Schwatzkasten

Schwatzkasten 19.05.1999

SKUNK ANANSIE - SKIN (Skunk Anansie)

Skunk Anansie-Frontfrau Skin ist eine der schillerndsten, aber auch kompliziertesten Persönlichkeiten der Rock-Szene. Die Dame ist fit im Kopf, dem eigenen Geschlecht mehr zugetan als ihren männlichen Verehrern und hat noch nie ihren Mund gehalten, wenn es darum ging, unbequeme Wahrheiten herauszulassen. Kurzum: Sie ist das perfekte Opfer für unseren Schwatzkasten. Jan Jaedike stieg in den Ring.

Wo bist du aufgewachsen?

"In Brixton im Süden Londons. Ich bin nie aus London weggezogen. Es gab Gerüchte, daß die ganze Band nach Dublin übersiedeln würde, aber das haben wir nie geplant. Ich war in den letzten fünf Jahren so gut wie nie zu Hause, daher macht es gar keinen Sinn, umzuziehen. Und wenn ich tatsächlich irgendwo anders leben wollen würde, dann in einer wärmeren Gegend als England."

Kannst du dich noch an die erste Platte erinnern, die du je gekauft hast?

"Mein Großvater hatte einen Nachtclub in Brixton, der recht bekannt war. Dort traten viele alte Ska-Helden auf. Das war mein frühester Kontakt mit Musik. Die erste Platte, die ich selbst kaufte, stammte jedoch von Nina Simone. Ich wußte nicht mal, wer sie war, aber ein Freund von mir stand in der Nähe eines Marktplatzes und verkaufte diese 10"-Vinyls. Ich wollte ihm etwas helfen, also kaufte ich ihm eine ab. Später besorgte ich mir von ihm noch "Sexual Healing" von Marvin Gaye. Als ich später in Jamaica war, holte ich mir eine Bob Marley-Tribute-Platte. Er war damals gerade gestorben. Die aktuellste CD, die ich mir gekauft habe, stammt von P.J. Harvey."

Was hättest du beruflich gemacht, wenn du nicht mit Skunk Anansie den Durchbruch geschafft hättest?

"Das ist eine komplizierte Frage. Wenn ich etwas tun will, tue ich es auch. Also fällt es mir schwer, mir vorzustellen, etwas anderes zu tun, da ich letztendlich gar nichts anderes tun will. Ich habe Mode designt, wollte das aber nicht hauptberuflich machen. Foto-Journalismus wäre vielleicht noch interessant."

Hattest du jemals Idole?

"Ja, Angela Davis und Nelson Mandela. Aus dem Musikbereich fallen mir Chaka Khan, Stevie Wonder und Blondie ein. Blondie habe ich gerade live gesehen. Die alten Songs waren schön, aber das Equipment ziemlich schrottig. Daher war das Konzert nicht so der Bringer."

Wie bist du eigentlich zu deinem Spitznamen gekommen (Skins eigentlicher Vorname ist Deborah)?

"Es hat nichts mit meiner Glatze zu tun, wie manche Leute vermuten. Skin ist die Abkürzung für Skinny (zu deutsch: dünn - d.Verf.). Da ich nun mal recht klein und schmal bin, entstand dieser Name. Die meisten Freunde nennen mich nach wie vor Skinny und nicht Skin."

Erinnerst du dich noch an den schlimmsten Proberaum, in dem du je geübt hast?

"Oh ja. Das war in King's Cross, wo mit Skunk Anansie alles begann. Das Loch war eiskalt und völlig versifft. Wenn man mit dem Mund das Mikro berührte, hatte man gleich Schaum vorm Mund, haha! Aber es war billig, und wir hatten kein Geld."

Hattet ihr schon mal einen richtig schlechten Gig?

"Ja, bei einem Benefiz-Festival in London. Sie hatten dort eine Bühne, auf der 'ne Menge Rock-Bands spielten. Das Problem war, daß direkt dahinter ein Zelt stand, in dem 'ne Techno-Party lief - und zwar verdammt laut. Die P.A. des Zelts war bei weitem fetter als die der Hauptbühne. Während unseres gesamten Gigs hatten wir diesen Techno-Beat in unseren Songs, und während der Show fiel dann noch unser Equipment auseinander. Ein wirklich schönes Erlebnis..."

Gibt es einen Skunk Anansie-Song, den du am liebsten ungeschehen machen würdest, so ein richtiges Scheiß-Stück?

"Das müßte was vom ersten Album sein. Laß mich mal überlegen... Nee, wir nehmen lieber 'ne B-Seite. Ein Song, der auf einer der frühen Singles war. Er fällt mir bloß dummerweise nicht mehr ein. Ace (Skunk Anansie-Gitarrist - d.Verf.) hat mal ein Tape mit all unseren B-Seiten aufgenommen. Das waren über 40 Tracks! Wir haben weitaus mehr B-Seiten- als Album-Songs. Kein Wunder, daß mir dieser eine nicht mehr einfällt. Aber es gab damals einige wirklich grauenhafte Stücke. Bei unserem zweiten Longplayer "Stoosh" war das schon besser. Meine Lieblings-B-Seiten sind die Akustik-Versionen von Songs wie 'Charity' oder 'Rise Up'; die Fassung von '100 Ways To Be A Good Girl' ist mein absoluter Favorit. Aber warte ab, was wir für "Post Orgasmic Chill" noch so alles an Songs in der Hinterhand haben. Wir hatten 48 Stücke vorbereitet. Auf der nächsten Single befindet sich eins namens 'Breeding', es ist einfach wundervoll. Dazu kommt noch ein richtiger Thrasher, der übrigens 'Painkiller' heißt."

Das ist nicht zufällig ein Judas Priest-Cover?

