Interview


Pic: Patric Ullaeus

Interview 12.01.2022, 15:59

SILENT SKIES - Die Quelle des Lebens

Tom S. Englund ist ein musikalischer Feingeist, der als Kreativkopf der Göteborger Ausnahmeformation Evergrey seit vielen Jahren Musik, Anspruch und Emotionen miteinander verwebt. Mit SILENT SKIES geht der Sänger und Gitarrist allerdings noch einen Schritt weiter: Zusammen mit dem US-amerikanischen Pianisten Vikram Shankar bietet Englund seinen Fans ein zutiefst persönliches Emotionskino aus Ambient-, Klassik- und Synthesizer-Klängen, das mit Metal und Rock wenig bis überhaupt nichts gemeinsam hat und sich stattdessen in den Sphären von Komponisten wie Ólafur Arnalds oder Nils Frahm bewegt. Wir sprachen mit dem sympathischen Schweden über das zweite Album „Nectar“.

Tom, „Satellites“ wurde im Dezember 2020 veröffentlicht, während "Nectar" am 4. Februar auf den Markt kommt. Ist SILENT SKIES für dich ein Winter-Projekt?
»Darauf lief es schlussendlich einfach hinaus. Wenn ich entscheiden könnte, in welcher Jahreszeit das Album veröffentlicht wird, hätte ich sehr gerne den Oktober gewählt. Das hängt aber natürlich alles von unseren Terminkalendern und unseren anderen Bands ab. Es hätte mir aber besser gefallen, wenn es schon im Herbst auf den Markt gekommen wäre.«

Siehst du die Musik von SILENT SKIES als deine ruhige, entspannte Antithese zu Evergrey und Redemption?
»Ich würde sagen, sie hat einfach so wenig mit Evergrey und Redemption zu tun, wie nur irgendwie möglich. Deshalb habe ich das Projekt gestartet und deshalb sind wir auch sehr erpicht darauf, nicht dieselben Akkordstrukturen, Melodien oder Gesangseinlagen zu nutzen. Wir wollen, dass es seine eigene Identität hat. Das ist knifflig, weil es immer nach mir klingen wird und ich möchte mich auch nicht davon befreien, wer ich bin oder wie ich klinge. Ich möchte einfach ein anderes Gesicht und eine andere Perspektive meines musikalischen Könnens zeigen.«

War es nach dem Debüt einfacher für euch, das zweite Album zu schreiben, nachdem besonders die Metal-Welt sehr positiv auf „Satellites“ reagiert hat?
»Das war nicht übermäßig überraschend, denn in den meisten Fällen ist das Metal-Publikum sehr tolerant. Die absoluten Hardcore-Manowar-Fans mögen das hier vielleicht nicht, aber die meisten sind offen genug, um zu verstehen, dass es viel mehr Musik auf der Welt gibt, die man lieben kann. Bei einem Debüt-Album ist es immer schwierig, dein passendes Kostüm und deinen Haarschnitt zu finden, sozusagen. Das ist aber auch mit der schönste Teil des Prozesses, dass du deinen Weg auf der Welt findest. In dieser Hinsicht war das erste Album also schwieriger, weil wir nicht genau wussten, wie wir schlussendlich klingen würden. Auf dem zweiten Album findest du dann deinen Platz und deinen Sinn. Bei „Nectar“ war weniger die Kreativität das Problem, als die Frage, wie wir ein Album schreiben sollen, während wir uns an zwei unterschiedlichen Enden der Erde befinden und nicht zusammen aufnehmen können.«

Wie stellt man also trotz dieser Distanz ein Gefühl der Intimität her?
»Wie sich herausstellte, wurde es auf diese Weise nur noch intimer. Dank der heutigen Technologien konnten wir unsere Heimstudios über Zoom miteinander verbinden und in Echtzeit beisammen sitzen, reden und aufnehmen. Es stellte sich heraus, dass es tatsächlich ziemlich gut ist, so zu arbeiten. Vikram lebt in Amerika, ich stehe um sieben auf, fange um acht an zu arbeiten bis vier Uhr nachmittags und dann kann er übernehmen. So können wir bis zu 18 Stunden pro Tag arbeiten. Wenn ich aufwache, hat er das Material arrangiert, über das wir zuvor gesprochen hatten und ich kann anfangen, dazu zu singen.«

