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Schwatzkasten 17.04.2019, 08:00

PRONG - Schwatzkasten: Tommy Victor

Dass Thomas Michael Victor (v./g.) um sein Alter ein Geheimnis macht wie eine alternde Hollywood-Diva, ist zwar ein wenig seltsam, ändert aber nichts an der Tatsache, dass der PRONG-Bandleader und Teilzeitklampfer von Ministry und Danzig mit seinem originellen Stil zahllose andere Gitarristen und Kapellen aus dem Hardcore-, Metal- und Indie-Bereich – darunter auch Korn und Nine Inch Nails – beeinflusst hat.

Tommy, wann wurdest du geboren?

»Am 20. September und nicht am 19., wie bei Wikipedia fälschlicherweise geschrieben steht. Leider kann man das nicht mehr ändern. Das Jahr kommt ungefähr hin.«

Wo kamst du zur Welt, wo bist du aufgewachsen?

»Ich wurde in New York City geboren, genauer gesagt in Flushing. Das gehört zum Bezirk Queens. Dort bin ich auch aufgewachsen.«

Was waren deine Eltern von Beruf?

»Mein Vater war Werkzeugmacher und meine Mutter Kellnerin.«

Hast du Geschwister?

»Ja, vier: einen Bruder und drei Schwestern. Ich bin das Nesthäkchen. Unsere Kindheit war ziemlich schräg und kein Zuckerschlecken, weil sich unsere Eltern nicht gut verstanden haben. Irgendwann haben sie sich dann getrennt, und mein Vater ist weggezogen. Insbesondere mein Bruder kam nie mit unserem Dad klar.«

Was warst du in der Schule: Streber, Pausenclown oder Rüpel?

»Ich tendiere eigentlich dazu, Rüpel zu sagen. Andererseits war ich ein guter Schüler. Ich habe eine sehr autoritäre katholische Grundschule besucht, in der man eine Schuluniform tragen musste und sehr schnell in Schwierigkeiten geraten konnte. Manchmal langte da schon ein falscher Blick. Eine schreckliche Erfahrung. Die katholische High School, die ich später besuchte, war noch schlimmer. Da ich alles andere als fromm war, habe ich den Glauben häufiger in Frage gestellt, was bei den Nonnen, die uns unterrichteten, nicht gut ankam. Kein Wunder, dass meine Mutter mehrfach vom Rektor einbestellt wurde. Dass ich letztlich nie von der Schule geflogen bin, habe ich dem großen Engagement meiner Familie in der lokalen Kirchengemeinde zu verdanken.«

Wann hast du angefangen, ein Instrument zu spielen? In der Schule?

»Nein, in katholischen Schulen in Amerika schaut man auf Fächer wie Kunst und Musik herab. Da zählen nur Religion und andere straighte Fächer. Ich habe mir das Gitarrespielen selber beigebracht, indem ich mir Schallplatten angehört habe. Mein Dad und zwei meiner Schwestern haben zwar Klavier gespielt, aber ich hatte daran kein Interesse, obwohl wir sogar ein eigenes Piano hatten. Mein Bruder hat versucht, Gitarre zu spielen, doch er war grottenschlecht und ist es bis zum heutigen Tag (lacht). Mein erstes eigenes Instrument war übrigens keine Gitarre, sondern ein Bass. Den habe ich im Alter von elf Jahren einem älteren Jungen für zwölf Dollar abgekauft. Das war damals eine Menge Geld. Verdient hatte ich mir die Kohle durch das Austragen von Zeitungen.«

Erinnerst du dich noch an dein erstes eigenes Konzert?

»Dunkel. Das war ungefähr anderthalb Jahre später. Da war ich 13 und spielte in einer Coverband. Der Auftritt fand in einer Bar in Forest Hills statt. Ansonsten kann ich mich nicht mehr an viel erinnern. Ich soll aber schrecklich gewesen sein. Die Band hieß Alive And Well, und eine weitere Kapelle, in der ich damals gespielt habe, nannte sich Ice.«

Wann hast du dich das letzte Mal geprügelt?

»Wenn man in Queens aufwächst, lernt man sich zu prügeln, sobald man die Gebärmutter verlassen hat. Ich war fünf, als ich mich das erste Mal mit den Kids aus der Nachbarschaft angelegt habe. Damals war physische Gewalt ein ganz großes Ding. Wer ist der Stärkste? Wer ist der Härteste? Eben das ganze Blablabla. Das letzte Mal habe ich mich vor etwa 20 Jahren geschlagen. Es ging natürlich um ein Mädchen, und ich habe gewonnen, obwohl ich gegen zwei Typen gekämpft habe. Allerdings stand ich unter dem starken Einfluss von Drogen und Alkohol.«

Hast du schon mal eine Nacht im Knast gesessen?

