Schwatzkasten

Schwatzkasten 22.03.2017

THE IDIOTS , HONIGDIEB - Sir Hannes

Egal, ob als Inhaber des Kult-Plattenladens Idiots Records in Dortmund oder als Sänger der Bands THE IDIOTS und HONIGDIEB: Sir Hannes ist in der Punk- und Metalszene bekannt wie ein bunter Hund - und das weit über das Ruhrgebiet hinaus. Dieses Jahr feiert Idiots Records sein 30-jähriges Jubiläum - der perfekte Anlass, um auf einen Schwatz im Record Store an der Rheinischen Straße vorbeizuschauen.

Hannes, wo und wie bist du aufgewachsen?

»Ich bin ein richtiger Dortmunder Junge und in der Rheinischen Straße aufgewachsen, hinter der Dorstfelder Brücke. Das war eine sehr harte Gegend, im Kindergarten wurden mir schon Boxhandschuhe angezogen, da ging es richtig zur Sache. Richtung Hoesch-Stahlwerk gab es eine Mauer, und da haben sie mich schon als Dreijährigen auf meinem Fahrrad mit Stützrädern mit vier Mann so stark angeschoben, dass ich nicht bremsen konnte und voll vor die Mauer gekracht bin. Die Speichen bohrten sich in mein Bein, ich habe immer noch Narben davon. Da gab es in den Kinderjahren schon Gebietsschutz. Ich bin sehr hart aufgewachsen, was mich auch geformt hat. In der Schule hatte ich einen Gerechtigkeitsfimmel und prügelte mich für Schwächere, die tyrannisiert wurden. Wenn die Pausenaufsicht kam, lag ich meistens auf irgendjemandem drauf und habe ihn zur Rechenschaft gezogen. Weil ich ganz früh Judo gelernt habe, konnte ich mich gut wehren. Vom ersten Schuljahr an hatte ich schon diesen Vierzeiler, ich müsse mich besser mit anderen Kindern vertragen, obwohl ich eigentlich immer nur der Schlichter war.«

Hast du auch schöne Erinnerungen an deine Kindheit?

»Doch, ja. Als ich groß geworden bin, habe ich noch mit Oma und Opa in einem Zimmer geschlafen. Die Toilette war eine Etage tiefer. Das war ein richtiges Zusammenleben. Man hat damals auch nicht viel Geld gehabt und ein Bonbon oder einen Dauerlutscher mit den Freunden in der Mitte geteilt. Dieser Zusammenhalt, der da war, hat mich immer fasziniert. Daraus ist auch meine Karriere entstanden, denn durch meine Kindheit habe ich ein Faible für Punk bekommen. Wir sind irgendwann umgezogen, und ab dem zweiten Schuljahr hatte ich durch die älteren Brüder meiner Klassenkameraden schon Zugang zu Platten von Frank Zappa, Genesis und diesen ganzen Psychedelic-Drogen-Bands. Wir waren sehr frühreif und haben ab dem zweiten Schuljahr bereits auf dem Pausenhof gekifft. Ich hatte immer das Ohr am Radio, meist war es BBC, und 1976 habe ich dann zum ersten Mal The Stranglers gehört. Das war für mich eine Offenbarung, und dann bin ich zum Punk gekommen. Für mich war das auf diese ganze Hippie-Bewegung noch einen draufgesetzt. Ich habe auch Black Sabbath geliebt und Uriah Heep, aber für den Punk wurde ich total sensibilisiert, da habe ich gemerkt, das ist genau mein Ding. Ich war einer der ersten Punks, wenn nicht sogar der erste Punk in Deutschland, mit Sicherheitsnadel durch die Backe, ganz extrem. Ich habe auch schon ganz früh angefangen, Krach zu machen.«

Gab es einen bestimmten Auslöser, der bei dir den Wunsch ausgelöst hat, selbst Musik zu machen?

