Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 01.01.1970, 01:00

TRANSATLANTIC , MARILLION , ANATHEMA , LONG DISTANCE CALLING - St. Goarshausen, Loreley

Mit der traumhaften Location auf dem Loreley-Felsen und einer exquisiten und stilistisch breit gestreuten Auswahl an Bands wird das Night Of The Prog auch in der neunten Auflage seiner Reputation als Festival-Mekka für Progfans fast jeglicher Couleur wieder gerecht. Auch wenn die US-Schiffsreisen seit letztem Jahr wohl die beeindruckenderen Line-ups liefern, als „konventionelles" Prog-Festival ist das Night Of The Prog definitiv das „Flaggschiff" der Szene. Und auch der Wettergott erweist sich abermals als Genre-Fan und verwöhnt zwei Tage mit Sonnenschein satt.


FREITAG

GRAN TURISMO VELOCE (verbringen das gesamte Wochenende in ihrer urig-abgewetzten Bus-Gurke) mit ihrem ganz speziellen Italo-Charme und die deutschen Neoprogger TRAUMHAUS eröffnen das Festival bereits am Freitagmittag. Reunion heißt es bei COLLAGE, denn die polnische Neoprog-Legende wird von Mitgliedern der Nachfolgebands Believe und Satellite wiederbelebt. LONG DISTANCE CALLING verzichten anschließend komplett auf Gesang, setzen aber trotzdem das erste echte Ausrufezeichen. Die Dortmund-Münsteraner Post-Connection präsentiert u.a. einen vielversprechenden neuen Song (Arbeitstitel ´Keyboardair´) und ´NH 0549´ von der aktuellen „Nighthawk"-EP. Nicht nur das vielumjubelte ´Metulsky Curse Revisited´ beweist: Auch heftige Klänge haben beim NOTP eine echte Chance. Gleich vier Mal ziehen IQ danach die „Road Of Bones"-Karte. Doch so gut das aktuelle Album aus der Konserve auch ist: Bei über 30 Grad sind die britischen Neoprogger einfach eine zähe Schlafwagen-Nummer. Und daran können auch Klassiker wie ´The Darkest Hour´, Leap Of Faith´ und ´The Wake´ nichts ändern. Für TRANSATLANTIC hingegen wird der exklusive Gig auf der legendären Loreley-Bühne, die 1976 passenderweise erstmals von Genesis gerockt wurde, zu einem echten Triumphzug. Das zu später Stunde natürlich pickepacke volle Amphitheater explodiert förmlich, als die abermals um Spock´s-Beard-Sänger Ted Leonard erweiterte Supergroup mit dem ersten neuen Longtrack ´Into The Blue´ loslegt – zwar ohne Überraschungen und mit leicht gekürzter Tour-Setlist, aber dafür gewohnt spielfreudig und mit extrem positiver Ausstrahlung. Auf Linksaußen wirbelt Mike Portnoy (ex-Dream-Theater, schießt nachmittags ohne Ende Fotos vom Rheintal), als gebe es kein Morgen, dirigiert oder feuert das Publikum an und wirft sich mit Leonard Drumsticks zu. Sein Gegenüber Neal Morse (ex-Spock´s-Beard) gibt den gewohnt agilen und über beide Ohren glücklich strahlenden Entertainer, Sänger und Keyboarder. Die Mitte der Bühne teilen sich wie immer Gitarrist/Sänger Roine Stolt (Flower Kings; für seine Verhältnisse mit geradezu sonniger Laune) und Bassist Pete Trewavas (Marillion; bei Transatlantic darf er die Rocksau rauslassen). Ein genialer Abschluss des ersten Tages!
 
