ToneTalk

ToneTalk 31.03.2021, 08:00

SECRETS OF THE MOON - »Den einen geradlinigen, richtigen Weg zum Ziel gibt es nicht«

Obwohl Michael Zech vornehmlich als Gitarrist der deutschen Düster-Metal-Freischwimmer Secrets Of The Moon bekannt ist, fuhr er bandtechnisch schon immer mehrgleisig und produziert bereits seit 2007 Musik anderer Acts – zunächst in seinem eigenen Bunker The Source, dann unter anderem im Landshuter Woodshed und sogar in amerikanischen Studios. Seit 2017 hat der gebürtige Bayer mit dem Q7 wieder seine eigenen Räumlichkeiten, wo er unter dem Banner The Church Of Sound arbeitet.

Wie bist du als Hörer zur Musik gekommen, wann kamen jeweils die Wechsel zum aktiven Musiker und schließlich auch Produzenten?

»Die ersten Platten, die mich als Kind wirklich faszinierten, waren ELPs „Pictures At An Exhibition“ und „Abbey Road“ von den Beatles. Außerdem wurde ich von meiner älteren Schwester auf Depeche Mode und The Cure gebracht. Als ich mit ungefähr elf Jahren Metal für mich entdeckte, ging das gleich mit dem expliziten Wunsch einher, selbst Musiker zu werden. Ich hörte Metallica, Iron Maiden, Scorpions und so weiter, das war das ultimative Aha-Erlebnis, woraufhin ich wusste, was ich mit meinem Leben anfangen würde. Zu Produktion und Engineering bin ich eigentlich aus reinem Selbstzweck gekommen, nachdem mich meine ersten Studio-Erfahrungen mit Jugendbands extrem frustriert hatten. Ich spürte, wie sie klingen sollten, konnte das den Tontechnikern aber nicht vermitteln oder wurde nicht ernst genommen. Darum musste ich selbst lernen, wie das alles funktionierte.«

Siehst du dich eher als das eine oder andere, oder bist du Rundum-Musiker?

»Es sind unterschiedliche Aspekte derselben Sache, nämlich meiner Liebe zu Musik. Ich versuche, auch bei eher technischen Tätigkeiten wie dem Mixen nicht aus den Augen zu verlieren, dass jedes Hilfsmittel nur ein Werkzeug ist, um die Vision eines Songs zu unterstützen. Extreme Eingriffe sollte man eigentlich vermeiden.«

Hast du dir alles selbst beigebracht oder dich ausbilden lassen beziehungsweise Unterricht genommen?

»Ich hatte als Kind ein paar Jahre Klavier- und Akustikgitarren-Unterricht. E-Gitarre brachte ich mir selbst bei, nach meinem Studienabschluss folgte ein Tontechnikstudium. Generell ist es in meinen Augen für Musiker und Producer unabdinglich, sich eingehend mit der Materie zu beschäftigen und selbst Sachen herauszufinden. Musik ist in erster Line „fucking around“; den einen geradlinigen, richtigen Weg zum Ziel gibt es nicht.«

Welche Voraussetzungen müssen Bands erfüllen, damit du mit ihnen als Produzent arbeiten möchtest?

»Ich finde es wichtig, auf derselben Wellenlänge zu liegen, und suche im Vorfeld immer ein persönliches Gespräch mit den Leuten. Sollte sich herausstellen, dass ich komplett gegen meine Intuition arbeiten muss, wird´s entweder schwierig oder im Gegenteil interessant. Ich liebe Künstler mit einer starken Vision, und heftige, aber respektvolle Dispute können sehr inspirierend sein. Abgesehen davon tue ich mich schwer damit, unter Zeitdruck oder wegen knapper Budgets zu viele Kompromisse einzugehen. Man hört oft, heutzutage würde kein echter Klassiker mehr produziert, aber dass es 2021 weniger Talente gibt als etwa in den Achtzigern, ist unwahrscheinlich. Vielmehr dürfte es dahingehend hapern, dass Potenzial nicht mehr vollständig ausgeschöpft werden kann. Früher haben sich Bands fast ausschließlich mit ihrer Musik beschäftigt und zum Teil Monate in gut ausgerüsteten Studios mit genialen Fachleuten verbracht. Klar kann man eine Platte auch in drei Tagen einspielen – wenn man vorher ein halbes Jahr lang jeden Tag geprobt hat, doch das ist unter den jetzigen Verhältnissen in der Musikbranche nicht mehr möglich. Als Produzent muss ich also von vornherein akzeptieren, dass eine Platte niemals das wird, was sie sein könnte.«

Was suchst du persönlich in anderen Musikern, um mit ihnen schreiben und spielen zu wollen?

