Festivals & Live Reviews

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WALDGEFLÜSTER , LANTLÔS , NOCTE OBDUCTA - Stage Secrets Fest

November. Es ist endgültig Herbst und die Festivalsaison 2012 tot? Zehn Stunden am Stück Livemusik lauschen und feiern kann man schließlich das ganze Jahr über! Der heutige Tag ist bei allen Fans des deutschen, modernen Black Metal seit Monaten rot im Kalender angestrichen.

An zweiter Stelle folgt mit WASSERMANNS FIEBERTRAUM direkt das vom Line-up her gewagteste Experiment des Tages. Einerseits zeigt sich die Truppe musikalisch weitestgehend fern von metallischen Sounds, andererseits ist der zackige instrumentale Post Rock der vier ebenfalls bayerischen Jungs so dynamisch und mitreißend, dass sich beim neugierigen Publikum gleich reihenweise verzückte Gesichter breitmachen. Die Klangkaskaden auf der Bühne werden zur atmosphärischen Unterstützung mit Filmprojektionen auf dem weißen Backdrop angereichert, die von historischen Militäraufmärschen bis zu Naturimpressionen enorm vielseitige Eindrücke aus unserer Welt hinterlassen. Die seit Beginn der 2010er Jahre zunehmende Annäherung zwischen Post-Rock- und Black-Metal-Szene ist heute endgültig auch auf und vor den Konzertbühnen angekommen.
Die meist halbstündigen Umbaupausen zwischen den Bands sorgen für angenehme Verschnaufgelegenheit und der Möglichkeit, sich im inzwischen echt ordentlich vollen Kulttempel zur Theke durchzuarbeiten. Die Preise bewegen sich wie gewohnt bei fairen 2 Euro für 0,3l Fassbier. Die Lösung mit Verzehrkarten und jeweils fälligen 3 Euro Mindestverzehr, wenn man die Location zwischendurch verlassen möchte, sollte allerdings nochmal überdacht werden.

Um 18.30 Uhr ist die Zeit reif für den von Fanseite breitgefächert ersehnten Auftritt von THRÄNENKIND. Am Live-Line-up ist zu erkennen, dass die Musiker ähnlich gelagerter, mitunter heute noch auftreter Bands zusammenhalten und sich auf der Bühne gegenseitig aushelfen. THRÄNENKIND-Vordenker Nathanael ist ebenso als Live-Bassist von Heretoir aktiv, dessen Frontmann David hier wiederum als Gitarrist fungiert. Darüber hinaus sind beide Jungs Teil der aktuellen Besetzung von Agrypnie, deren Chef Torsten heute mit seiner ursprünglichen Combo Nocte Obducta anwesend ist. Bei so vielen Querverweisen auf personeller Ebene ist die musikalische Seite THRÄNENKINDs trotz treibender Drums, shoegaziger Klangteppiche und gleich drei unterschiedlichen Sängern (u.a. Fäulnis-Schlagwerker Nils) recht unaufregend. Nicht dass wir es hier mit schlechten Musikern oder generell uninspirierten Songs zu tun hätten. Das Songwriting wirkt nur an mancher Stelle zu beliebig und strukturarm. Abwarten, was die neue Scheibe „The Elk" in diesem Jahr noch mit sich bringt. Die Menge findet's cool und bereitet der Band einen insgesamt erfolgreichen Gig. Nachträgliche Forderungen nach besserem Monitorsound sollte man das nächste Mal zugunsten der Atmosphäre übrigens nicht während laufender Songs unterbringen.

In eine andere Kerbe schlagen die Nordlichter FÄULNIS. Bereits vor einem Jahr in ähnlichem Rahmen angetreten, überzeugt das Hamburger Gespann, allen voran Frontpsycho Seuche (stilecht mit Feinrippunterhemd, Schnäuzer und Zigarettenkippe), auf ganzer Linie. Der Mann schreit, ächzt und brüllt sich äußerst authentisch durch das Black-Doom-Punk-Gebräu und kommuniziert zwischendurch immer wieder lässig bis provokant mit dem Publikum: „Jetzt kommt ein Song für euch, die NSBM nur wegen der Musik hören." (Applaus). „Und jetzt kriegt man auch noch Applaus dafür!"
Egal, welchen Song Fäulnis auf die Leute loslassen, Ausfälle gibt’s keine. Stattdessen umso mehr Highlights, wie das manisch-drastische 'Landgang', '30. Juli, bewölkt', die coole Gastperformance von Heretoir-Dave und das zynische Oma Hans-Cover 'In der Ukraine'.

