Schwatzkasten

Schwatzkasten 21.09.2011

DIE KASSIERER - Schwatzkasten

WOLFGANG WENDLAND ist das zwischen Intellekt und Asi-Attitüde pendelnde Gesicht der Bochum-Wattenscheider Punks Die Kassierer und gleichzeitig eine Kultfigur der linken und pogo-anarchistischen Szene des Ruhrgebiets. Kaum ein Konzert vergeht, bei dem der 48-Jährige nicht seinen wohlgeformten Bierbauch präsentiert oder gleich ganz die Hüllen fallen lässt. Grund genug, den provokanten Teilzeit-Nackedei in den Schwatzkasten-Schwitzkasten zu nehmen.

Wolfgang, wie und wo bist du aufgewachsen?

»Ich bin in Bochum-Gerthe aufgewachsen und hatte eine behütete und glückliche Kindheit - abgesehen davon, dass sich mein Vater 1967 erschossen hat. Aber das habe ich gar nicht so mitbekommen. Er war gerade dabei, Lehrer zu werden, als er die Aussichtslosigkeit der Welt erblickte und sich umbrachte. Vorher war er im Bergbau als Steiger tätig.«

Welche Erinnerungen hast du generell an deine Kindheit?

»Ich lebte in einem Ortsteil voller Prolls. Weil ich selber keiner war und für die ganzen Mitmenschen in Gerthe zu kompliziert redete, bin ich ziemlich aufgefallen. Ich bekam ständig zu hören: „Jetzt rede doch mal, wie dir der Schnabel gewachsen ist!“ Das war traumatisch. Ich habe ja einfach nur so geredet, wie ich gedacht habe.«

Was ist deine schönste Kindheitserinnerung?

»Meine schönste Kindheitserinnerung habe ich an mein erstes Livekonzert. Da muss ich sechs gewesen sein. Heintje spielte in der Ruhrlandhalle in Bochum. Im Vorprogramm trat ein Sänger namens Sigi Hoppe auf, der das Lied ´Schon wieder eine Seele vom Alkohol gerettettet´ (sic!) sang. Wir haben mit den Kassierern mal versucht, das Lied zu covern, aber es ist nicht so gut angekommen.«

Wer hat dich denn zu dem Konzert geschleppt?

»Meine Mutter. Ich wollte dort auch gerne hin. Mein Bruder wollte Udo Lindenberg sehen, aber der war mir zu prollig. Ich habe Heintje bevorzugt.«

Gehörtest du in der Schule zu den Strebern oder zu den Problemkindern, die ständig Ärger gemacht haben?

»Ich war in beide Richtungen extrem. Um gute Schulnoten zu bekommen, ohne viel dafür zu tun, habe ich eine Krawatte getragen, in der ersten Reihe gesessen und den Speichelfaden des Geschichtslehrers zwischen seinen Lippen beobachtet. Das war mir schon wichtig. Ich habe mich auch mit einem Schul-Filmclub in Szene gesetzt. Der wurde allerdings irgendwann verboten, weil wir den Kids aus der Unterstufe zur Gewinnmaximierung auch Filme wie „Der Mann mit der Todeskralle“ mit Bruce Lee gezeigt haben. Das kam nicht so gut an. Bei mir hat das immer gewechselt. Wo ich viel Ärger machen konnte, ohne selbst viel Ärger zu bekommen, habe ich gerne Ärger gemacht.«

Wie bist du mit härterer Musik bzw. Punk in Berührung gekommen?

