Schwatzkasten

Schwatzkasten 26.10.2016

ARMORED SAINT , ANTHRAX - Schwatzkasten: Mit John Bush (Armored Saint, ex-Anthrax)

Mit einem starken aktuellen Album im Rücken werden die Konzerte, die ARMORED SAINT hierzulande vereinzelt spielen, völlig zu Recht frenetisch gefeiert. Wir schnappten uns nach einem solchen den sichtlich gut gelaunten Frontmann JOHN BUSH, um bei ein, zwei Bier an der Hotelbar über Gott und die Welt zu plaudern.

John, wo und wie bist du aufgewachsen?

»In L.A., in einem östlichen Vorort namens El Sereno. Joey Vera, Gonzo und Phil Sandoval, die ja Brüder sind, und ich wohnten damals alle nur je eine Viertelmeile auseinander. Wir sind also schon seit Kindertagen Freunde und kennen uns jetzt seit über 40 Jahren (schmunzelt). Aber das war schon eine harte Gegend. Ich war mehr oder weniger der einzige weiße Typ unter lauter Mexikanern. Es gab vereinzelt schon auch andere Ethnien dort, aber eben zum Großteil Latinos. Gonzo und ich haben dann die Schule gewechselt, denn ich wollte einfach mal was anderes sehen. Als wir in der High School waren, dachte ich wirklich nur noch: „Ich muss mal aus El Sereno rauskommen.“ Also habe ich die Schule gewechselt, und Gonzo kam mit. Dann ging´s ins angrenzende South Pasadena. Da gab es eine Straße, die durch beide Stadtteile führte, und an einem Punkt wurde eine Mauer zwischen diesen gebaut. Natürlich nicht wie die Berliner Mauer, aber die haben wirklich eine Mauer errichtet, um die Stadtteile zu trennen. Das war echt schräg. Nach dem Schulwechsel haben wir dann jedenfalls auch Dave getroffen (gemeint ist der 1990 verstorbene David Prichard - sd). Er war einzigartig, kreativ und verrückt und wurde Teil von ARMORED SAINT. Aber das ist eine andere Geschichte.«

Hast du in der Schule eher zu den Troublemakern oder den Nerds gehört?

»Keins von beidem so wirklich. Mein älterer Bruder, der mit seiner sehr großen und kauzigen Erscheinung ein bisschen herausstach, war eher ein Nerd. Der wurde von den mexikanischen Typen dauernd vermöbelt. So ist es mir zum Glück nicht ergangen, ich war da wohl einfach etwas unauffälliger. Aber ich war immer noch einer der wenigen weißen Typen in dieser Nachbarschaft, und das konnte schwierig sein. Als wir später zu einer Clique von Rockertypen wurden, haben sich die Leute, glaube ich, eher ein bisschen über uns lustig gemacht, als dass sie uns als so was wie harte Kerle wahrgenommen haben (lacht). Aber das störte uns nicht, wir haben uns halt ausgelebt und waren dabei eigentlich auch eher ein bisschen albern.«

Was war der schlimmste Job, dem du je nachgegangen bist?

»Hm, da war nichts so wirklich Furchtbares dabei. Mit 16 habe ich in einem Schnapsladen die Regale eingeräumt. Das war eigentlich nicht so schlimm. Natürlich kamen da Kumpels von mir rein, kauften ein Paket Kaugummi, nahmen Augenkontakt mit mir auf, und ich schmuggelte daraufhin für sie Bier aus dem Hinterausgang. Schlussendlich haben mich die Besitzer, ein altes Ehepaar aus Japan, irgendwann erwischt und waren echt sauer.«

Was war dein Schlüsselerlebnis in Bezug auf Musik?

»Mein sieben Jahre älterer Bruder hat immer den Song ´Black Sabbath´ gespielt, um mir damit Angst einzujagen. Ich selbst muss da so sieben gewesen sein, und er machte das wirklich, damit ich mich ängstigte. Was zu der Zeit wohl auch funktionierte, aber es blieb hängen und triggerte wohl auch etwas. Davor hatte ich eigentlich immer gerne die Beatles-Alben gehört, die wir zu Hause hatten. Die waren einfach gut, das sind halt Klassiker.«

Erinnerst du dich an das erste Konzert, auf dem du warst?

