Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 20.07.2011

SLIPKNOT , IRON MAIDEN , PAPA ROACH , ALICE COOPER - Sonisphere Festival 2011, Basel, St. Jakob-Park

Beim Sonisphere 2010 ging so ziemlich alles schief, und die Veranstaltung entwickelte sich zu einem der skandalreichsten Festivals der letzten Jahre. Würde dieses Jahr alles besser werden? Wir forschten nach.

Als erste Konsequenz wurde das Festival nach Basel verlegt - und zwar in den schönen St. Jakob-Park. Ein Areal mitten in der Stadt, das bestens an den Nah- und Fernverkehr angeschlossen ist und auch viele Möglichkeiten für Leute bietet, die nicht im Campingzelt übernachten möchten. Gegen schlechtes Wetter ist man dieses Jahr gewappnet: Die gesamte Fläche vor der Hauptbühne im Leichtathletik-Stadion ist mit Matten ausgelegt, die drei Nebenbühnen befinden sich in einem Hallenkomplex. Der Campingplatz ist hübsch gelegen und in Planquadrate eingeteilt; es gibt für jeden Camper einen fest zugewiesenen Ort. Keine schlechte Idee. Das Angebot an Speisen und Getränken ist groß, die Preise sind der übliche Festival-Standard für die Schweiz, wie mir zahlreiche einheimische Headbanger bestätigen. Für ausländische Besucher ist die Schweiz - auch aufgrund des schwächelnden Euros - halt ein teures Pflaster.

Probleme gibt´s offenbar am ersten Tag bei der Bändchenausgabe, wo man sehr lange anstehen muss. Außerdem ist die Parksituation recht kritisch, weil die umliegenden Parkhäuser echte Schweinepreise ausrufen. Ansonsten gibt´s aber nix zu meckern. Nur für die Veranstalter, denn etwa 20.000 Besucher sind zu wenig, da bleibt sicher ein dickes Minus übrig. Vermutlich blieben viele Leute aufgrund der Erinnerungen an das desaströse letzte Jahr weg, zudem gab es mit dem Graspop eine hochkarätige Konkurrenzveranstaltung am selben Wochenende. Sollte es aber mit dem Sonisphere auch 2012 weitergehen, dann hoffentlich wieder in Basel und auch wieder mit einem solch angenehmen Wetter wie diesmal - und vielleicht einer Bühne weniger. (fa)

APOLLO STAGE

Zunächst verzögert sich der Einlass, und die SICK PUPPIES sind die Opfer. Während der zweiten Nummer wird den Australiern unerwartet der Strom abgestellt. Völlig verwundert improvisiert ihr Frontmann 15 Minuten absolut unterhaltsam. Das Publikum weiß das Engagement zu schätzen und feiert die Band ab. Auch wenn das sympathische Trio mit seinem Modern Rock stilistisch kaum zum Billing passt: So geht man als Veranstalter nicht mit einem Opener um!

Bei MR. BIG ist der Sound perfekt. Geschickt verbinden die Veteranen ihre Klassiker mit starken neuen Nummern. Im Mittelpunkt: Bassmonster Billy Sheehan, der mit ´Shy Boy´ sogar eine Nummer aus seiner Talas-Vergangenheit bringen darf, und Ausnahmegitarrist Paul Gilbert, der sein Instrument wie gewohnt mit Finger, Zunge und Elektrobohrer bearbeitet. Bemerkenswert, dass man heute auf Balladen verzichtet, so aber eindrucksvoll demonstriert, dann man eine lupenreine Hardrock-Band ist. Große Klasse!

ALTER BRIDGE kommen auf der Bühne heavier als auf CD rüber und verbinden Melancholie und Härte wie kaum eine zweite Truppe. Unverständlich nur, warum Drummer Scott Phillips wie der Papst hinter einer Plexiglasscheibe sitzt, Mark Tremonti gleich fünf Gitarren einsetzt und die Übernummer ´Open Your Eyes´ fehlt. Unabhängig davon legt das Quartett einen emotionalen und überzeugenden Auftritt hin, der auch stark von der Souveränität von Frontmann Myles Kennedy lebt.