"Nein, haha!"

Hast du einen peinlichen Lieblingssong?

"Eigentlich nicht. Ich gebe es immer zu, wenn mir ein Lied gefällt. Ich mag z.B. die letzte Cardigans-Single. Oh doch, jetzt fällt mir einer ein. Diese All Saints-Nummer, wo sie die Chili Peppers covern ('Under The Bridge' - d.Verf.). Das war wirklich peinlich. Jeder haßt den Song, aber ich mag ihn. Auch die neue Whitney Houston-Single ist gut. (Singt:) "It's not alright but it's okay." Irgend so'n R'n'B-Scheiß. Und dann noch 'Back For Good' von Take That. Das war auch ein wirklich guter Song, obwohl ich diese ganzen Boygroups schauderhaft finde."

Hast du schon mal richtig negative Erfahrungen mit Fans gemacht?

"Eine Frau hat mir mal komische Holz-Puppen geschickt. Sie ist scheinbar von uns besessen, was mich irgendwie beunruhigt. Recht seltsam war auch ein Mädel, das mir vor ein paar Jahren nach einer Show 1000 Pfund bot, wenn ich eine Nacht lang für sie eine Prostituierte mimen würde, hihi. Genauer gesagt eine Domina. Sie wollte nicht mal Sex mit mir haben. Ich sollte sie nur verprügeln. Es wäre gutes Geld gewesen, und ich habe kurz drüber nachgedacht. Aber schließlich lehnte ich doch ab. Jetzt würde ich es wohl machen, haha! So etwas ist jedoch nicht einfach. Bei allem Sexuellen muß man wissen, was man tut, und es gut machen. Aber ich lerne immer dazu, haha!"

Hast du irgendein seltsames Hobby oder eine skurrile Sammelleidenschaft?

"Ja, aber es ist leider nichts, das ich dir verraten kann, wenn dein Aufnahmegerät läuft, haha!"

Bist du jemals verhaftet worden?

"Yeah, einige Male. Es passierte immer auf Demonstrationen. Ich mußte jeweils nur ein paar Stunden im Knast bleiben, aber das war schon schlimm genug. Wenn man bestimmte Ansichten vertritt, landet man dort recht schnell."

Welche Person möchtest du absolut nie in der Sauna treffen?

"Margaret Thatcher! Ich kann sie absolut nicht ausstehen. Thatcher hat der britischen Gesellschaft definitiv die schlimmsten Dinge angetan. Ich hasse sie immer noch. Das gilt auch für diverse andere britische PolitikerInnen."

Hast du schon mal daran gedacht, selbst in die Politik zu gehen?

"Nein. Ich war zwar an der Uni politisch sehr aktiv, bin aber nicht gut genug. Ich kann z.B. keine Reden halten. Das können andere besser. Durch den Skunk Anansie-Erfolg gibt es jetzt allerdings ohnehin viele Leute, die zu uns aufsehen. Ich mag es jedoch nicht, idolisiert zu werden. Ich verkörpere nun wirklich kein Ideal. Als Vorbild mußt du perfekt sein, und das ist das letzte, was ich bin. Wir sind lieber eine Inspiration, das ist viel besser."

Habt ihr Groupies?

"Ja, in letzter Zeit tauchen immer mehr auf. Wir haben nicht gerade den Ruf, an Groupies interessiert zu sein und mit irgendwelchen Fremden Sex zu haben. Aber wenn man als Band einen gewissen Status erreicht hat, kommen sie automatisch. Wir ignorieren sie einfach. Wir schlafen nicht mit jungen Mädchen. Wir haben keinen Bock auf diesen Rockstar-Bullshit. Die Jungs in der Band stehen nicht auf Teenies, sondern auf Frauen. Sie sind allesamt so um die 30. Wenn sie jünger wären, wäre es was anderes. Dann sollte man möglichst viel ausgehen und rumvögeln. Aber das ist vorbei. Sie sind alle in festen Händen. Wir lassen diese Mädels deshalb vom Tourmanager rausschmeißen."

Was macht jemanden für dich sexuell attraktiv?

"Intelligenz, Stil, gutes Aussehen und Spaß. Es ist für mich wichtig, daß ich nicht die Alleinunterhalterin spielen muß, sondern auch unterhalten werde. Ein interessanter Mensch muß Ideen haben und enthusiastisch sein."

Hast du eine Lieblingsdroge? Oder bist du nach irgendwas anderem süchtig?

"Yeah, nach Sex! Sex kann sehr süchtig machen. Aber ich werde jetzt nicht erklären, was genau ich damit meine. Ich habe kein Problem damit, über Sex zu reden. Ich bin jedoch früher gegenüber der Presse zu sehr ins Detail gegangen und fühlte mich danach bloßgestellt. Es gibt Dinge, die eher privater Natur sind und nicht nach außen dringen sollten."

Bist du religiös?

"Ich bin spirituell. Religion ist etwas Künstliches. Spiritualität kommt hingegen von innen. Religion ist auf Äußerlichkeiten aufgebaut und von Menschenhand gemacht. Von Männerhand, genauer gesagt. Es geht nur um Regeln, Kontrolle und Drohungen. Das Problem ist vor allem die Auslegung einer Religion. Die Grundideen sind oft gut und wirklich schön - sieh dir nur die Moslems oder Hindus an. Um so trauriger ist, was sie dann daraus machen; wie sie z.B. Frauen behandeln. Nee, nee... Die meisten Religionen sind sexistisch, rassistisch und extrem homophobisch. Spiritualität dagegen bedeutet, ein guter Mensch zu sein und gute Dinge zu tun. Das inspiriert mich viel mehr."

Bands:
SKUNK ANANSIE
Autor:
Onlineredaktion

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