»Klar, das waren Kiss im Anaheim Stadium, 1976. Mit Bob Seger als Opener, aber ich weiß jetzt nicht mehr, wer noch auf dem Billing war. Was war noch mal das Album, das da gerade raus war? Ach, „Destroyer“ (summt den Anfang von ´Detroit Rock City´). Da waren 40.000 Leute oder so. Ich war damals 13. Das war schon aufregend. Wir sind da als Gruppe Kinder zwischen all diesen Älteren unterwegs gewesen, darunter Leute mit Kiss-Gesichtsbemalung. Das war alles irgendwie auch ein bisschen respekteinflößend, aber natürlich sehr großartig.«

Wie haben deine Eltern es damals aufgenommen, dass du den Rock´n´Roll zu deiner Profession machen wolltest?

»Die haben mich dabei tatsächlich sehr unterstützt. Da gab es eigentlich keine Hürden. Unsere Eltern waren in der Beziehung wirklich sehr cool. Wir haben damals in unserer Garage geprobt, manchmal auch in der von den Sandovals. Meine Mutter hat auch immer mich und meine Kumpels zu Konzerten gefahren und so was.«

Weißt du noch, wie dein erster eigener Auftritt ablief?

»Das war, glaube ich, bei einer Talentshow in der neunten Klasse. Es gab schon vor ARMORED SAINT mal eine Band, die Joey und ich zusammen hatten. Wir haben Songs von Foreigner und Led Zeppelin gespielt. Unser Keyboarder hatte eine Orgel, die einfach nur furchtbar klang. Eigentlich so ähnlich wie bei den Doors, also klang es möglicherweise gar nicht mal so uncool, doch damals war das Teil in meinen Ohren halt eher furchtbar (lacht). Aber wir waren noch Kids, das klang wahrscheinlich generell alles eher nicht so gut...«

Ging´s bei euren ersten Touren als ARMORED SAINT dann später eigentlich partymäßig schwer zur Sache?

»Ich denke schon. ARMORED SAINT waren ja eine L.A.-Band. Wir klangen nicht wirklich wie die anderen L.A.-Acts, du weißt schon: Ratt, Mötley Crüe, Quiet Riot, Great White und so weiter. Das waren alles gute Bands, aber wir mochten auch etwas andere, härtere Musik wie UFO, die Scorpions, Thin Lizzy, Priest und Maiden. Wir hörten den ganzen amerikanischen Hardrock, keine Frage, orientierten uns aber musikalisch dann eben doch ein bisschen mehr an europäischen Gruppen. Jedenfalls haben wir natürlich trotzdem mit diesen ganzen anderen L.A.-Bands zusammen gespielt und getourt, und da wurde damals viel und wild gefeiert. Wir waren alle Anfang 20. Natürlich waren da auch noch andere Sachen als Alkohol im Spiel. Kokain war eh synonym mit der Heavy-Metal-Szene der Achtziger in Los Angeles. So war das damals halt. Ich bin wirklich nicht stolz auf irgendwas davon, aber so ging es damals halt einfach zu.«

Gute Überleitung zur möglicherweise bescheuertsten Sache, die du je angestellt hast.

»Mann, vermutlich irgendwas, das ich erst letzte Woche noch getan habe (lacht). Aber ehrlich jetzt? Das Bescheuertste, was ich je gemacht habe? Ich bin wohl noch nicht betrunken genug, um so aufrichtig zu sein (grinst). Aber ehrlich gesagt geht das vermutlich schon in die gerade eben angesprochene Richtung.«

Musstest du mal ´ne Nacht im Knast sitzen?

»Nee, das tatsächlich nicht (klopft auf den Holztisch).«

Gibt´s was neben der Musik, das dir sehr wichtig ist?

»An diesem Punkt meines Lebens ganz klar meine Familie. Ich will jetzt eigentlich nicht die Floskel auspacken, dass Rock´n´Roll so was wie meine Ausbildung war, aber das trifft halt einfach zu. Ich bin schon stolz auf das, was ich in all den Jahren des Tourens und so weiter, in meinen Zwanzigern und Dreißigern mit der Musik erreicht habe, auch mit Anthrax. Es war eine echt tolle Zeit, in der ich eine Menge über das Leben gelernt habe. Viele Menschen erfahren so was nicht. Einige kommen vielleicht ihr ganzes Leben lang nicht einmal aus der Stadt raus, in die sie geboren wurden. Deswegen fühle ich mich geehrt, dass ich solche Erfahrungen haben und genießen darf. Aber seit ich Kinder habe, ist da einfach auch noch dieser neue Aspekt im Leben. Meiner Frau und mir ist es wichtig, die Kinder wirklich als Teil unseres Lebens großzuziehen. Und das macht Spaß, ich find´s großartig!«

Apropos Kinder: Wie würdest du reagieren, wenn deine Tochter einen berühmten Rockstar daten würde?