Anschließend ist Hüpfen angesagt. Für LIMP BIZKIT ist es der erste Auftritt seit langer Zeit, wovon man aber nichts merkt. Absolut eingespielt, bringen Fred Durst und seine Mannen (Wes Borland mit einem unbeschreiblichen weißen Outfit) einen Streifzug durch ihre Diskografie. Dabei verzichtet man weitgehend auf Cover (abgesehen von The Whos ´Behind Blue Eyes´) und bietet zudem den Titelsong der heute veröffentlichten neuen Scheibe. Unerwartet wird ein Fan auf die Bühne gebeten, der gekonnt mitpost und fotografiert und diesen Auftritt wohl nie vergessen wird.

Dann heißt es: Willkommen im metallischen Irrenhaus von SLIPKNOT! Im Vorfeld hat Corey Taylor angekündigt, dass es vom Verlauf der Tour abhängt, wie es mit ihm und der Crew weitergeht. Nimmt man den heutigen Auftritt als Maßstab, hat man eine gemeinsame Zukunft. Abseits aller Konventionen geht auf der Bühne und davor bei einem der ersten Auftritte nach dem Tod von Basser Paul Gray gnadenlos die Post ab. Optisches Schmankerl ist das hydraulische Drumpodest, das ständig als Kletterbühne von den Musikern genutzt wird.

Bei IRON MAIDEN weiß man eigentlich, was einen nach dem ´Doctor, Doctor´-Intro erwartet: eine streitbare Setlist, fette Bühnenshow, hohe Klassikerdichte, tuntige Tanzerei von Janick Gers und Gänsehautmomente. So auch heute, wo es 14 Mal „Scream for me!“ heißt und die Schlussnummer ´Running Free´ - bezogen auf den heutigen Auftritt - leicht umgetextet wird. Letztlich sind die Briten mit ihrem knapp zweistündigen Set der würdige Headliner eines langen Tages, bei dem nur der Wucherwechselkurs (Euro - Franken: eins zu eins) am Bierstand sauer aufstößt.

WOLFRAM KÜPER

BOHEMIA STAGE

Die Bohemia Stage ist das Sorgenkind auf dem diesjährigen Sonisphere. Nicht nur, dass sich ihr Programm laut Zeitplan punktgenau mit dem der großen Apollo Stage überschneidet: Einen Tag vor Festivalbeginn wird auch noch mal ordentlich die Reihenfolge des Billings durcheinandergewürfelt. Zudem entpuppt sich die Location als eine große Turnhalle, die nicht unbedingt viel Charme oder gar Festival-Feeling versprüht.

Wer keinen Bock auf Alter Bridge oder Monster Magnet hat, lässt sich ab 16 Uhr von SKINDREDs Nu Metal mit Dancehall-Einschlag die Magengegend massieren und tanzt oder springt zu Hits wie ´Trouble´ wie wild vor der Bühne herum. Leider muss aufgrund der sprungbedingten Vibrationen der obere Teil der vorderen Lichttraverse aus Sicherheitsgründen abmontiert werden. Dadurch müssen HATEBREED und alle folgenden Combos mit lediglich vier seitlich montierten Frontscheinwerfern auskommen. Jamey Jasta & Co, scheint das nicht weiter zu stören, denn sie hauen wie gewohnt ihre in Songs gegossenen Durchhalteparolen ins überraschenderweise nicht überfüllte Podium.

Da hilft auch der Heimatbonus nix: ELUVEITIE müssen parallel zu Slipknot spielen, wodurch die Halle auch hier nicht richtig voll ist. Der Mix aus Flötenklängen und Melodic Death funktioniert heute gerade bei den schnelleren Songs erschreckend schlecht, weshalb ich mich nach einigen Songs doch zur Apollo Stage geselle, um mir den fulminanten Gig des Iowa-Kollektivs anzuschauen.

BRING ME THE HORIZON drehen anscheinend Sequenzen für einen neuen Videoclip. Die Band will sich dafür im Publikum filmen lassen, stellt sich aber so blöd an, sich gleich beim ersten Song in den noch recht leeren Zuschauerraum zu stürzen. Fronter Oliver Sykes ist zudem so clever, mit seinem verkabelten Mikro im Publikum rumzuwuseln, weshalb mehrere Leute auf und vor der Bühne Leitmast spielen müssen. Als dann noch ein völlig aufgelöster weiblicher Fan „I love you!“ in sein Mikro heulkreischt, möchte man - auch aufgrund der musikalischen Irrelevanz - vor lauter Fremdschämen am liebsten im Boden versinken.