»Das kam durch die Musik, die ich im Radio gehört habe. Ich glaube, 1977 habe ich The Cure noch als Punkband gesehen, und ich war auch in Hamburg, wo damals diese Krawalle stattfanden: Punks gegen Zuhälter. Als ich mit meiner Schulklasse in Berlin war, habe ich PVC live gesehen, eine der ersten Punkbands, wo sich ein Hippie mit Benzin übergossen hat. Das war alles so extrem damals. Ich habe gemerkt, dass das meine Welt ist. 1978 habe ich The Idiots gegründet, benannt nach „The Idiot“, der Platte von Iggy Pop und David Bowie. Vorher hatte ich mit einem Kumpel im Kinderzimmer meines Bruders angefangen, die erste Musik zu machen, auf Kochtöpfen Schlagzeug gespielt und „Kellergeister, Kellergeister“ gesungen. Das Zeug (ein Perlwein - am) haben wir als Kiddies getrunken. Der Rabe, mein Kumpel, hat sich die Kindergitarre von meinem Bruder geschnappt, und so fing das an.«

Nach deiner Band hast du auch deinen Plattenladen Idiots Records benannt.

»Genau, zuerst war die Band da. 1980 waren wir mit The Idiots schon auf dem ersten Punkrock-Sampler, der den Begriff „Deutschpunk“ mitgeprägt hat. Danach kam die erste Single, und dann hatte ich mit unserer damaligen Bassistin Anne, mit der ich auch zusammen war, eine Wohnung in der Nordstadt, in der Nähe vom Fredenbaumpark. Von dort habe ich angefangen, unsere erste EP zu verschicken. Damals ging das weltweit, denn es gab einen riesigen Kassettenmarkt. Wir hatten gleich mit der ersten Single super Kritiken im „Maximum Rocknroll“, das war das größte Punkmagazin in Amerika. Wir haben aus der ganzen Welt Briefe bekommen, alle wollten den Song für ihre Tape-Sampler haben. Ich habe die Single mit anderen Bands getauscht und fing dann an, Mailorder zu machen. So ging das in den Achtzigern los. Ich war immer schon ein Mensch, der sehr eigensinnig ist und nur das machen kann, was in seinem Herzen ist. Das habe ich sehr früh gemerkt, schon als 13-Jähriger, und wollte einen Plattenladen aufmachen, damit ich ein zweites Standbein habe. Ich habe erst ein paar Jahre den Mailorder bei mir zu Hause gemacht, wo auch einige wilde Punk- und Skinhead-Partys stattfanden. Nebenbei haben sie dann ein paar Platten gekauft. 1987 habe ich den Laden aufgemacht, damals noch an den Pornokinos an der Münsterstraße. Dort war ich fünf Jahre, bis ich hier in die Rheinische Straße, praktisch meine Geburtsstraße, zurückgekehrt bin. Damals bei den Pornokinos war der Plattenladen doch sehr weit ab von der Innenstadt, aber ich war ein ideenreicher Mensch. Es gab damals so große Glasschaukästen am Hauptbahnhof und in der Fußgängerzone, davon hatte ich vier. Ein Freund von mir hat handgeformte Peniskerzen gemacht, die habe ich in die Kästen gepackt, zusammen mit den neuesten Platten und einer Wegbeschreibung. Ich habe auch in vier Straßenbahnen Werbung gemacht, mit diesem Schweinekopf, und so kamen immer mehr Leute, die den Weg zum Laden gefunden haben. Das Rock Hard verkaufte ich auch von Anfang an, da war es noch ein Fanzine. Ich habe außerdem Konzerte veranstaltet, nicht nur unsere eigenen. In den Achtzigern habe ich zum Beispiel Bolt Thrower hier in Dortmund gemacht, Carcass, Nasty Savage... So wurde Idiots Records schnell zum Begriff. Ich hatte auch einen VHS-Verleih mit Kundenkarte, wo man die ganzen Musikvideos für ein oder zwei Mark bei mir ausleihen konnte, die gab es damals nämlich noch nicht in der Videothek. Und wir haben das erste Demo von Death als Tape verkauft. Bei Idiots Records hat man immer was Besonderes gefunden, das macht den Laden aus, genau wie der persönliche Kontakt. Anfangs war das schon sehr skurril. Manchmal erzählen mir Kunden, wie sie als Kind mit ihrer Mama zum ersten Mal bei uns einkaufen waren. Es kam vor, dass wir mit The Idiots da komplett auf dem Boden lagen, weil wir vorher nur getrunken hatten (lacht). Manchmal trauten sich die Leute, auch die Eltern, kaum rein, aber trotzdem hat das immer alles irgendwie funktioniert, und die haben gemerkt, dass wir in Ordnung sind.«

Mal angenommen, es hätte mit Idiots Records nicht geklappt, gab es einen Plan B für dich?