»Oh wow, das ist ´ne gute Frage. Natürlich würde ich hoffen, dass er ein guter Mensch ist. Wenn er ein guter Typ ist und sie mit Respekt behandelt, dann wäre ich damit wohl cool. Die Leute sagen viele solche Sachen wie dass sie ihre Kinder niemals dieses oder jenes machen lassen würden. Ach komm! Das weißt du nie. Was ich nicht so begrüßen würde, wäre, wenn sie zu jung heiraten würde. Immer wenn ich mitbekomme, dass Leute sehr jung heiraten, sehe ich das ein bisschen kritisch. Doch man muss seinen eigenen Pfad im Leben finden. Deswegen würde ich versuchen, gut gemeinten Rat zu geben, auch mal meine Meinung äußern, aber das Schwierige am Elternsein ist ja, dass du ihnen einerseits etwas beibringen, sie dann aber auch weiterziehen lassen musst. Und das wird mir bei meiner kleinen Tochter vermutlich schwerer fallen als bei meinem Sohn, zu dem sage ich wahrscheinlich nur „Cool, Kumpel“ (lacht). Aber das ist ´ne gute Frage. Mir wäre es einfach nur wichtig zu sehen, dass er sie würdevoll behandelt.«

Gibt es eine bestimmte Art von Musik, die du total verachtest?

»Puh. Ich versuche ehrlich gesagt ja eigentlich nicht zu schmälern, was andere Leute machen. Aber sagen wir es mal so: Ich kann nichts mit Sachen anfangen, die auf mich sehr gekünstelt wirken. Kram, der irgendwie nicht authentisch klingt. Das gibt es aber in jedem Musikgenre. Es gibt genauso Metal-Bands, auf die das zutrifft, wie auch Country-Acts. Einiges von der Popmusik, die aktuell im Radio läuft, ist die schlimmste Musik der Welt. Und ich kann Popmusik durchaus lieben, es gibt echt gute. Aber das meiste, was derzeit im Radio läuft, ist richtig beschissen. Ich bin allerdings keiner dieser alten Typen, die nur noch ihre Bands von früher hören. Ich interessiere mich durchaus querbeet für aktuelle Musik und kaufe neue Alben.«

Vinyl, CDs oder mp3s?

»Och, ich kaufe auch Vinyl, Vinyl ist cool. Aber wir haben da zu Hause diese Routine, dass wir Sachen auf CD kaufen, um sie im Auto zu hören. Wenn ich irgendwas, das ich im Auto gehört habe, so richtig gut finde, dann ziehe ich es auch noch auf meinen PC runter, um es auf meinen iPod zu laden. Jetzt, wo mein Auto gerade kaputtgegangen ist, müssen wir da aber erst mal gucken. Ich glaube, iPods sind auch eh schon wieder obsolet. Aber ich mag es schon, ein Produkt in den Händen zu haben, mir das Cover, die Credits und die Lyrics anzugucken.«

Was ist deine größte Stärke und was deine größte Schwäche?

»Jetzt wird´s tiefschürfend. Lass es mich bezüglich der Stärke mal so sagen: Ich glaube schon, dass ich ein netter Typ bin. Ich versuche, andere so zu behandeln, wie ich behandelt werden möchte. Bevor wir uns missverstehen: Ich möchte damit jetzt nicht sagen, dass ich schon immer nur der supernetteste Typ überhaupt war. Da draußen findest du bestimmt auch irgendwo Leute, die mich für einen Arsch halten. Aber ich möchte schon ein umgänglicher und guter Mensch sein und glaube, mit mir kann man klarkommen. Ich habe keinerlei Intentionen, andere schlecht zu behandeln. Klar kann ich auch schon mal launisch sein, doch ich werde tatsächlich mit dem Alter gelassener. Und vielleicht ist meine Schwäche ja, dass man diese Freundlichkeit auch mal ausnutzen kann.«

Das seltsamste Gerücht, das du je über dich gehört hast?

»Es taucht schon mal auf, dass ich mit dem ehemaligen US-Präsidenten George Bush verwandt sein soll. Ich ziehe mich privat aber gerne aus dem Fokus der Öffentlichkeit zurück, weswegen da wohl nix allzu Wildes rumgeht. Das ist auch einer der Gründe, warum ich kein Facebook oder Ähnliches nutze. Manchmal ist es nämlich besser, wenn die Leute nicht zu viel über dich wissen.«

Hattest du schon mal einen sehr schrägen Fan oder Stalker?

