Schwatzkasten

Schwatzkasten 20.08.2008

RAMMSTEIN , EMIGRATE - SCHWATZKASTEN...mit RICHARD KRUSPE (Rammstein, Emigrate)

RICHARD KRUSPE ist ein ruheloser Kreativer, der ständig neue Songs schreibt. Derzeit arbeitet er wechselseitig sowohl am neuen Rammstein-Werk als auch am zweiten Emigrate-Album. Für unseren Schwatzkasten nimmt sich der Gitarrist ausgiebig Zeit und offenbart die vielen Facetten seiner Persönlichkeit.

Richard, wo und in welchen Verhältnissen bist du aufgewachsen?

»Bis zu meinem siebten Lebensjahr habe ich in einem kleinem Dorf namens Weisen gelebt. Das war eine schöne Kindheit mit viel Natur, Hunden und Katzen sowie einer großen Familie mit zwei Geschwistern. Dann kam jedoch leider der große Bruch durch die Scheidung meiner Eltern. Mein Vater war von heute auf morgen weg, und wir zogen zu meinem neuen Stiefvater nach Schwerin, mit dem ich überhaupt nicht klarkam. Die Situation zwischen ihm und mir ist ganz schön eskaliert, und ich bin oft von zu Hause abgehauen. Manchmal habe ich auf Parkbänken oder im Keller einer Freundin geschlafen und wurde von der Kripo gesucht. Als ich die Chance bekam, woanders eine Lehre zu machen, habe ich sie sofort ergriffen und ging nach Hagenau. Außer einem großen Armeestützpunkt war dort jedoch nichts, so dass ich zweieinhalb Jahre lang meine komplette Freizeit mit Gitarrespielen verbracht habe. Rückblickend muss ich sagen, dass mir mein Stiefvater zumindest eine Grunddisziplin beigebracht hat, die ich bis dahin nicht hatte. Sie kommt mir inzwischen sehr zugute, denn gerade als Musiker besteht ja kein äußerer Zwang, sich jeden Tag hinzusetzen und zu komponieren.«

Wo würdest du am liebsten leben?

»Derzeit lebe ich sowohl in Berlin als auch in New York. Ich mag diese Dualität. New York hat eine einmalige Energie, die mich antreibt. Mit Berlin bin ich allerdings nie so richtig warm geworden. Als ich anfangs hierherkam, hat mich diese negative Einstellung der meisten Leute total verschreckt. Es hieß immer erst mal nein. Außerdem ist es ganz schön kalt hier. Inzwischen hat sich allerdings einiges zum Positiven gewandelt - vor allem dieses erfrischende Multikulti-Ding, das ja keineswegs nur zwischen Deutschen und Türken, sondern zwischen allen möglichen Nationalitäten funktioniert. Am allerliebsten würde ich in Kapstadt wohnen. Dort hat man auf der einen Seite die Berge und auf der anderen Seite die beiden Ozeane. Die Leute sind offen und freundlich, und es gibt dort ein wunderschönes Licht, das meinem Gemüt einfach guttut. Das kann ich mir prima als Altersruhesitz vorstellen.«

Warst du in der Schule eher ein Streber oder ein Rabauke?

»Das erklärt sich wohl von selbst: ein ganz schöner Rabauke.«

Demnach hast du dich schon mal geprügelt.

»Allerdings! Im Alter von zehn bis 14 bin ich ständig in Situationen gekommen, wo ich mich - sagen wir mal - körperlich ausleben konnte. Als ich dann mit dem Ringen angefangen habe, habe ich jedoch gelernt, meine Aggressionen zu kanalisieren. Ich hatte fünfmal pro Woche Training und am Wochenende dann noch Wettkämpfe. Ich war leider nur meist viel zu offensiv und hatte keine Geduld beim Kämpfen. Ich wollte Tyson-mäßig immer gleich den Sieg.«

Sind deine Eltern stolz auf dich?

»Ich glaube, dass mein leiblicher Vater sehr stolz auf mich ist. Meine Mutter hat sich immer was anderes gewünscht, aber mittlerweile ist mein Musikerdasein okay für sie. Letztendlich ist es egal, was man macht, solange man damit Erfolg hat. Gerade in der Nachkriegsgeneration meiner Eltern gehen materielle Werte ja noch über alles.«

Was bedeutet dir denn Geld?

»Im Grunde genommen nur die Freiheit, das zu tun, was ich gerne machen möchte. Geld bedeutet für mich vor allem Unabhängigkeit. Das Problem ist dabei natürlich, dass man sich schnell an einen gewissen Luxus und Lifestyle gewöhnt. Als ich bei Rammstein anfangs das erste Mal Geld verdient habe, war ich im siebten Himmel und dachte, mehr brauche ich nie. Mit meinen beiden Wohnungen in Berlin und New York sowie der ständigen Reiserei brauche ich heutzutage etwas mehr.«

Wie definierst du Erfolg?