»Als Kind habe ich nur Operetten, Opern und alte Schlager gehört, um mich von den anderen abzusetzen. Ich war auch der Meinung, dass man sich seinen Musikgeschmack angewöhnen kann, und alte Schallplatten waren sowieso viel billiger als neue. Damit verbinde ich auch eine schöne Kindheitserinnerung: Ich habe mir für 30 Mark die Kiste mit den Ladenhütern aus dem Schallplattenladen gekauft. Das waren ca. 300 Singles. Die habe ich die ganze Zeit gehört. Nach dem Abitur habe ich mit einem Kollegen ein Programmkino aufgemacht, in dem wir auch den Film „The Great Rock´n´Roll Swindle“ mit den Sex Pistols gezeigt haben. Dadurch geriet ich in die Punkszene und begann selbst, Punkrock-Konzerte zu filmen. Wir sind dann durch die Gegend gefahren und haben diese Aufnahmen auf Konzerten gezeigt. Wir wollten das damit erwirtschaftete Geld nutzen, um weitere Punkrock-Konzerte zu veranstalten. Irgendwann überlegten wir uns, dass es lustig wäre, wenn die Leute an der Kasse - also wir - selbst auftreten würden, und haben uns als Die Kassierer angekündigt. Und so kam es zu der Band.«

Waren Die Kassierer deine erste Band?

»Ja. Bis zu dem Zeitpunkt war es auch die absurdeste aller Vorstellungen, dass ich in einer Band singe. Eigentlich habe ich es nur gemacht, weil die Vorstellung so absurd war. Ich war der ungeeignetste aller Sänger. Und genau deswegen haben wir es gemacht.«

Wie hast du dich bei deinem ersten eigenen Auftritt gefühlt?

»Die ersten beiden Konzerte waren noch sehr übersichtlich, weil im Grunde nur Leute im Publikum standen, die man kannte. Ins kalte Wasser gestoßen wurden wir dann in Göppingen auf einem größeren Konzert. Da war ich froh, als der Auftritt vorbei war, weil ich ständig dachte, die Leute würden mich von der Bühne prügeln. Anscheinend sind wir aber gut angekommen. Ich erinnere mich noch an einen sehr großen Skinhead, der nach dem Konzert auf mich zukam. Ich dachte mir schon: „Oh, jetzt ist es aus!“ Doch der Typ fragte nur mit einem Fistelstimmchen nach einem Tape unserer Band.«

Was war das schlimmste Konzert, das ihr je gespielt habt?

»Zu Beginn unserer Karriere, als uns noch kaum jemand kannte, haben wir mal im Forum Enger gespielt. Blöderweise fand am selben Abend ein riesiges Punkkonzert im nahegelegenen AJZ Bielefeld statt. Zu uns kam genau ein Gast, der im Rollstuhl saß und uns fragte, ob wir auch den „Ententanz“ spielen könnten. Das haben wir dann leidlich versucht, aber das Resultat war so schlimm, dass selbst der Wirt mit den Worten „Ich komme später wieder; ich fahre jetzt zum AJZ!“ den Laden verließ. Wir haben auch mal ein Konzert in der Nähe von Berlin gespielt, zu dem unser Bassist viel zu spät kam. Ich habe nervös am Hofeingang auf ihn gewartet und bekam zur Beruhigung einen Schnaps nach dem anderen gereicht. Das Konzert verlief noch gut, doch danach war ich so betrunken, dass ich nachts aufgrund eines schlechten Traums mit runtergelassener Hose kackend aus dem Hochbett gefallen bin. Dabei habe ich mir den Arm gebrochen. Das war nicht so schön.«

Was ist die peinlichste Scheibe deiner Plattensammlung?

»Aus Sicht des Rock-Hard-Magazins ist das vermutlich meine Alexandra-Doppel-LP. Die ist musikalisch einfach gut.«

Stell dir vor, du darfst deine Allstar-Traumband zusammensetzen. Wer spielt welches Instrument?

»Das kann ich nicht sagen. Eine Band addiert man nicht zusammen, sondern sie fügt sich zusammen aus Charakteren, die zusammenpassen.«

Was war der schlimmste Job, den du je hattest?

»Ich habe acht Jahre lang auf dem Essener Großmarkt Fische verpackt und zum Teil auch 80 Kilogramm schwere Thunfische ausgenommen. Gleichzeitig habe ich bei einem P.A.-Verleih Bands gemischt. Ich weiß nicht, welcher Job damals schlimmer war. Wenn ich es mir recht überlege, war mir der Thunfisch lieber als Gitarristen, die beim Soundcheck mit meterlangen Kabeln im Publikumsraum stehen und nörgeln, dass die P.A. nicht gut klingt.«

Bist du schon mal im Knast gewesen?