»Oh ja, so was gab es schon mal. Es ist schwierig, wenn du einfach nur höflich zu Leuten sein willst, denen du begegnest, die dann aber zu aufdringlich werden. Unter anderem deswegen habe ich auch kein Facebook. Es muss nicht jeder alles aus meinem Leben mitbekommen.«

Gibt es eine berühmte Persönlichkeit, die du wiederum gerne mal treffen würdest?

»Vielleicht gäbe es da schon ein paar Leute, bei denen das interessant wäre, aber ich habe ´ne gute Story, die dazu passt: Meine Kinder gehen auf eine Schule, die auch die Kids von einigen richtig großen Hollywood-Stars besuchen. Die von Johnny Depp z.B., den habe ich wirklich mal auf dem Pausenhof die Kinder bespaßen sehen. Du gehst dann da vorbei und denkst dir: „Ach, guck an, Johnny Depp, cool.” Aber als ich dort Al Pacino gesehen habe, war das für mich so richtig „Heilige Scheiße, fuckin´ Al Pacino! Scarface, Mann!“ (lacht). Und jetzt kommt die lustige Story: Weißt du, was Lasertag ist? Ja? Wir sind mal mit allen Kindern der Schule zum Lasertag gegangen. Wir kriegen gerade alle unsere Lasertag-Kanonen und Instruktionen, wie das Ganze funktioniert, und dann steht da Al Pacino mit diesem Lasertag-Kram rum. Ein herrliches Bild. Mein Sohn hat ihn dann sogar abgeschossen (lacht sich kaputt). Das war schon irgendwie ein verrückter Tag.«

Würdest du dich als politischen Menschen bezeichnen?

»Ich beschäftige mich schon sehr damit, was in der Welt vor sich geht. Ich lese auf dem Klo die Zeitung und meine Magazine, nur weniges mache ich lieber. Meine Frau fragt mich dann immer, was ich da drin so lange treibe. Ich habe jetzt vielleicht keine Universitätsprofessor-Bildung, ich bin ein Typ in ´ner Rockband, aber das Weltgeschehen beschäftigt mich auf jeden Fall. Früher schon habe ich zum Beispiel Songs darüber geschrieben, wie Drogen die Gesellschaft beeinträchtigen, die Drogenkriege und so weiter. Davon handelte ´Tribal Dance´. Auf „Delirious Nomad“ ging es 1985 auch ums Thema Atomkrieg. Und ´La Raza´ ist ein Umweltsong. Ich kann keine typischen Heavy-Metal-Texte schreiben, ich kann es einfach nicht. Ich versuche nicht, irgendeine Agenda mit rauszuhauen, das ist nicht mein Ding. Aber das Schöne am Texten für Musik ist, dass man sich dabei auch mit Dingen auseinandersetzen kann, die einen beschäftigen und über die dann andere vielleicht ebenfalls nachdenken. Mich beschäftigt vieles, was in der Welt vor sich geht, und es besorgt mich durchaus auch. Aber ich habe einen gewissen Glauben an die Menschheit, dass wir die Kurve kriegen. Ich versuche, da positiv zu denken.«

Was ja im Grunde genommen schon ein schönes Schlusswort ist, also kommen wir zum Ende: Gibt´s einen Song, der bei deiner Beerdigung laufen soll?

»Oh, keine Ahnung. Puh... Da fällt mir das „Kid A“-Album von Radiohead ein. Unglaubliche Band. Da sind Songs drauf, bei denen ich sterben könnte. Aber das wäre möglicherweise vielleicht doch etwas zu düster. Ob ich das den Leuten zumuten sollte? Mir fällt gerade echt kein passender Song ein, doch ich würde jetzt mal sagen, eher etwas Aufheiterndes als etwas Schweres, noch mehr Runterziehendes.«

www.facebook.com/thearmoredsaint


Diskografie (Auszug)

Mit Armored Saint:

March Of The Saint (1984)
Delirious Nomad (1985)
Raising Fear (1987)
Symbol Of Salvation (1991)
Revelation (2000)
Nod To The Old School (2001)
La Raza (2010)
Win Hands Down (2015)

Mit Anthrax:

Sound Of White Noise (1993)
Stomp 442 (1995)
Vol. 8 (1998)
We´ve Come For You All (2003)
The Greater Of Two Evils (2004)

Pic: Stephanie Cabral

Bands:
ANTHRAX
ARMORED SAINT
Autor:
Simon Dümpelmann

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