»Erfolg ist relativ. Mit Emigrate habe ich tolle Reviews eingefahren, eine gute Anzahl von Alben weltweit verkauft und unlängst auch Veröffentlichungen in Amerika und Australien bekommen. Mein Soloprojekt könnte ich daher eigentlich als Erfolg werten, aber im Vergleich zu Rammstein, die viele Millionen verkaufen, sind Emigrate ein kleiner Fisch.«

Was war der mieseste Job, den du je hattest?

»Der schlimmste Job war Fensterputzer, weil ich ein wenig unter Höhenangst leide (lacht). Ursprünglich war ich zwei Jahre lang Lkw-Fahrer, bekam nach einem Unfall jedoch meine Fahrerlaubnis weggenommen. Daraufhin sollte ich von der Firma aus Fensterputzer werden und den Schweriner Fernsehturm hochklettern. Das ging gar nicht! Ich habe denen nur die Leiter hingestellt und gesagt: „See you later!“ Um mich durchzuschlagen, habe ich selber Schuhe gemacht und verkauft. Espadrilles und so. Das ist insofern lustig, weil ich handwerklich eigentlich überhaupt nicht begabt bin. Aber ich bin pfiffig und einfallsreich, wenn es ums Überleben geht. Weil ich gar nicht mit Autoritäten umgehen kann, musste ich schon immer improvisieren, um über die Runden zu kommen. Als Jugendlicher habe ich zudem noch eine Lehre als Koch gemacht. Das ist allein schon von den langen Arbeitszeiten her ein sehr harter Beruf. Außerdem ist es am Herd auf Dauer ganz schön heiß.«

Das ist bei der Pyroshow von Rammstein aber auch nicht anders.

»Wohl wahr, hahaha! Ich glaube ohnehin, dass Kochen und Musik viele Gemeinsamkeiten haben. Ich habe schon immer ohne feste Rezeptur gekocht. Ich nehme einfach das, was da ist, und zaubere dann was Leckeres daraus. Manches passt anfangs vielleicht nicht so zusammen, aber das lernt man schnell, und so entwickelt man ein instinktives Gespür. Das ist beim Komponieren genauso.«

Was wäre aus dir geworden, wenn du nicht Musiker geworden wärst?

»Hm, gute Frage. Ich würde gerne mal eine Band produzieren - also quasi auf die andere Seite wechseln. Außerdem schreibe ich sehr gerne und kann mir vorstellen, dass Drehbuchautor ein passender Job für mich wäre.«

Apropos Hollywood: Wie wäre es denn mal vor der Kamera? Gibt es eine Rolle, die du gerne gespielt hättest bzw. spielen würdest?

»Zwei Charaktere finde ich besonders genial: „Taxi Driver“ und „Léon - Der Profi“. Außerdem kommen diese Gangster-Streifen cool. „Good Fellas“ und „Reservoir Dogs“ zum Beispiel.

Also eher die Außenseiter und Bösen - nicht die Superhelden.

»Ja, die haben einfach mehr Potenzial. Nachdem ich neulich für einen Videoclip eine erotische Szene gedreht habe, kann ich mir auch einen ganzen Film in dieser Richtung vorstellen. Anfangs war ich ganz schön nervös, aber je länger der Dreh dauerte, desto mehr Spaß hat er mir gemacht. Wohlgemerkt: erotisch, nicht pornografisch!«

Demnach würdest du dich für „Playgirl“ ausziehen?

»Nicht mehr (lacht herzhaft). Aber auch früher wohl eher nicht. Ich habe zwar ein ausgesprochen lockeres Körpergefühl und renne oft nackt durch meine Wohnung, aber so exhibitionistisch, dass ich mich für ein Hochglanzmagazin ausziehe, bin ich nun auch wieder nicht veranlagt.«

Du praktizierst also Heim-FKK...

»Ja, das ist so ein Ost-Ding, glaube ich. Als ich in New York mal nackt die Wohnungstüre öffnete, als es klingelte, während ich mit meiner damaligen Frau im Bett lag, war sie völlig fassungslos. Die schamlosen Ossis und die prüden Amis - da trafen zwei Welten aufeinander (lacht).«

Bist du eitel?

»Leider ja. Ich würde da gerne mehr drüberstehen, denn Eitelkeit ist eher eine negative Eigenschaft, die etwas mit Unsicherheit und Ego zu tun hat. Ich arbeite an mir und habe mit zunehmendem Alter zum Glück auch eine etwas lockerere Einstellung gefunden. Irgendwann fängt man an, den körperlichen Zerfall zu akzeptieren.«

Dem könntest du theoretisch ja mit Schönheitsoperationen entgegensteuern. Na, wie wär´s mit einem Termin bei Nip/Tuck?