LantlosNach einer weiteren längeren Umbaupause entern für ein weiteres Kontrastprogramm LANTLÔS die Bühne und laden zum Schwelgen in tiefen, warmen Songs zwischen Black Metal, Doom und Jazz/Post Rock-artigen, sehr reduzierten Ruhepolen mit interessantem Schlagzeugspiel ein. Die Setlist beschränkt sich dabei fast ausschließlich auf Kompositionen neueren Datums. Darunter mit 'Intrauterin', 'Bliss' und 'Eribo – I Collect The Stars' drei überlange Stücke vom 2011er-Album „Agape". Zusätzlich gewährt Bandkopf Markus mit 'Melting Sun' einen Ausblick auf die kommende Scheibe. Insgesamt bewährt er sich als introvertierter aber souveräner Frontmann, der auch die Gesangspassagen seines Studiopartners Neige solide meistert. Zum Ende runden 'Coma' und 'Minusmensch' von „.neon" eine gelungene Stunde ab, wobei es im Publikum etwas leerer als zu erwarten war.

Vor dem Headliner zieht sich die Unterbrechung nochmal ordentlich in die Länge. Es gibt scheinbar Schwierigkeiten mit den Bühnenmikros, die bei Berührung kleine elektrische Entladungen von sich geben. NOCTE OBDUCTA nehmen's mit Humor, rauchen und überbrücken die Wartezeit mit lustigen Bluesriffs und Fahrstuhlmusik. Torsten kommentiert lakonisch: „Das ist das zweite Mal, dass ich in Oberhausen Unterhaltungsmusik spiele. Ich glaube, das liegt an euch."
Um 23:15 Uhr geht’s dann endlich los. 'Es fließe Blut', 'Prinzessin der Nachtschatten', 'Der erste Frost', 'Niemals gelebt', 'Eine Teichoskopie': ob alt oder neu, man zaubert in erster Linie den aggressiven Teil der langen Diskographie aus dem Hut. Selbstbewusst und völlig imagebefreit zelebrieren die sechs Musiker ihre Show. Dabei überraschen sie im Verlauf des Sets mit dem an Dinner-auf-Uranos-Ausflüge erinnernden 'Ein Nachmittag mit Edgar' vom kommenden Album und Torsten beruft sich in einer Ansage mit einem deutlichen „Fuck off, NSBM!" auf Seuche. Als der Gig sich dem Ende neigt, greifen NOCTE OBDUCTA nochmal tief in die Schwarzmetall-Kiste und legen mit 'Fick die Muse' und dem fast fünfzehnminütigen 'Gemälde derer, die schieden' (O-Ton Marcel: „Wir ham' noch ne Ballade von der Schwarzmetall. Ist ja heute die Nacht der Balladen.") zwei Tracks aus ihrem primitiven Zwischenspiel nach. Danach verlassen die Bandmitglieder nach und nach die Bühne, während die Gitarren feedbackend auf dem Boden zurückbleiben. Das applaudierende Publikum lockt die Band für die Zugabe 'Solange euer Fleisch noch warm ist' aber nochmal aus der Kabine.

Mit halbstündiger Verspätung und nunmehr vor sichtbar dezimiertem Auditorium betreten VERDUNKELN um 1 Uhr die Bretter. Schon während des Soundchecks sind die charakteristischen Hallgitarren und die abgrundtiefe Zerre des Aachener Quartetts zu vernehmen. Leider kann ich mir den vielversprechenden Auftritt nicht zu Ende ansehen, da der letzte Zug gen Heimat gegen 2 Uhr Oberhausen verlässt. Der als Opener gespielte Titeltrack des neuen Albums „Weder Licht noch Schatten" überzeugt in seinem unheilvollen Klanggewand jedenfalls auf ganzer Linie. Der Tag war lang und die meisten werden sich noch oft an das Stage Secrets Festival erinnern. Vielleicht gibt es 2013 ja die nächste Ausgabe?

Setlist Lantlôs

Intrauterin
Bliss
Eribo – I Collect The Stars
Where Have You Gone My Friend
Melting Sun
Coma
Minusmensch

Setlist Nocte Obducta

Es fließe Blut
Prinzessin der Nachtschatten
Der erste Frost
Niemals gelebt
Eine Teichoskopie
Ein Nachmittag mit Edgar
Fick die Muse
Gemälde derer, die schieden
Solange euer Fleisch noch warm ist

Pics: Meredith Schmiedeskamp

Bands:
WALDGEFLÜSTER
NOCTE OBDUCTA
LANTLÔS
Autor:
Meredith Schmiedeskamp

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