»Ich habe es nur dreimal zur Ausnüchterungszelle gebracht. Bei einem Mal war ich sogar nüchtern. Das war nach einer Begegnung mit den beiden Fernsehpolizisten Toto und Harry. Denen habe ich versucht zu erklären, wie man Punks richtig einen Platzverweis erteilt, nachdem sie es formal falsch gemacht hatten. Daraufhin waren sie so sauer, dass sie mich in die Ausnüchterungszelle gesteckt haben. Ich habe sie dann wegen Freiheitsberaubung im Amt angezeigt, aber das Verfahren wurde leider eingestellt.«

Was war der bisher peinlichste Moment deines Lebens?

»Mir ist eigentlich nichts peinlich.«

Gibt es eine Sache, die du bereust?

»Wir haben mal mit mehreren Leuten in einem Haus gewohnt und - wie man das halt in jungen Jahren macht - relativ oft und lange gefeiert. Im selben Gebäude wohnte ein älteres Ehepaar, das uns zu Tode genervt hat. Daher kommt übrigens auch das Lied ´Ich töte meinen Nachbarn und verprügel seine Leiche´. Am Morgen nach einer langen Feier haben sie zum Beispiel um Punkt acht Uhr begonnen, den Rasen zu mähen. Das hat einen sehr großen Konflikt gegeben. Ein anderes Mal haben sie die Polizei gerufen, nachdem eine Freundin von uns ihr Stück Wäscheleine zum Aufhängen genutzt hatte. Diese Nachbarn haben uns so sehr genervt, dass wir sie zurückgenervt haben. Irgendwann haben wir uns gedacht: Wenn die ständig den Rasen mähen, dann kann das nur bedeuten, dass der Rasen wegmuss. Daraufhin haben wir uns im Gartencenter nach Unkrautvernichtungsmittel erkundigt. Und irgendwann gab es statt des Rasens nur noch eine braune Fläche. Im Grunde waren wir im Recht, aber rückblickend würde ich sagen, dass es nicht die feine Art war, wie wir uns gewehrt haben.«

Was ist dein bester und schlechtester Charakterzug?

»Mein schlechtester Charakterzug ist, dass ich nachtragend und mimosenhaft bin. Mein bester Charakterzug ist, dass ich Konflikte auch schnell wieder vergesse.«

Wann und warum hast du das letzte Mal geweint?

»Das war vor ein paar Tagen, als ich den sehr depressiven Film „Jonas“ von Ottomar Domnick aus dem Jahr 1957 gesehen habe. Den lege ich immer ein, wenn ich weinen möchte. Der Film ist sehr schön.«

Hast du Komplexe?

»Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich ein wenig zu dürr bin.«

Welche Interessen hast du neben der Musik?

»Kommunalpolitik. Im Grunde habe ich keine Hobbys, denn wenn ich mich mit etwas beschäftige, dann auch ernsthaft. Gelegentlich produziere ich Filme. Das nehme ich genauso ernst wie die Musik. Ich habe auch mal Philosophie studiert. Es würde aber absurd klingen, wenn ich sage, dass ich Hobbyphilosoph bin.«

Was würdest du als Erstes tun, wenn du US-Präsident wärst?

»Ich würde die Todesstrafe abschaffen, damit die USA ein zivilisiertes Land werden.«

Welches politische Projekt würdest du gerne vorangetrieben sehen?

»Ich bin vermutlich durch meine Arbeit als Kommunalpolitiker in Wattenscheid schon so frustriert, dass ich überhaupt nicht mehr daran glaube, dass man irgendetwas noch vorantreiben kann. In der Bundesrepublik wieder das Grundgesetz einzuführen, wäre sicherlich ein großes politisches Projekt, das man mal in Angriff nehmen sollte.«

Gibt´s eine bekannte Person - tot oder lebendig -, mit der du dich gerne mal unterhalten würdest?