»Für mich ist das zwar nichts, aber ich habe nichts gegen plastische Chirurgie. Wenn Leute mit ihrem Körper unglücklich sind und durch eine Operation ein anderes Selbstbewusstsein und Lebensgefühl bekommen, sollen sie sie ruhig durchführen lassen. Das Problem sehe ich allerdings in der Gefahr, maßlos zu werden und wie beim Tätowieren eine Art Sucht zu entwickeln, die weit über das vernünftige Maß hinausgeht. Der Körper macht ja schließlich nicht alles mit, und so was wie Wadenimplantate sind ganz schön crazy.«

Apropos crazy: Was ist denn das Verrückteste, das du je gemacht hast?

»Das war wohl, eine Frau schon am zweiten Tag nach dem Kennenlernen gefragt zu haben, ob sie mich heiratet. Sie hat ja gesagt, und der Rest ist Geschichte. (Inzwischen sind die beiden wieder geschieden... - ms).«

Stichwort Frau: Welchen Typ bevorzugst du?

»Wie fast jeder habe auch ich ein gewisses Beuteschema. Man braucht eine Beziehung, um sich selbst zu spiegeln und sich weiterzuentwickeln. Insofern sucht man sich meist instinktiv eine Partnerin, die einen in bestimmten Punkten weiterbringt. Um eine gute Beziehung zu führen, muss man die Balance aus Leidenschaft und Freundschaft halten - nur mit einem von beiden kippt sie irgendwann.«

Was hältst du von Groupies?

»Sie gehören einfach dazu. Diese Symbiose zwischen Star und Groupie ist wie ein Schauspiel. Das Verhältnis zwischen beiden hat natürlich nichts mit der Realität zu tun, sondern ist nur eine Illusion, aber man sollte diese nicht zerstören. Mich persönlich reizen Groupies nicht so, denn ich mag es, wenn ich um eine Frau kämpfen muss. Aber ich mag den Glamour, den ihre Anwesenheit ausstrahlt.«

Glaubst du an Gott oder die Wiedergeburt? Bist du spirituell veranlagt?

»Immer mehr. Im kirchlichen Sinne glaube ich zwar nicht an Gott, aber ich bin ein spiritueller Typ und glaube an eine Form von Gerechtigkeit; daran, dass die Dinge, die man tut, irgendwann wieder auf einen zurückfallen. Karma sozusagen. Ich habe auch die eher weibliche Angewohnheit, die Astrologie zu benutzen, um andere Menschen zu verstehen. Ich nutze sie als Werkzeug, um Charaktere zu entschlüsseln. Wenn man weiß, wie das Haus von jemandem gebaut ist, kann man seine Handlungen viel besser einordnen. Zur Klarstellung: Ich meine nicht Horoskope oder solchen Humbug. In der Astrologie steckt viel Mathematik drin, und man kann sie nicht mit diesem üblichen Sternzeichen-Quatsch aus irgendwelchen TV-Zeitungen vergleichen.«

Könntest du ohne Fernseher leben?

»Nee! Ich habe in meiner New Yorker Wohnung einen riesigen Beamer im Schlafzimmer und liebe es über alles, im Bett liegend und rauchend schöne Filme zu gucken. Das ist neben Sex die einzige Möglichkeit für mich, komplett abzuschalten. Bitte von beidem reichlich, hahaha!«

Lesen ist also eher weniger dein Ding?

»Früher habe ich viel gelesen, aber inzwischen bin ich leider meist zu faul dazu. Seit einiger Zeit gibt es ja selbst im Flugzeug einen eigenen Monitor und eine riesige Auswahl an Filmen. Das ist einfach zu verlockend. Trotzdem habe ich einen guten Lesetipp: „Die New York-Trilogie“ von Paul Auster.«

Was ist die wichtigste Erfindung der Menschheit?

»Jedes Jahrhundert hat seine große Erfindung, und aktuell ist das ganz klar das Internet. Davor war es der Strom, der alles weitere wie die Glühbirne, den Fernseher oder die E-Gitarre erst ermöglichte.«

In welche Epoche würdest du denn am liebsten reisen, wenn es eine Zeitmaschine geben würde?

»Wohl in die Schwert- und Degenzeit, wie ich sie immer nenne. Tempelritter, elftes Jahrhundert herum. Das kann ich deswegen so gut beantworten, weil ich selbst beknackte Filme gerne gucke, wenn sie in dieser Epoche spielen. Irgendwie habe ich eine große Affinität dazu und würde gerne herausfinden, wie es damals so abging.«

Hast du eine Phobie?

»Außer der bereits erwähnten Höhenangst habe ich noch eine Schlangenphobie.«

Wann hast du das letzte Mal geweint?

»Jetzt hast du mich erwischt. Das ist ein großes Problem von mir, weil ich einfach nicht weinen kann. Das finde ich selber schade, weil das Weinen ein Ventil ist, mit dem man die Trauer herauslässt. Vielleicht ist mir deswegen meine Musik so wichtig, denn sie ist quasi mein Tränenkanal und hilft mir, meine Gefühle auszuleben.«

Bands:
RAMMSTEIN
EMIGRATE
Autor:
Marcus Schleutermann

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