SAMSTAG

SYNAESTHASIA sind so etwas wie die Ziehkinder von IQ-Gitarrist Mike Holmes – mit Betonung auf Kinder. Die Londoner Jungspunde machen ihre Sache aber richtig gut und saugen backstage Tipps und Tricks auf. Mit den Holländern A LIQUID LANDSCAPE, die Dredg, Porcupine Tree, Sigur Rós, Karnivool und Tool in einen traumhaft-sphärischen Trip zwischen Alternative und Prog verwandeln, und dem US-Quartett DREAM THE ELECTRIC SLEEP (mischen Genesis, Radiohead, Muse, U2 und Pink Floyd) hält der Festival-Samstag darüber hinaus zwei frühe Ausrufezeichen bereit. CLEPSYDRA wiederum gelten nicht ohne Grund seit Anfang der Neunziger als die schweizerische Antwort auf Marillion, machen bei der Bullenhitze aber ähnlich viel Laune wie am Tag zuvor IQ. BRIAN CUMMINGS ist kurzfristig für Bigelf ins Programm gerutscht; warum der Sänger der Genesis-Covertruppe Carpet Crawlers seine guten, aber nicht wirklich mitreißenden Peter-Gabriel-Nummern an so später Stelle präsentieren darf, bleibt schleierhaft. Die Liverpooler Profi-Melancholiker ANATHEMA sind da schon eine ganz andere Hausnummer. Die drei Cavanagh-Brüder liefern den nach Marillion und Transatlantic drittbesten Gig des gesamten Festivals ab. Song-Großtaten wie ´Anathema´,  ´Fragile Dreams´ oder ´A Natural Disaster´ (Vincents einjähriger Tochter gewidmet, die am Bühnenrand fleißig mitrockt) sind bei umwerfendem Sound einfach nur zum Niederknien.
Seit dem legendären Gig 1987 hat die Loreley einen ganz besonderen Platz im Herzen aller MARILLION-Fans. Genau wie bei ihrem Auftritt im Jahr 2010 sorgen Steve Hogarth (ein Exzentriker vor dem Herrn, der auch diverse Ausflüge ins Publikum nicht scheut) und Co. auch diesmal für einen vielumjubelten Festival-Abschluss, wenngleich über die phasenweise arg seichte Setlist im Anschluss von der extrem treuen und überaus gut organisierten Fan-Gemeinde noch heftig diskutiert wird. Dafür erwischt man mit dem Mega-Longtrack ´Gaza´ (das anschließende ´Easter´ schlägt thematisch in eine ähnliche Kerbe), dem besten Song des aktuellen Albums „Sounds That Can´t Be Made", gleich einen Wahnsinnsauftakt, der zudem von tagesaktueller Brisanz ist. Musik und Politik? In solch ergreifender Form gerne mehr davon!  Beim „Misplaced Childhood"-Dreier ´Kayleigh´, ´Lavender´ und ´Heart Of Lothian´ kommen aber auch die Fish-Nostalgiker voll auf ihre Kosten.
Während die letzten Töne des überragenden Abschlusssongs ´Neverland´ (nur Fliegen ist schöner!) verklingen, hängt plötzlich der Geruch von verbranntem Gummi über dem Gelände. Feuerwehr und Notärzte rasen zum Campinggelände, wo kurz zuvor ein gasbetriebener Kühlschrank explodiert ist und ein Auto in Brand gesteckt hat. Zum Glück halten sich fast alle Fans zum Zeitpunkt des Unglücks vor der Bühne auf. Das komplett ausgebrannte Wrack wird noch in der Nacht abtransportiert.
Gute Nachrichten zum Schluss: Der Termin für das Jubiläumsfestival im nächsten Jahr steht bereits (17.-19.07.2015). Zum Zehnjährigen dürfen sich die Fans also auf satte drei Tage Prog vom Feinsten freuen. Laut Gerüchteküche sollen dann auch die Freunde der härteren Sounds mehr auf ihre Kosten kommen. Endlich, denn die führten auf der Loreley in den letzten Jahren doch ein eher stiefmütterliches Dasein!

 
SETLIST TRANSATLANTIC

Into The Blue
Shine
Whirlwind-Medley
Overture
Rose Colored Glasses
Evermore
Is It Really Happening?
Dancing With Eternal Glory
We All Need Some Light
Black As The Sky
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All Of The Above
Stranger In Your Soul
 
SETLIST MARILLION

Gaza
Easter
Beautiful
Power
You´re Gone
Sugar Mice
Fantastic Place
Man Of A Thousand Faces
No One Can
Sounds That Can´t Be Made
Cover My Eyes (Pain And Heaven)
Kayleigh
Lavender
Heart Of Lothian
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Neverland

Pic: Andreas Tittmann/Kontur-Design

Bands:
LONG DISTANCE CALLING
MARILLION
ANATHEMA
TRANSATLANTIC
Autor:
Mike Borrink

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