»Freundschaft, was mir bis vor nicht allzu langer Zeit selbst nicht richtig bewusst war, obwohl es eigentlich nahe liegt.«

Gibt es für dich als Musiker und Produzent jeweils Wunschkandidaten für eine zukünftige Zusammenarbeit?

»Als Produzent Ghost, Chelsea Wolfe und Sadistic Intent aus jeweils völlig unterschiedlichen Gründen. Als Musiker würde ich gerne mit Uno Bruniusson (dr., ex-In-Solitude – as) spielen und hätte gern Mike Patton von Faith No More oder Elizabeth Fraser von Cocteau Twins am Mikro.«

Hast du als Instrumentalist bestimmte Equipment-Vorlieben?

»Ich bemühe mich, unvoreingenommen zu sein, statt in meiner Komfortzone zu bleiben. Ich bin zwar kein „gear geek“, habe aber eben genaue Vorstellungen und suche nur nach Mitteln, um sie umzusetzen. Was analoge und digitale Geräte angeht, ist meiner Meinung nach nichts richtig oder falsch, obwohl erstere schon einen erhabenen Vibe ausstrahlen, und der bedeutet manchmal alles.«

Auf welche deiner Arbeiten bist du besonders stolz, welche nehmen einen speziellen Stellenwert in deinem Leben ein - und warum?

»Im Grunde genommen ist mir ein aktuelles Projekt immer am wichtigsten und rückt praktisch in den Mittelpunkt meines Lebens. Danach bin ich aber nicht sonderlich sentimental, als Fan übrigens auch nicht. Darüber hinaus waren meine beiden Zusammenarbeiten mit Tom G. Warrior zweifellos etwas Besonderes. Er hat einen wirklich einmaligen Ansatz, und ich konnte viel von ihm lernen, wenn es darum ging, auf unkonventionelle Art Musik zu schaffen.«

Wie hat sich deine Studioarbeit während der Pandemie verändert?

»Glücklicherweise erhalte ich noch genug Jobs, deshalb komme ich verhältnismäßig glimpflich durch den Lockdown. Selbstverständlich vermisse ich den direkten Umgang mit anderen Musikern und das Touren. Die mittel- und langfristigen Auswirkungen der Situation auf die Szene machen mir die größten Sorgen. Die Infrastruktur der Konzertbranche löst sich gerade erschreckend schnell auf und ist ja leider das einzig übrige, wirklich lukrative Standbein der Musikindustrie. Wie die Öffentlichkeit Kunstschaffende für ihre „Kreativität“ beim Überleben lobt, halte ich mitunter für herablassend und zynisch. Wenn jemand online Unterricht gibt, ist das allenfalls proaktiv oder resolut, hat aber nichts mit Kreativität zu tun. Dieses Wort so inflationär oft zu gebrauchen wie in letzter Zeit, verwässert seine Bedeutung.«

Hast du ein besonderes Verhältnis zu Victor Bullok alias V. Santura und dem Woodshed Studio?

»Wir nehmen tatsächlich viele Projekte gemeinsam in Angriff. Sein Studio kenne ich inzwischen bestens, dort kann man sehr bequem arbeiten. Ich vertraue seiner professionellen Meinung zu 100 Prozent, und wir sind gute Freunde. Er mastert auch häufig Platten, die ich produziere, bei großen Projekten kann man ja die Objektivität verlieren. In meinen Augen ist er ein fantastischer Mastering-Engineer, weil er es nie übertreibt und den Mix respektiert.«

Welche Schwierigkeiten und Herausforderungen tun sich auf, wenn man vorhandene Aufnahmen „nur“ abmischt und mastert? Worauf achtest du dabei?