CAVALERA CONSPIRACY haben die Arschkarte gezogen und dürfen parallel zu Maiden spielen. Doch es ist erstaunlich voll vor der Bühne, und die Cavaleras bemühen sich mit einem starken Set, der schon zu Anfang mit vielen großen Hits - u.a. ´Refuse/Resist´ mit Jamey Jasta - aufwartet, die Meute zum Durchdrehen zu bewegen. Leider wird der Auftritt von der Erkenntnis getrübt, dass Max Cavaleras Gitarre überhaupt nicht eingestöpselt ist. Zum einen gibt´s dadurch Sound-Einbußen (woran sich der Mob nicht zu stören scheint), zum anderen fragt man sich, warum Max es nötig hat, so zu tun, als würde er Gitarre spielen. Dann soll er es doch gleich ganz sein lassen und stattdessen einen zweiten Gitarristen anheuern.

Nach dem Maiden-Gig verlassen viele Zuschauer das Gelände, was KREATOR merklich zu spüren bekommen. Zwar füllt sich die Halle nach und nach, aber das Publikum ist, nun ja, durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Dass sie in einer Turnhalle auftreten werden, hat den Essenern wahrscheinlich auch keiner gesagt, und so wirkt das „Hordes Of Chaos“-Stage-Setting auf der kleinen Bühne reichlich überdimensioniert. Die Band lässt sich aber nichts anmerken und spult verdammt tight und bei bester Soundqualität ihr Programm ab, bevor GWAR der Turnhalle mit reichlich Kunstblut und -Sperma einen neuen Anstrich verpassen.

RONNY BITTNER

SATURN STAGE/RED BULL STAGE

Der Startschuss fällt pünktlich um 14 Uhr auf der Red Bull Stage, einer weiteren Nebenhalle im Gebäudekomplex der St. Jakobshalle. Zum Glück bin ich pünktlich da und komme als einer der Letzten noch rein. Die Halle ist so voll, da passt kein Mäuschen mehr zwischen. Bei gefühlten 50 Grad Raumtemperatur zerlegen die Lokalmatadore CATARACT mit ihrem brachialen, modernen Thrash Metal und einer buchstäblich schweißtreibenden Show mal eben die Bühne. Die Meute dankt es mit heftigen Moshpits.

Das bunte Programm in der großen Halle (Saturn Stage) eröffnen BUCKCHERRY - und dürfen sich über eine bereits beachtliche Zuschauerzahl freuen, darunter auch einige Hardcore-Fans der US-amerikanischen Rock´n´Roller. Die vier Herren aus L.A. wissen mit ihrem erdigen Sound und jeder Menge Dicke-Hose-Posen zu gefallen. Interessant ist dabei auch Gitarrist Keith Nelson: Bei manchen Tracks schnallt er sich ´ne rote Gibson SG um und imitiert dann auch postwendend so manche Moves eines gewissen Angus Young.

Bei Cataract ging´s auf der Red Bull Stage so ab, dass einige Barrieren zu Bruch gingen. Die müssen erst mal geflickt werden, weswegen GOJIRA mit einiger Verspätung anfangen. Dann aber hauen einen die Franzosen mit der Wucht eines Bulldozers um. Diese Technik! Diese Energie! Diese Songs! Diese Finessen! Gojira sind einfach eine Macht. Leider möchte der Soundmann die Band wohl für den inoffiziellen Wettbewerb „Lauteste Band der Welt“ anmelden. Das tut weh. Weniger ist halt manchmal mehr. Und wann kommt eigentlich endlich mal wieder eine neue Platte von Gojira?

Dave Wyndorf hat in den letzten Jahren reichlich an Gewicht zugelegt, ist aber immer noch ´ne echte Rampensau. Allerdings sind er und seine MONSTER MAGNET-Jungs heute in ausgeprägter Jam-Stimmung. Das mag zwar musikalisch wertvoll sein, bringt das Publikum aber nicht besonders in Wallung. Die etwas eigenartige Songauswahl und ein fünfminütiger Ausfall der P.A. tun das Übrige, um die Stimmung abflauen zu lassen.