Gerade aufgrund dieser neuen Arbeitsweise: Würdest du „Nectar“ im Grunde als essenzielles Lockdown-Album bezeichnen?
»Um ganz ehrlich zu sein, genau das ist es. Andererseits hatten wir uns schon Gedanken darüber gemacht, bevor der Lockdown überhaupt losging. Hinzu kommt, dass wir hier in Schweden niemals wirklich im Lockdown waren, wir hatten eine andere Strategie als der Rest der Welt. Abgesehen von schrecklichen Tatsachen, dass Menschen krank werden und ihre Jobs verlieren, sind die vergangenen zwei Jahre auf kreativer Ebene auch zwei der besten für mich gewesen. Ich konnte mich gedanklich nur auf die Musik konzentrieren. Ich liebe es, auf Tour zu sein, würde es aber tatsächlich bevorzugen, wenn du unbegrenzt Zeit hättest, um kreativ zu sein und die Musik zu machen, die du wirklich in dir trägst, ohne zu wissen, dass du in vier Monaten auf Tour gehst.«

War dir eigentlich von Anfang an klar, dass es ein zweites SILENT SKIES-Album geben wird?
»Yeah, ziemlich. Selbst wenn wir keinen Plattenvertrag für das erste Album bekommen hätten, wären wir an der Sache so gut wie möglich drangeblieben, um die Menschen zu erreichen. Jetzt haben wir die Unterstützung der Plattenfirma, aber in gewisser Weise sind wir immer noch eine Debüt-Band. Es bedarf so viel, um die Aufmerksamkeit der Leute zu gewinnen. Aber das ist auch das Schöne daran, ich bekomme nichts geschenkt. Wenn ich eine Metalband gestartet hätte, hätte ich durch Evergrey einen Vorteil gegenüber einigen Leuten. Jetzt fange ich bei null an.«

Wie ist es, mit Vikram zu arbeiten? Wie setzt er sich im Vergleich zu dir mit Musik auseinander?
»Ich fand ihn, als er Coverversionen von Metalbands auf dem Klavier veröffentlichte, von Iron Maiden über Dream Theater hin zu Evergrey. Wenn du wie in meinem Fall schon seit vielen Jahren Musiker bist, dann erkennst du Nuancen im Timing und der Phrasierung, die deinen eigenen musikalischen Fähigkeiten ähneln. Das ist sehr selten! Bei ihm hörte ich, dass er auf eine Art und Weise dachte und spielte, die sich wie meine eigene Art anfühlte. Das war zunächst ziemlich seltsam, aber schlussendlich schrieb ich ihm einfach und sagte: 'Mann, wir müssen ein Album zusammen machen!' Dann stellte sich heraus, dass er seit seiner Kindheit Evergrey-Fan ist, er wurde also bereits durch mich beeinflusst. Außerdem hatten wir beide mit Erschöpfungserscheinungen und mentalen Problemen zu kämpfen und teilten auch diese Grundlage. Zusammen mit der Musik verstehen wir uns gegenseitig, wer wir sind und was wir erreichen wollen.«

Der Begriff „Nectar“ kann als Trank der Götter und der Unsterblichkeit definiert werden. Warum habt ihr euch für diesen Albumtitel entschieden?
»Dieser Begriff hat eine Menge Bedeutungen. Für uns beschreibt „Nectar“ eine Quelle der Energie und des Lebens. Das passte unserer Ansicht nach sehr gut zur Musik, denn sie gibt uns Stärke, auch wenn sie manchmal sehr trist, düster und traurig klingt.«