»Man hat natürlich nicht die totale Kontrolle darüber, dass die Spuren, die man bekommt, technisch einwandfrei sind. Ich frage immer nach DI-Tracks für Gitarren und Bass, die ich bei Bedarf „re-ampen“ könnte. Außerdem stehe ich während der Aufnahmen im engen Kontakt mit den Bands und Tontechnikern. Schwer zu reparieren sind Einspielungen mit verstimmten Instrumenten oder solchen, bei denen die Intonation nicht stimmt, und schlecht aufgenommener Gesang. Je konsequenter man den Einsatz von Effekten vermeiden möchte, desto kniffliger wird es dann, also ist es immer hilfreich, sich vorab Testaufnahmen schicken zu lassen.«

Du bist auch regelmäßig in den USA; nimmst du grundsätzlich Unterschiede in den Szenen hier und drüben wahr, wo liegen die gemeinsamen Nenner? Wie inspiriert dich das Reisen?

»Die Szene in Übersee unterscheidet sich wirklich stark von Europa. Ich bewundere die Leidensfähigkeit der tourenden Underground-Bands dort zutiefst. Sie sind teilweise wochenlang in Vans unterwegs und spielen schlecht besuchte Barshows, bewahren sich aber trotzdem einen gewissen Stolz. Das ist eher ein Lifestyle als bei uns, quasi im Sinne der Mentalität, vom Tellerwäscher zum Millionär emporkommen zu können. Die Studios in den Staaten mag ich sehr gern, sie sind in der Regel besser ausgestattet als deutsche. 2019 durfte ich mit Eye Of Nix in Jack Endinos Soundhouse in Seattle aufnehmen und Equipment benutzen, das er schon bei der Produktion von Nirvanas „Bleach“ eingesetzt hatte. Zu sehen, wie viel greifbarer und lebendig Musikgeschichte in den USA ist, war krass. Außerdem ist die Radio-Kultur drüben ganz anders als hier; viele Indie-Sender finanzieren sich durch Spenden und sind daher wirklich unabhängig.«

Mal so nebenbei, weil du ja Bayer bist: Warum ist die Dichte und Vielfalt extremer Metal-Bands bei euch und in unseren beiden südlichen Grenzländern so hoch? Liegt´s am Wasser?

»Ja, das enthält wohl eine Menge Schwefel, wir inhalieren die Hölle mit buchstäblich jedem Schluck (lacht). Im Ernst, eigentlich nehme ich das gar nicht so wahr. Die meisten meiner Kunden kommen nicht aus Bayern, und in der lokalen Szene bin ich nicht besonders aktiv. Allerdings entstehen Subkulturen ja oft in der Provinz, und wo keine großen Szenen existieren, kopiert man sich nicht permanent gegenseitig.«

Gibt es deine alte Band Odem Arcarum eigentlich noch, und hast du zufällig neue musikalische Projekte am Start?

»Ja, wir bestehen nach wie vor. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass wir noch nicht alles gesagt haben, was wir sagen wollten. Ideen zu neuen Projekten stehen im Raum, das ist aber nichts ansatzweise Spruchreifes.«

Was steht als Nächstes bei dir im Studio und als Bandmitglied an?

»Im Moment sitze ich am Endmix des zweiten (Dolch)-Albums, danach kommen die neuen Sachen von Imha Tarikat und Stormkeep an die Reihe. Mit Secrets Of The Moon und The Ruins Of Beverast können wir hoffentlich bald unsere jeweils neuen Scheiben live promoten.«

www.secretsofthemoon.de

www.facebook.com/secretsofthemoonofficial

Zehnmal Zech-Zündstoff:

WODENSTHRONE – Loss (2009)

NEGURĂ BUNGET – Maiestrit (2010)

SECRETS OF THE MOON – Seven Bells (2012)

TRIPTYKON – Melana Chasmata (2014)

ALBEZ DUZ – Wings Of Tzinacan (2016)

SCHAMMASCH – Triangle (2016)

THE RUINS OF BEVERAST – Exuvia (2017)

SULPHUR AEON – The Scythe Of Cosmic Chaos (2018)

(DOLCH) – Feuer (2019)

EYE OF NIX – Ligeia (2020)

Bands:
SECRETS OF THE MOON
Autor:
Andreas Schiffmann

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