»Spontan fällt mir der verstorbene Kameramann Wolf Wirth ein, der in den sechziger Jahren Filme gedreht hat wie „Die Ente klingelt um halb acht“ mit Heinz Rühmann, „Grimms Märchen von lüsternen Pärchen“ oder „Grieche sucht Griechin“ nach Dürrenmatt. Zuerst würde ich ihm sagen, wie großartig ich seine Arbeit finde, und dann würde ich ihn beschimpfen, weil er so früh schon wieder aufgehört hat, Spielfilme zu fotografieren. Ansonsten fallen mir noch die Politiker Lothar Späth und Heiner Geißler ein. Gregor Gysi habe ich ja schon besoffen zugelabert. Wenn ich aber genauer darüber nachdenke, komme ich eher auf Hannsheinz Porst, einen erfolgreichen bundesdeutschen Unternehmer, der nebenbei für die HVA, den Auslandsgeheimdienst der DDR, spioniert haben soll und deswegen in den Knast kam. Als er wieder rauskam, hat er sein Unternehmen an die Mitarbeiter verschenkt. Irgendwie ein interessanter Lebensweg. Der hätte bestimmt viel zu erzählen, wenn er nicht schon tot wäre.«

Wo verbringst du am liebsten deinen Urlaub?

»In Jessern am Schwielochsee in der ehemaligen DDR. Das ist einer der wenigen Orte, an denen ich bisher Urlaub gemacht habe, und dort fand ich es sehr schön.«

Welche drei Dinge würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen?

»Eine mittelgroße Stadt, die Bewohner dieser mittelgroßen Stadt und eine Menge Geld.«

Was ist das verrückteste Gerücht, das du je über dich gehört hast?

»Ich würde mit der Musik reich werden.«

Stell dir vor, du bekommst eine Schönheitsoperation geschenkt. Was würdest du an dir ändern lassen?

»Ich würde mir den Bauch wegsaugen lassen. Allerdings nicht, weil er unästhetisch aussieht, sondern weil er ungesund ist. Ich tendiere ja eher zu radikalen Maßnahmen und habe keine Lust, mich durch irgendwelche Diäten zu quälen. Aber Fettabsaugen klingt schon so scheiße...«

Würdest du für das „Playgirl“-Magazin posieren?

»Ich hätte damit kein Problem. Ich glaube, die Probleme wären mehr auf der Seite des Magazins.«

Bist du religiös?

»Ja. Ich bin evangelisch, und ich meine das auch durchaus ernst. Es ist zwar sehr aus der Mode gekommen, religiös zu sein, aber ich denke, dass es gerade in der heutigen Zeit wichtig ist, eine Instanz jenseits des Staates zu haben. Wobei die offizielle Kirche aber auch Scheiße baut. Das Problem ist, dass der evangelischen Kirche seit den siebziger Jahren ein kultureller Avantgardismus völlig abhanden gekommen ist. Ich habe in meiner Kindheit noch mitbekommen, wie man die ganzen Prolls aus den Jugendzentren geschmissen und gesagt hat, dass man jetzt nur noch Teetrinken mit Hippies macht. Diese Einführung der Teetassen hat viel kaputtgemacht.«

Glaubst du, dass du schon mal gelebt hast?

»Nein.«

Als was würdest du gerne wiedergeboren werden?

»Als Eintagsfliege. Dann müsste ich mir keine Sorgen um die Zukunft machen.«

Welcher Song soll auf deiner Beerdigung laufen?

»Auf jeden Fall nichts von Herbert Grönemeyer. Ich würde wohl eher zur frühkindlichen Operette zurückkehren und mir ´Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist´ aus „Die Fledermaus“ wünschen.«

www.myspace.com/diekassierer

DISKOGRAFIE

Sanfte Strukturen (1989)
Der Heilige Geist greift an (1993)
Habe Brille (1996)
The Gentlemen Of Shit (1998)
Taubenvergiften (1998)
Musik für beide Ohren (1999)
Jetzt und in Zukunft öfter (Live, 2000)
Männer, Bomben, Satelliten (2003)
Kunst (Compilation, 2005)
Physik (2010)

Pic: Axel Jusseit

Bands:
DIE KASSIERER
Autor:
Conny Schiffbauer

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