»Yes, mehrfach, weil ich angetrunken Auto gefahren bin. Glücklicherweise bin ich aber trotzdem nicht vorbestraft.«

Wurdest du schon mal gestalkt?

»Ja, von einer Ex-Freundin. Die hat mich regelrecht verfolgt und ständig versucht rauszufinden, wo ich gerade bin, um Streit mit mir anzufangen. Deshalb habe ich mich einen Monat bei Freunden versteckt, wo sie mich letzten Endes trotzdem gefunden hat. Keine Ahnung, wie sie das angestellt hat. Irgendwie war das ziemlich beeindruckend.«

Was war der mieseste Job, den du je hattest?

»Ich habe mal in einem Bekleidungsgeschäft gearbeitet. Der Besitzer war ein ganz großes Ekel und hat seine Mitarbeiter dementsprechend mies behandelt. Leider habe ich mir das damals gefallen lassen, worüber ich mich noch heute ärgere. In dem Laden hingen viele Punkrocker ab, weshalb der Besitzer in erster Linie Mitarbeiter angeheuert hat, die wie ich aus der Punk-, Rock- oder Alternative-Ecke kamen.«

Wann hast du das letzte Mal eine Kirche von innen gesehen?

»Letztes Jahr an Weihnachten. Ansonsten gehe ich nie in die Kirche, also auch an Ostern nicht.«

Glaubst du an Gott oder eine Art von höherer Macht?

»Ja, ich glaube an eine höhere, kreative Macht, aber nicht in einem christlichen oder katholischen Kontext. Diese Kraft verurteilt bzw. bestraft niemanden.«

Was ist deine beste und was deine schlechteste Eigenschaft?

»Zu meinen Tugenden gehört ganz sicher die Tatsache, dass ich mich nicht für was Besseres halte, sondern der Meinung bin, dass wir im Grunde alle ziemlich gleich sind. Andererseits bin ich recht kritisch, wenn es darum geht, die Leistungen anderer zu beurteilen. Das gilt im Besonderen auch für mich selbst, ich bin außerordentlich selbstkritisch und mit meinen eigenen Leistungen selten wirklich zufrieden. Ich habe allerdings mit fortschreitendem Alter gelernt, mich selber mehr zu lieben und so anzunehmen, wie ich bin. Inklusive meiner vielen Fehler.«

Bist du verheiratet, hast du Kinder?

»Ich bin zweimal geschieden und lebe derzeit mit meiner Freundin zusammen. Meine Tochter ist 25. Wir verstehen uns prima, weil sie genauso verrückt ist wie ich. Außerdem akzeptiere ich sie so, wie sie ist. Was bleibt mir auch anderes übrig?«

Mit welcher Frau würdest du gerne mal ein Wochenende im Fahrstuhl eingesperrt sein?

»Keine Ahnung, solche Fantasien habe ich in meinem Alter nicht mehr. Früher hätte ich Vera Farmiga gesagt. Das ist eine Schauspielerin, die unter anderem in dem Film „The Departed“ mitgespielt hat und die ich seit jeher ziemlich attraktiv fand. Ansonsten bin ich generell kein großer Idol-Worshipper.«

Welche Persönlichkeit würdest du gerne mal kennenlernen?

»Da ich wie erwähnt kein großer Götzenanbeter bin, ist mir das eigentlich egal. Ich habe zwar erst kürzlich darüber nachgedacht, dass es ganz interessant wäre, diese eine Person kennenzulernen, aber leider fällt mir der Name gerade nicht ein. Mal mit Anthony Robbins (ein bekannter amerikanischer Autor und sogenannter Lifecoach bzw. NLP-Trainer - buf) zu sprechen, wäre aber ziemlich cool. Ansonsten fällt mir so spontan niemand ein. Bekannte Musiker aus dem Rock- und Metal-Bereich habe ich aufgrund meines Jobs ja schon viele persönlich kennengelernt. Von daher fände ich es viel interessanter, Leute außerhalb dieses Genres kennenzulernen, was aber viel schwerer ist. Ich war erst kürzlich in einem Broadway-Musical und war danach mächtig beeindruckt. Oder Mitglieder eines Philharmonieorchesters, also richtige Musiker und Sänger (lacht). In der Rockblase lernt man halt keine interessanten Leute kennen (lacht noch mal).«

Hast du einen Lieblingsfilm bzw. eine Lieblings-TV-Serie?