Viele Menschen glauben, dass HAMMERFALL auf dem absteigenden Ast seien. Der heutige Tag beweist das Gegenteil: Zum ersten Mal ist die große Halle richtig voll, und zum ersten Mal kommt das etwas schwerfällige Publikum auf Betriebstemperatur. Joacim Cans ist halt inzwischen ein richtig guter Frontmann, und die Band spielt trotz kleiner technischer Probleme (bei Oscar Dronjak fallen kurz hintereinander gleich beide Klampfen aus) einen souveränen Gig, bei dem sogar die alte Schlachthymne ´Hammerfall´ mal wieder ausgepackt wird. Da sind dann wirklich alle Arme oben!

Von den 20.000 Besuchern, die sich eine Karte für diese Veranstaltung gekauft haben, entscheiden sich exakt 600 für den Besuch des MASTODON-Auftritts. Was in der großen 9.000er-Halle ziemlich ärmlich aussieht. Und nicht alle sind mit vollem Enthusiasmus dabei. Da sind z.B. die beiden Herren in der Reihe vor mir, von denen einer schläft und der andere Games auf seinem Smartphone spielt. Musikalisch mag es durchaus beeindruckend sein, was das Quartett auf der Bühne zockt. Interessieren tut das indes niemanden. Ich weiß auch nicht, warum diese überbewertete Band immer richtig gute Slots auf diversen Festivals bekommt. Cataract oder Cavalera Conspiracy hätten diese Position viel eher verdient gehabt. Der Gitarrist verabschiedet sich schließlich mit den Worten: „Wir sind jetzt seit elf Jahren auf Tour und haben noch nie vor so einem tollen Publikum wie euch gespielt!“ Was außer Sarkasmus bleibt ihnen auch anderes übrig?

Bei ALICE COOPER ist die Hütte dann wieder voll, und es macht einfach Spaß, dem Altmeister und seiner eigentlich gar nicht mehr gruseligen, aber dafür verdammt unterhaltsamen Show mit Dollar-Spießen und einem überdimensionalen Frankenstein zuzuschauen, an deren Ende unweigerlich die Guillotine auf Onkel Alice wartet. Und die Wiedergeburt mit den Zugaben ´School´s Out´ (mit eingebautem ´Another Brick In The Wall´-Part) und ´Elected´, bei dem Alice die Schweizer Flagge schwenkt und ein Trikot der Schwyzer Nati trägt. Klasse!

Jetzt sind eigentlich PAPA ROACH an der Reihe. Die finde ich aber scheiße, und parallel spielen nebenan im Stadion Iron Maiden. Nimmt es mir irgendjemand übel, wenn ich Papa Roach sausen lasse? Nein? Und falls doch: Beschwerden bitte an Rock Hard, zu Händen Götz Kühnemund.

Die letzte Band des Tages auf der Red Bull Stage sind die Finnen TURISAS, die die müde Meute noch mal auf Touren bringen. Ich glaube zwar, dass die stets fröhlich lächelnde Akkordeonspielerin unmöglich eine Finnin sein kann (der abgemagerte, kahlgeschorene Gitarrist links neben ihr sieht eher wie ein typischer Suomi-Metaller aus), aber das tut letztlich nichts zur Sache. Turisas machen Laune und sind die richtige Einstimmung für IN FLAMES auf der Saturn Stage. Die kommen heute ohne Showeffekte (abgesehen von einer riesigen LED-Wand), aber in blendender Spiellaune. ´Cloud Connected´ gleich als Opener, ´Pinball Map´ nur wenig später - da kann nix schiefgehen. Und zwischendurch kommen auch noch Hammerfall mit einem riesigen, mit allerlei Grünzeug behangenen Kreuz auf die Bühne. Es ist Mittsommernacht, und das wird bei den Schweden immer besonders gefeiert.

Den Sack zu machen dann die wie immer höchst sympathischen IN EXTREMO, die es song- und pyrotechnisch nochmals krachen lassen und sich über guten Zuspruch freuen dürfen.

FRANK ALBRECHT

Bands:
ALICE COOPER
SLIPKNOT
IRON MAIDEN
PAPA ROACH
Autor:
Wolfram Küper
Ronny Bittner
Frank Albrecht

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