Interview

Interview 24.11.2021, 15:46

SIJJIN - Online-Ergänzung zu Rock Hard Vol. 414

Mit „Sumerian Promises“ haben SIJJIN, die Berliner Death Metaller um Malte Gericke (ex-Necros-Christos), kürzlich ihr Debütalbum veröffentlicht. Während wir Malte im Heft-Interview bereits hinsichtlich der neuen Platte auf den Zahn fühlten, haben wir mit ihm auch das Drumherum diskutiert: Die Entwicklung von Death Metal als Genre, aber auch das Ende von Necros Christos beispielsweise.

Malte, wie nimmst du die Entwicklung einer so wichtigen und bahnbrechenden Death-Metal-Gruppe wie Morbid Angel wahr? Begrüßt du Weiterentwicklung grundsätzlich?
»Ich muss sagen, auf „Illud“ (Divinum Insanus – mam) waren wenigstens noch drei, vier richtige Songs, die zumindest stellenweise noch hörbar waren und die mich schon irgendwie an die alten Zeiten erinnert haben. Ich finde es da eigentlich viel schlimmer, wenn so ein Album wie das letzte rauskommt, was einfach unhörbar ist, weil überhaupt gar keine Songs mehr drauf sind und nur noch pures Geballer herrscht. Das Ganze kam dann ja noch mit einer ganz furchtbaren, obskuren Produktion. Klar verstehe ich das ja selber als Musiker, dass man oft geritten wird und das gleiche Album nicht zwei Mal aufnehmen möchte bzw. kann. Komischerweise, je älter ich werde, desto mehr bin ich an einem Punkt, wo ich sage, dass ich mich nicht mehr unbedingt neu erfinden muss und möchte. Wir hatten ja mit Necros Christos eine ähnliche Reise, auch wenn wir uns nicht immer neu erfunden haben, es war immer ganz dunkler Death Metal, aber es gab durchaus viele verschiedene Einflüsse zusätzlich. Jetzt muss ich sagen, will ich mich gar nicht mehr weiterentwickeln, ich will einfach nur das machen, worauf ich Bock habe und das entspricht der Musik, die wir mit SIJJIN machen.«

Aber es gibt ja auch viele junge Acts, die zumindest in der alten Schule verwurzelt sind – ich denke da an Black Curse, Degial oder eure Label-Kollegen Concrete Winds.
»Ja, also Degial haben mir unglaublich gut gefallen, die spielen Death Metal, wie ich ihn hören mag. Concrete Winds sind einfach nur krass, da steige ich auch aus. Das ist so was von extrem. Die haben schon immer mal wieder absolut geile Riffs dazwischen, die mich echt begeistern, aber alles zusammen ist dann auch für mich schon zu viel (lacht). Black Curse sind auch ziemlich geil, aber es catcht mich nicht so wie z.B. die letzte Degial- oder die letzte Grave-Miasma-Scheibe. Ich stehe auf Songs, die nach wie vor Strophen, Refrains und ähnliche Strukturen aufweisen. Venom z.B. hatten einfach Songs. Das kann man natürlich nicht mit diesen Bands vergleichen, das ist mir völlig klar, aber das waren so Stücke, die ich wirklich großartig fand und das möchte ich auch im Death Metal hören – egal wie viel da in den Gitarren und auf dem Schlagzeug abgeht. Bei vielen Combos ist mir das einfach zu undurchsichtig.«

In der Wissenschaft wird Musik häufig als Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen verstanden und auch Death und Thrash Metal haben ihre gesellschaftskritischen Sparten. Wie wichtig ist es deiner Meinung nach solche Themen aufzugreifen und aktuelle Zustände zu spiegeln oder zu verarbeiten?
»Das ist nicht einfach zu beantworten und grundsätzlich zunächst erstmal allen Kunst- und Musikschaffenden selbst überlassen, ob sie das in ihren Werken verarbeiten wollen oder nicht. Für mich persönlich würde das in einer Band wie SIJJIN nicht in Frage kommen. Ich will mit der Musik einfach das ausleben, was ich selber auch gerne höre. Die Nachrichten, die ich ohnehin jeden Tag hören muss, möchte ich nicht auch noch in meinen Songs verarbeiten. Ohne das jetzt oberflächlich zu meinen, ich hoffe du verstehst das richtig, ich möchte einfach eine gute Art von Entertainment bieten – natürlich jedoch eine Form von Entertainment, die auf Leidenschaft fußt und der eine gewisse Tiefe innewohnt. Schließlich spielt man diese Musik nicht, um andere Leute einfach zu unterhalten, das kommt tief aus einem heraus. Man verwirklicht die eigene Passion und deswegen spielen da für mich andere Themen eine Rolle.«

Es hat also eine andere Art von Tiefe als eine politische, meinst du.
»Genau. In dem Bereich, in dem wir agieren, ist es für mich nicht relevant. Insgesamt war Metal allerdings schon immer eine Form von Musik, die bestimmte Umstände angeprangert hat und das finde ich unabhängig von meinem eigenen Schaffen wiederum total wichtig.«

Wenn ich SIJJIN abschließend nochmal als Ganzes betrachte, habe ich auf jeden Fall den Eindruck, als hätte dich das Ende von Necros Christos auch ein Stück weit befreit, als könntest du dich mit SIJJIN etwas leichter und freier ausleben?
»Definitiv. Ich hatte aber zu keinem Zeitpunkt bewusst das Gefühl, dass mit dem Ende von Necros Christos irgendetwas „endlich vorbei“ ist, das dachte ich nicht. Natürlich war ich wehmütig, die Band hat mich 20 Jahre begleitet. Doch es war insofern befreiend, als dass uns mit Necros stets ein besonderer Anspruch begleitet hat. Wir haben ja nie ein normales Album aufgenommen. Alle drei Platten sind aufgrund des Aufbaus und der Thematik allein schon immer etwas anders gewesen. Dieser Umstand war manchmal durchaus sehr anstrengend, aber eben auch gewollt. Wir haben uns da also gerne reingekniet und ich bin super stolz auf alle drei Platten sowie auch dankbar für die Chance mit den tollen Musikern, die ich immer an meiner Seite hatte und den tollen Leuten, die an unserer Seite gestanden und alles immer mitgetragen haben, so etwas aufzubauen und zu erleben. Gleichzeitig war es nun sehr befreiend einfach mal das machen zu können, was rauskommt. Das Ganze musste diesmal keinen Überbau haben, wir konnten einfach mal die Scheiße aus unseren Instrumenten rausprügeln und gehen richtig abgehen. Das war unser Ansatz und ich denke, das hat gut funktioniert. Es war ein unglaublich gutes Feeling beim Entstehungsprozess, bei den Aufnahmen und ich glaube, man hört, dass da Leute mit Seele und Passion dabei sind. Das ist unsere Leidenschaft, das ist unser Ding und ich kann es nicht oft genug betonen: Diese Musik ist mein Leben und ich hoffe, das hört man.«

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Bands:
SIJJIN
Autor:
Mandy Malon

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