Die oft zitierte "skandinavische Melancholie" spielt natürlich immer eine wichtige Rolle in deinem kreativen Schaffen.
»Natürlich, du kannst nicht ändern, wer du bist. Wir Menschen werden während unserer Erziehung mit einem bestimmten Set an psychologischen Fähigkeiten und Denkweisen ausgestattet, die wir nutzen. Du kannst versuchen, dein Verhalten zu ändern, aber schlussendlich bist du, wer du bist und fühlst, was du fühlst. Die Essenz von dir bist du selbst.«

Den Song 'Let It Hurt' finde ich in diesem Kontext sehr eindrucksvoll. Darin singst du davon, Schmerz zuzulassen. Ist Schmerz immer ein wesentlicher Bestandteil von dir gewesen, der im Leben manchmal auch notwendig ist?
»Nein, ich denke, Schmerz, sollte auf jeden Fall vermieden werden, wenn möglich. Für mich bedeutet das, dass mich Schmerz nicht mehr unterdrücken kann. Ich muss Schmerz, Einsamkeit und Traurigkeit zu meinen Mitstreitern machen, um im Leben Erfolg zu haben. Nicht nur als Künstler, sondern als Person. Ich musste sie so gut es geht kennenlernen, weil sie mir dann nicht mehr so viel Angst machen, mich weniger heimsuchen und ermüden. Ich wäre glücklich gewesen, wenn mir der Schmerz verdammt nochmal vom Leib geblieben wäre, aber er ist da und für eine lange Zeit da gewesen. Manchen Schmerz kannst du nicht erklären, einige Menschen tragen ihn nicht nur in der Seele, sondern auch im Körper und das ist noch viel schwieriger.«

In der Single 'Taper' fallen die Textzeilen "Sometimes my presence won't hold" und "Cause my heart is too old and my soul is too young". Inwiefern ist dir dieses Gefühl vertraut?
»Ich erkenne, dass ich im Herzen jung geblieben bin und es auch immer bleiben werde. Nichtsdestotrotz bin ich weiser und körperlich älter, mein Körper und mein Geist wollen nicht mehr so viel wie mein Herz. Dadurch herrscht ein dauerhafter Kampf. Das verändert sich manchmal aber auch und mein Körper will Dinge, die mein Geist nicht möchte und umgekehrt. Meistens bekämpfen sich aber das Herz und der Verstand, woraus der Verstand meistens weiser hervorgeht und mich Dinge nicht tun lässt. Ich möchte immer noch so jung sein wie mit 21 Jahren und mich auf die Suche nach Erklärungen machen, wie die Welt funktioniert.«

Bist du der Meinung, dass über all das, was du auf „Nectar“ ansprichst, generell offener geredet werden sollte? Erkennst du darin immer noch Tabu-Themen für manche Menschen?
»Ich weiß es nicht, ich spreche seit 1996 darüber. Für mich sind diese Themen überhaupt nicht tabu. Ich spreche darüber, weil ich sie mir von der Seele reden muss. Dann erkannte ich, dass viele Menschen dadurch eine Art Verbindung spüren, es nachvollziehen können. Es wäre unmöglich für mich, über etwas anderes zu singen als die Dinge, die ich am stärksten fühle. Und ja, ich bin der Meinung, dass die Menschen darüber reden sollten... nicht, dass sie jeden Tag auf Facebook darüber schreiben müssen, das mache ich auch nicht. Aber sprich es aus, wenn du Hilfe brauchst! Es gibt andere Menschen, die sich so wie du fühlen und Millionen, die sich so gefühlt haben. Ich denke, die wichtigste Lektion ist, zu erkennen, dass du nicht alleine oder die allererste Person bist, die diese Gefühle hat. Ich hoffe, dass die Leute irgendeine Form von Trost in den Lyrics und der Musik von „Nectar“ finden, die ihnen dabei hilft, einfach mit ihrem Tag weiterzumachen.«


www.facebook.com/silentskiesband

Bands:
SILENT SKIES
Autor:
Simon Bauer

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