»Ich habe ganz bewusst Kaufmann gelernt und, als ich den Laden aufmachte, unseren Gitarristen als Einzelhandelskaufmann ausgebildet. Ich habe bei Edeka gelernt und bin in meinem Beruf Meister. Deshalb gibt es übrigens auch diesen Kultsong von The Idiots, ´Edeka´. Meine Übersetzung ist: „Ein Deutscher Esel Kauft Alles.“ Da war auch der Esel schon drin, den ich später bei Honigdieb benutzt habe. Es hängt also alles zusammen. Die Ausbildung war aber auch wichtig. Wenn ich den kaufmännischen Plan nicht gehabt hätte, würde es Idiots Records heute nicht mehr geben. Für die Bands war es ebenfalls wichtig, die sind schließlich auch Wirtschaftsunternehmen. Ich hatte insgesamt schon drei Gruppen, The Idiots, Phantoms Of Future und Honigdieb, und habe mittlerweile 20 Alben veröffentlicht. Ich mache da praktisch alles. Ich bin mein eigener Manager und völlig autonom. Wenn man da nicht die nötige Erfahrung und auch geschultes Wissen hat, bleibt man auf der Strecke.«

In deinem Laden findet man Punk, Metal und Rock´n´Roll. Gibt es eine Musikrichtung, die du so grauenhaft findest, dass sie dir niemals ins Geschäft käme?

»Helene Fischer würde ich höchstens im Keller zersägen (lacht). Techno und solchen Kram verkaufe ich auch nicht. Nee, der Laden ist spezialisiert auf die Musik, die ich auch selber mag. Klar, viele Bands sind Geschmackssache, auch im Metal-Bereich. Da spricht mich auch nicht jede Band an, im Punk-Bereich ebenfalls nicht. Ich bin selber absoluter Musikfan, und ich glaube, das merken die Leute, und das macht den Laden auch aus. Ich mache das hier nicht, um Geld zu verdienen. Musik ist meine Berufung. Zu Hause höre ich auch mal Chanson, Edith Piaf zum Beispiel. Oder auch Jazz und Blues. Das verkaufe ich hier nicht, aber ich gebe das dem einen oder anderen Kunden, der offen ist, als Tipp weiter.«

Hast du in deiner privaten Plattensammlung ein paar richtig peinliche Exemplare?

(Er überlegt:) »Hmm, peinliche Sachen... In den Siebzigern habe ich auch gern Glam Rock gehört. The Sweet, Slade und solche Sachen, aber das ist ja nicht peinlich, nee. Ich habe „Thriller“ von Michael Jackson, aber das finde ich eigentlich nicht peinlich, der ist ja ein ganz Großer, den haben sie auch kaputtgemacht. Siebziger-Jahre-Diskomusik habe ich ebenfalls bei Honigdieb drin, das mag ich. Andere würden sich aber wahrscheinlich darüber aufregen. Ich hätte auch kein Problem damit, Michael Jackson zu verkaufen, da stehe ich zu. Das ist immer Geschmackssache. Ich habe auch gern The Beatles gehört. Nee, also was wirklich Peinliches besitze ich gar nicht.«

Hörst du privat am liebsten CDs, LPs oder mp3s?

»Ich habe gar keine mp3s, das ist für mich Plastik. Ich habe auch versucht, alle meine Platten analog aufzunehmen. Da hörst du Sachen, die du sonst nicht wahrnimmst, auch auf der CD schon nicht und auf mp3s erst recht nicht. Ich lese auch total viel, aber ich brauche dabei ein richtiges Buch in der Hand, einen eBook-Reader besitze ich nicht. Da bin ich altbacken. Ich habe sogar noch ein Auto, in dem ich Kassetten höre. Das macht doch Spaß! Mp3, das ist für mich ein Horror. Ich nehme ja auch gern das Rock Hard in die Hand und lese es, ob das nun auf der Toilette ist, im Bett oder unterwegs. Ich bin nicht der Mensch, der im Internet rumsucht. Ich bin zwar mit meinen Bands bei Facebook, privat aber nicht. Auf so was habe ich keinen Bock. Ich habe seit 20 Jahren keinen Fernseher und gehe lieber in den Wald.«

Filme guckst du dir aber schon an, oder?

