr melodische Gesangslinien. Gibt es eigentlich irgendwelche musikalischen Elemente, die ihr mit STARCRAWLER schon immer mal ausprobieren wolltet, bislang aber noch nicht umgesetzt habt?

Arrow: »Ich schätze, wenn wir Elemente bis jetzt noch nicht umgesetzt haben, vermissen wir sie auch nicht wirklich.«

Henri: »Es gibt zumindest nichts, was wir bislang wissentlich noch nicht gemacht haben, aber es kann natürlich immer sein, dass man noch in neue Stile reinwächst.«

Als Bonus warten am Ende des Albums noch die Songs ‘Runaway’ und ‘True Deranged’ im Akustikgewand auf eure Hörer. Wäre ein ganzes Akustikalbum oder reine Akustikgigs etwas, was ihr als Band gerne mal machen würdet?

Henri: »Die Akustikversion von ‘Runaway’ haben wir bereits live gespielt. Das hängt immer ein bisschen von den Umständen ab. Wenn jetzt zum Beispiel MTV auf uns zukäme und uns fragen würde, ob wir eine Unplugged-Scheibe aufnehmen wollen, wären wir auf jeden Fall dabei!«

Arrow: »Das sehe ich auch so, für ein ganzes Akustikalbum müssten schon das Feeling entsprechend passen.«

Henri: »Vieles sieht man ja im Laufe der Zeit auch ganz anders. Es ist echt verrückt, wenn ich an unsere erste Platte zurückdenke, da waren wir so 15,16 Jahre alt, bei unserem zweiten Album dann ungefähr 18, 19 Jahre alt. Wenn ich mir die Werke jetzt anhöre, habe ich automatisch all die Sachen vor Augen, die uns damals beschäftigt haben. Es ist einfach total spannend, diesen Fortschritt mit der Zeit zu sehen. Abhängig davon, wo wir in vielleicht 40 Jahren stehen, kann es also schon gut sein, dass wir dann mal ein Akustikalbum aufnehmen, man kann es einfach jetzt noch nicht sagen.«

Arrow: »40 Jahre, wow, du hast ja Pläne. (lacht)«

Im Rausschmeißer ‘A Better Place’ singst du, Arrow, “I want to be a different person”. Welche Charakterzüge an euch würdet ihr gerne ändern?

Arrow: »Ich glaube, jede:r hat so den ein oder anderen Charakterzug an sich, den er oder sie gerne ablegen würde.«

Henri: »Bei dem Song muss ich immer an eine Sache denken, die auf gefühlt viele junge Menschen zutrifft, wenn sie zur Schule gehen und Rockmusik hören: Man fühlt sich immer ein bisschen wie ein Weirdo oder Außenseiter, weil kaum jemand die gleiche Musik hört. Zu meiner Schulzeit haben sich die Meisten immer nur für Sport oder so einen Scheiß interessiert und ich wäre lieber jemand anderes gewesen, weil ich mich wie ein verdammter Außenseiter gefühlt habe. Es ist wichtig, dass Menschen – unabhängig vom Alter – wissen, dass es andere Menschen gibt, die sich für die gleichen Sachen interessieren und dass man nicht alleine ist. Bis ich Arrow in der Schule getroffen habe, kannte ich niemanden, der meine Interessen teilte. Man muss nur eine andere Person finden, die sich für das gleiche interessiert, um zu wissen, dass man Teil von etwas ist.«

Dave Grohl hat euch im Rahmen seiner Doku ‘What Drives Us’ interviewt. Woher kennt ihr Dave und worüber habt ihr euch unterhalten?

Arrow: »Wir haben ihn das erste Mal 2017 auf einem Festival getroffen und uns abseits der Bühne mit ihm unterhalten. Er war einfach unfassbar nett. Wir waren dann 2018 auf einem Gig der Foo Fighters die Vorband, das waren bis dahin eigentlich die einzigen Male, dass wir ihn getroffen haben. Dann waren wir ganz schön aus dem Häuschen, als das Team von Dave auf uns zukam und uns darüber informierte, dass Dave uns für seine Doku interviewen wollte. Das hat richtig Spaß gemacht, wir hingen fast einen Tag zusammen ab, sind mit ihm durch die Gegend gefahren und haben uns unterhalten.«

Henri: »Zuerst haben wir uns vor allem über Band-Kram unterhalten, aber dann kamen wir zum Beispiel auch ins Gespräch darüber, dass wir beide die Schule abgebrochen haben – da hatten wir also auf jeden Fall eine Verbindung. (lacht)«

Die letzten Worte überlasse ich euch: Möchtet ihr noch irgendetwas loswerden?

Arrow: »Ich weiß nicht… Kauft unser Album! (lacht)«

Henri: »Wir müssen auf jeden Fall bald wieder nach Deutschland kommen. Was bei unserer letzten Show in Deutschland noch witzig war: Es hatte nachts nichts mehr offen, wo wir hätten essen können, außer McDonalds. Es war 2:00 Uhr morgens, Tim und ich sind auf diese E-Scooter gestiegen, haben uns auf den Weg gemacht… und wurden von der deutschen Polizei herüber gewunken. Die haben uns zwar gehen lassen, aber uns erstmal auf Deutsch angebrüllt, das war ziemlich gruselig – ok, es ist wahrscheinlich immer gruselig, in einer Sprache, die man nicht versteht, angebrüllt zu werden. Wir mussten einen Alkoholtest machen, den haben wir aber bestanden.«

www.starcrawlermusic.com

www.facebook.com/starcrawlertheband

Bands:
STARCRAWLER
Autor:
Lukas Höpfner

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