»Meine Top-3-TV-Serien sind „The Sopranos“, „The Wire“ und „Homeland“, und zu meinen Lieblingsfilmen gehören „Shining“, „Goodfellas“ und die „Der Pate“-Trilogie. Als gebürtiger New Yorker mag ich generell Mafiafilme bzw. Serien, die in meiner Heimatstadt spielen.«

Sammelst du irgendwas?

»Nein, ich habe keinen Sammeltick. Im Gegenteil: Ich versuche eher, Zeug loszuwerden, um zu Hause mehr Platz zu haben. Allerdings habe ich einen Lagerraum angemietet, in dem eine Menge Krempel rumsteht, für den ich keine Verwendung mehr habe. Darunter befinden sich auch einige alte Gitarren. Leider bekommt man heutzutage viele Sachen nur schwer oder gar nicht mehr los.«

Treibst du Sport, bzw. hast du irgendwelche anderen Hobbys?

»Oh ja. Ich gehe gerne wandern, joggen und regelmäßig ins Fitness-Studio. Vor einigen Jahren habe ich mich sogar an Golf versucht, aber ich bin echt lausig. Allerdings ist das auch eine ausgesprochen schwierige Sportart. Außerdem mag ich Videospiele, und Kochen ist ein großes Hobby von mir. Ich koche derzeit aber nur vegan. Besonders gerne Tofu-Curry, gefüllte Paprika, aber auch viele Gerichte, die auf Zutaten wie Gerste, Cashewkernen und veganem Käse basieren. Ich lebe erst seit November 2017 vegan, war vorher aber schon eine Weile ein On-and-off-Vegetarier. Mal sehen, wie lange ich das durchhalte. Ich verstehe zwar, warum viele Veganer sehr strikt sind, bin in der Hinsicht aber selber kein Fundamentalist, der andere Leute belehren bzw. bekehren will.«

Bist du Wein- oder Biertrinker?

»Ich trinke seit mehr als fünf Jahren keinen Alkohol mehr, nachdem ich lange Zeit viel zu viel gesoffen habe. Insbesondere Bier, Wodka und Whiskey. Irgendwann hat das für mich nicht mehr funktioniert, sondern mich nur noch depressiv gemacht.«

Stell bitte deine Traumband zusammen – tote Musiker inklusive.

»Am Bass ist das ein enges Rennen zwischen Peter Cook von Joy Division und Youth von Killing Joke. Als Drummer würde ich meinen alten PRONG-Kollegen Ted Parsons wählen. Einen Gitarristen zu nennen, ist richtig schwierig – es gibt so viele gute. Zu meinen absoluten Lieblingsgitarristen gehört der ehemalige David-Bowie-Klampfer Mick Ronson, der leider nicht mehr unter uns weilt. Außerdem liebe ich Jimmy Page, Ritchie Blackmore und Eric Clapton. Bowie als Sänger zu haben, wäre fantastisch. Neben Andrew Eldritch (The Sisters Of Mercy - buf) zählt er zu meinen absoluten Favoriten. Deshalb war ich auch total neidisch auf meinen alten Kumpel Page Hamilton (Gitarrist und Sänger von Helmet - buf), als er 1999 auf der „Hours“-Tournee von Bowie als Gitarrist dabei war.«

Kannst du dich noch an deine erste selbstgekaufte Scheibe erinnern?

»Ja, das war eine Schallplatte von David Bowie, genauer gesagt die „Space Oddity“-Single.«

Und was war die letzte CD, die du erstanden hast?

»Eine CD habe ich mir schon seit längerem nicht mehr gekauft. Auch wenn ich mich jetzt vielleicht wie ein aufgeblasenes Arschloch anhöre: Die letzte Scheibe, die ich mir runtergeladen habe, war von Ornette Coleman, einem bekannten Jazz-Musiker hier aus den Staaten. Allerdings ändert sich mein Musikgeschmack ständig. Erst kürzlich hatte ich eine heftige Power-Metal-Phase, nachdem ich Saxon im Vorprogramm von Judas Priest in den USA gesehen hatte. Die Jungs waren so großartig, dass ich in den Wochen danach ganz, ganz viel Power Metal hörte. Vor allem Powerwolf, Sabaton und Primal Fear. Ich liebe Primal Fear, aber auch Udo Dirkschneider und Iced Earth. Vor etwa einem Monat war die Phase dann plötzlich vorbei. Seitdem höre ich viel Country, ein bisschen Jazz und ab und an Hank Williams.«

Sind deine Eltern stolz auf dich?