»Ja, ich liebe Filme! „Bram Stoker´s Dracula“ ist ein ganz großes Highlight, oder die alten Kinski-Filme. Oder „Ein Herz und eine Seele“, das war cool! Das war noch richtig Kunst, die Leute konnten was. Wir haben mittlerweile auch wirklich gute deutsche Schauspieler, finde ich. Da gibt es schon gute Sachen.«

Guckt ihr so was auch auf Tour, oder wie vertreibt ihr euch im Bus die Langeweile?

»Da trinken wir meistens (lacht). Wir machen so viel Unsinn, da bleibt gar keine Zeit zum Filmegucken oder Bücherlesen. Wir machen eigentlich nur Schwachsinn. Nur Wahnsinn! Das ist richtig dirty Rock´n´Roll, das kriege ich aus mir nicht raus. Wir gehen auch schon mal nackt bis auf die Unterhose nachts in die Tankstelle oder legen uns mitten auf die Autobahn und trinken Bier. Ich glaube, da werde ich nie erwachsen.«

Hast du von Fans oder Kunden im Laden schon mal ein total verrücktes Geschenk bekommen?

»Drogenangebote gab es schon aller Art, aber das ist ja wahrscheinlich nichts Besonderes. Mir wurden auch schon oft Kondome geschenkt, Porträts von mir wurden gemalt, es gab Eselkalender für Honigdieb oder Eselplüschtiere, und bei The Idiots habe ich auch schon mehrere Schweine gekriegt. Wir waren die erste Band, die Schweineköpfe ins Publikum geschmissen hat.«

Urghs, ich bin Vegetarierin.

»Ich auch, seit 20 Jahren! Das ist pure Provokation. Man spielt im Grunde eine Rolle. Das soll ja zum Nachdenken anregen (lacht).«

Gibt es, abgesehen von der Musik, etwas, ohne das du nicht leben kannst?

»Ich bin BVB-Fan, verfolge das immer, auch wenn wir unterwegs sind, und gucke mir die Spiele an. Das ist aber auch schön – egal wo du bist, ob es nun Dresden ist oder in der Schweiz, du schaust dir in irgendeiner Kneipe ein Spiel an und merkst, dass es überall BVB-Fans gibt. Das sind noch Fans mit Herzblut. Als ich mit Honigdieb mal in China war, gab es da auch einige BVB-Fans. Das ist schon enorm, die spüren, dass diese Mentalität etwas ganz Besonderes ist. Das haben ja auch nicht viele Vereine, vielleicht Dortmund und Schalke. Das ist einfach der Ruhrpott, das gibt´s woanders nicht.«

Googelst du dich manchmal selbst?

»Habe ich schon länger nicht gemacht, aber wenn man da „Sir Hannes“, „Idiots“ oder „Honigdieb“ eingibt, bekommt man mehr als eine Million Treffer, das ist nicht wenig. Da hat man also schon was hinterlassen, ne?«

Was war das verrückteste Gerücht, das du über dich gehört hast?

»Da gab es sicher schon einige. Zum Beispiel, dass ich meinen eigenen Urin trinke, aber das habe ich ja auch schon gesungen. Sonst wüsste ich jetzt nichts.«

Hattest du mal Stress mit der Polizei, zum Beispiel, als du in den Achtzigern aus deinem Kofferraum heraus zwei Wochen vor der Veröffentlichung aus Holland importierte Metallica-Alben verkauft hast?

»Eigentlich nicht. Obwohl, klar waren die öfter mal da, aber unter ihnen waren auch ein paar The-Idiots- und Metallica-Fans, die waren auch meine Kunden und haben öfter ein Auge zugedrückt.«

www.facebook.com/idiots.de
www.honigdieb.de

Pic: Holger Stratmann

Bands:
THE IDIOTS
HONIGDIEB
Autor:
Alexandra Michels

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