»Meine Eltern sind leider beide tot. Mein Vater, der früh verstarb, war nie stolz auf mich. Er konnte und wollte einfach nicht akzeptieren, dass ich Künstler bzw. Musiker geworden bin. Meine Mutter war damit lange auch nicht einverstanden. Erst als sie nach Florida gezogen ist, wo sie als Teilzeitkraft in der Cafeteria einer High School arbeitete, hat sich ihre Einstellung dazu etwas geändert. Knackpunkt war die Frage eines Schülers, ob sie mit Tommy Victor von PRONG verwandt sei. Weil meine Mutter mit stolzgeschwellter Brust antwortete „Ja, das ist mein Sohn“, war sie ab diesem Zeitpunkt für viele Kids nur noch die PRONG-Mutter. Als sie mir davon erzählt hat, meinte ich nur lapidar: „Klar kennen mich viele Leute, Mom. Schließlich nehme ich seit zig Jahren Alben auf, drehe Videos und gehe regelmäßig auf Tournee.“«

Kannst du dich noch an deinen übelsten Auftritt erinnern?

»Da gab es leider sehr viele. Einer der übelsten – die Geschichte habe ich meinen Bandkollegen erst vor ein paar Tagen erzählt – liegt schon lange Zeit zurück. Das war mit der alten PRONG-Besetzung, als wir alle noch gerne und vor allem viel Bier und Schnaps getrunken haben. An dem Abend sind wir in einem Straight-Edge-Club in Connecticut aufgetreten, und da es dort keinerlei Alkohol gab, hat der Besitzer versucht, uns mit Jolt-Cola, die etwa die doppelte Menge Koffein wie Coca-Cola oder Pepsi enthielt, bei Laune zu halten. Das war lange vor Red Bull. Ted und ich haben uns das Zeug literweise in den Rachen geschüttet, was zur Folge hatte, dass wir aufgrund des hohen Koffein- und Zuckergehalts irgendwann so nervös und verkrampft wurden, dass wir unsere Instrumente kaum noch bedienen konnten. Vor lauter Wut haben wir dann das Konzert komplett in den Sand gesetzt.«

Hast du ein Ritual, bevor du auf die Bühne gehst?

»Ja! Ich habe diesen Schutzengel, mit dem ich mich vor Auftritten unterhalte und den ich bitte, dass die Show gut über die Bühne geht. Das ist quasi ein Stoßgebet. Ansonsten mache ich noch diverse Dehnübungen und blase etwa zehn Mal in einen Ballon, um meine Atmung in Schwung zu bringen.«

Gehst du wählen? Bist du ein politischer Mensch? Wenn ja, würdest du dich eher als konservativ, liberal, links oder eine Mischung aus allen drei Einstellungen bezeichnen?

»2012 habe ich für Barack Obama gestimmt. Bei der letzten Wahl hat Gary E. Johnson, der Kandidat der Libertären Partei, meine Stimme bekommen, also weder Trump noch Hillary. Im Grunde meines Herzens bin ich ein Anarchist, der seiner Regierung zutiefst misstraut. Die stiehlt nur unser Geld und gibt es für Bomben und anderen Unsinn aus. Meiner Meinung nach brauchen wir weniger Staat und nicht mehr.«

Was war die wichtigste Erfindung in der Geschichte der Menschheit?

»Das Rad und die Druckerpresse. Das Feuer ist ja keine Erfindung, sondern ein Naturelement.«

Welche drei Dinge würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

»Eine Badehose, reichlich Essen und viel Trinkwasser. Wer weiß, ob auf der Insel Kokosnüsse wachsen?«

Welcher Song soll auf deiner Beerdigung laufen, und was soll auf deinem Grabstein stehen?

»Ich glaube, die PRONG-Nummer ´Beg To Differ´ wäre eine gute Wahl. Der Spruch kann auch gerne auf meinem Grabstein stehen.«

www.prongmusic.com

www.facebook.com/prongmusic

DISKOGRAFIE (Prong-Studioalben)

Force Fed (1988)
Beg To Differ (1990)
Prove You Wrong (1991)
Cleansing (1994)
Rude Awakening (1996)
Scorpio Rising (2003)
Power Of The Damager (2007)
Carved Into Stone (2012)
Ruining Lives (2014)
X - No Absolutes (2016)
Zero Days (2017)

Bands:
PRONG
Autor:
Buffo Schnädelbach

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